Motivation
Vorbereitung und Bewerbung
Das Praktikum
Unterkunft und Finanzielles
Nancy und seine Umgebung
Fazit
MotivationFür mich war klar, dass ich einen Teil meines Krankenpflegepraktikums im Ausland verbringen wollte. Nachdem ich bereits drei Wochen an einer Klinik in Berlin vor Beginn des Studiums in der Chirurgie Patienten gepflegt hatte, wollte ich den Rest des Praktikums möglichst am Anfang meines Studiums hinter mich bringen, damit ich die Ferien kurz vor dem Physikum auch wirklich zur Erholung und zum Lernen nutzen könnte - letzteres hat natürlich nicht geklappt.
Die Frage nach dem Wohin hat sich wie von selbst beantwortet. Ich wollte mein Französisch aufpolieren und nicht zu viele deutsche Medizinstudenten oder Touristen um mich herum haben, halt das „typische französische Leben“ kennen lernen. Daher entschied ich mich für Nancy, eine in Deutschland doch relativ unbekannte Stadt, in der es aber trotzdem eine gute medizinische Fakultät gibt. Außerdem hat eine kleinere Stadt den Vorteil, nicht so teuer in den Lebenshaltungskosten wie Paris oder die EU-Parlamentsstadt Strasbourg zu sein.
Vorbereitung und Bewerbung Maternité Régionale de Nancy |
| Da ich gerne die Geburtshilfe und Gynäkologie kennen lernen wollte, bewarb ich mich an der Maternité Régionale de Nancy. Das ist eine Frauenklinik, aber eben nicht eine von vielen Stationen unter dem Dach einer größeren Klinik, sondern ein eigenständiges Haus, das zur Universität gehört. Dies hat den Vorteil, dass dort Spezialisten aus der Region versammelt sind, man viel lernen kann und interessante Fälle auf der Tagesordnung stehen. Etwa zehn Wochen vor avisiertem Praktikumbeginn fragte ich zunächst telefonisch nach, ob ein Praktikum überhaupt möglich sei. Zehn Anrufe und ein paar Emails später stand dann fest: Il n’y a pas de problèmes!!
In meiner Unwissenheit über das französische System und seine offiziellen Bezeichnungen, bewarb ich mich für ein „stage volontaire observatoire obligatoire“. Damit wurde ich automatisch als Medizinstudent mit dem Status eines „Externe“ eingestuft. Dies entspricht hier zu Lande einem Famulanten. Im Gegensatz zu deutschen Famuli verdienen diese jedoch für ihre Dienste am Patienten. Da die Aussichten auf einen Praktikumplatz gen null gehen, wenn die Verwaltung denkt, man wolle Geld, sollte unbedingt klargestellt werden, dass man auf Lohn verzichtet. Den kann man nur bekommen, wenn man in Frankreich immatrikuliert ist und im dritten Jahr studiert.
Die Einstufung als „Externe“ war für mich natürlich ein Riesenglück, aber es bedeutete auch, dass ich mich teilweise überfordert gefühlt habe und von manchen Sachen noch keinen blassen Schimmer hatte. Gerade dadurch und da ich immer sehr gut betreut wurde, habe ich aber auch enorm viel gelernt.
Das Praktikum Gemälde in den Gängen des Krankenhauses |
| An meinem ersten Tag wusste, trotz langem Email- und Telefonverkehr, niemand so recht, wo ich hingehöre und was ich hier überhaupt mache. Nach einigem Hin und Her, wobei man sich immer sehr freundlich (nette Worte, Tee, Schokolade…) um mich kümmerte, konnte ich mir aussuchen, auf welcher Station ich meine erste Woche verbringen wollte. Sofort habe ich mich für den Kreißsaal entschieden.
Da in der Maternité sowohl Hebammenschülerinnen als auch Externes ausgebildet werden, war immer jemand da, der mir gerne und studentengerecht alles erklärte und auch bei Sprachproblemen half. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass die Stationen ein wenig überbevölkert sind. Zwangsläufig gab es da zeitweise Leerlauf. Außerdem werden an einer Universitätsklinik viele Fachärzte („Internes“) ausgebildet. Gerade die waren es, die uns, die „Externes“ ermunterten, zu tasten, zu schauen und bei Untersuchungen mal selber Hand anzulegen. Aber auch die Hebammen und Schwestern haben mir viel beigebracht.
Während meiner fünf Wochen dort durfte ich unter Anleitung zwei Babys „auf die Welt holen“, routinemäßige gynäkologische Untersuchungen machen, Blut abnehmen, EKGs anlegen, Patienten eigenständig befragen und dann dem zuständigen „Interne“ vorstellen und sogar in einer personellen Notsituation - danach auch noch ein paar Mal - am OP-Tisch assistieren.
Neben dem Kreißsaal war ich noch in der Notaufnahme, auf der prä- und postnatalen gynäkologischen Station, habe an der Beratung von externen Patienten teilgenommen und habe einen Einblick in das Feld der künstlichen Befruchtung bekommen.
Das Arbeitsklima in der Klinik war äußerst angenehm, ganz anders als ich dies von Deutschland gewohnt war. Ich fühlte mich schnell wohl und als ein Teil eines Teams. Sicherlich hat dazu auch die gute Atmosphäre im Ärzteaufenthaltsraum beigetragen. Hier gab es immer Kaffe, Tee, Baguette, Schokolade…. Außerdem stand dort ein Kickertisch, so lernte man im Nu die anderen Ärzte kennen und selbst „Monsieur le Prof.“ war nicht mehr unnahbar. Das heißt allerdings nicht, dass es dort flache Hierarchien oder ähnliches gibt. Ganz im Gegenteil: das Betreten des Ärzteaufenthaltsraumes war für alle Nicht-Mediziner ein absolutes Sakrileg. Während des Mittagessens beispielsweise saßen Ärzte streng getrennt von Hebammen, die wiederum von den Schwestern, die von den „Aides soignantes“… In anderen Krankenhäusern soll es sogar getrennte Speisesäle geben. Außerdem gab es, wenn auch nicht auf den ersten Blick erkennbar, gewisse Schwierigkeiten zwischen französischen und ausländischen Ärzten, die vor allem aus Tunesien oder dem Ostblock kamen.
Unterkunft und FinanziellesGewohnt habe ich im Internat der Hebammenschule. Auch hier war Trennung angesagt, nein nicht nach Geschlechtern, sondern nach Medizinern und Hebammenschülerinnen, die waren nämlich auf zwei unterschiedlichen Stockwerken untergebracht. Auf meiner Etage wohnte ich mit vier ausländischen Internes und drei ausländischen Ärzten. Es dauerte nicht lange, bis ich alle kannte. Wir haben dort oft zusammen gegessen oder sind abends nochmals weg gegangen, natürlich nur ins Kino, denn am nächsten Tag musste man ja früh aufstehen! Es brachte außerdem den Vorteil, dass man auch in der Klinik einige Ärzte kannte und immer wieder auf bekannte Gesichter stieß.
Das Zimmer hat für fünf Wochen 170.- Euro gekostet - inkl. täglich frischem Baguette. Ansonsten sollte man Geld für Ausflüge, Mittagessen und Freizeit einplanen. Um bei der Anreise Geld zu sparen, empfiehlt es sich, mit dem Nachtzug bis zur französischen Grenze zu fahren und von dort dann weiter. Auf diese Weise kann man den 39.- Euro Sondertarif für Nachtzüge innerhalb Deutschlands in Anspruch nehmen.
Nancy und seine UmgebungNancy ist eine typische mittelgroße französische Stadt in Lothringen im Nordosten Frankreichs. Hier formierte sich im 19. Jahrhundert die Schule von Nancy, eine weltberühmte Hypnoseschule, in der Freud, bevor er die Psychoanalyse entwickelte, hypnotherapeutische Behandlungsversuche studierte. Außerdem ist die Stadt berühmt für die „École de Nancy“, einer Richtung des Jugendstils. Für Jugendstilfans lohnt sich der Besuch des Restaurants „Exselsior“ in Bahnhofsnähe. Der prachtvolle Speisesaal vermag eine ganz besondere Atmosphäre hervorzurufen und man möchte am liebsten nicht mehr weg, wenn es denn nicht so teuer wäre!
Das Herzstück der Stadt ist der „Place Stanislas“ oder auch nur „Place Stan“ genannt, der auch ab und zu als der schönste Platz Europas aufgeführt wird. Es ist wirklich ein wunderschöner Platz, um den es viele kleine Cafés und eine hübsche Gasse mit guten Restaurants gibt. Wenn man da so lang schlendert und das noch an einem warmen Sommerabend, glaubt man zu wissen, was französisches „savoir vivre“ heißt. Direkt an den Platz schließt sich der „Pipinière“, der größte und schönste Park der Stadt, an.
Ausflüge in die Umgebung lohnen sich immer. Metz und Strasbourg sind sehr nah und gut mit dem Zug zu erreichen, aber auch ein Kurztrip nach Luxembourg ist zeitlich gut machbar.
FazitFür mich hat es sich sehr gelohnt, nach Frankreich zu gehen. Ich habe nicht nur mein Französisch verbessert, sondern ich habe viel mehr gesehen, gelernt und gemacht, als ich je zu träumen gewagt hätte.
Das Wissen, das ich vermittelt bekommen und mir erworben habe, war für mich die ganze Vorklinik über von unschätzbarem Wert. Nicht nur, dass ich in diesem ganzen Vorklinikwust ein Ziel vor Augen hatte. Die Tatsache war, dass ich dadurch beim Büffeln so manches Mal ein Aha-Erlebnis hatte, weil der Stoff eben nicht nur graue Theorie war, sondern mit Erlebnissen aus dem Praktikum in Verbindung gebracht werden konnte.
Deshalb kann ich jedem nur empfehlen, gerade auch am Anfang des Studiums ins Ausland zu gehen, auch wenn man vielleicht Bedenken wegen der Sprache oder fachlichen Kompetenz hat, aber die Theorie kann einen nie gut genug auf die Praxis vorbereiten!
D., E.
Berlin, März 2005 |