Motivation Ausland
Erste Erfahrungen in Großbritannien
1000 Wege zum GP
Fazit
Motivation Ausland„Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen“. Es ist mittlerweile mehr als vier Jahre her, dass ich als stolzer - und damals noch junger - Mann mit großer Freude die Ergebnisse meines bestandenen dritten Staatsexamens erfahren habe. Damit, so dachte ich, gehöre die Welt jetzt endlich mir. Dass dies nicht ganz so ist, lernte ich allerdings auch schnell. Aber dazu ein wenig später.
Da ich schon während meines Studiums das große Glück hatte, diverse Auslandsaufenthalte organisieren zu können, hatte ich schon einen Vorgeschmack auf ein Arbeitsleben “Abroad” bekommen. Besonders meine Aufenthalte in Südafrika, acht Monate während meines PJ - nein, es war nicht Cape Town sondern Empangeni in Kwazulu Natal, ca. 180 km nördlich von Durban - und zuvor fünf Wochen während einer Famulatur, gaben den Anlass für mich, nach dem Studium nach England zu gehen und die Welt des “NHS” (National Health Service) zu erkunden.
Und was ursprünglich als AiP Zeit “only” gedacht war, hat sich mittlerweile zu vier Jahren ausgedehnt und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Und so hat alles begonnen...
Erste Erfahrungen in GroßbritannienDa ich im Dezember 1999 mein Studium in der “wunderschönsten Stadt der Welt” beendete - es kann sich hier natürlich nur um Hamburg handeln - bewarb ich mich um eine AiP Stelle (PRHO = Pre Registration House Officer) für August 2000 in England. Nach vielen frustranen Monaten mit endlosen Bewerbungsformularen von der Website des BMJ (British Medical Journal - http://www.bmj.com) gab es erstmals im Mai positive Resonanz und ich war also endlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.
Die “auserwählte” Stadt hieß Carmarthen. Aber wo liegt denn bloß Carmarthen? Noch nie gehört und daher hieß es erst einmal einen Blick auf die Landkarte zu werfen und siehe da, es lag im romantischen Wales, ungefähr eine Stunde von der Hauptstadt Cardiff entfernt. Ich setzte mich geschwind in den Flieger - Ryanair machte es möglich. Das erste Interview war gut, aber es klappte leider nicht. Dennoch wurde mir jetzt bereits ein Job für sechs Monate ab Februar 2001 in Chirurgie angeboten.
Wieder Zuhause angekommen, bekam ich eine Einladung in demselben Krankenhaus zu einem Vorstellungsgespräch in Innerer Medizin für August 2000. Und diesmal klappte es und ich bekam tatsächlich die Stelle. Damit waren die ersten 12 Monate meiner AiP- Zeit abgedeckt. Und ein wenig Innere tut ja auch ganz gut, dachte ich mir. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch ganz auf eine chirurgische Laufbahn eingestellt.
Nachdem ich während der 12 Monate sehr viele neue Freunde und jede Menge medizinisches, praktisch orientiertes Wissen angesammelt hatte, ging es für mich nach Birmingham, wo ich meine letzten sechs Monate des AiP absolvieren sollte. Und wiederum stellte sich nach anfänglicher Frustration - “I don’t know anyone and anything” - diese Zeit als absolut wunderbar heraus. Ich lernte die (wenigen?!) Vorzüge einer großen Universitätsklinik und Universitätsstadt kennen und lieben. Und dabei begegnete ich dann auch eher “zufällig” meiner späteren Frau, die ursprünglich für ein “Research Fellowship Year” aus Italien hier in Birmingham angereist war.
Aber auch diese sechs Monate waren irgendwann vorüber und ich hatte mein AiP absolviert. Die Anerkennung in Deutschland beim LPA lief problemlos - vielen Dank an ein super LPA in Hamburg - und da ich noch ein wenig Zeit mit meiner Doktorarbeit verbringen wollte, entschied ich mich, eine kleine Auszeit zu nehmen und Locums in England zu machen. Die anschließenden Bewerbungen für chirurgische Stellen für August 2002 verliefen eher fruchtlos und daher bewarb ich mich für eine SHO Stelle (Senior House Officer) in der Patholgie.
Als Chirurg kann ein wenig Patho ja nicht schaden und die nächsten 15 Monate verbrachte ich dann in Wolverhampton, West Midlands - eine eher „unschöne“ Stadt. Und während dieser Zeit in einer absolut harmonischen und angenehmen Arbeitsatmosphäre geschah dann auch der Sinneswandel. Ich legte meine Ambitionen, ein “weltberühmter Chirurg” zu werden, auf Eis und dachte an eine “more sociable solution and lifestyle” als GP (General Practitioner = Allgemeinmediziner) nach. Und damit ergaben sich neue Fragen...
1000 Wege zum GPWie werde ich denn eigentlich ein GP in England? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten und vielleicht waren die “1000” doch ein wenig übertrieben, aber seht selbst...
Die eleganteste und populärste Möglichkeit ist der Weg über den so genannten “VTS” (Vocational Training Sceme). Dabei bewirbt man sich in UK bei einer „Deanery“ - ungefähr mit einer Ärztekammer eines Bundeslandes bei uns zu vergleichen - für eine Rotation, die nach drei Jahren mit einer Prüfung endet und damit den Titel eines General Practitioner mit sich bringt. Dabei werden i.d.R. zwei Jahre im Krankenhaus absolviert, z.B. sechs Monate in Medicine (Innere Medizin), sechs Monate in Obstetrics and Gynaecology (Geburts- und Frauenheilkunde), sechs Monate Paediatrics (Pädiatrie) und sechs Monte A&E (Accident & Emergency = Notfallaufnahme). Aber auch jegliche andere Stellenkombinationen werden angeboten, je nach Deanery und Verfügbarkeit.
Anschließend verbringt man 12 Monate in einer Praxis, die zum Training von angehenden GPs zugelassen ist. Man bekommt während der gesamten drei Jahre jede Menge Unterstützung und in regelmäßigen, häufig einmal die Woche stattfindenden, Meetings auch reichlich Kontakt zu anderen Trainees aus der Gegend. Im letzten Praxisjahr bekommt man seine eigenen Patienten, die man am Ende des Tages mit seinem Tutor bespricht. Es wird erwartet, dass man jederzeit Rat sucht, wenn Unklarheiten oder Unsicherheit bestehen, was man mit einem Patienten machen soll. Die abschließende “Facharztprüfung” ist dann eher Formsache und stellt keine wirkliche Hürde dar - laut Aussagen anderer.
Für diese VTS gibt es zweimal im Jahr, jeweils Anfang Februar und August, landesweite Ausschreibungen, die jederzeit unter der folgenden Adresse nachgeschaut werden können: http://www.gprecruitment.co.uk
Aber auch im BMJ kann man die Ausschreibungen für diese Rotationen unter www.bmjcareers.com nachsehen.
Das Auswahlverfahren wird dann von den einzelnen Deaneries vollzogen. Da es häufiger vorkam, dass sich Bewerber an mehreren Stellen gleichzeitig beworben haben und dann trotz Jobangebot seitens der Deanery diese Stellen abgelehnt haben, und damit einen Ausbildungsplatz für sechs Monate leer stehen ließen, muss man nun auf den Bewerbungsbögen angeben, wo man sich sonst noch innerhalb des United Kingdom für VTS beworben hat.
Ist man unter den Glücklichen, die zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, findet man sich beim Vorstellungstermin inmitten mehrerer Stationen mit unterschiedlichen Szenarien wieder. Meistens hat man ca. 4-6 Interviews und Patientenstimulationen zu durchlaufen, wobei einem Fragen zum Lebenslauf, zur Persönlichkeit und auch zum Umgang mit Patienten gestellt werden. Das alles dauert mehrere Stunden - mit Pausen zwischendrin und kleinen Verköstigungen - und wird zusammen mit den anderen Kandidaten durchwandert. Tage später erfährt man dann, ob es geklappt hat oder nicht.
Es gibt aber auch die Möglichkeit, sich auf verkürzte VTS zu bewerben. Das ist machbar, wenn man schon ein wenig klinische Erfahrung als SHO gesammelt hat und die Deanery diese Stellen als „Trainingspost“ anerkennt (“deanery approved”). Auch eine in Deutschland bereits gemachte Erfahrung ist durchaus anrechenbar!
Sollte man jedoch nicht in den Genuss eines VTS kommen, aus welchen Gründen auch immer, kann man das machen, was ich momentan mache: Man stellt sich halt seinen eigenen VTS zusammen. Entweder mit separaten sechsmonatlichen Stellen oder surgical bzw. medical rotations, die auf die GP Ausbildung angerechnet werden können, wenn sie die “Deanery approval“ haben, was nichts anderes bedeutet, als dass sie anerkannte Trainingstellen sind.
Man kann sich alle sechs Monate im BMJ auf Stellen bewerben, die einem für die GP Ausbildung nützlich sind, z.B. Innere (Medicine), Obstetrics and Gynaecology (Geburtsheilkunde), Paediatrics (Pädiatrie), A&E (Notfallaufnahme), ENT (Hals Nasen Ohren), Orthopaedics (Orthopädie), Surgery (Chirurgie) etc. Es gibt nur einige wenige Ausnahmen, die nicht zur Anrechnung auf eine GP Ausbildung geeignet sind. Pathology ist leider eine solche Ausnahme, daher wird mir meine dort verbrachte Zeit nicht angerechnet. Augenheilkunde wird aber genauso wie Dermatologie und Psychiatrie anerkannt. Jeder Einzelfall muss aber bei der entsprechenden Deanery eingereicht werden.
Ist man schon ein wenig länger im Lande und ist dem “Vagabundenleben “ und der häufigen Ortswechsel überdrüssig - was bei mir der Fall war, denn ich bin achtmal in den letzten vier Jahren umgezogen - kann man sich auf eine Innere oder Chirurgische Rotation bewerben. Dies hat den Vorteil, dass man für zwei oder drei Jahre seine Stellen sicher hat und man den eigenen Horizont in Innerer oder einigen chirurgischen Fächern erweitern kann, bevor man sich als Allgemeinmediziner bzw. GP „Registrar“ endgültig aus dem klinischen Alltag verabschiedet. Da es immer mehr GPs mit einem “special interest” gibt und der PCT (Primary Care Trust) solchen GPs finanzielle Anreize bietet, kann der etwas längere Weg über eine solche Rotation und die hierbei gewonnenen Fach-Kenntnisse sich später unter Umständen auch finanziell auszahlen. Dann sollte man allerdings versuchen, die jeweiligen ”Membership Examination” zu absolvieren (z.B. MRCS oder MRCP für Innere bzw. Chirurgie). Aber auch Absolventen der Royal Colleges für Pädiadrie oder Geburtsheilkunde sind gerne gesehene GP-Bewerber.
Was auch immer an Vorkenntnissen vorhanden ist, alle Interessenten müssen sich bei einer Deanery für eine GP-Registrar Stelle bewerben. Im Idealfall braucht man dann nur ein Jahr in einer GP Praxis zu verbringen und das Examen zu bestehen, um ein General Practitioner zu sein.
Ich selbst mache gerade sechs Monate HNO mit Intensivmedizin und anschließend sechs Monate Orthopädie und möchte mehr Erfahrungen in Sports Medicine sammeln, meinem “special interest”. Anschließend habe ich die Möglichkeit sechs Monate in A&E zu verbringen und werde mich dann nochmals für einen – verkürzten - VTS bewerben, wo mir meine insgesamt 12 Monate in Orthopädie, sechs Monate in ENT/ITU und sechs Monate in A&E anerkannt werden.
Es dauert also alles etwas länger, aber es führt auch zum Ziel. Hinzu kommen halt immer die persönlichen Umstände, in denen man sich befindet. Da meine Frau Chirurgie macht und sich auch ständig neu bewerben muss, sind Kompromisse von beiden Partnern gefordert und manchmal scheint es fast aussichtslos zu sein, am gleichen Ort zu wohnen und zu arbeiten. Daher lautet das Motto nur allzu häufig: ”Nur nicht aufgeben und verzagen”. Es findet sich meistens eine akzeptable Lösung. Nur sollte man keine allzu schwachen Nerven haben und ein wenig risikobereit sein und sehr flexibel.
Eine interessante Internetseite für alle, die sich für die Allgemeinmedizin in Großbritannien interessieren, ist die Seite der „Anglo German Medical Society“ (AGMS). Unter http://www.agms.net/website/index.php4?PageID=115 finden Interessierte jede Menge weitere hilfreiche Infos über GPs im United Kingdom.
FazitNeben den gelegentlichen “Ups and Downs” habe ich mit meiner bisherigen Zeit in England eine phantastische Erfahrung gemacht - im medizinischen und privaten Bereich. Und wer noch mal seinen persönlichen Horizont erweitern und Auslandsluft nicht allzu weit entfernt von “Good Old Germany” schnuppern will, dem kann ich England/UK nur empfehlen.
Der große Vorteil eines GP-Daseins hier in England ist die Unabhängigkeit, die man erlangt, sobald man den Klinikalltag verlässt. Geregelte Arbeitszeiten, gutes Einkommen, ein Mangel an GPs in England und der damit verbundenen guten Arbeitsplatzwahl, hohe Job satisfaction etc. Auch wenn der Wettbewerb um VTS Plätze in den letzten zwei Jahren sehr stark zugenommen hat, gibt es fast immer Wege, schließlich doch noch ans gewünschte Ziel zu kommen. Man darf sich nur nicht entmutigen lassen - von Absagen, endlosen Bewerbungen, oftmaligem Umziehen etc. Und je mehr Erfahrungen man sammelt, desto näher kommt man einem GP-Dasein.
Und mit ein wenig Glück entdeckt man nicht nur wunderschöne Gegenden, sondern auch prägende und tiefe Freundschaften, die lange andauern können, wenn man Interesse daran hat. Eigeninitiative und Durchhaltevermögen sind wohl mit am wichtigsten, um am Ende ans Ziel zu gelangen.
L., D.
Winchester, September 2004 |