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Habt Ihr die bürokratischen Hürden erst einmal überwunden, kann ich Euch nur beglückwünschen zu einer außergewöhnlich tollen Famulaturstelle in einer wunderschönen Stadt! Wo? In Arequipa in Peru. Südamerikanische Bürokratie
Die Arbeit am Hospital
Land und Leute
Mein Fazit
Südamerikanische Bürokratie  Misti – einer der drei Hausberge Arequipas |
| Ich hatte das große Glück gehabt, im Zeitraum August/September am Hospital Nacional Carlos Alberto Seguin Escobedo in Peru eine Famulatur machen zu können. An dieser Stelle kann ich leider keine Tipps geben, wie und wo man sich konkret bewirbt, weil ich über einen mir bekannten Arzt quasi „eingeschleust“ wurde - und dies ist fast wörtlich zu verstehen...
Ich hatte im Vorfeld eine spanische Bewerbung an ihn geschickt, jedoch war diese Bewerbung nie in der Personalabteilung angekommen! Am ersten Tag wurde ich einfach persönlich auf die Station gebracht, jedem vorgestellt und meine Anwesenheit wurde in den folgenden fünf Wochen keinen einzigen Tag angezweifelt. Dies ist die eine Seite der südamerikanischen Bürokratie – die andere bekam ich zu spüren, als ich den berühmten Stempel des Krankenhauses für meine Famulaturbestätigung brauchte. Es wäre von Vorteil gewesen, hätte ich mich wenigstens am ersten Tag in der „capacitacion“, so etwas wie die Personalverwaltung und Studentenkoordination, vorgestellt! Zu guter Letzt habe ich den Stempel von der gutherzigen Sekretärin doch noch bekommen.
Die Arbeit am Hospital Hospital Nacinal Carlos Alberto Seguin Escobedo |
| Ich war die ganzen 5 Wochen auf der Inneren Station – und habe mich dort sehr wohl gefühlt. Dies lag zum Großteil an der freundschaftlichen und herzlichen Stimmung zwischen den Ärzten untereinander, zu den Schwestern und zu den Patienten – kein Vergleich zu dem Umgangston, der manchmal hier in Deutschland herrscht. Allerdings muss ich dazu sagen, dass im Gegenzug ein stärkeres Hierarchiebewusstsein bzw. -verständnis herrscht, dem man kaum ausweichen kann – mich aber nie gestört hat. Zu mir waren ausnahmslos alle sehr freundlich und haben sich bemüht, mir etwas beizubringen und mich einzubinden.
Stationsarbeit, wie ich sie aus Deutschland kenne, also Blut abnehmen, Infusionen anhängen, abhängen etc. wird von den Schwestern erledigt - aber keine Sorge, es bleibt genug zu tun!
Mein kleiner Alltag hatte sich so eingespielt, dass ich morgens zwischen 7.00 und 7.30 Uhr auf Station kam, meine zwei Patienten untersuchte ( Blutdruck, O²-Sättigung, Temperatur, Puls, evtl. Wundinspektion ) und sie über Schlaf, Schmerzen, Stuhlgang usw. befragte. Hinzu kamen die Sichtung der neu eingegangenen Laborwerte u. ä. und kurze Notizen in den Kurven. Während der Visite musste ich diese Patienten dann kurz vorstellen.
Die Visiten, abwechselnd mit Chef- oder Oberarzt, waren teilweise sehr ausführlich und ermüdend, aber eigentlich immer interessant und lehrreich, besonders weil die Oberärzte ihren „Lehrauftrag“ sehr ernst nehmen – und sich selbst natürlich auch! An zwei Tagen der Woche waren jeweils Studentenkurse mit dabei, eine ziemlich große Visitentruppe mit ca. 20 Personen, die sich dann zwischen dem Flur und den Zimmern hin und her schob, aber eine gute Möglichkeit darstellte, mit peruanischen Medizinstudenten ins Gespräch zu kommen.
Da die Türen der Patientenzimmer tagsüber immer offen stehen und die Familien der Patienten praktisch von morgens bis abends da sind, musste ich mich erst mal an diesen ungewohnten Trubel gewöhnen - die Patienten jedoch schienen daran schon längst gewöhnt zu sein und die geballte Aufmerksamkeit von allen Seiten zu genießen!
Die Lautstärke, das Gewusel vieler Menschen - und auch ein bisschen das Chaos ´- beherrschten das Bild der Station. Nach kurzer Zeit erscheint aber auch dies selbstverständlich und nicht mehr störend. So hebt es eigentlich die Stimmung, dass immer irgendwo ein Radio auf volle Lautstärke gedreht ist und mindestens eine Schwester, ein Arzt oder Angehöriger noch lauter mitsingt!
Aber zurück zum Stationsalltag. Nach der Visite war meist irgendwo im Haus noch ein internistisches Konsil angemeldet, so dass ein Teil der Ärzte, ich durfte eigentlich immer mitkommen, sich noch einmal auf den Weg zu anderen Stationen machte. Für mich bedeutete dies eine hervorragende Möglichkeit, noch in andere medizinische Bereiche hinein zu „schnuppern“. Danach war dann Zeit, die in der Visite besprochenen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen umzusetzen, Arztbriefe zu schreiben, Angehörigengespräche zu führen, Röntgenbilder zu suchen, sich mit Kollegen zu beraten oder in die Kantine zum Mittagessen zu gehen. Ich wurde wie selbstverständlich immer mitgenommen – ob zur Pleurapunktion oder zur spontanen Geburtstagsfeier eines Kollegen!
Besonders spannend fand ich die motivierten internen Weiterbildungen – vom „internado“ (PJ’ler)) bis zum Chefarzt musste jeder einen Vortrag zu einem Thema seiner Wahl vor den Kollegen halten, selbst ich als Famulantin bekam hier keine Ausnahme – dafür aber einmal die Woche eine interessante „presentacion“ zu sehen und zu hören. Ab und zu kamen Ärzte anderer Fachrichtungen dazu, gaben Tipps oder stellten einige Fälle aus ihrer Sicht dar - eine beeindruckende Kollegialität, wohin ich auch sah!
Für mich war es überraschend zu sehen, wie sehr sich der Krankenhausalltag in Peru und in Deutschland doch gleichen und an derselben Stelle wiederum so unterschiedlich sind. Damit meine ich zum Beispiel die Ausstattung im Hospital Nacional, die innerhalb Perus über dem normalen Krankenhausniveau liegt, aber bei Jemandem, der die aufgerüsteten, volltechnisierten und noch geschmackvoll eingerichteten Häuser der sog. Ersten Welt kennt, erst einmal Befremdung hervorruft: Laborergebnisse handschriftlich auf Schmierzetteln, vorausgesetzt, das Reaktans war im Labor nicht ausgegangen, das Röntgenarchiv teilweise ein einzigartiges Chaos, Beatmungsmaschinen, die selbst aus dem letzten Loch zu pfeifen schienen oder der großzügige Einsatz von Breitband-Antibiotika, die ich nur als Reservemittel kannte, weil ein zuverlässiges Antibiogramm oder eine Erregerbestimmung nicht überall Standard sind.
Hinzufügen muss ich aber an dieser Stelle, dass hier mit sehr beschränkten Mitteln eine großartige Medizin gemacht wird! Und für jeden Studenten bietet sich eine Möglichkeit, das deutsche Gesundheitssystem auch mal zu hinterfragen und sich während dieser Famulatur auf eine „Medizin der eigenen fünf Sinne“ ein zu lassen. Es lohnt sich!
Ein kleiner Geheimtipp am Rande: Es macht Sinn, sich für ein paar Tage an die Fersen des Infektiologen zu heften, der von Station zu Station rotiert, um seine verstreuten Patienten zu betreuen – eine sehr gute Möglichkeit, das theoretische MiBi-Wissen mit praktischen Erfahrungen und eigenen Bildern aufzuwerten.
Eine andere Chance, die man nutzen kann, um noch mehr Erfahrungen zu sammeln, ist die Notaufnahme. Ich bin nachmittags einfach da geblieben und habe dann den diensthabenden Arzt begleitet, der die acht Betten der Notaufnahme und die Ambulanz zu betreuen hatte. Für mich war diese Zeit voll von sehr spannenden Erfahrungen, wird doch jede hilfsbereite Hand zum Assistieren gerne angenommen.
Land und Leute Inkastadt Macchu Pichu |
| Ein paar Worte zu Peru und seinen Einwohnern, denn wenn man sich etwas Zeit nimmt, um vor oder nach der Zeit im Krankenhaus, herum zu reisen, gibt es unwahrscheinlich viel zu entdecken. Von den Sehenswürdigkeiten in „Arequipa“ selbst ganz zu schweigen, ist das Umland einfach sehenswert, so z.B. der „Colca-Canyon“ mit seinen „Condoren“ und Siedlungen der prä Inkazeit. Außerdem ist „MacchuPichu“, die Touristenattraktion Perus schlechthin, „nur“ eine Busreise von sechs Stunden entfernt.
Peru ist touristisch relativ gut erschlossen. Es ist deshalb kein Problem - und auch nicht so gefährlich wie in Bolivien - mit den Überlandbussen zu reisen und in jeder Stadt gibt es Unterkünfte in allen Preisklassen, Restaurants, Kinos, Museen und spezielle Reiseangebote wie z.B. Trekking, Reiten, Kanufahren, Ökotouren durch den Regenwald usw. Es würde zu weit führen, weitere touristische Highlights auf zu listen.
Das Essen bietet ein reichhaltiges Angebot von exotischen Früchten, über ca. 600 verschiedene Sorten Kartoffeln, „Quinoa“ und „Amaranth“ - auch „Korn der Inkas“ genannt, Gemüse, Reis bis Fisch, Hühnchen, Schweinefleisch und den besonders leckeren frisch pürierten Obst Shakes. Natürlich gibt es auch viele regionale Spezialitäten wie Meerscheinchen oder Suppe mit Innereien, die zu probieren, ein wenig Überwindung kostet.....
Mit Englisch kommt man gut klar, aber am besten ist doch eine gute spanische Sprachgrundlage. Diese ist sowohl im Krankenhaus empfehlenswert als auch beim Reisen, um sich mit den stets hilfsbereiten und freundlichen Peruanern unterhalten zu können.
Mein Fazit Abendlicher Markt |
| Im Hospital Nacional Carlos Alberto Seguin Escobedo in Arequipa gibt es das breite Spektrum der Inneren Medizin zu sehen, inmitten von freundlichen und hilfsbereiten Menschen und einer tollen Stadt – ja, auch dies macht diese Famulatur sehr empfehlenswert: eine im Vergleich zu Lima sichere Stadt, voll von wunderschönen Ecken, Sehenswürdigkeiten und Möglichkeiten, das peruanische Nachtleben zu entdecken.
Ich kann nur noch einmal betonen, was für eine großartige Zeit ich in diesem Land und dieser Stadt verbracht habe. Grüßt sie mir, wenn Ihr da seid!
S., A.
Magdeburg, Januar 2007 |