Chancen im AuslandChancen im InlandAlternative Berufsfelder

Innere Medizin, Universitätsklinik Santa Cruz do Sul, Santa Cruz do Sul, Brasilien
(Sehr lehrreich und sowohl menschlich als auch beruflich förderlich., 01. - 30.09.2008)

  Sie sind hier:

Olá Brasil! Die gesteckten Ziele meiner Auslandsfamulatur waren , einen Einblick in Krankheiten einer anderen Klimazone zu erhalten und grundlegende Untersuchungstechniken richtig anwenden zu lernen - das Ganze in einem Land, das ich bereits von früher aufgrund eines einjährigen Freiwilligendienstes kannte.

Olá Brasil!
Bewerbung und erste Vorbereitungen
Unterkunft in Santa Cruz do Sul
Die Famulatur
Brasilien
Finanzielles
Fazit

Olá Brasil!


Brasiliens berühmte Wasserfälle “Foz do Iguacu”
Zum ersten Mal durfte ich Brasilien im Rahmen eines einjährigen Freiwilligendienstes nach meinem Abitur kennen lernen. Dieses Land hat mich fasziniert. Insbesondere die Gastfreundschaft und die Offenheit gegenüber Fremden hatten mich sehr beeindruckt. So war es mir schon seit Beginn meines Studiums ein großes Anliegen, in dieses Land zurückzukehren.

Dieses Vorhaben mit einer Famulatur zu verbinden, bot sich natürlich an. Ich erhoffte mir von der Famulatur in erster Linie, einen Einblick in Krankheiten einer anderen Klimazone zu bekommen und grundlegende Untersuchungstechniken wie beispielsweise Auskultation oder Palpation richtig anwenden zu lernen, was hier in Deutschland durch die zunehmende Technisierung der Medizin (leider) auch in der Lehre zunehmend in den Hintergrund gedrängt wird.

zurück nach oben

Bewerbung und erste Vorbereitungen

Der Alltagssprache war ich dank meines Jahres in Brasilien noch sehr gut mächtig. Medizinische Fachtermini sind von den bei uns gebräuchlichen lateinischen Begriffen meist auch sehr gut abzuleiten. Lediglich Wörter des Krankenhausalltags wie beispielsweise Schwellung oder Übelkeit waren mir anfänglich nicht geläufig. Ich hatte also insgesamt kaum Verständnisprobleme, so dass ich den Gesprächen sehr leicht folgen konnte und auch selber regelmäßig Anamnese gemacht habe.

Mit der Suche nach einem geeigneten betreuenden Arzt hatte ich schon ein Jahr im Voraus begonnen. Durch eine befreundete Krankenschwester konnte ich den Kontakt zu einem internistischen Arzt der Universitätsklinik von Santa Cruz do Sul herstellen, der sich spontan bereit erklärte, mich durch die Famulatur zu begleiten. Er stellte anschließend den Kontakt zum Auslandsbüro der Universität von Santa Cruz her, welches die Famulatur von offizieller Seite absegnete und auch eine Unterkunft organisierte.

Für die Famulatur wurde von Seiten des Krankenhauses ein Nachweis über eine Impfung gegen Tetanus, Masern, Mumps und Röteln gefordert. Des Weiteren habe ich vor Reiseantritt eine Impfung gegen Hepatitis A, Hepatitis B, Typhus, Tollwut und Gelbfieber durchgeführt, letztere ist für die Einreise nach Brasilien erforderlich.

Bei der Einreise nach Brasilien bekommt man automatisch ein Touristenvisum ausgestellt, welches zunächst drei Monate lang gültig ist. Dieses kann man auf Antrag um weitere drei Monate verlängern, danach ist es allerdings nicht mehr verlängerbar. Dieser Zeitraum dürfte für eine Famulatur oder ähnliches aber bequem ausreichen. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich rechtzeitig bei der entsprechenden Botschaft nach den aktuellen Einreisebestimmungen des jeweiligen Landes erkundigen. Hierbei sollte man unbedingt erwähnen, dass man sich nicht zu Urlaubszwecken, sondern zu einer medizinischen Tätigkeit im Rahmen seines Medizinstudiums im betreffenden Land aufhalten wird.)

zurück nach oben

Unterkunft in Santa Cruz do Sul

Das Auslandsbüro der Universität von Santa Cruz hatte mir eine Unterkunft bei einer brasilianischen Familie für die Dauer meines Aufenthaltes vermittelt, die ich gerne wahrnahm. Die Miete für einen Monat belief sich auf umgerechnet ca. 150 EUR. Es handelte sich um eine Familie deutschen Ursprungs, deren Vorfahren etwa im Jahr 1850 nach Brasilien ausgewandert waren und von denen die Älteren immer noch Deutsch sprechen konnten. Die Familie war sehr bemüht um mich und half mir, wo sie nur konnte.

zurück nach oben

Die Famulatur

Das brasilianische Gesundheitssystem ist in vielen Punkten anders organisiert als das deutsche. Es gibt eine deutliche, allgemein akzeptierte Zwei-Klassen-Medizin, aus der sich für mein Empfinden große soziale Ungerechtigkeiten ergeben. Die große Mehrheit der Bevölkerung (80 – 90 Prozent) kann sich keine private Krankenversicherung leisten und fällt damit in das „Einheitliche Gesundheitssystem“, ein staatliches Versorgungsprogramm. Dieses folgt einem Leistungskatalog, in dem klar geregelt ist, welche diagnostischen Bemühungen und Therapien vom Staat bezahlt werden und welche nicht.

Für einige Krankheiten ist dieses System recht effektiv. Beispielsweise bekommen HIV-Patienten in aller Regel eine adäquate HAART angeboten und auch Tuberkulose-Patienten erhalten die nötige Antibiotika-Kombination kostenlos. Für viele Krankheiten ist dieses System allerdings unzureichend. Einem Leukämie-Patienten steht beispielsweise unabhängig von Prognose oder Stadium seiner Krankheit nur eine generelle Chemotherapie zur Verfügung, allerdings keine moderne und effektive gezielte Therapie, beispielsweise in Form von Rituximab.

Hauptproblem des „Einheitlichen Gesundheitssystem“ ist meines Erachtens allerdings der stark limitierte Zugang zu ärztlicher Behandlung. So ist es nicht selten, dass sich Patienten schon nachts um drei oder vier Uhr in eine Schlange vor einem Gesundheitsposten einreihen müssen, um Zugang zu einer medizinischen Behandlung zu bekommen. Und auch für den Studentenunterricht müssen ausschließlich die nicht-versicherten Patienten herhalten. So habe ich in meiner gesamten Famulatur auch keinen einzigen Privatpatienten angetroffen.

Ebenso sind auch die einzelnen Stationen des Krankenhauses nicht nach der medizinischen Fachrichtung, sondern nach der Finanz- bzw. Versicherungsstärke der Patienten eingeteilt. Als praktische Konsequenz für einen Famulanten bedeutet dies, dass es nicht möglich ist, dauerhaft auf einer Station zu arbeiten, da dort in der Regel nur das Pflegeteam tätig ist, während die einzelnen Fachärzte über das ganze Krankenhaus verteilt „ihre“ Patienten haben und diese nacheinander auf den verschiedenen Stationen aufsuchen. Daher ist es notwendig, gute Kontakte zu Ärzten zu knüpfen, die einen daraufhin gerne auf ihre Visite mitnehmen.

In meinem Fall waren das ein Pneumologe und ein Infektiologe, mit denen ich die Famulatur immer im Wechsel verbracht habe und so ein weites Spektrum internistischer Patienten auf Normal- und Intensivstationen betreuen konnte. Besonders im Bereich der Infektiologie sah ich viele Menschen mit z.B. Leptospirose oder Chagas-Krankheit, die mir zuvor nur aus dem Lehrbuch bekannt waren, sowie zahlreiche HIV-, Hepatitis-B/-C und Tuberkulose-Patienten. Sehr eindrücklich waren auch Patienten mit dem AIDS-Vollbild mit Begleiterkrankungen wie der Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie oder einer floriden Tuberkulose.

An eigenverantwortlichen Tätigkeiten durfte ich in erster Linie häufig Anamnese und körperliche Untersuchungen durchführen und das Ergebnis einschließlich denkbarer Differenzialdiagnosen anschließend dem verantwortlichen Arzt vorstellen. Trotz eines nicht fest definierten Stationsablaufs dauerte ein Arbeitstag in der Regel von etwa 7.30 Uhr bis circa 16.30 Uhr.

zurück nach oben

Brasilien


Favelas - Armenviertel am Stadtrand
Brasilien ist ein riesengroßes Land mit starken Unterschieden zwischen den einzelnen Regionen. Man kann das Land in fünf Gebiete einteilen: Den wirtschaftlich sehr starken Südosten mit den Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro, den relativ europäischen Süden, den Nordosten als ärmste Region Brasiliens, den dünn besiedelten und vom Amazonas(-Regenwald) dominierten Norden sowie den Mittleren Westen. Brasilien ist kein Entwicklungsland, was insbesondere im Südosten, im Süden und im Mittleren Westen deutlich wird. Vielmehr handelt es sich um ein aufstrebendes Schwellenland mit großem Wirtschaftswachstum und zunehmendem Wohlstand. Leider spüren die armen Bevölkerungsschichten, die in einigen Regionen immer noch die Mehrheit ausmachen, von diesem Aufschwung (noch) sehr wenig. So ist der Alltag vieler Brasilianer nach wie vor von Tagelöhner-Dasein geprägt, das teilweise an Sklaverei erinnert, vom „Hausen“ in kleinen Hütten mitten in sehr gefährlichen Armenvierteln und vom Bangen um ausreichend Ernährung.

Die Kleinstadt Santa Cruz do Sul mit seinen ca. 130.000 Einwohnern liegt in Rio Grande do Sul, dem südlichsten brasilianischen Bundesstaat und ist etwa zwei Autostunden von der Millionenstadt Porto Alegre entfernt. Der Süden Brasiliens ist durch die relativ starke europäische Einwanderung geprägt. Es gibt vergleichsweise wenig Afrikastämmige und sehr selten Menschen indigenen Ursprungs. Die Einwanderer der verschiedenen europäischen Völker - vor allem Portugiesen, Deutsche, Italiener und Polen - vermischen sich erst in jüngerer Vergangenheit langsam miteinander, so dass in den meisten Städten ein Volk eindeutig dominiert. Die Bewohner von Santa Cruz sind mehrheitlich deutschen Ursprungs. Nur in gebildeten Schichten sowie in der Unterschicht, selten jedoch in der (recht breiten) Mittelschicht, trifft man auf Menschen anderer Herkunft wie etwa andere europäische Völker, Afrikastämmige oder so genannte „Mulatten“. Mir als Deutschem traten die Menschen ausnahmslos sehr aufgeschlossen und freundlich gegenüber. Man genießt als Europäer eine große Achtung und die Menschen freuen sich aufrichtig, einen „Fremden“ unter sich zu haben.

Touristisch bietet Brasilien sehr viel. An persönlichen Höhepunkten möchte ich die Wasserfälle von „Foz do Iguaçu“, die Städte Rio de Janeiro mit seiner einmaligen Lage zwischen den Bergen direkt an der Küste und Salvador da Bahia mit der starken afrikanischen Prägung sowie schönen Bauten im Kolonialstil, und natürlich den Amazonas mit dem größten Regenwald der Erde nennen. Zudem verfügt Brasilien über rund 7.000 km Küste, über schöne Nationalparks mit teilweise einmaligen Tier- und Pflanzenarten und über viele weitere interessante Städte, die das Bereisen dieses Landes attraktiv machen.

zurück nach oben

Finanzielles


Haupteinkaufsstraße in Santa Cruz do Sul
Insgesamt ist eine Famulatur in Brasilien relativ teuer. Für den Flug muss man mindestens 800 EUR rechnen, außerdem in meinem Fall die 150 EUR Miete als Fixbetrag. Hinzu kommt die Verpflegung. Frühstück zuhause mit Lebensmittel aus dem Supermarkt (ca. 2 EUR pro Frühstück), Mittagessen im Restaurant - das ist so üblich unter Ärzten und Studenten (ca. 5 EUR inkl. Getränk), Abendessen zuhause (ca. 3 EUR), im Restaurant auch mal um die 13 EUR. Außerdem muss man die Fahrtkosten mit berechnen. Stadtverkehr Einheitsticket 0,50 EUR und Überlandfahrten ca. 3 EUR pro 100 km mit dem Bus. Das Reisen durch Brasilien und seine Nachbarländer ist selbstverständlich hier nicht berücksichtigt.

zurück nach oben

Fazit


Eintauchen in eine andere Welt - Abenddämmerung am Amazonas
Insgesamt kann ich die Famulatur in Santa Cruz als sehr gelungen und erfolgreich bezeichnen. Es gab wenige organisatorische Probleme, die sich stets schnell beseitigen ließen, da man mir von Seiten der Universitätsklinik und der angeschlossenen medizinischen Fakultät stets wohlwollend gegenüber stand. Fachlich habe ich ebenso das erreicht, was ich mir vorgestellt hatte.

Darüber hinaus konnte ich die Kontakte zu früheren Freunden aus der Region stärken und neue Freundschaften schließen. Rückblickend betrachte ich die gesamte Reise als sehr lehrreich und sowohl menschlich als auch beruflich förderlich. Hierfür danke ich der Allianz Private Krankenversicherungs- AG, ohne deren Unterstützung meine Famulatur sicherlich nicht in dieser Form möglich gewesen wäre.

zurück nach oben

G., M.
Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Freiburg, April 2009

 Weitere Infos zu den Reisestipendien der Allianz
News-Alarm