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USA, Massachusetts - Famulatur in Boston an der Harvard Medical School. Interessante, lehrreiche, spannende und manchmal anstrengende Tage und Wochen liegen hinter mir. Gerne denke ich zurück an die so anderen, abwechslungsreichen Wochen in Boston, in denen sich Professoren und Personal in meist supernetter Weise um mich, den Gaststudenten aus Deutschland, kümmerten. Über den großen Teich und zurück
Erste Schritte
Visum
Finanzielles
Meine Famulatur in Boston
Ein Leben außerhalb der Klinik
Mein Fazit
Über den großen Teich und zurück Blick zurück auf Boston |
| Ich sitze in Reihe 37, auf einem Fensterplatz, und beobachte das glitzernde Funkeln der untergehenden Sonne. Flug LH 0422, Boston-Zürich-München-Frankfurt. Morgen früh, wenn ich wieder aufwache, finde ich mich in einer anderen Wirklichkeit wieder.
Ein Monat Famulatur an Amerikas ältester und einer der weltweit renommiertesten Universitäten liegen hinter mir. Einen Monat Famulatur im „Department of Otolaryngology“ des Massachusetts Eye and Ear Infirmary, einem Lehrkrankenhaus der Harvard Medical School, hindurch kümmerten sich Professoren und Personal in meist supernetter Weise um den Gaststudenten aus Deutschland.
Erste Schritte Eine einfache Initiativbewerbung, etwa ein Jahr im Voraus, mit angefügtem CV, gesendet an viele Adressen, war der erste Schritt. Eine Bewerbung von vielen. Die meisten der angeschriebenen Sekretärinnen, Büros und Departments reagierten überhaupt nicht. Oder es kamen negative Bescheide. Zum Glück reichte eine gute Antwort aus.
Interessante, lehrreiche, spannende und manchmal anstrengende Tage und Wochen liegen hinter mir.
An Büchern hatte ich ein kleines medizinisches Wörterbuch für die Tasche mitgenommen, herausgegeben von Langenscheid in Kooperation mit „Elsevier“. Für den HNO-Bereich kam das „Boenninger/Lenarz“ Kurzlehrbuch aus dem Springerverlag hinzu. Diese beiden Bücher deckten alles ab, was ich brauchte, um gut zu Recht zu kommen.
Spezielle Impfungen oder ärztliche Untersuchungen wollte die Krankenhausleitung nicht vorgewiesen bekommen, lediglich einen Tuberkulintest wollte die Betriebsärztin, die im vierten Stock in einem winzigen Kämmerchen werkelt, mit mir durchführen. Voraussetzung, um das Praktikum anzutreten, ist jedoch der Nachweis einer Berufshaftpflichtversicherung in englischer Kopie.
VisumOhne konkrete Erwartungen bin ich vor knapp zwei Monaten in Boston gelandet, noch in Sorge, ohne J-Visum die Zollkontrolle passieren zu können. Bis jetzt bin ich im Unklaren darüber, welche Visum-Form nötig ist, um eine sogenannte vierwöchige „Rotation mit hands on“ absolvieren zu können. Der deutsche Tourist fällt, sofern er nicht länger als 90 Tage in den Staaten bleibt, unter das „Visa-Waiver“-Programm, ein biometrischer Reisepass genügt. Sobald man einer Beschäftigung nachgeht oder ein Praktikum macht, muss ein Visum beantragt werden. Soweit sind die Bestimmungen ziemlich eindeutig.
Auf der deutschen Homepage der US-Botschaft ist bei den Visa-Infos zu finden, dass „Studenten, die im Rahmen ihres Medizinstudiums eine Famulatur in den USA ableisten, eine Ausnahme bilden und unter die normalen Touristen-Visum-Bestimmungen fallen“. Leider kann ich diesen Satz in der englischen Fassung nicht entdecken, um sie dem Grenzbeamten gegebenenfalls unter die Nase zu halten. Der kostenpflichtige Informationsdienst für knapp €2/min (die ersten 7min sind Bandansage, ziemlich frustrierend!) weiß von der Ausnahme nichts. Als ich nachfrage, die Homepage zitiere, sucht die Dame einige Minuten in einem Ordner, und sagt, wenn das auf der Seite stünde, würde das wohl stimmen. Danke, dass ich für so einen Spruch grad €40 ausgebe… Wenn die „Border-Control“ genauso gut informiert ist, kann das eine lebhafte Diskussion bei der Einreise geben… Ich beschließe, keine Gegenstände ins Handgepäck zu packen, die mich als Medizinstudent outen, als Tourist zu reisen und es drauf ankommen zu lassen.
Im Nachhinein hat alles problemlos funktioniert, und dennoch war da die ganze Zeit ein ungutes Gefühl… (Anm. d. Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich im Vorfeld rechtzeitig bei der jeweiligen Botschaft des entsprechenden Landes nach den aktuellen Einreisebestimmungen erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)
Finanzielles Beacon Hill Boston |
| Um Unterkunft und Verpflegung musste ich mich selber kümmern. Die Sekretärin, die sich um meine Einteilung kümmerte, schickte mir viele Monate im Voraus eine „Housing-list“ mit vielen Unterkunftsmöglichkeiten. Neben dem offiziellen „Harvard-Medical-School-Dormitory“, der „Vanderbilt Hall“, sind die Kontaktdaten vieler kleinerer Herbergen und Privatanbieter zu finden, die ein, zwei oder mehrere Betten wochenweise bzw. monatsweise vermieten. Die Preiskategorie ist in etwa mit 300$ +/- 100$ zu beziffern. Nicht wenig Geld, und auf den ersten Blick super abschreckend.
Bei dem derzeitigen Kurs jedoch kann man als Europäer circa 30 Prozent abziehen, was die Kalkulation für einen überschaubaren Zeitraum von einigen Wochen schon wieder ins Reich des Machbaren rücken lässt. Als echt hilfreiche Unterstützung bin ich an dieser Stelle glücklicherweise in der Lage, auf ein Reisestipendium der Allianz zurückgreifen zu können, mit dem ich die ersten beiden Wochen Miete geregelt bekomme. ( Weitere Infos zu den Reisestipendien der Allianz)
Auch die Atlantiküberquerung ist für etwa 600 „Taler“ mit der Lufthansa durchaus regelbar.
Meine Famulatur in BostonDer Ablauf im „MEEI“, dem Massachusetts Eye and Ear Infirmary, wie das Krankenhaus der Harvard Medical School hier in Boston genannt wird, ist perfekt organisiert. Wünsche bezüglich irgendwelcher „Subspecialties“, die man kennenlernen, oder Ärzte, die man gerne treffen möchte, müssen nur bei der einteilenden Sekretärin genannt werden, damit sie berücksichtigt werden können. Aufgenommen wurde ich herzlich, lernen konnte ich, so viel ich wollte.
Die vierwöchige Famulatur beginnt mit einer Woche im OP. Ich erhielt täglich einen Übersichtsplan, auf dem gelistet war, zu welcher Uhrzeit in welchem der 16 OP-Säle welcher Eingriff bevorstand. Nach Lust und Ambitionen begann ich den Tag mal um 8.00 Uhr, mal um 10.00 Uhr. Ich schloss mich kurz vor OP-Beginn mit dem verantwortlichen Operateur kurz und wurde in der Regel aufgefordert, mich „einzuscrubben“, also mich steril zu machen und OP-Kittel plus Handschuhe überzuwerfen. Je nachdem, wie die Ärzte drauf sind, reicht das Tätigkeitsfeld von Zuschauen bis hin zu Zuschauen. Haha nein, kleiner Spaß natürlich, natürlich gibt es einige Situationen, in denen ein ungelernter Student nicht viel mehr als Zuschauen kann, in der Regel aber wurde ich total gut mit einbezogen, ich bohrte, ich schnitt, ich nähte, ich intubierte und ich assistierte.
In den Staaten ist der Krankenhausalltag ein wenig anders organisiert als bei uns zu Hause, sehr gut nachzulesen in „House Of God“ von Samuel Shem. Der Stationsalltag wird von den Assistenzärzten praktisch im Alleingang geregelt, Oberarzt bzw. Chefarzt tragen zwar Verantwortung, sind jedoch nicht häufiger als einmal die Woche bei der Visite zu sehen. Stattdessen haben sie sogenannte „Clinic Days“, Tage, an denen sie auf private Rechnung in von der Krankenhausgesellschaft gemieteten Räumen Patienten empfangen und behandeln.
Auch die Abrechnung läuft ein wenig anders. Nach einer erfolgten OP stellt der verantwortliche Operateur seine erbrachten Leistungen der Krankenkasse in Rechnung - für eine Cochleaimplantat-OP, die gut zwei Stunden dauert, sind das beispielsweise etwa $6.000. Das Krankenhaus stellt eine separate Rechnung über etwa $30.000 für OP-Miete, Schwesternpflege und Anästhesie aus, hinzu kommen noch Materialkosten, bei erwähntem Ohr-Implantat noch einmal etwa $35.000.
In Woche zwei war ich täglich bei einem anderen Arzt für je einen „Clinic-Day“ eingeteilt, und verfolgte ihn den Tag über von Patient zu Patient. Hier regelt jeder MD („Medical Doctor“) den Tag anders. Der eine ließ mich einfach dabeisitzen und wartete mehr auf seine Mittagspause. Der andere übertrug mir Patienten zur Voruntersuchung, die ich ihm anschließend vorstellte, nahm sich hinterher richtig Zeit, jeden Fall durchzusprechen und vermittelte tatsächlich das Gefühl, einem etwas beibringen zu wollen.
Das äußere Erscheinungsbild dieser amerikanischen Mediziner weicht ein wenig von unseren Standards ab. Blue Jeans sind ein absolutes „No Go“, Stoffhose, Dressshoes und Krawatte absolute Pflicht, genau wie man es von „Dr. House“ - mit Ausnahme von Dr. House himself - her kennt. Sich mit einem gepflegten Äußeren dem Patienten gegenüber zu präsentieren wird als Selbstverständlichkeit empfunden, was ich durchaus als positives „Ding“ mit nach Deutschland nehme, wo doch immer wieder Kollegen über die Flure laufen, die einem suggerieren, man wäre auf einer „bad taste party“.
In Woche drei und vier begann der Tag um 6.00 Uhr. Ich war einer Gruppe von vier Assistenzärzten zugeteilt. Zuerst wurde Visite gemacht, mein Job waren eher leichte Dinge, wie beispielsweise Zugänge und Drainagen ziehen. Nachdem die Patienten versorgt waren, begann wieder der OP-Tag wie in Woche eins – das Ganze bis etwa 16.00 oder 17.00 Uhr. Gegen 18.00 Uhr ist Abendvisite, jeder Patient wird erneut durchgesprochen und der Tag rekapituliert. Gegen 20,00 Uhr verließ ich in diesen Tagen das Krankenhaus, kam gegen 21.00 Uhr zu Hause an und fiel todmüde in mein Bett. Um vier Uhr klingelte wieder der Wecker.
Die Assistenzärzte leben während dieser Phase ihrer Ausbildung praktisch in der Klinik, auch an Wochenenden und Feiertagen bekommen sie keine Unterstützung von außerhalb. Ebenso geht es den Medizinstudenten. Ich traf eine Harvard-Studentin, die seit 42 Tagen, inkl. Wochenenden, jeden Tag irgendwo eingeteilt war - ohne einen einzigen Tag frei. Entsprechend ungesund und blass sah Cathy aus, dafür dauert ihr Studium lediglich vier Jahre.
Amerikanische Ärzte verdienen durchaus ein Vielfaches von dem, was bei uns Standard ist, berücksichtigen muss man jedoch, dass sie ihre gesamte Ausbildung selber finanzieren müssen. So eine vierwöchige Rotation kostet in Harvard $3.400, mit der Dorm-Miete und Lebenshaltungskosten sind das jährlich mehr als $50.000!
Ein Leben außerhalb der Klinik Boston Asphalt |
| Nicht zu vergessen: es gibt ein Leben vor den Toren der Klinik! Boston rockt, JFK kommt aus Boston, die „Dropkick Murphys“ und die roten Socken – die „Red Sox“. Es gibt unendlich viel spannende Geschichte, europäische mit amerikanischer verwoben an vielen Orten, sichtbar und irgendwie spürbar überall. Wahnsinnig viele „Can-Dos“, und einige absolute „Must-Dos“, die ich gerne weitergeben möchte.
Das „Prudential Center“, Mitte der sechziger Jahre erbaut, ist das zweithöchste Gebäude der Stadt. Eingang normal über shoppingmall. Im 50. Stock befindet sich der „skywalk“ (12Dollar Eintritt). Ein audioguide gibt im 52. Stock einen sehr guten überblick über die Stadt: „the top of the hub“ - Restaurant und Bar. Nicht ganz billig, dafür hat man aber eine einzigartige Aussicht über die Stadt, die vorgelagerten Inseln und den Ozean. Zugang ebenfalls über shoppingmall. Man muss durch die Hotellobby durch mit Empfangsdame und „photo id“ vorweisen. Man sollte sich davon nicht abschrecken lassen, denn es lohnt sich!
“Cambridge/Harvard”: red line outbound, station „Harvard“. Am „Harvard Square“ hängen immer Studenten ab, die Touren über den Campus anbieten. Die besten „Burger“ der USA gibt es auf der „Massachusetts Avenue“ und zwar Cambridge auswärts auf der rechten Seite ein paar hundert Meter weg vom Cambridge Square bei „Mr. Bartley´s Gourmet Burgers“ für einen „Zehner“ - besser geht‘s nicht.
„Freedom Trail“ mit Start vor dem „State House“: „Boston Commons“, der große Park in Boston Downtown, das Haus mit der goldenen Kuppel („Rathaus von Massachusetts“), ca. 4km langer Trail, rote steine, in den Boden eingelassen, führen von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Im Großen und Ganzen sind dies alles Dinge, die mit der Unabhängigkeitsbewegung bzw. Revolution in Verbindung stehen. Eine Sache, die sich bei gutem wetter absolut lohnt! Unterwegs zu entdecken: Kirche, in der die erste Rede gegen die Sklaverei gehalten wurde, der Start der „Boston tea party“, der Sitz der britischen Kolonialregierung, das älteste Haus Bostons, etc.
„Harbour Walk“: auch dies ist bei schönem wetter zu empfehlen. Im Hafengebiet gibt es eine Reihe ordentlicher Restaurants, Harbour Cruises, „Whale watch tours“ und Segelmöglichkeiten.
Die Shoppingmeile der Stadt ist die „Newbury Street“. Sie ist 2-3km lang mit vielen Cafés, so z.B. dem Café „L’aroma“- geführt von Dorrie, meiner alten Gastschwester und Emily, ihrer Freundin, mit schönen Grüßen an dieser Stelle. In den kleineren Stores findet man alle großen Labels. In der „Charles Street“ entdeckt man viele gute Restaurants. Was Mode betrifft, so ist hier das Kaufhaus „Macys“ an der U-Bahn Station „Downtown Crossing“ zu nennen. Hier findet man z.B. „Levis Jeans“ für unter 30$ sowie Labels bekannter Modedesigner zu Preisen, bei denen der Normaleuropäer lachen muss.
Wer was für Geschichte über hat, sollte den Bus nach „Lexington“ nehmen und von dort Richtung „Concord“. Dies ist die Route, die die britischen Soldaten gewandert sind, um in „Concord“ den „Schuss, der um die Welt ging“, zu empfangen, welcher der Beginn der amerikanischen Revolution sein sollte. Es ist ein krasses Gefühl, so viele Orte zu begehen, an denen einst Weltgeschichte geschrieben wurde.
Wer in Boston wohnt und den einen oder anderen Tag übrig hat, darf die Gelegenheit nicht verpassen, die eine oder andere Metropole der Ostküste mitzunehmen. Philadelphia, Washington, besonders aber New York liegen aufreizend nahe. Die günstigste Version, von Stadt zu Stadt zu kommen, sind die „Chinabusse“. Die „Chinatowns“ jeder Stadt sind durch günstige Busverbindungen miteinander verbunden, so kostet z.B. der One-Way Trip New York-Boston weniger als 15$ - also: hin da!
Mein Fazit Boston aus der Vogelperspektive |
| Inzwischen bin ich bereits wieder einige Zeit in Deutschland, der Unialltag hat mich fest in der Hand. Gerade lerne ich für meinen Auftritt im „Recall Pharma“. Gerne denke ich da zurück an die so anderen, abwechslungsreichen Wochen in Boston und bin aber auch froh darüber, in Lübeck zu lernen und zu leben. Kulturelle Unterschiede zwischen den USA und Norddeutschland sind nicht wegzudiskutieren, dauerhaft kann ich in Amerika nicht glücklich werden.
Dankbar bin ich für Gesehenes und Erlebtes. Auch in Harvard werden Operationen durchgeführt mit Besteck aus „Solingen“, Objektiven von „Leica“ aus Solms und Beatmungsmaschinen von „Dräger“ aus Lübeck. Vielleicht ist in Amerika mehr Geld im System.
Ich bin wiedergekehrt mit der Überzeugung, dass wir den Vergleich mit dem mythenumwobenen Harvard nicht scheuen müssen.
S., S. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Lübeck, Dezember 2009
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