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Eva-Cathrin Schulz ist Ärztin und arbeitet als Programmplanerin beim Thieme Verlag. Im Rahmen ihrer Tätigkeit hält sie Vorträge zum Thema "Berufswahl und Karriere". Ein Medizinjournalist muss schreiben können und Spaß daran haben
(Ein Interview mit Frau Dr. Schulz, Programmplanerin)
Sehr geehrte Frau Dr. Schulz. In Ihrem Vortrag zu "Berufswahl und Karriere" empfahlen Sie den jungen Medizinstudierenden, sich frühzeitig mit der Karriere auseinanderzusetzen. Ab wann sollte man sich Ihrer Ansicht nach orientieren und wann trifft man am besten im Studium die Entscheidung, wohin es gehen soll? Frau Dr. Schulz: Gute Zeitpunkte zur Weichenstellung sind die Famulaturen und das PJ, dabei auch die Stellen (in den USA? - gut für eine Unikarriere; an einem Lehrkrankenhaus? - gut für eine solide klinische Ausbildung etc.) und, ganz wichtig, die Wahl der Doktorarbeit: eine aufwendige experimentelle Doktorarbeit sollte man sich nur dann aussuchen, wenn man sich eine Forscherkarriere zumindest vorstellen kann. Wer einfach ein guter Kliniker und Arzt werden will, ist mit einer weniger aufwendigen Arbeit besser beraten. Frühzeitig sollte man sich auch damit auseinander setzen, ob man in einem alternativen Berufsfeld arbeiten möchte. Welches sind alternative kurative Berufsfelder? Man kann als Arzt auch in einem eher ungewöhnlichen Arbeitsumfeld arbeiten, z.B. bei der Bundeswehr oder als Schiffsarzt; auch Arzt in der Entwicklungshilfe ist eine interessante Alternative, dazu sollte man aber schon über einige klinische Erfahrung verfügen! Und die Möglichkeiten im nichtkurativen Bereich? Die wichtigsten Möglichkeiten sind eine Tätigkeit in der Pharmaindustrie, im Gesundheitsmanagement und in den Medien. Sie nennen als Tätigkeitsfelder im nichtkurativen Bereich die Pharmaindustrie Welche Voraussetzungen und Fähigkeiten muß man hier mitbringen? Wie sehen die Aufgaben aus? In der Pharmaindustrie gibt es vielfältige Aufgaben, z.B. Studiendesign für die klinische Prüfung neuer Medikamente, die Einführung neuer Medikamente vorbereiten, Kontakte zu Meinungsbildnern aufbauen, aber auch für die Entwicklung neuer Medikamente werden Mediziner eingestellt. Generell gilt, dass Sie mit einer abgeschlossenen Facharztausbildung auf höherem Verantwortungsniveau einsteigen als ohne. Wichtig ist bei einer Tätigkeit in der Pharmaindustrie, dass man betriebswirtschaftlich interessiert ist, ideal sind Vorkenntnisse in Betriebswirtschaft. Gesundheitsmanagement - was verbirgt sich dahinter? Kliniken arbeiten heute überwiegend unter großem wirtschaftlichem Druck, sie müssen haushalten wie jedes andere Wirtschaftsunternehmen auch. Als Arzt im Gesundheitsmanagement hat man die Aufgabe, Abläufe in den Kliniken zu optimieren, den Einkauf zu verbessern und Ähnliches. Dazu benötigt man wiederum solide wirtschaftliche Kenntnisse, die man sich zum Beispiel in einem Kurs an einem Weiterbildungsinstitut aneignen kann. Den medizinischen Hintergrund benötigt man, um einerseits die bestehenden Abläufe verstehen zu können und andererseits keine unmöglichen Vorschläge zur Veränderung zu unterbreiten. Frau Dr. Schulz - Sie haben selbst als Fachredakteurin beim Thieme Verlag in Stuttgart angefangen. Wozu genau braucht ein Verlag eine Fachredakteurin bzw. einen Fachredakteur? Frau Dr. Schulz: In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Verlagswesen sehr verändert: Wir richten unsere Produkte heute viel stärker auf den Kunden aus als noch vor einigen Jahren; wir schneidern unsere Bücher (und die anderen Produkte) genau auf die Bedürfnisse der Kunden zu. Da kommt dann der Fachredakteur ins Spiel: er hat zum einen Medizin studiert und kennt sich daher genau mit den Bedürfnissen beim Lernen aus, zum anderen hat er Spaß an der Sprache und kann seine Vorstellungen des optimalen Buches umsetzen, ist also auch noch in puncto Didaktik talentiert. Wie sind Sie selbst zur Arbeit im Verlag gekommen? Ich hatte in den letzten Jahren des Studiums festgestellt, dass ich an den medizinischen Fakten interessiert bin, mir die Arbeit in der Klinik aber zu unkreativ ist. Nach meinem Abitur hatte ich mich zwischen Germanistik und Medizin entschieden - gegen Ende des Medizinstudiums entschloss ich mich, beides miteinander zu verknüpfen. Da kamen dann der Verlag oder eine Laufbahn als Medizinjournalist in Frage. Da mir persönlich Redigieren mehr liegt als Schreiben, war die Tätigkeit in einer Fachredaktion mein Ziel. Die Stelle habe ich dann bekommen, weil ich mich schon lange (über vier Jahre) parallel zum Studium mit Didaktik beschäftigt hatte: Ich habe regelmäßig als Dozentin bei einer Firma, die Vorbereitungskurse auf die medizinischen Examina anbietet, gearbeitet. Wie sieht der Weg einer Fachredakteurin bzw. eines Fachredakteurs aus, welche Karrieremöglichkeiten hat sie bzw. er? Der Einstieg auf dem Weg zum Fachredakteur ist meist ein Volontariat bei einem Fachverlag, je nach Verlag dauert es ein bis zwei Jahre. Der erste Karriereschritt ist eine Festanstellung nach dem Volontariat! Wenn man Spaß am Managen hat, kann man mit der Zeit immer mehr Aufgaben des Projektmanagements übernehmen, bis hin zur Umsetzung neuer Projekte von der Autorensuche bis zum fertigen Buch. Eine Möglichkeit der Weiterentwicklung ist dann die Übernahme einer Programmplanung, d.h. man koordiniert viele Titel und arbeitet wenig am Text. Wenn man lieber weiter fachredaktionell arbeiten möchte, kann man z.B. Volontäre anleiten und ausbilden und hat auch damit eine verantwortungsvolle Position inne. Natürlich kann man theoretisch auch VerlagsleiterIn werden, sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass es nicht unendlich viele solcher Stellen gibt. Ist die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Autoren nicht manchmal etwas "schwierig"? Ich denke, jede Autorin, jeder Autor ist anders und es gibt hier sicher mitunter große Unterschiede. Die Zusammenarbeit mit den Autoren ist tatsächlich anspruchsvoll: Der Fachredakteur hat mitunter viele Änderungswünsche, die mit den Autoren abzusprechen sind. Man sollte sich im Umgang mit den Autoren immer darüber im Klaren sein, dass sie meist mit ihrem Herzblut schreiben - und da sind gute Kommunikation und Diplomatie beim Verändern der Texte angesagt! Die Arbeit ist sehr spannend und befriedigend, wenn man gern mit Menschen zu tun hat: man lernt viele verschiedene Charaktere kennen und stellt sich auf sie ein. Dann schafft man es, notwendige Veränderungen im Konsens umzusetzen, und auch das ist wieder befriedigend. Wie überall ärgert man sich natürlich auch schon einmal, und man braucht auch bei manchen Projekten einen langen Atem - unterm Strich macht mir die Arbeit aber immer Spaß, und ich habe den Abschied von der klassichen Medizinerkarriere noch nie bereut! Zahlreiche nachrückende junge Medizinerinnen und Mediziner interessieren sich für eine Tätigkeit als Medizinjournalistin bzw. Medizinjournalist. Ist das Schlagwort "Medizinjournalismus", wie es immer wieder in der Presse auftaucht, eigentlich wirklich als der umfassende Begriff richtig gewählt oder stellt er nur eine von mehreren Facetten dar? Der Begriff Medizinjournalist ist meines Erachtens nicht umfassend, ich würde einen Fachredakteur nicht als Medizinjournalisten bezeichnen. Meines Erachtens passender wäre "Mediziner in den Medien", um alle Tätigkeiten rund um Zeitungen, Fernsehen, Bücher, Online etc. zusammen zu fassen. Was zeichnet denn den typischen Medizinjournalisten aus? Gibt es Pluspunkte bzw. gibt es den klassischen Einstieg? Frau Dr. Schulz: Kurz gesagt: ein Medizinjournalist muss schreiben können und Spaß daran haben! Schreiben lernen kann man nur, indem man es einfach tut; dabei ist es für den Einstieg egal, ob man zunächst im Kirchenblättchen über die letzte Jugendfreizeit schreibt oder seinen Reisebericht über die Südafrika-Tour in der lokalen Tageszeitung veröffentlicht. Wenn´s dann in Richtung Berufswahl geht, ist ein Volontariat der klassische Einstieg. Volontariate kann man z.B. bei Tageszeitungen und Zeitschriften absolvieren, aber auch in einem Fachverlag: bei Thieme zum Beispiel kann man in der Presseabteilung oder bei Via medici, dem Magazin für junge Mediziner, zum Medizinjournalisten ausgebildet werden. Eine Volontariatsstelle zu bekommen ist aber nicht ganz leicht, auf jeden Fall sollte man schon vor der Bewerbung ein bisschen Erfahrung gesammelt haben. Es gibt auch Journalistenschulen; hier einen Platz zu bekommen ist allerdings sehr schwer! Alles spricht über das Internet. Immer mehr Personen werden in den nächsten Jahren ihre Informationen aus dem Netz holen. Müßte nicht vor diesem Hintergrund die Nachfrage nach online-Redakteuren gerade auch im Bereich der Medizin boomen? Das ist richtig, online-Redakteure sind sehr gefragt, übrigens auch über den medizinischen Bereich hinaus. Bewerbung und Vorstellung ist auch für Mediziner eine "never ending story". Können Sie kurz skizzieren, wie z.B. ein Vorstellungsgespräch bei der Einstellung einer Fachredakteurin/eines Volontärs abläuft? Zum Bewerbungsgespräch gehören zunächst die "normalen" Fragen wie die Darstellung des Lebenslaufs in eigenen Worten. Ganz wichtig ist die Motivation der Bewerber und wie sicher Sie sich sind, Fachredakteur werden zu wollen. Man merkt ziemlich schnell, wenn jemand "nur" der Klinik entkommen möchte. Das ist dann eine schlechte Voraussetzung, denn Einsatz ist natürlich auch im Verlag gefragt! Ein Job zum Ausruhen ist die Arbeit im Verlag nicht, auch wenn er viel ruhiger aussieht, weil man viel am PC sitzt. Das Bewerbungsgespräch dient natürlich auch der Information: meist berichtet ein Fachredakteur kurz über seinen Alltag, sodass sich der Bewerber ein besseres Bild von diesem doch eher fremden Bereich machen kann. Sie sagen, der Einstieg erfolgt meist über ein Volontariat. Wie sieht denn der Verdienst hierbei nach einem solch langen Studium wie der Medizin aus? Bei Thieme gibt es feste Richtlinien, die im oberen Bereich dessen angesiedelt sind, was üblich ist; der Vedienst liegt über dem eines AiP - und es gibt keine Wochenend- und Nachtdienste. Wann beginnt man mit einem Volontariat? Nach dem dritten Staatsexamen, wenn man sich sicher ist, ganz aus der Medizin aussteigen zu wollen und keinen Wert auf die Vollapprobation legt; nach dem AiP, wenn man die Entscheidung zum Ausstieg noch festigen möchte und erst einmal die Klinikstätigkeit ausprobieren will. Gibt es nach einem solchen Volontariat auch einen Weg zurück in die Klinik? Auch in die Universitätsklinik? Frau Dr. Schulz: Ja, gibt es. Ich kenne selbst Kollegen, die wieder zurück gegangen sind, auch an die Uni-Klinik. Man sollte aber nicht zu lange damit warten, meines Erachtens nicht länger als zwei Jahre. Könnten Sie abschließend einschätzen, wie hoch der Anteil der jungen Medizinerinnen und Mediziner ist, die sich für alternative Berufsfelder interessieren? Etwa 15% der Mediziner arbeiten in alternativen Berufsfeldern, Tendenz steigend in Richtung 20%. Frau Dr. Schulz
Programmplanerin, Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart, Deutschland im Juni 2004 |