Mein Weg in den Medizinjournalismus
Auf der Suche nach einer Alternative
Neuer Einstieg und erste Schritte
Angekommen!
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Medizinjournalismus als Aufbaustudium
Mein Weg in den Medizinjournalismus„Wenn Sie nicht regelmäßig während der Schulzeit oder des Studiums für Zeitungen geschrieben haben, haben Sie kaum eine Chance, in den Medizinjournalismus zu kommen!“ An die Worte der Vortragenden auf einem Kongress für alternative Berufsfelder für Mediziner erinnere ich mich jetzt noch genau. Damals ging ich nur in den Workshop, weil ein anderer bereits ausgebucht war. Denn eigentlich stand mein Berufswunsch damals, kurz vor dem PJ, schon fest: Ich wollte Chirurgin werden.
Dies wusste ich seit meiner ersten Famulatur in der Unfallchirurgie. Zwar war das lange Stehen am OP-Tisch nicht gerade unanstrengend, aber sobald ich das faszinierende Körperinnere sah, vergaß ich die Zeit um mich herum. Die feinen Strukturen des Menschen zu tasten und Defektes zu reparieren, beeindruckte mich bei jeder Operation. Anders als jedes andere Gefühl hinterlässt die Chirurgie in den meisten Fällen ein Gefühl tiefer Zufriedenheit, dem Patienten schnell geholfen zu haben.
Das, was die Dame in dem Workshop erzählte, war mir viel zu theoretisch: Recherche, Schreibtechniken, Einstieg, Spannungsbogen … Den ganzen Tag am Computer verbringen und im stillen Kämmerlein Texte zu tippen? Nichts für mich – dachte ich.
Das Studium lässt angehenden Medizinern kaum Zeit, den eigenen Weg zu reflektieren und über mögliche Alternativen nachzudenken. So hetzte auch ich von Vorlesung zu Seminar, von Kursen zu praktischen Übungen und famulierte in den Semesterferien in verschiedenen Kliniken. Viele Fächer waren spannend und interessant – doch die Liebe zur Chirurgie blieb. Ich merkte schnell, dass ich handwerklich geschickt war und ich, wenn ich die Ärzte genügend nervte, viel machen durfte. Doch auch die Ärzte schienen mich für eine gute angehende Chirurgin zu halten. Immer wieder wurde ich gefragt, ob ich assistieren würde – in einer Klinik in meiner Universitätsstadt sogar gegen Cash. Voller Enthusiasmus freute ich mich auf die Zeit nach dem zweiten Staatsexamen, in der ich nicht mehr „kleine Famulantin“, sondern „große PJ’lerin“ sein würde.
Doch dort wurde ich vom ersten Tag an mit dem rauen Chirurgenalltag konfrontiert: „Antritt“ war morgens um viertel vor sieben zur Frühvisite, um halb acht Frühbesprechung, dann ging es in den OP – doch nur zum Hakenhalten, nicht einmal zunähen ließen die Ärzte uns PJ’ler! Auf Station war es nicht viel besser. Statt ordentliche Anamnesen durchzuführen oder Patienten zu untersuchen, mussten wir Arztbriefe schreiben. Als man entdeckte, dass ich mit zehn Fingern schreiben konnte, wurde ich als „perfekte Chirurgin“ gelobt und hatte kaum eine Chance, meinen „Arbeitsplatz“ am Computer zu verlassen. Dies sollte mein späterer Beruf werden? Als ich abends gegen acht von Station schlich, kommentierte der Oberarzt: „Na, Frau Kollegin, schon am ersten Tag ein freier Nachmittag?“
Hier zweifelte ich das erste Mal, ob ich das richtige studiert hatte. Doch so schnell wollte ich nicht aufgeben. Ich legte mir bissige Kommentare zurecht, ging den Chirurgen mit meinen Fragen auf die Nerven und fand zum Glück einen netten Unfallchirurgen, der mich in den Nachtdiensten (oh ja, nicht nur Ärzte müssen Dienste machen, auch PJs werden dafür eingesetzt…) viel nähen und kleinere Eingriffe durchführen ließ.
Der Rest vom PJ, das 3. Staatsexamen – als lern- und prüfungsgeplagte Medizinstudentin schien mir der letzte Schritt zum Arztberuf nur noch ein Endspurt zu sein. Danach wollte ich natürlich alles anders machen als Generationen von Chirurgen vor mir: Ich wollte eine „nette“ Chirurgin sein, mir nicht die rauen Chirurgensitten angewöhnen und mich nicht dem fiesen Umgangston anpassen. Voller Elan begann ich mein AiP in der chirurgischen Abteilung eines kleinen Krankenhauses, fernab vom Unibetrieb. Dies war nun endlich das, was ich mir vorgestellt hatte, dachte ich zumindest in den ersten Wochen. Ein Traum für angehende Chirurgen. Ich durfte jeden Tag operieren, viele interessante Untersuchungen durchführen, alle meine Fragen wurden ausführlich beantwortet – die Zukunft sah plötzlich wieder interessant und spannend aus.
Schlagartig änderte sich dies, als ich anfing, Dienste zu machen und als Alleinverantwortliche Nacht für Nacht Platzwunden nähte, Bauchschmerzen behandelte, ausgerenkte Finger gerade richtete, Frakturen gipste und die Station versorgte. Jede dritte Nacht Dienst, dazu jedes zweite Wochenende… - mein Leben bestand nur noch aus Klinik und schlafen. Ich musste Verabredungen und Einladungen absagen, weil ich ständig Dienst machen musste. Spätestens als mein Chef sagte, „Frau Kollegin, Sie müssen lernen, Ihr Leben um Ihre Dienste herum zu planen“, beschloss ich, dass sich in meinem Leben etwas ändern musste. An Journalismus dachte ich dabei nicht im Geringsten.
Ich wechselte zunächst zurück an die Uniklinik in die Nephrologie. Vielleicht sollte ich lieber Internistin oder Allgemeinärztin werden? Die Arbeitsatmosphäre dort und der Umgang der Ärzte untereinander waren sehr relaxed. Ausführliche Visiten, Fortbildungen, kaum Dienste – die Rahmenbedingungen stimmten. Doch ich merkte, dass dies nicht das war, was ich suchte. Statt Visite zu machen, die Kurven zu begutachten oder Kranke zu untersuchen, klärte ich am liebsten die Patienten über ihre Krankheit oder über notwendige Eingriffe auf. Ich skizzierte Organe und Strukturen des menschlichen Körpers, erklärte mit bunten Bildern die Pathophysiologie der Erkrankung oder die Vorgehensweise des Eingriffes. Ich sah, wie die meisten Patienten zum ersten Mal richtig erfuhren, was für eine Krankheit sie eigentlich haben und was dabei im Körper vor sich geht. Begeistert stellten mir viele Kranke weitergehende Fragen oder erkundigten sich, was denn nun die Tabletten mit der Krankheit machen würden. Auch hier war ich im Kollegenkreis sehr beliebt: Statt Visite zu machen, bereitete ich nämlich lieber Vorträge für den wöchentlichen Journal-Club oder Schwesternunterricht für die Kollegen vor. Auf der Suche nach einer AlternativeNun begann ich ernsthaft zu überlegen, ob der Arztberuf für mich der richtige sei. Ein Jahr lang recherchierte ich nach alternativen Berufen für Mediziner, besuchte Kongresse, bewarb mich bei Pharmafirmen, Unternehmensberatungen, in der Gesundheitspolitik, bei Instituten für klinische Pharmakologie oder in der Epidemiologie. Ich führte viele interessante Gespräche, hätte häufig spannende und interessante Jobs haben können. Doch irgendetwas stimmte jeweils nicht, so dass ich keine der viel versprechenden Stellen annahm. Nach jedem Vorstellungsgespräch wusste ich zwar immer mehr, was ich NICHT wollte, doch welcher Beruf der richtige für mich wäre, wusste ich immer noch nicht.
Um mir darüber etwas klarer zu werden, meldete ich mich nach dem AiP erst einmal arbeitslos. Das Arbeitslosengeld reichte zwar gerade für die Miete und dass ich satt wurde, aber es war eine herrliche Zeit. Endlich hatte ich Zeit, nicht nur die Überschriften der Zeitungen zu lesen, hatte wieder Muße für Freunde und konnte abschalten.
Eine Freundin war es dann, die mich auf den „richtigen“ Weg brachte. Sie arbeitete in der Abteilung eines großen deutschen Medizinverlages, an deren Produkte, die schwarze Reihe, jeder Mediziner mit Widerwillen denkt. Die Freundin kannte meine finanzielle Situation und schlug mir vor, Fragen und Kommentare Korrektur zu lesen und mir so etwas dazuzuverdienen. Klasse Idee. Der Sommer ging sowieso zu Ende und etwas Ablenkung tat sicherlich gut. Doch den Job für sie konnte ich nicht erledigen: Die Freundin hatte erfahren, dass Kollegen im Zimmer nebenan eine Volontärin für Ihre Zeitschrift Via medici, ein Magazin für junge MedizinerInnen, suchten und fragte mich, ob ich dazu nicht Lust hätte.
Hm, ich hatte immer noch die Aussage der Vortragenden auf dem Kongress vor einigen Jahren im Ohr. Na ja, meine Bewerbungsunterlagen waren durch meinen „Bewerbungsmarathon“ vollständig, inzwischen war ich Profi im Zusammenstellen der Mappe. Und jedes Vorstellungsgespräch übt ja schließlich und kann nicht schaden. Warum meine Mappe aus den vielen ausgewählt wurde, wusste ich nicht – vielleicht lag es an dem kleinen Via medici Comicmännchen, das ich in mein Anschreiben einfügte? Gleich am nächsten Tag wurde ich zu einem Gespräch eingeladen. Ich fühlte mich sofort wohl und war begeistert von der freundlichen, „unmedizinischen“ Atmosphäre in der Redaktion, frei von jeglichem Konkurrenzdenken, Besserwissertum oder Ellenbogengehabe.
Neuer Einstieg und erste SchritteNach dem Gespräch wurde ich getestet. Ich sollte ein Kurzreferat über eine Studie aus einem Fachmagazin schreiben. Nun erinnerte ich mich, dass ich eigentlich immer schon gerne geschrieben habe: Seitenlange Briefe mit bunten Bildern an meinen Patenonkel, tägliche Tagebucheinträge, Briefe an Brieffreunde. Mir fiel ein, wie gerne ich Aufsätze in der Schule verfasst hatte, wie ich in Klausuren im Deutsch-LK in einem Thema versinken konnte, bis ich es schriftlich ausdiskutiert hatte. Auch hier vergaß ich alles um mich herum und konnte die bereit gestellte Verpflegung - für eine halbe Stunde zwei Flaschen O-Saft und Wasser, Kekse und zwei dick mit Butter bestrichene Brezeln - kaum würdigen. Nachdem ich den Text abgegeben hatte, wusste ich endlich, was ich wollte: Schreiben!
Anscheinend merkten auch die Redakteure, dass ich mich mit Feuereifer in meinen neuen Beruf stürzen würde, denn ich bekam noch am nächsten Tag den Anruf, dass ich die Stelle hatte. Nun begannen anderthalb Jahre intensiver journalistischer Schule und kreativer Arbeit. Denn Journalismus ist eine Tätigkeit, die man lernen muss, stellte ich fest. Zwar muss die Liebe zur Sprache vorhanden sein, doch wie man das, was man ausdrücken will, am besten in Worte fasst, ist pures Handwerk. „Viele Kollegen machen sich vor, dass man zwar ein halbes Jahr lernen muss, um ein Schwein zu zerlegen, oder drei Jahre, um einen Anzug nähen zu können, dass aber jeder schreiben kann, sobald er etwas erregt ist“, schreibt der Schriftsteller Ernst Alexander Rauter. Leider beherrschen viele Journalisten ihr Handwerk nicht zur Genüge. Doch wie lernt man, gut zu schreiben?
Ich hatte Glück. Mehrmals durfte ich während meines Volontariats zu Fortbildungen und Seminaren fahren. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Eigentlich stehen Volontären mehrwöchige Fortbildungen zu, doch die wenigsten Redaktionen lassen ihre fleißigen Schreiber gerne gehen. Am besten haben mir die Workshops bei der Akademie für Publizistik in Hamburg (www.akademie-fuer-publizistik.de , siehe auch Internettipps) gefallen. Eine harte Schule ist das Seminar „Kreatives Schreiben“ – danach werden Sie nie wieder einen Text lesen können, ohne ihn kritisch zu beurteilen. Doch Sie werden lernen, gut zu schreiben. Und dies konnte ich regelmäßig in Artikeln für Via medici oder andere Zeitschriften im Thieme-Verlag verwirklichen.
Nebenbei schrieb ich Theaterkritiken, Schauspiel-Portraits oder Restaurantkritiken für ein Stadtmagazin. Nach anderthalb Jahren wurde ich als Redakteurin übernommen und konnte mich komplett der Konzeption und Gestaltung des Heftes widmen. Täglich genoss ich die Abwechslung aus Redigieren, Schreiben, Layoutplanung, inhaltlicher Planung, Gesprächen mit Autoren und Kollegen. „Nebenbei“ fotografiere ich seitdem für verschiedene Zeitschriften: Ärzte und Patienten, Studenten und Famuli, Schauspieler, Regisseure und „ganz normale Menschen“. Regelmäßig dokumentiere ich Operationen. Es war zunächst ein merkwürdiges Gefühl, wieder im OP zu sein, doch diesmal habe ich einen ganz anderen Status: Für die „Pressefotografin“ wird das OP-Feld besonders hübsch hergerichtet, mir werden Hocker gebracht, auf die ich mich stellen kann und ich werde alle paar Minuten gefragt, ob ich denn genügend sehe. Ab und zu juckt es mich in den Fingern, wenn sich ein junger Arzt allzu ungeschickt beim Knoten anstellt, doch schlurft er müde auf Station zurück, weil er noch 12 Stunden Dienst vor sich hat, freue ich mich, dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann.
Angekommen!Seit einigen Monaten kann ich dies komplett tun: Ich bin freie Wissenschaftsjournalistin, Fotografin und – immer noch Ärztin. Ich schreibe für Medizinverlage, Patientenzeitschriften, Stadtmagazine, Tageszeitungen, das Ärzteblatt und Magazine. Ich genieße es, zwischen Medien und Medizin zu vermitteln, sich mit einer Botschaft an den Leser zu wenden. Ein Redakteur in einem Medizinverlag sagte einmal, er genieße es, zwei Berufe zu haben: Arzt und Redakteur.
Von meinem Wissen als Medizinerin profitiere ich täglich. Ich bin froh, dass ich als Ärztin gearbeitet habe, um den Stationsalltag und die Verantwortung kennen zu lernen. Da ich sowohl in Chirurgie als auch in Innere gearbeitet habe, kenne ich mich in den beiden größten Fachgebieten aus – und habe während der Zeit viele Kontakte geknüpft. Und dies ist gerade für freie Journalisten (lebens)notwendig. Wer kontaktscheu ist, nicht gut mit Menschen umgehen kann, sollte lieber einen Roman schreiben.
Das „Networking“ ist das Geheimrezept für gute Recherche und das Adressbuch ist für den Journalisten fast wichtiger als die Kreditkarte. Mit Schreiben kann man zwar seine Brötchen verdienen, aber von einem überschwänglichen Lebensstil muss man sich verabschieden – zumindest bei der derzeitigen schlechten wirtschaftlichen Lage der Printmedien. Wer vom großen Geld träumt, sollte lieber den klassischen Arztberuf wählen, denn in der Medizin verdient man nach wie vor mehr. Wer aber Lust zum Schreiben und ein Gefühl für Sprache hat, dabei noch Interesse an medizinischen Neuerungen und daran, dem Leser etwas mitzuteilen, kann im Medizinjournalismus seinen Traumberuf finden.
Dr. Felicitas Witte
Mannheim September 2004
Weitere Informationen/Internetlinks/Buchtipps/Literatur
Medizinjournalismus als AufbaustudiumDie meisten Wissenschaftsjournalisten im Fachbereich Medizin haben keinen Aufbaustudiengang "Journalismus" absolviert, sondern sind ihren Interessensneigungen gefolgt und haben sich das journalistische Rüstzeug "autodidaktisch" angeeignet. Unterschiedliche Wege können zur journalistischen Tätigkeit führen, wobei für den Mediziner eigentlich nur ein Volontariat bei einer Zeitungs- bzw. Rundfunkredaktion, ein 4-semestriges Aufbaustudium "Journalismus" an den Universitäten Hannover, Hohenheim, Mainz, Marburg und Bamberg oder das Selbststudium in Frage kommt. Ziel der Aufbaustudiengänge ist es, Fachjournalisten auszubilden, die gesellschaftlich relevante Themen sachkundig darstellen. Mögliche Berufsfelder sind z.B. in allen Medien die Ressorts und Abteilungen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur, Pressestellen, PR (‚Public Relations‘)-Abteilungen und –Agenturen und Redaktionen.
Eine Information der Ärztekammer Berlin W., F.
Mannheim, September 2004 |