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Chirurgie, Al-Thawara Hospital, Taiz, Jemen
(Sich auf das Unbekannte einzulassen, nicht bereut, 10.09. - 09.10.2004)

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Motivation
Vorbereitung & Bewerbung
Literatur
Famulatur – der medizinische Teil
Die Arbeit mit Dr.Emmanouilidis
Famulatur – der nicht medizinische Teil
Fazit

Motivation

Schon am Anfang unseres Medizinstudiums hatten wir beschlossen, einen Teil der Ausbildung im Ausland zu machen, jedoch wurde der Plan erst mit Beginn des klinischen Abschnitts durchführbar und ging nun am Anfang des 4. Studienjahres in Erfüllung.

Um zu lernen, wie man als europäischer Arzt in einem Dritte-Welt-Land helfen kann, erschien es uns als besonders reizvoll, mit einer Hilfsorganisation in ein solches Land zu gehen. Uns ist es wichtig, schon während des Studiums Erfahrungen unter guter ärztlicher Anleitung zu sammeln, statt später direkt selbstständig dort zu arbeiten und dann mit Krankheiten konfrontiert zu werden, die man bei uns nur aus Lehrbüchern kennt.

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Vorbereitung & Bewerbung

Zunächst versuchten wir, über ‚Ärzte ohne Grenzen’ an so eine Famulatur zu gelangen. Diese teilten uns jedoch mit, dass sie nur approbierte Ärzte mit mehrjähriger Berufserfahrung, am liebsten auch im Ausland erworben, gebrauchen könnten und verwiesen an die Praktikumsbörse, die uns jedoch auch keine Famulatur vermitteln konnte.

Als wir vom „Hammer Forum“ erfuhren und nach Lektüre der Internetseiten ganz begeistert waren, bewarben wir uns dort um eine vierwöchige Famulatur. Von Dr.Emmanouilidis, einem sehr aktiven Allgemeinchirurgen und Vorstandsmitglied, erhielten wir das Angebot, im Al-Thawara Hospital in Taiz, Jemen, zu arbeiten, welches wir direkt annahmen.

Das Hammer Forum organisierte für uns den Flug mit der Yemenia Airline (Kosten pro Person ca. 680.- €) und auch die Visa. Des Weiteren klärte Dr.Emmanouilidis, dass wir vor Ort im Krankenhaus schlafen und essen konnten.

Nach einem Beratungsgespräch beim Tropeninstitut Leipzig beschlossen wir, uns gegen Typhus impfen zu lassen und ließen den HBV Titer kontrollieren. Für Backpacker wäre auch eine Tollwutimpfung empfehlenswert.

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Literatur

Zur Vorbereitung auf dieses uns vollkommen unbekannte Land, dessen Lage wir zunächst im Atlas nachsehen mussten, lasen wir diverse Literatur und sahen uns einige Reportagen bzw. Reisevideos aus der Bibliothek an. Besonders empfehlenswerte Bücher sind „Kulturschock Jemen“ (Kristin Kabasci im Reise Know-How Verlag), „Jemen“ (Gerd Simper, Petra Brixel, Reise Know-How Verlag).

Als Sprachführer ist der Kauderwelschband 108, „Jemenitisch-Arabisch“ (Reise Know-How) Gold wert und als Erfahrungsbericht liest sich „Im Reich der Königin von Saba“ (Carmen Rohrbach bei National Geographic Taschenbuch) besonders schön.

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Famulatur – der medizinische Teil


Kristin bei einer Hauttransplantation
Unsere Bedenken bezüglich der fremden Kultur, Sprache, Religion und Unkenntnis über die derzeitige politische Lage wurden mit Näherrücken des Abflugtages immer größer, besonders verstärkt durch die Hinweise auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes. Sie verflogen jedoch schon am Flughafen in Sanaa, wo wir von Dr.Ali, dem Koordinator des „Hammer Forums“ im Jemen, herzlich empfangen wurden und lösten sich am nächsten Tag nach der ebenso freundlichen Aufnahme durch Dr.Salah, dem Leiter der Verbrennungsstation in Taiz, vollständig auf.

Wir waren schockiert, als wir direkt bei unserer Ankunft in der Verbrennungsstation einen schwerstverbrannten Jungen, davor stehend, warten sahen und in der allgemeinen Notaufnahme an unserem ersten Tag eine Familie, die durch einen Autounfall getötet worden war, aus dem Kofferraum eines Polizeiautos zur Leichenbeschauung herein gebracht wurde. Wir hatten noch nie so schlimme Verletzungen gesehen, auch nicht ähnliches in der einjährigen Arbeit als Rettungssanitäter. Diese Anblicke bereiteten uns jedoch gut auf die zukünftige Arbeit vor und nach kurzer Zeit waren wir soweit abgehärtet, es als weitgehend normal hinzunehmen.

Morgens nahmen wir an der Visite auf der Verbrennungsstation teil, halfen beim Verbandswechsel und assistierten, wenn Operationen anstanden. Die Nachmittage verbrachten wir in der Notaufnahme, wo wir leider aufgrund nur minimaler Arabischkenntnisse keine Anamnesen erheben konnten. Stattdessen machten wir uns in dem, von uns so titulierten, „Raum fürs Grobe“ nützlich, in dem tagein, tagaus große Platzwunden zusammen genäht und diverse Brüche gegipst werden.

Da der Jemen viele Jahre des Krieges hinter sich hat, befinden sich im Land etwa 60 Mio. Schusswaffen bei nur 20 Mio. Einwohnern. Das führt sowohl bei Stammesfehden, aber noch häufiger durch Unfälle, zu vielen Schussverletzungen. Fehlende Verkehrsführung, ein sehr riskanter Fahrstil, überfüllte Autos und fehlende Sicherheitsgurte führen zu schlimmsten Autounfällen. Die dritte große Gruppe der chirurgischen Notfälle neben den „gun-shots“ und „car-accidents“ stellen die „fell-downs“ von den nicht gesicherten Flachdächern dar.

Die Zustände im Krankenhaus sind nahezu kaum mit Deutschland vergleichbar. Abgesehen von den Menschenmassen, die man keiner Funktion zuordnen kann, die einfach nur zum Grüßen und Palavern da sind, den Kat-kauenden Ärzten („jemenitische Alltagsdroge“), den 8-12 Bett Zimmern mit einfachen Pritschen, dem vielen Sicherheitspersonal und vielem mehr, fehlt neben der Hygiene besonders das, was man im Krankenhaus vermuten sollte: Medikamente, Verbandsmaterial und sogar Nadel und Faden müssen zunächst von den Angehörigen aus umliegenden Apotheken besorgt werden, bevor der Arzt behandeln kann!

Die Versorgung in der Notaufnahme befindet sich in einem desolaten Zustand, was nicht nur an der schlechten materiellen Versorgung, niedrigen Bezahlung der Ärzte und mangelhaften medizinischen Ausbildung liegt. Im Laufe der Zeit wurde uns immer bewusster, wie gering das Interesse und Verantwortungsgefühl der Ärzte gegenüber den Patienten ist. So lagen z.B. mehrere Patienten mit Knochenbrüchen seit mehr als vier Wochen in der Notaufnahme, ohne auch nur eine Röntgenaufnahme o.ä. bekommen zu haben, weil sie die Kosten dafür nicht tragen konnten. Mittlerweile rochen ihre einfachen Verbände nach Eiter und selbst die Fäkalien waren nicht vollständig beseitigt worden.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist uns ein Patient, dessen Hautwunde nach einer Pfählungsverletzung ohne Untersuchung auf innere Verletzungen einfach zugenäht worden war. Acht Tage später entdeckten wir ihn mit Dr.Emmanouilidis zufällig bei einer Visite auf der Notaufnahme, operierten ihn als akutes Abdomen und fanden drei münzgroße Perforationen im Dünndarm und sechs Liter Eiter im Bauch. Auch für diesen Fehler fühlte sich kein Arzt verantwortlich.

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Die Arbeit mit Dr.Emmanouilidis

Mit der Ankunft von Dr.Emmanouilidis in der dritten Famulaturwoche wurden die Arbeitstage länger und intensiver. So fanden nun täglich mehrere Operationen im modernen OP der Verbrennungsstation statt, bei denen wir durch Assistieren und Zuschauen viel gelernt haben.

Wahnsinnig interessant waren auch die Sprechstunden am Nachmittag, die sich oft bis in die Abendstunden zogen, weil sich sehr viele Patienten Hilfe von Dr.Emmanouilidis und dem „Hammer Forum“ erhofften. Sie, als auch wir, mussten jedoch manchmal einsehen, dass auch in Deutschland keine Wunder vollbracht werden können.

Die Patienten erfahren über Rundfunk und Fernsehen von der Anwesenheit der deutschen Ärzte und stehen zum Teil 12 Stunden vor der Station, bis sie endlich untersucht werden können und in die Kategorien „nicht behandelbar“, „behandelbar vor Ort“, „behandelbar in Deutschland“ eingeteilt werden. Das „Hammer Forum“ kooperiert mit diversen Krankenhäusern in Deutschland, die großteils eine kostenlose Behandlung für ein paar Kinder pro Jahr anbieten. So kann jährlich mehreren Hundert Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten und der dritten Welt geholfen werden.

Wir sahen ein breites Spektrum an angeborenen Missbildungen, aber auch eine Vielzahl an Erkrankungen, die sich erst durch fehlerhafte Diagnose und Therapie verschlechtert hatten und sich so ausgeprägt zeigen konnten. Besonders häufig stellten sich Kinder mit deformierten Armen und Beinen vor, die oft nach nur kleinen, aber mangelhaft versorgten Verletzungen oder unbehandelt durchlaufenen Infektionen an schwerer Osteomyelitis litten.

Erst durch Dr.Emmanouilidis und besonders in diesen Sprechstunden wurde uns bewusst, wie stark die ärztliche Ausbildung und die praktizierte Medizin im Jemen dem europäischen Standard hinterher hinken. Die Ärzte in der Notaufnahme hatten uns in den ersten beiden Wochen selbstbewusst ein allumfassendes medizinisches Wissen suggeriert, bei der Visite stellten sich jedoch manche Diagnosen und deren Therapie als falsch heraus.

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Famulatur – der nicht medizinische Teil


Häuser in Sanaa
Diese vier Wochen haben nicht nur unseren medizinischen Horizont um Längen erweitert. In zahlreichen Gesprächen und Unternehmungen mit Jemeniten/innen erfuhren wir viel über deren Land, Kultur etc., aber auch über ganz persönliche Ansichten und Probleme. Die unglaubliche Gastfreundschaft der Jemeniten, die uns häufig zu Mittag- oder Abendessen einluden, kann man wahrscheinlich niemandem begreiflich machen, der es nicht selbst erlebt hat. So genossen wir einen Einblick, den man als Pauschaltourist wohl nie erlangen könnte.

Einen besonderen Freund fanden wir in dem chinesischen Radiologen Dr.Pan, mit dem wir stundenlange Diskussionen führten und so nebenbei auch noch viel über China und dessen Beziehung zum Jemen lernten.

Die freien Tage nutzten wir für einen 2-Tages-Trip nach Aden, der wunderschönen, brüllend heißen Hafenstadt im Süden und zur Bergwanderung am Djebbel Sabir, dem Berg an dessen Fuße Taiz liegt. Taiz selbst entdeckten wir bei abendlichen Spaziergängen und das typische jemenitische Essen in diversen Garküchen.

Die letzten beiden Tage genossen wir in Sanaa, Jemens Hauptstadt, spazierten durch die bildhaft schöne Altstadt und über den Markt, der sich über viele Straßen erstreckt. Gerne hätten wir noch mehr von diesem faszinierenden Land gesehen, doch blieb leider wenig Zeit, und bestimmte Regionen sollte man als Tourist immer mit gewisser Vorsicht bereisen, da Touristenentführungen noch immer als Druckmittel einzelner Stämme gegen die Regierung genutzt werden.

Der Besuch einer Schule in einem Bergdorf und einer Nomadensiedlung, die als Slum am Rande von Taiz liegt, ließ uns, trotz aller landschaftlichen Schönheit, nicht vergessen, dass Jemen zu den ärmsten Ländern der Welt zählt, worüber das umfangreiche Warenangebot schnell hinweg täuscht.

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Fazit

Zusammengefasst war der Monat im Jemen in vielerlei Hinsicht eine sehr lehrreiche Zeit und wir haben den Beschluss, uns auf das Unbekannte einzulassen, nicht bereut.

Die Erfahrungen wurden erst durch die große Hilfe bei der Organisation der Visa, Flüge, Unterkunft und Verpflegung im Krankenhaus durch das „Hammer Forum“ ermöglicht, Wir möchten uns bei dem Verein und ganz besonders bei Dr.Emmanouilidis, Dr.Ali und Dr.Salah bedanken, die nicht nur für einen reibungslosen Verlauf sorgten, sondern uns auch wahnsinnig nett aufnahmen und bei allem mit einbezogen.

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R., K.
Münster, Dezember 2004
News-Alarm