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„Alternative Berufsfelder interessieren mich nicht! Ich will mit Patienten arbeiten.“ Das war meine feste Meinung während des Studiums. Heute arbeite ich in einem Verlag - als Redakteurin medizinischer Fachzeitschriften. Warum Ärzte im Verlag?
Voraussetzungen
Motivation zum Wechsel
Die Suche nach Alternativen
Weiterbildung zum Wissenschaftsredakteur
Bewerbung
Meine Tätigkeit im Verlag
Formalia
Persönliches Fazit
Warum Ärzte im Verlag?Ein wissenschaftlicher Artikel in einer medizinischen Fachzeitschrift. Ein Lehrbuch für Mediziner. Was gab es Neues beim Kongress? Wer Literatur für Ärzte bearbeitet, wer für die Fachpresse berichtet, der braucht medizinische Kenntnisse. Ärzte sind daher in Fachverlagen gern gesehen. VoraussetzungenMan braucht Sprachgefühl, muss „schreiben können“. Gute Englischkenntnisse sind nötig, um Abstracts druckreif zu übersetzen und mit deren Autoren zu korrespondieren. Eine Zeitschrift oder ein Buchprojekt erfordern gute Organisation. Ach ja, und man ist viel unterwegs, zu Pressekonferenzen und Kongressen. Motivation zum WechselDie schlechten Arbeitsbedingungen für Stationsärzte sind lange bekannt und im Rahmen der Ärzteproteste ausgiebig diskutiert worden. Ich erzähle also nichts Neues, wenn ich Frust, zahllose Überstunden, lange Dienste und endlosen Papierkram nenne. Weiterbildung? Vor allem autodidaktisch. Bei mir kam ein sehr schlechtes Betriebsklima hinzu, und der Chef äußerte sich mit Vorliebe in Form von verbalen Tiefschlägen. Ich war mit den Nerven am Ende. So konnte es nicht weitergehen. Ich hatte jeden Tag Magenschmerzen und konnte nicht mehr schlafen. Aber ich war viel zu angespannt - und auch zu erschöpft - um mir konkrete Gedanken über Alternativen zu machen. Dann aber kam der Tag, an dem bei mir etwas einrastete. Wirklich. Ich wusste mit einem Mal definitiv, dass ich am nächsten Morgen nicht wiederkommen würde. Die Suche nach AlternativenMeinen Resturlaub habe ich bewusst als Auszeit begriffen und mich erstmal erholt. Nach einigen Wochen regten sich die Gedanken an die Zukunft von allein wieder. Ich besann mich auf mein Lieblingsfach aus Studententagen. Doch da jenes ein so genanntes „kleines“ Fach ist, gibt es nicht viele offene Stellen. Und die werden mit Erfahrenen besetzt. Oft bekam ich zu hören: „Bewerben Sie sich doch erneut, wenn Sie ein, zwei Jahre in diesem Fach gearbeitet haben!“ Sollte ich also wieder in ein „großes“ Fach zurückkehren? Harte Arbeit für etwas, wo ich nicht voll dahinter stand? Auf keinen Fall! Gab es denn keine anderen Möglichkeiten, mit dem Medizinstudium etwas anzufangen? So begann ich, mich über alternative Berufsfelder zu informieren. Ich las die Berichte hier auf Stethosglobe und ließ mir das Info-Material der Ärztekammer schicken.
Ich habe mich schon immer gern mit Sprache und Texten beschäftigt, geschrieben und anderen beim Formulieren geholfen. Deshalb reizten mich auch besonders die Berichte der Medizinjournalisten. Doch die waren Freiberufler. Das war mir viel zu unsicher. Immerhin hatte ich auf diesem Gebiet weder Erfahrung noch Ausbildung. So surfte ich weiter und landete über den Erfahrungsbericht „Gesundheitsmanager“ auf der Website des mibeg-Instituts (siehe Weiterführende Links). Diese ist unterteilt in die Bereiche „Medizin“, „Medien“, „Recht“ usw. Die Weiterbildung zum „Fach-/Wissenschaftsredakteur“ steht im Bereich „Medien“, nicht bei „Medizin“. Deshalb bin ich auch eher zufällig darauf gestoßen. Ich las die Kursbeschreibung - das wäre doch was für mich!
Dann ging alles sehr schnell: Der Kurs lief schon ein paar Tage, ich musste also mit dem Institut klären, ob ich noch einsteigen könnte. Beim Arbeitsamt beantragte ich einen Bildungsgutschein für die Kursgebühren. Einige Telefonate und nur einen Tag später saß ich im Kurs. Und vom ersten Tag an wusste ich: Hier bin ich richtig! Weiterbildung zum WissenschaftsredakteurDer Kurs dauert neun Monate, davon sechs Monate Theorie und drei Monate Praktikum. Im Gegensatz hierzu dauert ein Aufbaustudium Journalismus meines Wissens vier Semester, das wäre mir zu lang gewesen - und zu schwierig zu finanzieren. Der Kurs des mibeg-Instituts richtet sich an Natur- und Geisteswissenschaftler aller Art. Danach kann man in die Zeitschriftenredaktion, ins Buchlektorat oder auch in den PR-Bereich gehen.
Der Medizin begegnet man allerdings: So waren unter den Dozenten eine Redakteurin vom Deutschen Ärzteblatt und eine Lektorin aus dem Thieme-Verlag. Sowie ein freiberuflicher Lektor - ein ehemaliger Stationsarzt! Auch er war mit diesem Kurs in das neue Berufsfeld eingestiegen. Aus den gleichen Gründen wie ich!
Praxisrelevanz ist wichtig, deshalb halten die Dozenten die Kurse neben ihrem eigentlichen Beruf. Inhalte des Kurses sind: Journalismus, Recherche, Lektorat, Redaktion von Print- und Online-Medien, Schreibtraining, Öffentlichkeitsarbeit (PR), Präsentation und Medienrecht. Außerdem Buch- und Zeitschriftenkonzeption, Herstellungstechnik, Projektmanagement sowie Grundlagen von Betriebswirtschaft und Marketing. Es gibt Kursteile zu EDV und zu Graphik- und Layout-Software. Außerdem lernt man, Websites zu programmieren. Nützlich war nicht zuletzt das Bewerbungstraining - etwa bei der Suche nach einem Praktikumsplatz. Ziel ist es, dass sich aus dem dreimonatigen Praktikum eine feste Stelle ergibt. BewerbungZur Bewerbung habe ich mir bei mibeg ein Verlagsverzeichnis geliehen und die Websites infrage kommender Firmen besucht. Dabei stieß ich auf einen Verlag in der Nähe meines Wohnortes, der auch noch Zeitschriften in meinem Lieblingsfach vertreibt! Nur soviel sei gesagt, es ist in keiner der „Medienstädte“ Stuttgart, Köln oder München. Man muss also nicht unbedingt dorthin ziehen!
Ich hatte großes Glück. Die Redakteurin „meiner“ Zeitschriften war schwanger, und der Verlag suchte eine Elternzeitvertretung. Nach sechs Monaten Theorie bei mibeg und nach drei Monaten Praktikum wurde ich als Redakteurin übernommen. Ein üblicher Einstieg in den Journalismus ist das Volontariat, eine Ausbildungsphase, die entsprechend geringer vergütet wird.
Im Vorstellungsgespräch kommt garantiert die Frage: „Warum wollen Sie nicht mehr in der Klinik arbeiten?“ Hier sollte man eine Antwort parat haben, mit Beispielen, was einen an der redaktionellen Tätigkeit reizt. Manche unterstellen dann - wohl als Provokationstest? - „In einem halben Jahr wollen Sie zurück in die Klinik.“ Darauf einfach seine vorherige Aussage weiter untermauern. Meine Tätigkeit im VerlagIch bin verantwortlich für drei Zeitschriften. Zwei erscheinen alle zwei Monate, eine zweimal im Jahr. Darüber hinaus helfe ich bei Kongressen, die der Verlag veranstaltet. Für den Kongresskalender recherchiere ich Adressen und Termine.
Aber meine Hauptarbeit sind die Zeitschriften. Für die wissenschaftlichen Beiträge suche ich Autoren. Dazu schreibe ich z. B. Referenten von Kongressen an. Wenn die Beiträge eingehen, werden sie von einem Gutachter beurteilt. Danach bearbeite ich sie redaktionell: Schließlich soll der Text im Heft flüssig und verständlich zu lesen sein. Verschachtelte Sätze, komplizierte Ausdrucksweise usw. - so etwas formuliere ich in Absprache mit dem Autor um. Dazu muss ich den Text natürlich verstehen. Und da kommt mein Medizinerwissen zum Tragen.
Rechtschreibung und Grammatik korrigiere ich ebenfalls. Internationale Autoren reichen ihre Artikel in englischer Sprache ein. Diese übersetze ich ins Deutsche. Ich verfasse selbst Beiträge, etwa Berichte von Kongressen oder Fachbuchrezensionen. Ich reise zu Pressekonferenzen und schreibe auch darüber. Ich versachliche und kürze Pressemitteilungen von Pharma-Firmen und Verbänden, die auf der Seite für Produkt-Neuvorstellungen erscheinen.
Neben der Textarbeit gibt es viel zu organisieren und zu koordinieren, damit die Hefte rechtzeitig erscheinen. Ich arbeite mit einem Graphiker und mit der Anzeigenabteilung zusammen, aber ansonsten ziemlich selbstständig.
Ich bin übrigens nicht die einzige Ärztin in der Firma. Meine Kollegin ist verantwortlich für die Medizinseiten einer anderen Zeitschrift. Dazu schreibt sie für jede Ausgabe Beiträge über den neuesten Stand eines Fachgebietes.
Der Leser ahnt es vielleicht schon: Die meiste Arbeit findet am PC statt. So ist es aber z. B. jungen Müttern möglich, von zu Hause aus zu arbeiten. Meistens kann ich einen Acht-Stunden-Tag einhalten. Überstunden kommen vor, aber bei Weitem nicht so oft und so viele wie in der Klinik. Wochenend-Termine sind die Ausnahme. Es ist spannend, mit Leuten aus den unterschiedlichsten Bereichen zu arbeiten: Graphiker, Kaufleute, Biologen, Geisteswissenschaftler… - es herrscht eine ganz andere Stimmung als in der Klinik. Es geht eben nur um Papier, nicht um Menschenleben. FormaliaDie Ärztekammer Nordrhein kennt den Wissenschaftsredakteur nicht, sie führt mich stattdessen als „Medizinjournalist“. Ich bin weiterhin in der Ärzteversorgung. Das ist möglich, da ich „jedwede Tätigkeit ausübe, bei der medizinische Kenntnisse angewendet werden“. Persönliches FazitSchon am ersten Tag im Kurs habe ich gemerkt: Redaktion ist das Richtige für mich! Ich bin „angekommen“. Meine jetzige Arbeit macht mir Spaß. Ich bin zufrieden in einem Beruf, von dem ich gar nicht wusste, dass es ihn gibt. A., A.
Essen, März 2007 |