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Die neue Ärztegeneration pfeift auf´s Stethoskop. Karrierechancen gibt es auch abseits klassischer Pfade der klinischen Medizin. Sie bringen ihr Know-how in vielen anderen außerklinischen Bereichen unser Gesellschaft ein. Mit Erfolg, wie in acht Stellungnahmen zu lesen ist. Selbstbewusst sorgen sie auf andere Weise dafür, dass der Pulsschlag des Gesundheitswesens erhalten bleibt. Medizinjournalisten schreiben verständlich über Medizin & Gesundheit
(Ein Interview mit Frau Dr. Thor, Medizinjournalistin)
Warum sind Sie nicht mehr klinisch aktiv?
Wussten Sie bereits zu Studienbeginn, dass die Klinik nicht Ihr Ziel ist?
Oder war es eine zufällige Gelegenheit? Frau Dr. Thor: Während des Medizinstudiums und der ersten Jahre meiner Facharztausbildung war noch nicht absehbar, dass ich einmal mit dem Journalismus meine Brötchen verdienen würde. Nachdem ich in den letzten Klinikmonaten einen Artikel zum Thema Jodmangel und Kropf auf der Ratgeberseite einer großen Tageszeitung unterbringen konnte, wollte ich wissen, ob der Medizinjournalismus mich auf Dauer reizen könnte. Wann haben Sie den Übergang von der Medizin in die Alternative verwirklicht? Hatten Sie viel klinische Erfahrung oder haben Sie zügig nach der Approbation gewechselt? Ich machte ein Praktikum in der Hamburger Wissenschaftsredaktion von dpa. Danach war klar: Das Recherchieren und Schreiben machte Spaß! Nach einer Urlaubsvertretung bei dpa wurde mir dann das Volontariat angeboten. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, zu dem ich mich bereits nach langem Hin und Her gegen die Eröffnung einer Allgemeinarztpraxis entschieden hatte. Obwohl ich gerne Ärztin bin und auch heute noch ab und zu Praxisvertretungen mache, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, die nächsten 40 Jahre meines Lebens täglich an die 50 Patienten an mir vorbeidefilieren zu lassen – mit entsprechend wenig Zeit für jeden einzelnen. Wie denken Sie heute über Ihren Wechsel:
- Vermissen Sie die Klinik?
- Würden Sie sich mit Ihrem Wissen und Ihren inzwischen erlangten Erfahrungen genauso entscheiden? Den Weg in den (freien) Journalismus würde ich jederzeit wieder gehen. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, im Arbeitsalltag des Journalismus an völlig falscher Stelle zu sein, wäre ich ganz bei der praktischen Medizin geblieben. Nach dem Volontariat bei dpa und diversen Hospitanzen und Praktika in Wissenschaftsredaktionen von Radio und Fernsehen beschloss ich 1994, mich als Medizin und Wissenschaftsjournalistin selbstständig zu machen. Trotz Unkenrufen ist die Auftragslage von Anfang bis zum heutigen Tag an sehr gut – mit steigender Tendenz. Nur sehr selten vermisse ich manchmal den direkten Kontakt zum Patienten. Auf der anderen Seite kann ich bei meiner jetzigen Tätigkeit wieder kreative Projekte starten, die auf ganz andere Weise als die klinische Medizin kommunikativ sind. Auch die Kontaktaufnahme und das „Sicheinstellen“ auf immer wieder neue Auftraggeber ist jedes Mal erneut eine Herausforderung. Die Arbeit macht viel Spaß, ich kann die Zeit frei gestalten und deswegen stört es mich auch nicht, recht häufig noch spät abends oder fast ohne Ausnahme auch am Wochenende zu arbeiten. Was bringt Ihnen das medizinerspezifische Wissen aus dem Medizinstudium für Ihre jetzigen Aufgaben? Das Medizinerwissen ist bei dieser Art von Arbeit in erster Linie ein Vorteil, da Professoren und andere Würdenträger einem (hoffentlich) nicht so leicht ein X für ein U vormachen können. Außerdem ist es möglich, dass Sie aus dem klinischen Alltag heraus bereits einige für Recherchen und Interviews hochinteressante und kompetente Interviewpartner kennen und einschätzen gelernt haben. Auch bei der Beurteilung neuer Medikamente, Methoden oder hochgelobter Techniken ist das klinische Backgroundwissen eine wichtige Fundgrube. Studium und langjährige klinische Erfahrung können jedoch auch eine Bürde sein. Zum Beispiel unvoreingenommene Interviewfragen lassen sich nicht mehr so leicht stellen, wenn man sich in einem bestimmten Thema besonders gut auskennt oder auch nur auszukennen glaubt. Es besteht leicht die Gefahr, sich etwas selbstverliebt in dem Drang, „jetzt der Sache wirklich auf den Grund zu gehen“, in Details zu verzetteln. Oft bringen die „aus dem Bauch heraus“ gestellten einfachen Fragen mehr an den Tag. Ich glaube, dass ein erfahrener Medizinjournalist auch ohne ärztliche Ausbildung hervorragend über Gesundheit und Medizin berichten kann. Das Medizinstudium und die klinische Erfahrung erleichtern zwar das Verständnis von medizinischen Sachverhalten, garantieren jedoch noch nicht, dass es gelingt, diese Inhalte dann auch für einen Laien verständlich „rüberzubringen“. Und die leidige Erfahrung, dass die unmittelbare Nähe zur Medizin nicht immer in verständlicheren Texten mündet, haben schon viele Fachredakteure gemacht. Oft entsteht der Eindruck, dass die alternativen Berufsfelder lediglich zweite Wahl für den Fall seien, dass die erste (klinische) Wahl nicht klappt.
- Wie schätzen Sie solche Aussagen ein?
- Wie beurteilen Sie die Aussage „Mediziner außerhalb der Klinik sind wichtige Schnittstellen zwischen wissenschaftlicher und angewandter Medizin auf der einen sowie der Gesellschaft auf der anderen Seite“? Mediziner können außerhalb der Klinik wichtige Schnittstellen zwischen wissenschaftlicher und angewandter Medizin auf der einen sowie der Gesellschaft auf der anderen Seite sein. Solche aufklärende Berichterstattung ist meines Erachtens heute wichtiger denn je. Wie auch in anderen Berufen hängt jedoch diesbezüglich sehr viel von der Persönlichkeit und vom Berufsethos des Einzelnen ab. Ein Arzt, dem bereits am Krankenbett eine verständliche Patientenaufklärung nicht so wichtig war, wird nur schwer eine solche Schnittstelle sein können. Was ist erforderlich, um in Ihrer jetzigen Tätigkeit erfolgreich zu sein? Frau Dr. Thor: Beim Betreten des neuen Berufsfeldes Journalismus ist wichtig zu wissen: Nicht jeder ist eine so genannte goldene Feder, aber das Schreiben kann man lernen, wenn Motivation und Spaß an der Sache da sind. Auch wenn es „nur“ gute Schulaufsätze oder die Mitarbeit bei der Schülerzeitung war, die ein erstes Interesse an diesem Metier gezeigt haben. Im Arbeitsalltag des Journalismus sind dann bei Recherche, Interviews und Kontakten mit Auftraggebern und Redaktionen außerdem auch Persönlichkeit, Flexibilität, Kreativität, der Wille zur freundlichen Kommunikation bei Verhandlungen und Besprechungen, Beharrlichkeit und häufig auch Schnelligkeit gefragt. Als freischaffender Journalist ist es wesentlich zu überzeugen, dass man sowohl in der klinischen Medizin als auch im Journalismus zu Hause ist. Frau Dr. Thor
Medizinjournalistin, Berlin, Deutschland im August 2004 |