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Interview mit Tatjana Alexsejewna Bondarenko, Chirurgin höchster Kategorie und Chefärztin am zentralen städtischen Demidovskaja Krankenhaus in Nizhni Tagil, Sverdlovsk Gebiet in Russland, über ihre Arbeit, das russische Aus- und Weiterbildungssystem und Praktikumsgelegenheiten für ausländische Studenten. Ein Chefposten entspricht eher dem weiblichen Charakter
(Ulrike Schuster interviewte Frau Bondarenko)
Ulrike Schuster: Als ich um ein Interview mit dem Chefarzt der Klinik bat, rechnete ich nicht damit, auf eine ChefärztIn zu treffen. Frau Bondarenko: Warum? Ich verstehe Ihre Frage nicht. In Deutschland ist es höchst ungewöhnlich, dass eine Frau den Chefposten einer Klinik innehat. Haben Sie auf dieser Ebene der Hierarchie viele Kolleginnen? Nein, aber ich kenne durchaus viele Frauen, die kleinere Krankenhäuser leiten. Meiner Meinung nach kann eine Frau diese Posten viel besser ausfüllen. Die Arbeit hier entspricht eher dem weiblichen Charakter. Können Sie das näher erläutern? Nun, es geht ja in vielen administrativen Dingen darum, die Versorgung und Betreuung des Patienten zu verbessern. Dabei gibt es viel Arbeit, die eher weibliche Aufmerksamkeit erfordert, zum Beispiel, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Patienten wohlfühlen. Zudem erfordert die Arbeit hier viel Routine und ist oft grau und alltäglich. Die Männer sind eher für die Heldentaten zuständig. Waren schon einmal ausländische Ärzte in Ihrem Krankenhaus tätig? Nein. Aber viele unserer Ärzte haben im Ausland gearbeitet, vorwiegend in Afrika, auch zusammen mit deutschen Ärzten. Dort zeigte sich ganz deutlich, dass wir in unserem Arbeiten durchaus konkurrenzfähig sind. Gäbe es die Möglichkeit für deutsche Ärzte hier zu arbeiten, vielleicht einen Teil der Weiterbildung hier zu absolvieren? Das wäre durchaus interessant. Von unserer Seite wäre das kein Problem. Es wäre nur vorteilhaft, wenn sich diese Arbeit über einen längeren Zeitraum erstrecken würde und entsprechende Sprachkenntnisse vorhanden wären, so könnten beide Seiten am meisten profitieren. Ich kenne Ihre Weiterbildungsordnung nicht, aber wir könnten auch Prüfungen organisieren, falls das gefordert würde. Ulrike Schuster: Welche Formalitäten müsste man dazu erfüllen? Frau Bondarenko: Damit bin ich im Moment überfragt. Es gab bei uns noch keine solche Anfrage. Man müsste in jedem Fall unsere Gesundheitsbehörde informieren, aber im Grunde wäre es lediglich eine interne Absprache zwischen den Krankenhäusern. Anders sieht es bei Studenten aus. Ein Praktikum von einigen Wochen zu organisieren ist völlig unproblematisch. Was zeichnet die chirurgische Klinik Ihres Krankenhaus besonders aus? Unter den Krankenhäusern in der Gegend haben wir einen ausgezeichneten Ruf. Die Arbeit unserer Chirurgen ist sehr stark von den Traditionen unseres Hauses geprägt. Sie sehen ja, schon der Vater und der Großvater des leitenden Oberarztes der Chirurgie waren ihr Leben lang in unserer Klinik tätig. Unsere Stärke ist das von Generation zu Generation, von Hand zu Hand, weitergegebene und fortwährend erweiterte Wissen. Erfahrung und Kontinuität. Wie sieht der Arbeitsmarkt für Ärzte in Russland aus? Im allgemeinen gibt es keine großen Probleme für Ärzte, eine Stelle zu finden. Großen Bedarf und unbesetzte Stellen gibt es im allgemeinmedizinischen Bereich, in den Ambulanzen. Im stationären Bereich sind keine Stellen unbesetzt. Aber mit ein wenig Glück und Flexibilität bekommt man üblicherweise auch dort seine Wunschstelle. In Deutschland haben die Ärzte zum Teil erhebliche Schwierigkeiten eine geeignete Stelle zu finden. Da kann es schon einmal vorkommen, dass man ein Jahr in der Pädiatrie arbeitet und die nächste Stelle in der Inneren Medizin bekommt... Das ist bei uns ausgeschlossen. Das erlaubt unser Studien- und Weiterbildungssystem überhaupt nicht. Inwiefern? Nun, bei uns sind überhaupt die medizinischen Fakultäten nicht den Universitäten zugehörig, sondern es sind eigenständige Bildungseinrichtungen. An diesen sogenannten Medizinischen Akademien gibt es verschiedene Fakultäten. In Ekaterinburg gibt es zum Beispiel vier: die Allgemeine Medizinische Fakultät, die Pädiatrische Fakultät, die Stomatologische Fakultät und die Fakultät für Hygiene und Epidemiologie. Als Student muss man sich dann für eine dieser Fakultäten entscheiden, an der man sein gesamtes Studium absolviert. Jede dieser Fakultäten führt auch eigene Aufnahmeprüfungen durch. Ulrike Schuster: Das heißt, man wird entweder Arzt für Kinder oder für Erwachsene? Frau Bondarenko: Richtig. Wechsel dazwischen sind im Grunde unmöglich. Wie ist das Studium aufgebaut, man bewirbt sich also an einer dieser Fakultäten und dann? Zunächst muss man natürlich die Aufnahmeprüfung bestehen. Es sind meist etwa 4-5 Bewerber pro Studienplatz. Im ersten Studienjahr werden dann die naturwissenschaftlichen Grundlagen wie Physik, Chemie, Biologie und auch schon Anatomie gelehrt. Es folgen Physiologie und Biochemie als große Fächer im zweiten Studienjahr. Im dritten Jahr beginnt dann die klinische und die praktische Ausbildung. Das entspricht im Prinzip dem deutschen System. Gibt es nach den ersten vier Semestern auch ein großes Examen? Nein. Am Ende jedes Semesters werden natürlich in jedem Fach Klausuren geschrieben. Aber ein großes Examen gibt es nur am Ende des Studiums nach sechs Jahren. Was folgt dann? Dann beginnt ein Weiterbildungsabschnitt, der sich bei uns Internatur nennt. Jetzt müssen sich die jungen Ärzte für eine Spezialisierung entscheiden. Hat man zuvor an der allgemeinen medizinischen Fakultät studiert, kann man zwischen den vier großen Fachgebieten Chirurgie, Gynäkologie, Innere Medizin bzw. Anästhesie/Notfallmedizin wählen. Die Stellen vermittelt eine zentrale Stelle für medizinische Weiterbildung. Wie lange dauert eine Internatur? Ein Jahr. Nach erfolgreichem Abschluss muss man ein zweites großes Examen ablegen. Dann muss man sich für eine Subspezialisierung entscheiden. Zum Beispiel für Gastroenterologie oder Kardiologie, wenn man eine internistische Internatur absolviert hat oder für Urologie, Ophthalmologie oder HNO, wenn man die chirurgische Spezialisierung gewählt hat. Ulrike Schuster: Dann folgt die Facharztausbildung? Frau Bondarenko: Ja, sie gliedert sich in mehrere hierarchische Teile. Nach dem Abschluss der Internatur nennt man sich zwar schon Chirurg, Gynäkologe, Internist oder Anästhesist, aber man wird natürlich langsam an die Arbeiten herangeführt. Nach 5 Jahren kann man den Facharzt "Unterster Kategorie" erwerben. "Unterster Kategorie"? Ja bei uns gliedert sich die Weiterbildung nach dem Studium in verschiedene Qualifikationsstufen. Nach der Internatur ist man beispielsweise schon Chirurg, aber kein Facharzt. Nach 5 Jahren kann man dann eine Prüfung ablegen, die die unterste Stufe der Facharztausbildung bescheinigt. Diese nennt sich "Nullte Kategorie". Das heißt es gibt noch weitere Stufen? Ja. Nach weiteren fünf Jahren kann man den Facharzt zweiter Kategorie erwerben. Dazu fährt man meist drei oder vier Monate auf ein Seminar zur Weiterbildung und legt dann wieder eine Prüfung ab. Analog wird beim Facharzt "Erster Kategorie" verfahren. Der stellt dann die höchste Weiterbildungsstufe dar... Ja, aber damit hat man nicht das letzte Examen seiner beruflichen Laufbahn hinter sich! Nein? Diese Prüfung und die dazugehörige mehrmonatige Weiterbildungszeit muss man alle fünf Jahre wiederholen, um seinen Facharzt zu bestätigen. Auf diese Weise kann man bis ins hohe Alter klinisch tätig sein. Das Interview führte Ulrike Schuster mit Frau Bondarenko
Demidovskaja Krankenhaus, Nizhni Tagil, Russland im November 2000 |