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Erneut ging es über den großen Teich. Und wieder sollten meine Ziele nicht New York oder Kalifornien heißen. Mein Weg führte mich nach Columbus, in den amerikanischen Bundesstaat Georgia. Wer weiß schon, dass in dieser Stadt das Haus steht, in welchem ein Chemiker „Coca-Cola“ erfunden hat.
Was ich erleben sollte? Ärzte, die mich evaluierten und ich sie! Und alljährlich eine Auszeichnung für den besten Assistenzarzt, was die Lehre betrifft! Motivation für eine Famulatur in Columbus
Bewerbung, Vorbereitung, Organisatorisches
Meine Famulatur
Unterkunft und Essen
Columbus
Gesundheitsversorgung und medizinische Ausbildung
Fazit
Motivation für eine Famulatur in ColumbusDa ich schon eine Famulatur in den USA absolviert und dabei sehr gute Erfahrungen gemacht hatte, suchte ich nach einem weiteren Famulaturplatz in den Staaten. Da mein Freund in Columbus wohnt, war es klar für mich, dass ich dort famulieren möchte. Durch Zufall bekam ich mit, dass eine Freundin von mir dort im Sommer zuvor schon famuliert hatte. Sie war sehr begeistert davon. Und das Positive war zudem natürlich auch, dass man dort keine Studiengebühren bezahlen musste.
Bewerbung, Vorbereitung, OrganisatorischesDiese Famulatur zu organisieren war sehr unkompliziert. Ich kümmerte mich ca. zwei Monate im Voraus darum, rief bei der Sekretärin im Krankenhaus an und fragte sie, ob sie zu dem Zeitpunkt einen Famulaturplatz für mich hätte. Sie war super nett, sagte mir sofort zu und freute sich später jedes Mal, wenn ich anrief.
Um eine definitive Zusage zu erhalten, brauchte ich ein Schreiben vom Dekanat meiner Fakultät, das ein bisschen ausführlicher als der herkömmliche “Deansletter” sein sollte. Es sollte beinhalten, welche klinischen Fertigkeiten ich hätte, also z.B. Anamnese, körperliche Untersuchung, Blutabnahme, etc. Zudem benötigte ich noch ein Schreiben, in welchem die genauen, bisher erbrachten Leistungen und absolvierten Fächer gelistet sind. Es ging aber, glaube ich, nicht darum, sehr gut zu sein, sondern eher um eine Formsache.
Des Weiteren benötigte man eine Berufshaftpflichtversicherung und einen Nachweis meines Impfstatus.
Ich reiste mit einem Touristen-Visa ein, weiß aber nicht, ob dies legal war. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich im Vorfeld unbedingt und rechtzeitig an die Botschaft des entsprechenden Landes wenden und sich nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Zudem sollte man hierbei erwähnen, dass man nicht zu Urlaubszwecken sondern zu einer medizinischen Tätigkeit in das Land einreist.)
Meinen Flug buchte ich über „STA Travel“ mit „US- Airways“ nach Atlanta. Von dort kann man mit „Groomers“, einem Busunternehmen, nach Columbus fahren.
Das Krankenhaus stellt jedem Studenten während der Famulatur kostenlos ein Zimmer zur Verfügung, Was für mich wichtig war: Es gibt keine Studiengebühren!
Da ich schon eine Famulatur in den USA hinter mich gebracht hatte und so ziemlich flüssig Englisch spreche, bereitete ich mich sprachlich nicht mehr besonders darauf vor. Ich kann aber durchaus das Buch „Medical English“ von Peter Gross (Thieme Verlag) empfehlen. Ein medizinisch- englisches Wörterbuch von Langenscheidt hatte ich auch dabei.
Meine Famulatur Columbus Regional Hospital |
| Meine Famulatur absolvierte ich im Bereich „Family Medicine“. Dies ist in etwa so wie bei uns ein Hausarzt, nur dass es eine Ambulanz im Krankenhaus ist. Die Famulatur war super gut durchgeplant. Ich erhielt am Anfang einen Stundenplan für die vier Wochen meines Aufenthaltes, auf dem genau drauf stand, welchem Arzt ich jeweils vormittags und nachmittags zugeteilt war, mit welchem ich also dann zusammen arbeitete. Für meine komplette Famulatur war meine Ansprechpartnerin eine Ärztin, die Leiterin des Ausbildungsprogramms. Diese fragte mich oft, wie es mir gefiele und ich konnte auch immer mit allen Fragen zu ihr kommen.
Meine Aufgabe bestand darin, bei jedem Patienten zuerst eine Anamnese zu erheben und ihn körperlich zu untersuchen. Dann stellte ich dem zuständigen Arzt meinen Patienten vor, äußerte meine Verdachtsdiagnose und meine Therapie Empfehlungen. Wir gingen dann immer zusammen noch einmal zum Patienten, der Arzt fragte ihn erneut und untersuchte ihn noch einmal. Danach besprachen wir den Patienten zusammen. Ich habe sehr, sehr viel dabei gelernt. Meine Aufgabe war es dann, den Patientenbericht im Computer zu schreiben.
Fast alle Ärzte waren sehr motiviert, mir etwas beizubringen und ich durfte viele Untersuchungen selbständig durchführen. So habe ich bei gynäkologischen Konzilen die vaginalen Untersuchungen sowie die vaginalen Abstriche selbständig durchgeführt, psychiatrische Anamnesen gemacht, sämtliche diabetische Füße untersucht.
Eine Woche war ich in der Schwangerenambulanz eingeteilt. Dort habe ich mit den Ärztinnen zusammen vaginal untersucht, die Herztöne des Babys gedopplert und insgesamt die Schwangerschaft beurteilt. Einige kamen auch dorthin nach einem Kaiserschnitt. Meine Aufgabe war es dann, die OP- Klammern zu entfernen.
Einen Vormittag war ich mit einem Professor in der STD (sexual transmitted disease) Sprechstunde, wobei ich tatkräftig sehr viele kranke Penisse untersucht habe. Ein anderes Mal war ich in der Rheumasprechstunde, was auch sehr spannend war. Einmal in der Woche bin ich zusammen mit den Assistenzärzten in ein zur Klinik dazugehöriges Altersheim gegangen, um die dortigen Patienten zu untersuchen. Ich bekam meine eigenen Patienten, untersuchte sie und besprach sie kurz mit meiner Assistenzärztin, bevor ich sie dem Chef vorstellte. Sehr viele der Patienten waren sehr adipös. Die fetteste Patientin, die ich jemals gesehen hatte, war so adipös, dass sie für ein normales CT zu dick war und so in eine Tierklinik überwiesen werden musste.
In diesem Krankenhaus ist der Durchschnitt der Patienten entweder aus der Unterschicht der Amerikaner oder über 60 Jahre alt, da alle anderen mit einer Privaten Krankenversicherung in ein anderes Krankenhaus oder in privaten Praxen gehen. Wenn man über 60 ist, kann man sich in Amerika über eine staatliche Krankenversicherung - „Medicare“ - versichern lassen. Ist man sehr arm, erhält man auch eine staatliche Krankenversicherung „Medicaid“. Oft wurden wir auch mit dem Problem konfrontiert, dass Leute nicht arm genug für „Medicare“, aber nicht reich genug für eine private Krankenversicherung waren und so schon seit einiger Zeit nicht mehr beim Arzt waren oder die vor geraumer Zeit begonnene Therapie nicht fortgeführt haben, da sie für eine Zeit nicht mehr versichert waren.
Für mich war es eine sehr interessante und eindrucksvolle Erfahrung, das amerikanische Ausbildungssystem mit zu erleben. Ich wurde wie eine amerikanische Medizinstudentin behandelt, nur dass meine Nachtdienste freiwillig waren. Ich finde es ein sehr gutes Konzept, immer einen Lehrer bei sich zu haben, der einem alles genau zeigt, einen viel machen lässt und vor allem für einen zuständig ist. Da dieses Krankenhaus ein Lehrkrankenhaus ist und Medizinstudenten und Assistenzärzte ausbildet, gab es in jeder Mittagspause und jeden Montagnachmittag einen Weiterbildungsvortrag zu ganz unterschiedlichen Themen.
Dienstags und donnerstags gab es um 7.00 Uhr einen „Morning Report“. Mir wurde am Anfang der Famulatur auch nahe gelegt, dass die amerikanischen Studenten anwesend sein müssen, und ich dann doch auch da sein sollte. Es war aber kein Problem, dass ich es kein einziges Mal geschafft habe, dort zu sein. Ansonsten habe ich meistens um 9.00 Uhr angefangen zu arbeiten, je nachdem, wie der für mich zuständige Arzt gearbeitet hat. So hing es auch vom Arzt ab, wann ich nach Hause kam. Dies war meist so zwischen 16.00 und 17.00 Uhr.
Unterkunft und EssenDa mein Freund aus Columbus kommt, wohnte ich in dieser Zeit bei ihm. Ich weiß aber von anderen Famuli, dass man ein Zimmer, oft zwei Leute in einem, kostenlos gestellt bekommt. Dort wohnen auch die amerikanischen Studenten, die meistens auch aus anderen Städten kommen. Dieses Haus ist direkt neben der Klinik. Da ich dort aber nie gewohnt habe, kann ich nichts Genaueres dazu sagen.
Wir bekamen pro Tag einen Gutschein im Wert von 4 $ für die Cafeteria, um Mittag essen zu können. Zusätzlich konnten wir aber auch umsonst in der „Doctors launch“ sehr lecker frühstücken und Mittag essen.
Columbus Geburtsstätte von Coca-Cola |
| Columbus liegt ca. zwei Stunden mit dem Auto südlich von Atlanta und ist die drittgrößte Stadt im US-Bundesstaat Georgia. Sie liegt nahe an der Grenze zu Alabama und wird nur durch einen Fluss von der Stadt Phoenix-City getrennt. Sie hat ca. 200.000 Einwohner. Es gibt eine kleine nette Innenstadt mit einer Uferpromenade. Momentan ist es in den Städten der USA ein Trend, die teilweise etwas ausgestorbenen Innenstädte wieder zu beleben. So gibt es dort einige Bars, Kinos und ein Theater. Da die Georgia State University in Columbus ist, sind auch etliche Studenten unterwegs.
Allerdings ist es etwas schwierig, ohne Auto in Columbus umher zu kommen. Es gibt aber direkt vor dem Krankenhaus eine Bushaltestelle und mit diesem zwar sehr wenig befahrenen Bus kommt man eigentlich überall hin. Die amerikanischen Medizinstudenten haben aber alle ein Auto, und bestimmt ist es kein Problem, mal mit ihnen einkaufen zu gehen.
Sehenswürdigkeiten in Columbus sind unter anderem das Haus, in welchem ein Chemiker in Columbus „Coca-Cola“ erfunden. Man kann sein Haus und einige alte im Kolonialstil gebauten Farmhäuser besichtigen. Ferner gibt es ein Museum und ein Stück außerhalb den „Callaway garden“, einen Park mit vielen Schmetterlingen und einer sehr schönen Flora.
Wenn man sich für ein Wochenende ein Auto mieten will, lohnt es sich in das ca. drei Stunden entfernte „Savanna“ am Atlantik zu fahren. Dies ist eine sehr schöne, im Kolonialstil erbaute Stadt, die einen tollen Fischerhafen hat. Oder man kann zu einem der schönen umliegenden Seen fahren.
Gesundheitsversorgung und medizinische AusbildungUngefähr 85 Prozent der Amerikaner haben eine Krankenversicherung, davon sind ca. 60 Prozent über ihren Arbeitsplatz oder privat versichert. Die restlichen 25 Prozent sind über eine staatliche Versicherung wie „Medicaid“ oder „Medicare“ versichert.
Als Arzt in Amerika kann man in einer privaten Klinik oder in einer privaten Praxis sehr viel mehr Geld verdienen als an staatlichen Krankenhäusern. So kam es, dass an dem staatlichen Columbus Medical Center die meisten Ärzte Assistenzärzte waren, die dort ausgebildet wurden. Die meisten anderen waren Oberärzte mit einem Lehrauftrag, wovon einige noch nebenher eine private Praxis hatten. Viele der fast fertigen Assistenzärzte versuchen, sich nach ihrer Facharztausbildung niederzulassen.
Für Patienten, die über „Medicaid“ oder „Medicare“ versichert sind, ist es schwierig, einen Arzt in privater Praxis zu finden, der ihre Versicherung akzeptiert, da diese wesentlich weniger bezahlt als die privaten Versicherungen. So ist das Lehrkrankenhaus eines der wenigen Orte in Columbus, wo sie behandelt werden. Es gibt zum Beispiel in Columbus nur einen einzigen Orthopäden, der die staatlichen Versicherungen akzeptiert.
Wenn sich ein Arzt niederlässt, dann nehmen viele Ärzte anfangs auch noch Patienten mit einer staatlichen Versicherung an, um genügend Patienten zu haben, bis die Praxis läuft. Läuft jedoch die Praxis, hören die meisten auf, Patienten mit „Medicaid“ zu behandeln, da diese nicht so profitabel sind und meist auch in gesundheitlich schlechterem Zustand. Ich fand es etwas erschreckend, wie stark man am medizinischen System die Klassenunterschiede und die jeweils unterschiedlichen Behandlungen in den USA miterleben kann.
In den USA läuft die Ausbildung zum Arzt folgendermaßen ab. Jeder muss erst einmal für vier Jahre ins College, danach eine Aufnahmeprüfung für die Universitäten absolvieren, sich dort vorstellen und hoffen, akzeptiert zu werden. Wird man genommen, gestaltet sich die vierjährige Ausbildung wie folgt. Man hat zuerst zwei Jahre theoretische Ausbildung und absolviert danach in jedem Fach einen praktischen Abschnitt im Krankenhaus, wobei genau vorgeschrieben ist, was man zu tun hat und z.B. wie viele Nachtdienste man hierbei ableisten muss.
FazitFür mich waren meine vier Wochen im Columbus Medical Center eine sehr gelungene Famulatur. Ich lernte sehr viel und durfte auch sehr, sehr viel selbständig machen. Ich kann nach diesem Aufenthalt sagen, dass ich mich wesentlich kompetenter in körperlichen Untersuchungen sowie in ausführlichen Anamnesen auf Englisch fühle. Auch die Ärzte und Sekretärinnen waren ausgesprochen nett.
Ich fand es sehr angenehm, dass in diesem Krankenhaus die Hierarchie nicht so extrem wie in vielen Krankenhäusern ist. Genauso positiv war es zu erleben, wie motiviert die Ärzte dort waren, gute Lehrer zu sein. Jeder Arzt, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, musste mich evaluieren und ich musste ihn evaluieren. Jedes Jahr gibt es dann eine Auszeichnung für den besten Assistenzarzt, was die Lehre betrifft. Dieses Verfahren stärkte die Motivation natürlich ungemein.
Ich kann diese Famulatur nur jedem empfehlen, zumal es einer der wenigen Plätze in den USA ist, an dem man keine Studiengebühren bezahlen muss und dazu noch freie Unterkunft und Essen erhält.
Was mir zuvor auch noch nie passiert war, ist, dass sich die Sekretärin dieses Krankenhauses, als sie mir mein Famulaturzeugnis zuschickte, in einem Brief dafür bedankte, mich unterrichten, also etwas mitteilen, zu dürfen. Dies ist zwar amerikanisch - aber trotzdem schön.
F., N.
Heidelberg, Februar 2007 |