Entscheidungsgründe
Voraussetzungen und Einarbeitung
Projektarbeit
Fazit und Ausblick
EntscheidungsgründeGood-bye Medizin, back to life? Bereits während der AiP-Zeit auf der Kardiologie machte ich mir Gedanken über einen Ausstieg aus der Medizin. Das nette „AiP-Taschengeld“und tolle Bereitschaftsdienstnächte mit anschließenden berauschenden Tagesdiensten sind wohl den meisten bekannt und müssen als Gründe für meine damalige Frustration wohl nicht mehr aufgeführt werden.
Mehr noch als diese Nebensächlichkeiten machten mir das stupide Verabreichen von Pillen und z.B. die Koronarangiographie-Promotion-Aktionen zur Sicherstellung der Herzkatheterlaborauslastung zu schaffen.
Unser Arztzimmer hatten wir als Sekretariat umgetauft, um unserem liebsten Hobby, dem Arztbriefe Schreiben, der Diagnosekodierung oder anderen Formalitäten Rechnung zu tragen. Obwohl ich insbesondere nachts und im Wochenenddienst Muße für solche Tätigkeiten hatte, wurde ich leider allzu oft unterbrochen, so dass ich mir die besonderen 4-kg-Akten-Leckerbissen für meine Freizeit aufhob. Die Freizeit verbrachte ich auf dem Krankenhausgelände im Schwesternwohnheim zusammen mit meiner damals noch studierenden Frau in einem 24 m2 großen Einzimmerappartement.
Das Ganze erschien mir einfach unwirklich, grotesk und ich wollte nie werden wie einige meiner Kollegen, noch jemandem zumuten, von mir behandelt zu werden.
So wechselte ich direkt im Anschluß an die AiP-Zeit in die Medizininformatik mit dem Ziel, mein gehetztes Leben zu beruhigen und Menschen und deren Probleme wieder zu respektieren. Das Anfangsgehalt von damals 7.000.- DM mit Bezahlung von Überstunden, Reisezeiten, einem 13. Gehalt, Urlaubsgeld, Aktienoptionen und festen Arbeitszeiten waren eine willkommene Abwechslung. Die netten Freitagsvisiten oder „Abbürstungen“, wie wir sie nannten, fehlten mir anfangs noch sehr. Nach einigen Projektreisen nach Südfrankreich mit abendlichen „Geschäftsessen“ an der Cote d’ Azur war die Sehnsucht nach der Klinik dann doch sehr schnell verflossen. Voraussetzungen und EinarbeitungEin technisches Grundverständnis und ein gewisses Interesse an Technik sollte vorhanden sein. Weitergehende Informatik- oder gar Programmierkenntnisse sind zwar sehr willkommen aber nicht immer Voraussetzung für diesen Bereich. Es geht vor allem darum, medizinische oder Krankenhausspezifische Prozesse für Entwickler oder Ingenieure so zu beschreiben, dass diese verständlich sind und anschließend technisch umgesetzt werden können. So war der Vorteil einiger Kollegen, die das Aufbaustudium Medizininformatik absolvierten, nur in einem gewissen Umfang relevant und gemessen am Aufwand dieses Studiums meiner Meinung nach nicht unbedingt empfehlenswert.
Meine überschaubaren Informatikkenntnisse eines durchschnittlichen Mediziners (MS-Word, Excell, SPSS, Internet) konnte ich im Laufe meiner Tätigkeit dann schnell ausbauen. Dabei war die Hilfsbereitschaft und der ständige Dialog mit den Kollegen immer gegeben und die Einarbeitung in neue Bereiche nicht so schwierig. Erforderliche Weiterbildungsmaßnahmen wurden von der Abteilung großzügig unterstützt, wobei das meiste nach dem Motto „Learning by doing“ geschieht. ProjektarbeitIch wurde zunächst im Rahmen eines Projektes zur Einführung einer elektronischen Patientenakte eingesetzt. Am Anfang steht das Erarbeiten eines Konzeptes in Zusammenarbeit mit den Ärzten bzw. Pflegekräften. Hierbei werden die klinischen Abläufe beschrieben und dokumentiert und nach Möglichkeiten gesucht, diese zu optimieren. Nicht selten kommt es bereits in dieser Phase zu internen „Rangeleien“ zwischen den Berufsgruppen der Klinik, so dass man sich als Mittler zwischen beiden Fronten befindet und nach Kompromissen suchen muss. Anschließend erfolgt das „Customizing“ des Systems, d.h. das Programm wird den Bedürfnissen des Hauses angepasst und eingerichtet. Dies beinhaltet auch die Eingabe der Stammdaten und das Laden bestimmter Kataloge (Anforderungs-, Leistungs-, Diagnosenkataloge).
Ist das (test)System fertiggestellt, wird es mit dem Projektteam getestet und wenn alles in Ordnung ist, werden nacheinander alle Mitarbeiter geschult. Die Schulung erfolgt meistens durch sogenannte „Key-user“, welche bereits intensiv geschult wurden und auf den Stationen erste Ansprechpartner bei Problemen sind.
Nach Abschluss der Schulung kommt der Produktivstart, d.h. im System wird mit richtigen Daten und „echten“ Patienten gearbeitet. Diese Phase ist wohl die schwierigste, da die Mitarbeiter noch nicht routiniert mit dem System umgehen können und Ablaufänderungen häufig mit einem Aufgabentransfer zwischen einzelnen Berufsgruppen verbunden sind und nun real wahrgenommen werden.
Darauf folgt eine "Roll-Out-Phase", bei der das System nacheinander auf das gesamte Krankenhaus ausgeweitet wird. Anschließend wird das System im Rahmen eines Wartungsvertrages weiter betreut, modifiziert und ausgebaut.
Die Projektarbeit ist insgesamt sehr vielfältig, denn man hat von der Stationshilfe über den Medizincontroller bis zum Chefarzt und Verwaltungsleiter mit allen Berufsgruppen des Krankenhauses zu tun. Sie kann aber auch sehr stressig inmitten dieser unterschiedlichen Interessen sein. Darüber hinaus hat man auch nur ein gewisses Zeitkontingent pro Projekt zur Verfügung und muss daher auch sehr bestimmt seine und die Interessen seiner Firma vertreten, wenn man nicht die unerledigte Arbeit anderer am Wochenende übernehmen möchte.
Im weiteren Verlauf meiner Tätigkeit übernahm ich das Produktmanagement für eine Softwareneuentwicklung und fungierte als Bindeglied zwischen den klinischen Anwendern und den Entwicklern. Meine Arbeit bestand darin, Anforderungen von Krankenhäusern unterschiedlicher Länder zu sammeln, sie in Form eines detaillierten Dokumentes zu beschreiben und sie dann gemeinsam mit Entwicklern als Software umzusetzen. In diesem Umfeld sollte man eher ein kommunikativer Typ sein und auch etwas Organisationstalent besitzen, um den Treffen mit den Kunden in allen möglichen Ländern, den Meetings mit dem Entwicklungsteam und dem ständigen Aktualisieren der Anforderungen gerecht zu werden. Fazit und AusblickDie Entwicklungsstandorte in Indien, Schweden, Norwegen und Amerika ermöglichten mir den Besuch dieser Länder. Den Umgang mit unterschiedlichen Berufsgruppen und Kulturen fand ich sehr spannend und die Tätigkeit erforderte Eigeninitiative und gab Raum für Kreativität.
Auf dem Rückflug von Indien über Schweden nach Amerika in der Business Class einer Boeing-747 oder in einem 5-Sterne Hotel von Bangalore fragte ich mich gelegentlich, ob ich dies als Assistent auch erlebt hätte.
Die vielen Reisen und die schönen Hotels verlieren jedoch auch sehr rasch an Reiz, insbesondere wenn man eine Familie hat. Bei 150 Flügen im Jahr verliert auch das Fliegen an Faszination und man freut sich über jede Nacht im eigenen Bett. Vor lauter Sekt und Kaviar kommt manchmal doch das Gefühl hoch, dass ich doch Arzt bin und auch sein wollte. Den Dank von Patienten zu spüren, wenn man Ihnen zugehört, Ihnen Trost gespendet hat oder gar das Glück hatte, einen von ihnen zu heilen, ist ein wunderbares Geschenk und eine Bestätigung seiner Arbeit.
Das Unternehmen bietet mir einen wunderbaren, lukrativen Job mit einer hervorragenden Lebensqualität. Dieser Job entspricht jedoch nicht meiner inneren Berufung. So habe ich zurzeit, wie wohl viele andere Ärztinnen und Ärzte aus alternativen Berufsfeldern, eine Art „Pakt mit dem Teufel“ geschlossen: Die Abkehr von seiner Berufung, seiner Lebensaufgabe für etwas mehr Leichtigkeit, Freiheit und Wohlstand. Wie lange ich diesen Pakt noch mit meinem Gewissen aufrechterhalten kann, weiß ich noch nicht.
Falls ich jedoch einen Weg finden sollte, Medizin so praktizieren zu können, wie ich sie mir vorstelle, werde ich das Ganze noch mal überdenken.
Angesichts der noch trüben Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland, der anstehenden Veränderungen im Gesundheitswesen und der Berichte vieler Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis, kann ich jedem empfehlen, sich mit Alternativen auseinander zu setzen. Die Medizininformatik ist unter den Alternativen sicherlich eine gute und sehr vielseitige Wahl, nicht nur für Technikbegeisterte. Die Bereitschaft viel zu reisen und sich ständig neue Technologien anzueignen, sollte in diesem Bereich jedoch gegeben sein. G., G.
Berlin, Februar 2003 |