Motivation
Vorbereitung
Austin Hospital
Arbeit im Krankenhaus
Finanzen
Leute, Stadt, Land
Fazit
MotivationAustralien, das hört sich nach Ferne, Abenteuer und grenzenloser Freiheit an, nach Hitze und rotem Staub, spektakulärer Natur und exotischer Flora und Fauna. Australien ist aber vor allem auch ein Gemisch der Kulturen und Sprachen, was unter anderem in Melbourne besonders deutlich zum Vorschein kommt.
Einer der großen Vorteile des Medizinstudiums ist meiner Meinung nach die Möglichkeit, große Teile auch im Ausland zu absolvieren und dies nicht nur in nahegelegenen europäischen Staaten, sondern auch in Ländern und Kontinenten, die fernab von sonst frequentierten Urlaubszielen liegen. Ich denke, daß solche Auslandsaufenthalte generell einen sehr großen Beitrag zur Erweiterung des persönlichen Horizonts leisten, nicht nur in Hinblick auf die persönliche Entwicklung, sondern auch in Hinblick auf die spätere berufliche Tätigkeit als Arzt.
Warum gerade Melbourne? Nun, zum einen kannte ich die Stadt von einem früheren Aufenthalt recht gut, was mir in Hinblick auf die Organisation der Famulatur sehr geholfen hat. Und zum anderen ist Melbourne eine faszinierende Stadt: Weltstadt auf der einen Seite, mit internationalem Flughafen, drei Universitäten, vielen Museen und der tollen Lage an der riesigen „Port Philipp Bay“. Und auf der anderen Seite ist man mittels des gut ausgebauten Bus- und Bahnnetzes sehr schnell in den nahegelegenen Nationalparks, deren Natur einen sowohl bei Tagesausflügen als auch bei längeren „bushwalks“ immer wieder zum Staunen bringt.
VorbereitungIch habe mich ca. 3-4 Monate vor der Famulatur für einen Platz in der Neurologie des Austin Hospital beworben. Der Kontakt lief ausschließlich per Email, was sehr gut funktionierte. Anfragen etc. wurden immer innerhalb weniger Tage beantwortet und die Organisation lief insgesamt völlig problemlos ab.
Verlangt wurden neben einer Gebühr von 275 $A für einen Monat eine Bestätigung der Englischkenntnisse (TOEFL-Test o.ä.). Die Verwaltungsgebühr habe ich von einer australischen Freundin einzahlen lassen. Von Deutschland aus geht dies sonst entweder mit per Post geschicktem Scheck oder evtl. per Auslandsüberweisung.
Es wurde nicht von mir verlangt, meinen Impfstatus vorzulegen. Empfohlen sind aber die gleichen Impfungen wie an deutschen Krankenhäusern auch.
Ansonsten wird eine Auslandsversicherung verlangt und zwar zusätzlich zur Kranken- und Haftpflicht- auch eine Berufshaftpflichtversicherung. Diese habe ich problemlos bei der Allianz abgeschlossen.
Der Antrag für das erforderliche Visum kann auf der Homepage der Australischen Botschaft heruntergeladen werden. Ich habe mich telefonisch bei der Botschaft nach dem passenden Visum erkundigt und dann das Formular fürs „Short stay business visa (456)“ ausgefüllt. Dieses kostet 40.- Euro. Dem ausgefüllten Formular muss man eine Röntgen-Thorax-Aufnahme einer ausgewählten Radiologie-Praxis - steht alles auf der Homepage - beifügen. Das Krankenhaus hatte eigentlich ein „Occupational trainee visa (442)“ für mich vorgesehen, welches aber um einiges teurer ist und auch umständlicher zu besorgen. Sie gaben sich aber dann mit dem von mir organisierten Visum zufrieden. Überhaupt musste ich das Visum nur am Flughafen vorzeigen, das Krankenhaus selber wollte eigentlich überhaupt nichts sehen.
Geflogen bin ich mit „Emirates“ von Frankfurt über Dubai und Singapur. Es gibt aber auch etliche andere Airlines (Quantas, Lufthansa, Vietnam Airlines...), die Flüge von Deutschland nach Melbourne anbieten. Es empfiehlt sich, den Flug frühzeitig - mindestens 3-4 Monate vorher - zu buchen, da die Flüge oft recht bald ausgebucht sind und man dann z.T. erheblich mehr bezahlen muss.
Gewohnt habe ich nicht beim Krankenhaus selbst, obwohl dies möglich ist (Details dazu bei der „Clinical School“ erfragen).
An Literatur hatte ich mir das „Medical English“ Buch von Thieme (ISBN 3-13-726304-2) gekauft, welches ich aber bis auf das beigefügte Abkürzungsheft nicht besonders empfehlen kann. Die ständig und überall verwendeten englischen Abkürzungen gibt’s übrigens auch auf einer „pocket card“ vom Björn Bruckmeier Verlag. Ansonsten hatte ich noch einiges für Neuro dabei, hilfreich v.a. der „Trepel“ (Neuranatomie), der Taschenatlas Neurologie und die „Neurologie“ und „stroke“ pocket cards.
Austin HospitalDas Austin Health Hospital ist im Stadtteil „Heidelberg“ im Norden von Melbourne gelegen. Mit dem Zug - Linie nach „Hurstbridge“ oder „Greensborough“ - ist man in etwa 30 min in „Heidelberg Station“, das Austin liegt direkt daneben. Das Krankenhaus liegt auf drei Campi verteilt, dem „Austin“ (Hauptteil), dem „Repatriation centre“ - per shuttle bus in 5 min erreichbar - und dem „Royal Talbot“ (Rehazentrum).
Arbeit im KrankenhausWie gewünscht wurde ich der Abteilung Neurologie zugeteilt und dort v.a. der Schlaganfall unit. Ein paar Tage vor Beginn der Famulatur hatte ich mich in der Clinical School dem „subdean“ vorgestellt und mir ein erstes grobes Bild vom Krankenhaus gemacht. Am ersten Tag wurde ich dann vom sehr freundlichen Chef der Neurologie in Empfang genommen und durfte ihm einen Nachmittag lang folgen. Er stellte mich erst mal allen vor und zeigte mir die Örtlichkeiten. Dann habe ich ihm bei der Untersuchung ambulanter Patienten im „outpatients centre“ des Repatriation Campus zugesehen.
Der Arbeitstag begann meist morgens um 8.00 Uhr. Da ich aus der City anreisen musste, durfte ich aber auch erst um 9.00 Uhr erscheinen. Den Anfang bildete dann meist eine Visite, die aber eher zu losen Zeiten stattfand. Die Neurologieabteilung war in drei Teile aufgeteilt: Die Schlaganfall-Einheit, die Epilepsie-Einheit und die Neurologie-Einheit für den Rest. Jede der drei Einheiten hatte einen „Consultant“, einen „Registrar“ und einen „Resident“. Ich konnte an den Visiten und Veranstaltungen aller drei Einheiten teilnehmen und auch die direkt angrenzende Neurochirurgie und deren OPs habe ich ab und an besucht. Während der Visite wurde ich öfters miteinbezogen und Fragen wurden gerne und ausführlich beantwortet. Überhaupt hatte ich während des gesamten Aufenthalts das Gefühl, als ob den Ärzten sehr viel daran gelegen sei, mir etwas beizubringen. Die Motivation, die sie den Studenten entgegenbrachten, war einfach großartig.
An Stationsarbeit, wie man sie von Famulaturen in Deutschland gewöhnt ist (Anamnese, Blut abnehmen, Verbände machen, Zugänge legen etc.), musste ich recht wenig machen, meist erledigten dies die Schwestern. Dies wertet deren Status natürlich auf, woraus insgesamt ein sehr gutes Arzt-Schwestern-Verhältnis resultiert.
Zusätzlich zum Stationsalltag gab es noch jede Menge Veranstaltungen, welche die Neurologen besucht haben. Mittwoch morgens gab es eine sehr interessante Fallvorstellung durch einen der jüngeren Ärzte, die im „POL-Stil“ gehalten wurde und alle zum Mitarbeiten einlud. Die älteren und erfahreneren Ärzte stellten den Jüngeren dann Fragen und der Fall wurde gemeinsam gelöst. Ansonsten gab es noch mehrere Neuroradiologie-Meetings, in denen die MRTs und CTs der aktuellen Fälle besprochen wurden, außerdem das Neuropathologie-Meeting und mehrere „journal-clubs“. Donnerstag abends gab es noch einen sehr interessanten Neuroscience-Vortrag, bei der neueste Forschungsergebnisse der verschiedensten neurologischen Teilgebiete vorgestellt wurden.
Montags, mittwochs und donnerstags war mittags Ambulanzsprechstunde auf dem Repatriation Campus. Ich konnte dort verschiedene Sprechstunden besuchen, wahlweise entweder die der Patienten mit Bewegungsstörungen (Parkinson, Chorea etc.), die der „normalen“ Neurologie (Epilepsie, Sensibilitätsstörungen etc.), die der Verhaltensstörungen oder die der Schlaganfallpatienten. Meist war man alleine oder mit einem weiteren Studenten zusammen, zusätzlich ein Arzt und natürlich der Patient. Dieser wurde dann befragt und untersucht, wobei ich immer gerne dazwischenfragen durfte und auch bei der Untersuchung miteinbezogen wurde. Ich habe hier die verschiedensten, auch sehr seltenen Krankheiten gesehen und meine Routine bei der neurologischen Untersuchung gefestigt.
Mein Verhältnis zu den Ärzten war sehr gut und entspannt, besonders der Registrar meiner Station, Dr. Ly, hat sich sehr bemüht, mein „neurologisches Denken“ anzuregen, bei bestimmten Symptomen an bestimmte Differentialdiagnosen zu denken und auch verschiedenste internistische Erkrankungen mit Auswirkungen auf die Neurologie im Kopf zu haben. Er hat mich außerdem sehr oft in Pausen zu „coffee and sticky bun“ eingeladen und sich sehr für den Ablauf des medizinischen Alltags an deutschen Krankenhäusern im Vergleich mit den australischen interessiert.
Die größten Unterschiede waren zusätzlich zur o.g. anderen Verteilung der Aufgaben auf Station die gemischtgeschlechtlichen Zimmer, bei denen die einzelnen Patienten bei Untersuchungen, beim Waschen o.ä. durch einen Vorhang abgeschirmt wurden. Außerdem tragen die Ärzte - zumindest am Austin Hospital - keine weißen Kittel, sondern nur Hemd und manchmal Krawatte. Weiterhin ist das Arzt – Patienten Verhältnis dort mehr ein partnerschaftliches „auf einer Augenhöhe“, d.h. Diagnosen, Untersuchungsergebnisse und Prognosen werden den Patienten meist offen gesagt, die Tätigkeit des Arztes wird auch mehr als Dienstleistung verstanden.
FinanzenInsgesamt ist eine Australien-Famulatur recht teuer. In Deutschland Bezahltes gebe ich in Euro an, den Rest in australischen Dollars (1 AUD = 0,6 Euro). Zuallererst natürlich der Flug, der saisonbedingt schwankend so um die 1.000.- Euro kostet. Das Visum kostet 40.- Euro, das Röntgen-Thorax etwa 60.- Euro und die Verwaltungsgebühr des Krankenhauses 275 AUD. Dazu kommen dann noch die Kosten für die Unterkunft und das tägliche Leben. Ausgehen, Restaurants und Cafés sind ähnlich teuer wie in Deutschland.
Ich empfehle die Anschaffung einer Kreditkarte, die dort viel mehr verbreitet ist als hierzulande. Ohne Bargeld kommt man allerdings nicht aus, deshalb empfehle ich das Anlegen eines Kontos bei der Deutschen Bank. Diese hat mit „Westpac“, einer der größten australischen Banken, eine Kooperation, so daß das Geldabheben an den Westpac-Automaten (z.B. im Austin Hospital) keine Gebühren kostet.
Leute, Stadt, LandDie Australier sind ein einzigartiges Volk. Nicht nur die allgemeine Gelassenheit dem Alltag gegenüber und die besondere Fähigkeit, exzessiv zu feiern, mich hat v.a. auch die Zusammensetzung aus so vielen verschiedenen Nationen begeistert. Man hat wirklich den ganzen Tag mit Leuten aus den unterschiedlichsten Ländern zu tun und hört deren Sprachen in den Straßen Melbournes.
Viele Melbourner kommen aus Südostasien, aber es sind auch sehr viele Australier italienischer und griechischer Abstammung vertreten. Alle Nationen haben ihre Küche mitgebracht, so daß ich ein ausgiebiges Auskundschaften der unzähligen Restaurants wärmstens empfehlen kann. Es gibt auch Stadtteile, die vorwiegend in der Hand einer Nation sind. In „Lygon Street“ („Carlton“) kann man Samstagmorgens einen Cappuccino und ein „cornetto“ zu sich nehmen und (fast) nur Italienisch hören, in „Box Hill“ ist Vietnamesisch angesagt, in „Richmond“ Thai und in „Chinatown“ sind alle asiatischen Nationen vorhanden.
Ansonsten ist noch positiv zu vermerken, daß es dort einfach nicht so viele Leute gibt wie hierzulande - 19 Millionen Australier auf dem ganzen Riesenkontinent. Das macht sich v.a. bei Wanderungen und Radtouren außerhalb Melbournes sehr bemerkbar. Man kann z.T. stundenlang laufen, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen – sehr angenehm!
Melbourne ist die zweitgrößte Stadt Australiens und hat einiges an Atmosphäre und Kultur zu bieten. Durch die Lage an der „Port Philipp Bay“ ist Melbourne ans Meer angeschlossen und hat deshalb auch einen großen Hafen. In „St. Kilda“ und „Port Melbourne“ gibt’s Strände und Strandpromenaden mit vielen kleinen Shops und „Fish ’n chipperies“. Der zentrale Stadtteil, CBD, ist sehr großstädtisch, viele Bürotürme und Straßenschluchten, dazwischen traditionelle Gebäude aus viktorianischer Zeit, z.B. der berühmte Bahnhof „Flinder’s Street Station“ und der sensationelle „Queen Victoria Market“. Auf der anderen Seite des „Yarra River“ dann South Melbourne mit „Southbank“ und dem Casino. Hier fahren viele Boote zu Hafenrundfahrten etc. ab. Außerdem gibt’s wiederum viele (teurere) Restaurants. Unbedingt anschauen sollte man sich „Brunswick Street“ und „Lygon Street“ sowie den Queen Victoria Market, wo man die exotischsten Gemüse, Obst, Fisch, Fleisch und was das Herz sonst noch so begehrt, einkaufen kann.
Außerhalb von Melbourne gibt es vielerlei verschiedene Möglichkeiten, das Wochenende oder auch eine längere Zeit zu verbringen. Am faszinierendsten finde ich die spektakuläre Natur in Australien. Im Südwesten die „Great Ocean Road“ mit den berühmten „Twelve Apostels“, im Westen der Nationalpark „The Grampians“ (zum Wandern ideal), im Nordosten das „Yarra Valley“ mit den „wineries“ und Nationalparks, im Südosten die „Mornington Peninsula“ mit den ehemaligen Festungsanlagen, dem berühmtesten „Vanilla slices“ Victorias in „Sorrento“, Delphin- und Robbenbootsfahrten und noch weiter außerhalb, „Wilson’s Promontory“, wo man, was die typische australische Tierwelt angeht, voll auf seine Kosten kommt.
Wer noch länger Zeit hat, könnte von Melbourne aus bequem per Schiff oder Flugzeug nach Tasmanien kommen, was zum Wandern ein Traum ist. Flüge nach Sydney sind schon für um die 50 Dollar zu haben. Wer mehr Zeit hat, kann als Backpacker oder per gemietetem Auto z.B. an der Ostküste entlang bis zum „Barrier Reef“ oder ins Zentrum zum „Ayers Rock“ fahren.
FazitMeine Famulatur in Melbourne war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg. Nicht nur die Verbesserung meines Umgangs- und Fachenglisch, der Einblick in das australische medizinische System und die tolle Betreuung während meiner Famulatur, waren eine Bereicherung, sondern auch die Organisation des ganzen, das Kennen lernen von neuen Leuten und einer neuen Umgebung und das Eintauchen in eine völlig neue Welt waren ein Erlebnis und haben meinen persönlichen Horizont enorm erweitert.
L., J. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Freiburg, Mai 2004
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