Motivation
Vorstellungsgespräch
Weiterbildung in Frankreich
Das Krankenhaus in Wissembourg
Formalitäten
Arbeitszeiten
Verdienst und Steuern
Arbeitsklima
Fazit und Tipps
MotivationNach dem AiP in Deutschland hatte ich Lust, wieder ins Ausland zu gehen. Da ich als verheirateter Mensch relativ an die deutsch-französische Grenze gebunden bin, kam eigentlich nur Frankreich in Frage. Mein Französisch war zwar ausbaufähig, aber doch sehr rudimentär, und ich sammelte eher zögerlich die Informationen. Die Uniklinik Straßburg war mir als Assistenzarzt in der Weiterbildung verschlossen, so dass nur ein paar Krankenhäuser im Elsaß in Frage kamen, bei denen ich mich erst einmal persönlich vorstellen wollte.
VorstellungsgesprächNach einigen Vorstellungsgesprächen in Deutschland, von denen die meisten den üblichen Nachgeschmack hinterlassen haben, erschien im Ärzteblatt ein Stellenangebot aus Wissembourg für einen Assistenzarzt in der Chirurgie. Ich habe mich qualvoll auf Französisch durch zwei Sekretariate bis zum Geschäftsführer durchgefragt, der mich dann auf deutsch an den Chefarzt der Chirurgie weiter verwiesen hat. Dieser hat gleich für den folgenden Montag einen Termin vereinbart. Die Bewerbungsunterlagen habe ich nicht mehr abgeschickt, sondern mitgenommen.
Der Chef war jung, freundlich, und das Gespräch fand auf Deutsch statt. Die Sprache störte ihn weniger, das würde schon werden. Wichtiger war, dass ich arbeiten und Medizin machen wollte. Die ersten zwei Monate würde ich ohne Vertrag arbeiten, das Gehalt mit dem deutschen AiP-Entgelt vergleichbar. Danach würde die gesamte Abteilung mit der Krankenhausleitung beraten, ob ich den Vertrag bekäme. Da sich die Arbeitsauslastung insbesondere in den Diensten im Rahmen hielte, bräuchte ich nicht ständig am Arbeitsplatz präsent zu sein, ich könnte ruhig an meiner Promotion arbeiten, etwas lesen oder meinen Hobbies nachgehen. Das sei ihm lieber, als wenn die Leute Daumen drehen und depressiv würden. Dass dies ernst gemeint war, habe ich erst später verstanden.
Der Chef wollte mich am liebsten ab sofort haben, ich ab dem 15. April anfangen; wir haben uns auf den 01. April geeinigt. Es folgte noch ein Vorstellungsgespräch beim Krankenhausdirektor und dann habe ich die Stelle angetreten. Wohlgemerkt auf Handschlag, ohne irgend etwas schriftliches, aber das Vertrauen war da und ich habe den Monat abgewartet, ob das Krankenhaus zahlen würde. Es hat.
Weiterbildung in FrankreichIn Frankreich gibt es ein duales System, öffentliche Versorgung und Privatkliniken, die mehr verbreitet sind als in Deutschland. Für einen Weiterbildungsassistenten kommen eigentlich nur die öffentlichen Häuser in Frage, da eigentlich nur sie auf die Weiterbildung angerechnet werden können. Mein Chef hat in Frankreich zwei Jahre Weiterbildungsermächtigung und diese auch in Deutschland beantragt. Insbesondere an der deutschen Grenze lohnt es, sich danach zu erkundigen, da einige Abteilungen bei uns eine Weiterbildungsermächtigung besitzen. Die gesamte Weiterbildung in Frankreich abzuleisten, dürfte für einen Deutschen recht umständlich und zeitaufwendig sein, vor allem, weil hier der Zugang zur Facharztausbildung aus einem ‚concours’ besteht, einer Prüfung, deren Anspruch den amerikanischen Staatsexamina USMLE ähnlich ist und bei der das Ergebnis ebenso stark berücksichtigt wird. Das Arbeiten in nichtleitender Stellung ist dagegen recht unbürokratisch möglich.
Krankenhausstellen sollen im 'Journal Officiel de la République Francaise' ausgeschrieben sein. Ich habe da nicht allzu viel gefunden. Ich glaube, initiative Direktbewerbungen sind am sinnvollsten. Bei der Auswahl der Krankenhäuser kann die 'Association des Internes et des Chefs de Clinique-Assistant de France‘ (AICCAF) in Paris weiterhelfen.
Das Krankenhaus in WissembourgWissembourg ist im Département Bas-Rhin im Elsaß, direkt an der Grenze zu Rheinland-Pfalz, gelegen. Ein schönes Städtchen in einer ländlichen Gegend. Infrastruktur und Freizeitangebot sind nicht berauschend - die nächsten Städte sind Straßburg und Karlsruhe - dafür findet man hier eine lässige und freundliche Atmosphäre. Ich glaube, Franzosen ziehen nicht allzu gern ins Elsaß, und wenn man dieses großstadtferne Leben nicht als Nachteil sieht, kann man sich hier als Deutscher erfolgreich bewerben.
Das Krankenhaus in Wissembourg ist ein kleineres Haus der Primärversorgung mit den Abteilungen Innere, Anästhesie, Chirurgie, Radiologie, Gynäkologie und Pädiatrie. Die chirurgische Abteilung besteht aus zwei Chefs (Allgemeinchirurgie und Traumatologie), zwei Krankenhausärzten (das sind Fachärzte in Assistentenstellung mit eigenen Sprechstunden und Patienten) sowie zwei Assistenten. Ich bin der einzige Arzt in Weiterbildung.
FormalitätenDer erste Schritt nach Arbeitsantritt sollte darin bestehen, sich bei der zuständigen Ärztekammer ('Ordre des Médecins') anzumelden. Dafür braucht man die üblichen Unterlagen: Geburtsurkunde, Diplom, Approbationsurkunde, Lebenslauf, zwei Fotos, seinen Ausweis, 35.- Euro sowie eine Äquivalenzbescheinigung, die besagt, dass die ärztliche Ausbildung in Deutschland den EU-Standards entspricht. Man bekommt sie beim Bundesministerium für Gesundheit in Berlin. Bei mir kam sie nach zwei Wochen, ein Kollege hat aber ein paar Monate gewartet, also sollte man sie zügig beantragen. Ich habe mich telefonisch in Straßburg angemeldet und dann die Papiere vorbei gebracht (kann man auch per Post schicken).
Nach der erfolgten Anmeldung, wird man automatisch bei der DRASS (Direction Régionale des Affaires Sanitaires et Sociales) registriert. Da die Einschreibungen bei der Ärztekammer nur ein paar mal jährlich vorgenommen werden, sollte man die Papiere wirklich zügig einreichen, da – wenigstens in meinem Fall – keine Einschreibung, kein Vertrag. Den Vertrag habe ich dann im Juli unterschieben, nachdem ich im Hinblick auf die deutschen Ärztekammern noch explizit einen Punkt habe aufnehmen lassen, dass es sich um eine Vollzeitstelle handelt. Jetzt bin ich ‚Médecin Généraliste Assistant‘ (Weiterbildungsassistent). Nächste Woche habe ich einen Termin bei der Ärztekammer für die offizielle Überreichung der Aufnahmeurkunde. Ist irgendwie schöner, als wenn man die Approbations- oder Promotionsurkunde bei der Post abholen muss.
Ohne Vertrag hatte ich den Status eines ‚médecin attaché‘ (eines mitlaufenden Arztes), was bei uns wohl am ehesten dem Gastarzt entspricht, allerdings von Anfang an mit dem Gefühl, ein vollwertiges Mitglied der Abteilung zu sein.
ArbeitszeitenDer Arbeitstag beginnt um 7.45 Uhr, geht bis 12.00 Uhr und dann von 14.00 bis 18.00 Uhr. Die zwei Stunden "Siesta" werden vom Nachtdienst übernommen. Wenn der Operationstag nicht bis in den Mittag geht, kann man auch in der Zeit ein Stündchen schlafen, lernen oder das Auto waschen. Man musste sich daran erst gewöhnen. Da ich in Baden-Württemberg wohne, 50 km von Wissembourg entfernt, habe ich ein Zimmer im Wohnheim. Dafür berechnet das Krankenhaus 10% der Nachtdienstvergütung, die Zeit ohne Vertrag wurde nicht in Rechnung gestellt. Der Nachtdienst geht von 12.00 bis 14.00 Uhr und dann weiter von 18.00 bis 8.00 Uhr. Die Wochenenddienste fangen Samstag um 8.00 Uhr an und gehen bis Montag 8.00 Uhr. Der Montagnachmittag ist frei. Es ist immer ein Chirurg, ein Kinderarzt und ein Internist im Dienst, so dass sich die Belastung im Rahmen hält.
Verdienst und SteuernDer Verdienst als Assistenzarzt beträgt 1.680 Euro, Ortszuschlag ist hier nicht bekannt, man fährt also finanziell einiges schlechter als in Deutschland. Dazu kommt die Nachtdienstvergütung, die bei 7-8 Diensten im Monat bei ca. 1.200-1.300 Euro liegt. Die private Krankenversicherung kann man nicht mitnehmen, man wird hier zwangssozialversichert, die Abzüge sind mit ca. 23% den deutschen vergleichbar. Die Einkommenssteuer ist mit 1-1,5 Bruttogehälter jährlich deutlich geringer als in Deutschland, allerdings ohne die deutschen Abschreibungsmöglichkeiten. Wer also wie wild Literatur kauft und Fortbildungen besucht, sollte durchrechnen, ob er mit einem Wohnsitz in Deutschland nicht doch günstiger fährt. Zu beachten ist allerdings, dass die Steuer in zwei Raten bezahlt wird, so dass sich ein Sparkonto empfiehlt, um das Geld dann bereit zu haben (Verzinsung wesentlich besser als in Deutschland). Das Auto einzuführen ist unproblematisch, aber umständlich, weil man etliche Papiere vorlegen muß. Im Hinblick auf die günstigere Steuer und Versicherung lohnt sich der Aufwand, insbesondere bei längerfristigem Aufenthalt. Telefonieren ist teurer. Zu überlegen ist ferner, ob man weiter in seine deutsche Rentenversicherung einzahlt.
ArbeitsklimaDas Arbeitsklima ist hier angenehm. Die Hierarchie ist sehr flach, die Kollegen freundlich und kooperativ und mein Chef ein sehr geduldiger Mann. Der Umgang mit Pflegepersonal ist auch natürlicher, da sie hier Tätigkeiten wie Blutabnahmen, Blutkreuzen, Verbände machen und man mit ihnen mehr über Patienten spricht statt durch die Gegend gescheucht zu werden. Der Dokumentationsaufwand hält sich auch im vernünftigen Rahmen. Dafür findet man hier zu seinen Ursprüngen zurück. Da teure apparative Untersuchungen wie CT oder MRT erst bei adäquater Indikation erwünscht sind, und man weniger mit fachfremden Aufgaben ausgelastet ist, besinnt man sich ganz neu auf Anamnese, körperliche Untersuchung oder konventionelle Tomographie. Die Zeit dafür hat man meistens. Wenn ich nicht weiter komme, hilft der Hintergrund, einer der Kollegen oder ein Kollege der Inneren oder der Radiologie. Auch wenn ich mal aus Unsicherheit jemand aus dem Wohnheim in die Notaufnahme gebeten habe, habe ich noch keine allzu gereizte Reaktion erlebt. Der freundliche Umgang umfaßt auch die niedergelassenen Kollegen, was auch entsprechende Entlassungsbriefe beinhaltet.
Fazit und Tipps Was die Ausbildungsqualität anbetrifft, bin ich zufrieden. Was man nicht weiß, bekommt man erklärt, gezeigt und assistiert. Offizielle Fortbildung wird auch angeboten, allerdings muss man sich selbst ein bißchen mehr darum kümmern als in Deutschland.
Am Anfang sollte man sich allerdings scheinbar selbstverständliche Sachen aneignen, da die Terminologie in Frankreich teilweise stark von der deutschen und der angelsächsischen abweicht und man mit den erlernten Fachbegriffen wie Ulna oder Talus nicht weiterkommt.
Manch großes medizinisches Wörterbuch ist seinen Preis eigentlich nicht wert. Dass Radius 'Radius' und Hämorrhagie 'hémorrhagie' ist, steht zwar drin, aber nicht was Zwerchfellhochstand heißt oder dass die Franzosen 'bistouri' sagen, wenn sie ein Skalpell wollen. Hilfreicher ist da ein kleines blaues Buch mit dem Titel 'Französisch für Mediziner', das mir ein Kollege der Anästhesie geliehen hat und das mir die erste Zeit sehr erleichtert hat. Probleme machen auch die Medikamente, die fast alle anders heißen als in Deutschland und die teilweise unterschiedliche Verschreibungspraxis.
Insgesamt kann ich – ohne für andere französische Krankenhäuser zu sprechen – Frankreich jedem Weiterbildungsassistenten empfehlen, der für eine befristete Zeit ins Ausland will, auf Geld keinen allzu großen Wert legt und bereit ist, sich ein paar unterschiedliche Arbeitsweisen und die Sprache anzueignen. Für mich am angenehmsten ist, dass Zusagen und Versprechungen auch eingehalten werden. Mehr verlangt man doch nicht.
B., J.
Wissembourg, Juli 2002 |