Meine Wahl: Venezuela
Bewerbung
Vorbereitung
Unterkunft
Hospital del IVSS
Krankenhausarbeit
Finanzierung
Land & Leute
Fazit
Meine Wahl: VenezuelaVor dem Physikum habe ich mich, wie jeder andere auch, auf die Zeit danach - endlich im klinischen Teil des Studiums angelangt zu sein - gefreut. Ich habe auch gleich daran gedacht, eine Famulatur zu machen. Man hat zwar genug Zeit alle abzuleisten, doch ich dachte man kann nicht früh genug damit anfangen und ein bisschen mehr Praxis kann auch nicht schaden.
Ich wollte auch gleich mein erste Famulatur im Ausland machen und es stand von Anfang an fest, dass es irgendwo in Lateinamerika sein würde. Auf Venezuela kam ich dann eher zufällig, wobei ein Reiz für das Land schon immer da war. Nachdem ich den Flug schon gebucht hatte, musste ich nun noch einen Famulaturplatz finden.
BewerbungIch habe im Internet versucht, Email Adressen von Krankenhäusern herauszufinden, aber außer von Privatkliniken war ich ziemlich erfolglos. Mir war aber klar, dass ich lieber in ein öffentliches Krankenhaus gehe, da man dort mit Sicherheit mehr sehen und vor allem machen darf. Ich habe dann in den gelben Seiten von Venezuela Nummern der Krankhäuser herausgesucht und einfach angerufen und nach der Möglichkeit gefragt, mit jemanden per Email in Kontakt zu treten.
Ich hatte nach ein paar Telefonaten aber nur eine Email und viele Faxnummern. Ich habe mein Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf per Email geschickt und da ich nach zwei Tagen eine Zusage hatte, brauchte ich die ganzen Faxnummern nicht mehr und ich wusste, dass ich im August einen Monat in Puerto la Cruz im Krankenhaus verbringen würde. Das mit der Bewerbung lief ziemlich unkompliziert ab und ich brauchte keine weiteren Unterlagen schicken. Ich hatte mich auch erst Anfang Mai darum gekümmert, wer mehr Zeit hat, sollte sich früher darum kümmern, aber wie man sieht, es geht auch so. Bis es Ende Juli dann losgehen würde, hatte ich mit Oscar, Kardiologe und „Coordinador docente“ des Krankenhauses, weiterhin Kontakt und er hat sich angeboten, mir eine Unterkunft zu besorgen. Ich wusste bis zu meinem Abflug allerdings noch nicht wo, er hat mir nur gesagt, dass er etwas habe.
VorbereitungDie Zeit bis zum Abflug verging schnell, denn ich hatte für die Universität noch genug zu erledigen und auch so noch ein paar Reisevorbereitungen zu machen. Natürlich sollte man den normalen Impfstatus und Hepatitis A/B haben, des weiteren auch Gelbfieber und Typhus. Tollwut wird für Südamerika empfohlen, ist aber aus meiner Sicht nicht unbedingt erforderlich. Eine Malariaprophylaxe ist für die Küstenstadt Puerto la Cruz nicht nötig, allerdings wenn man, wie ich danach noch „backpackt“ und sich dem Amazonasgebiet nähert, empfohlen.Ein Visum ist für einen Aufenthalt bis zu 90 Tagen nicht nötig. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich bei den jeweiligen Botschaften der entsprechenden Länder stets nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen.)Eine Auslandskrankenversicherung und vielleicht auch eine Berufshaftpflichtversicherung schaden nicht.Sehr zu empfehlen, vor allem wenn man danach noch im Land herumreisen möchte, ist der „Lonely Planet“ für Venezuela
UnterkunftOscar hatte für mich dann letzten Endes eine Unterkunft bei Emily, einer Ärztin des Krankenhauses besorgt. Ich konnte im Zimmer ihrer kleinen Tochter wohnen, die momentan im Urlaub war und danach einfach bei Emily im Zimmer gewohnt hat. Ich wurde sehr freundlich empfangen und habe mich schnell eingelebt und wir haben uns sehr gut verstanden. Es war dann wie ein WG-Leben. Das Gute war außerdem, dass Emily mich jeden Tag mit dem Auto mit ins Krankenhaus nehmen konnte und ich sowieso am Anfang unter ihrer Aufsicht stand und wir somit immer die gleichen Dienstzeiten hatten. Ich habe für den Monat bei ihr €150 gezahlt und dann eben noch das, was an Essen und Fahrtkosten anfiel - das ist in Venezuela wenig, eine Tankfüllung ca. 3 Euro.
Hospital del IVSS Hospital del IVSS |
| Das Krankenhaus ist, wie schon erwähnt, ein öffentliches und gehört zum IVSS („Instituto venezolano del seguro social“). Früher wurden nur Patienten behandelt, die die Sozialversicherung zahlten, mittlerweile ist es für jedermann offen und alle werden behandelt. Allerdings sind es eher die Ärmeren, denn alle die Geld haben, leisten sich eine Behandlung in einer Privatklinik. In der Stadt gibt es noch ein größeres Krankenhaus des IVSS, das auch eher als Lehrkrankenhaus der Universität benutzt wird, wobei dieses kleinere auch als Lehrkrankenhaus zählt.
Das Krankenhaus ist aufgeteilt in einen Bereich für Chirurgie, Innere Medizin, Pädiatrie und Gynäkologie/ Geburtshilfe. Allerdings haben noch viele andere Fachrichtungen (z.B. HNO, Ophtalmologie, plastische Chirurgie u.a.) eine Art ambulante Praxis im Krankenhaus, um Krankheitsbilder zu klären.
Das Krankenhaus wird vom Staat unterstützt, aber da kommt nicht soviel Geld, so dass einiges anders ist, als man es von deutschen Krankenhäusern gewohnt ist. Die Einrichtung ist verhältnismäßig alt und auch Geräte, wie Blutdruckmanschetten oder Ultraschallgeräte in der Gynäkologie sind alt, aber sie funktionieren. An Grundbedarf wie Handschuhen, Spritzen, Tupfer, Gips, Nähmaterial, Katheter und Medikamenten etc. ist alles vorhanden. Allerdings gehen manche Medikamente öfters aus, diese müssen Angehörige dann in der Apotheke besorgen. Auch bestimmte Laboruntersuchungen, wie mikrobiologische Blutuntersuchungen, CTs oder Ultraschall müssen in ambulanten Praxen gegen Bezahlung außerhalb des Krankenhauses gemacht und der Befund dann mitgebracht werden. Ein Labor und eine Röntgenabteilung gibt es vor Ort.
Krankenhausarbeit Behandlungs- und Kreißsaal |
| Ich war für die erste Zeit bei Emily in der chirurgischen Notaufnahme eingeteilt. Wir hatten feste Dienstzeiten von 6.00 bis 13.00 Uhr und alle sechs Tage 24h Schicht. Morgens wurden die Patienten von der Nachtschicht übergeben und dann hat man sich um diese und die neu eintreffenden Fälle gekümmert. Es gab viele akute Bauchschmerzen oder Nierenversagen und man musste dann abklären, ob es sich z.B. um Appendizitis handelt oder vielleicht eine Schwangerschaft, um Niereninsuffizienz oder Nierensteine. Ich habe dann geholfen und gelernt, den Bauch abzutasten etc. Natürlich haben die meisten erstmal etwas gegen die Schmerzen verschrieben bekommen und ich habe dann auch immer wieder Nadeln gelegt.
Aber es gab auch häufig "schlimmere" Notfälle wie Autounfallopfer, Schusswunden, Schnittwunden oder einmal ein in den Bauch gerammtes Messer. Wir mussten in der Notaufnahme dann eben die Grundversorgung der Wunden machen und gegebenenfalls die Patienten in den OP übergeben. Das Problem war, dass nach meiner ersten Woche der OP durch die Klimaanlage kontaminiert war und er dann vorübergehend geschlossen wurde. Er blieb dann allerdings meine anderen drei Famulaturwochen benutzungsunfähig, so dass ich dann leider nicht im OP war, außer ein Mal in der ersten Woche. Die meisten Patienten mussten dann nach der Grundversorgung in ein anderes Krankenhaus überwiesen werden.
Ich habe in der Notaufnahme dann doch auch einiges machen können, denn ich habe das Nähen gelernt, Blasenkatheter legen, Wundversorgung u.a. Es war aber auch immer viel Papierkram zu erledigen, mit dem ich allerdings nichts zu tun hatte.
Nach zwei Wochen habe ich mir dann noch für eine Woche die Traumatologie angeschaut, die sehr eng mit der Chirurgie zusammenarbeitet. Ich habe viel über verschiedene Brüche gelernt, Gipsschienen gemacht und war in der Sprechstunde dabei. Auch hier war es wieder schade, dass der OP geschlossen war, denn es waren eigentlich einige interessante Eingriffe geplant.
Die letzte Woche habe ich dann noch auf der Gynäkologie/Geburtshilfe verbracht. Ich habe bei Gebärmutterausschabungen nach Abtreibungen zugeschaut, selber auch gynäkologisch die Gebärmutter abgetastet und das Beste, ich war bei Geburten dabei. Nach meiner ersten gesehenen Geburt haben die Ärzte dann gemeint, die nächste machst du und so habe "ich dann ein kleinen Jungen zur Welt gebracht". Natürlich stand immer jemand dabei, der mir gesagt hat, was zu tun ist und falls was passieren würde, aber es war trotzdem eine tolle Erfahrung.
Ich hatte in meiner einmonatigen Famulatur auch fünfmal 24h Schicht mit sehr interessanten Erfahrungen, z.B. die Schussverletzungen waren meistens abends oder einmal war Stromausfall und der Notstrom ist nicht angegangen, so dass das komplette Krankenhaus dunkel war und man sich den Gang mit den Handys beleuchtet hat.
FinanzierungMein 9-wöchiger Aufenthalt in Venezuela mit Flug hat mich ca. € 2.000 gekostet. Darin sind ja aber auch vier Wochen herumreisen enthalten. Der Flug an sich ist mit ca. € 800 schon relativ teuer, wobei, wenn man früher bucht, auch günstigere Tarife bekommt und natürlich auch dann, wenn man nicht zur Hauptsaison im Juli fliegt. Tipp: „Condor“ fliegt „Porlamar“ auf der „Isla Margarita“ - direkt vor der Küste Venezuelas - oft sehr günstig an. Die sonstigen Lebensunterhaltungskosten sind recht günstig. Man kann gut einkaufen und essen gehen.
Land & Leute Wasserfall “Salto Angel” |
| Venezolaner sind, wie die meisten „Latinos“, ein sehr aufgeschlossenes, fröhliches Volk, die gerne „fiestas“ machen und irgendwie immer gut drauf sind. Deshalb wurde ich ja auch herzlich empfangen und überall hin mitgenommen, seien es Familienfeste, Discos oder Ausflüge. Ich habe schon während der Famulatur an den Wochenenden, an denen wir frei hatten, ein paar Dinge in der Umgebung unternommen, vor allem Strandtage.
Und danach bin ich ja noch herumgereist. Venezuela hat landschaftlich wunderschöne Ecken - zu empfehlen der „Salto Angel“, „la Gran Sabana“, die Küste. Man muss in diesen Naturgebieten aber meistens eine Tour machen, da es alleine zu schwierig ist, hinzukommen. Einziger Nachteil, die Touren sind recht teuer.
Die Städte an sich in Venezuela sind nicht sehr sehenswert, ihnen fehlt oft die Geschichte und außer einer netten „Plaza Bolivar“ gibt es nicht so viel zu unternehmen.
Man sollte auch vorsichtig sein, Venezuela ist nicht ungefährlich, aber es gibt eben typische Vorkehrungen, die man in ganz Lateinamerika treffen sollte wie z.B. nicht zu viel Bargeld mit sich tragen, sich nachts nicht allein herumtreiben u.a.
FazitIch muss sagen, ich bin sehr froh, dass ich diese Reise unternommen habe, denn ich habe sowohl in der Famulatur als auch sonst viele Erfahrungen gemacht. Es lohnt sich auf jeden Fall mal ins Ausland zu gehen und dort den Klinikalltag kennen zu lernen, auch wenn er anders ist als hier, aber dies macht es ja gerade so interessant.
Schade war, wie schon erwähnt, dass der OP ausgefallen ist, aber dies kann nun eben passieren. Ich bin trotzdem der Meinung, dass es sich lohnt. Also keine Scheu haben, es selbst auszuprobieren, auch wenn es die erste Famulatur ist. Ich habe auch meine erste gleich in Venezuela gemacht! Viel Spaß!
W., M. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Würzburg, November 2005
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