Warum Bolivien, warum San Gabriel?
Vorbereitungen
Ankommen in La Paz
Hospital San Gabriel
Aufgaben der „Internos“
Einstellungen
Leben und Chaos in La Paz
Reisen und Sprache
Studiengebühren, Lebenshaltungskosten
Eigene Gesundheit
Fazit
Danke
Warum Bolivien, warum San Gabriel?Nachdem ich während des Studiums jeweils zwei Monate in einer kleinen Gesund-heitsstation in den bolivianischen Bergen und in einem Dorfgesundheitsprojekt in Guatemala gearbeitet hatte, wollte ich nun im PJ die andere, institutionalisierte Seite der lateinamerikanischen Gesundheitsversorgung kennen lernen.
In das quirlige, atemberaubende La Paz hatte ich mich schon während meines ersten Bolivien-aufenthalts verliebt und das Hospital San Gabriel wirkte von fern sehr viel-versprechend: 120 Betten, in einem der ärmeren Stadtteile gelegen, vom Gedanken getragen, der ärmeren Bevölkerung eine gute grundlegende Gesundheits-Versorgung zukommen zu lassen, viele Projekte mit partizipativem Ansatz (Selbsthilfegruppen, Unterstützung der Familien der PatientInnen). So zumindest die Außendarstellung, so dass mir die Entscheidung für San Gabriel nicht schwer fiel.
Auf meine Anfrage per Email an die Direktorin von San Gabriel, Dra. Lieselotte Barragan, erhielt ich bereits zwei Tage später eine Zusage. Auch die weitere Kommunikation vor Antritt des Tertials klappte gut.
VorbereitungenDie Vorbereitungen gestalteten sich während meines ersten PJ-Tertials ziemlich hektisch. Lesen des Beck´schen Länderführers über Bolivien, ein paar Zeitungen aus der Informationsstelle Lateinamerika hier in Bonn, „joggen für den Hämatokrit“ und Wiederholung der spanischen Fachbegriffe mit dem fantastischen Thieme-Buch „Spanisch für Mediziner“. Mit Eu-Reisepass muss man kein Visum beantragen. Man bekommt ein 90-Tage-Visum am Flughafen von El Alto. Andere Grenzstellen geben nur ein 30-Tage-Visum. Das 30-Tage-Visum kann ohne Gebühr in der „Migración“ in La Paz auf 90 Tage verlängert werden; für die Verlängerung des 90-Tage-Visums muss dort eine Gebühr bezahlt werden, deren Höhe anscheinend mit dem Mondzyklus variiert; oder man reist für mindestens einen Tag aus dem Land aus und wieder ein.
Der Reisepass mit dem Visum muss jederzeit mitgeführt werden!
Und Achtung, im Moment gibt es Gerüchte, dass das US-Transitvisum abgeschafft wird und man selbst für den Transit, wenn der Aufenthalt im Drittland länger als 90 Tage dauert, ein reguläres Visum für die USA beantragen muss. Also besser vor dem Buchen des Fluges noch mal erkundigen...Es gibt keinen Direktflug von Europa nach Bolivien. Flüge gehen entweder über die USA (American oder Continental Airlines) oder Brasilien (Varig und Iberia). Die billigsten Flüge kosten um die 900 Euro.Ich hatte die Pro3-Auslandsreisekrankenversicherung von der Allianz ( hierzu weitere Infos).Alles, was man zum Leben braucht, kann man auf den unendlichen Märkten von La Paz kaufen, auch Sonnencreme, Tampons, Kondome, Filme für die Kamera usw. Man muss unbedingt warme Kleidung mitbringen; die Nächte im „Altiplano“ sind eisig und die Alpaca-Pullis so billig nicht... Reiseführer sollte man auch mitbringen, auch von den umliegenden Ländern, falls man noch vorhat, weiterzureisen - die kann man in La Paz nicht kaufen.
Für die Arbeit im Krankenhaus braucht man Stethoskop, Lämpchen, Reflexhammer; eigenes Händedesinfektionsmittel ist nicht verkehrt. Die Klinik hatte mich gebeten, eigene weiße Kittel und eigene OP-Kleidung mitzubringen. Meine beiden Kittel und drei OP-Anzüge sind mir dann in der Wäscherei geklaut worden.
Dra Barragan hatte mich außerdem gebeten, bestimmte medizinische Geräte mitzubringen (Kinder-ZVKs, Intubationsbestecke, Monitoren...). Meine PJ-Kinderklinik machte eine großzügige Spende, so dass ich einen Koffer voller Sachen mitbringen konnte. Von alldem habe ich nichts später in der Klinik wieder gefunden.
Ankommen in La PazDie im weiteren Verlauf meines Berichtes folgenden kursiven Abschnitte sind jeweils Ausschnitte von Emails, die ich von La Paz aus nach Deutschland geschrieben habe.
8. Februar: Das Hospital San Gabriel, in dem ich mein Chirurgie-Tertial machen werde, liegt im Stadtteil Villa Copacabana, aber von Strandromantik ist es weit entfernt. Tritt man aus dem Krankenhausgelände heraus, beginnt ein Gewühl von Salteña-Verkäuferinnen, wuscheligen Strassenhunden, hupenden Minis, Micros (beides Busse, aber die Minis sind kleiner als die Micros, komisch,ne?),Taxis, Radiotaxis, Marktständen kreuz und quer mit Obst, Brillen, Besen ...
Ich habe den Verdacht, dass die Läden in La Paz thematisch angeordnet sind. Es gibt eine Strasse mit Banken, eine mit Schneidereien, eine mit Pralinenläden - und die unsrige ist die Strasse des FLEISCHS. Halbe Rinder hängen ungekühlt zwischen sich drehenden Brathähnchen, und Innereien jeder Art geben Rätsel auf - welches Organ, welches Tier, und wer will das essen?
La Paz ist eine Wahnsinnsstadt, die Augen gehen mir über vor so viel Schönheit, Elend, Kunst, Dreck nebeneinander. Überall sind Märkte, an denen die Cholas mit ihren 10 Röcken übereinander, einem runden chicken Hut auf dem Kopf und einem Kind auf dem Rücken alles, aber auch wirklich alles verkaufen. Berühmt ist der Mercado de Hechiceria, auf dem es neben Kräutern und vodoo-ähnlichen Figuren auch Lama-Feten zu kaufen gibt.
Je weiter man in La Paz nach unten in die Tiefe geht, desto mehr lässt man das Indigene hinter sich, und die Stadt scheint fast europäisch. Im Gegensatz zu El Alto, der Satellitenstadt der Migranten vom Land, die auf 4.000 m liegt und wo ein eisiger Wind weht, ist es unten in Sopocachi warm und es wachsen sogar Palmen! Die Zona Sur besteht fast nur aus eingezäunten Villen mit Schwimmbädern, Hollywoodschaukeln,...
Bolivien ist ein wunderschönes Land. Im Südwesten das harsche, kalte, Windzerfetzte „Altiplano“ - La Paz ist die höchste Hauptstadt der Welt auf 3.200 bis 4.100 m Höhe - das durch die „Yungas“ abfällt in den Dschungel, das Amazonastiefbecken, die Anbaustätten des Cocas. Im Westen der funkelnde Titicacasee, im Süden die surreale Salzwüste und rote Seen – und so viele Bodenschätze.
Doch Bolivien ist „der Bettler auf dem goldenen Thron“, nach Haiti das zweitärmste Land Lateinamerikas. Mit der größten indigenen Bevölkerung (60% der Gesamt-bevölkerung, v.a. Quechua und Aymara) aller Länder Lateinamerikas und einer kleinen wirtschaftlich-politischen Elite scheinen die Konflikte zwischen arm und reich, Stadt und Land, Kommunismus und (Neo-)Liberalismus allgegenwärtig und unüberbrückbar.
Jeder Bewohner Boliviens ist für seine Gesundheit selbst verantwortlich. Für alle Arztbesuche, Medikamente, Operationen und Krankenhausaufenthalte muss selbst gezahlt werden. Nur einige Bergarbeiter, Beamte und einige wenige Angestellten genießen - sehr eingeschränkte - Versicherungsleistungen.
Eine Ausnahme stellen schwangere Frauen und Kinder unter fünf Jahren dar. Als Maßnahme gegen die immens hohe Mütter-, perinatale und Kindersterblichkeit hat die Regierung vor ca. eineinhalb Jahren die „Seguridad Materno Infantil“ (SUMI) geschaffen. Bestimmte Kliniken haben sich dieser Versicherung angeschlossen, behandeln Schwangere und Kinder umsonst und bekommen das Geld vom Staat rückerstattet.
Das Hospital San Gabriel ist der SUMI nicht beigetreten – ein Schritt weg von der Primärversorgung der unterprivilegierten Bevölkerung.
Hospital San GabrielEine Selbstbeschreibung der Klinik gibt es auf der Homepage des österreichischen Pendants zum dfa, der AMSA (Siehe weiterführende Links).
Mein erster Eindruck des Hospitals war der folgende:
18. Februar: Seit einer Woche bin ich jetzt im Krankenhaus und habe schon einige Panikschübe, Verzweiflungsmomente, aber auch sehr, sehr schöne Erlebnisse hinter mir - und so ganz weiß ich noch nicht, was ich von dieser Klinik halten soll.
Das "Hospital San Gabriel" ist Lehrkrankenhaus der staatlichen Uni hier in La Paz, besteht aber unter privater Trägerschaft eines Vereins, dessen Vorsitzende die Deutsche Lieselotte Barragan ist - sie ist auch die Chefin der Klinik. Und ganz im Gegenteil zu den offiziellen Selbstbeschreibungen ist es kein Krankenhaus für Arme, sondern es muss gezahlt werden - 80 Bolivianos (10 Dollar) pro Tag. Das ist eine Menge hier. Dazu kommen die Kosten für die Medikamente, die alle einzeln von den PatientInnen bzw. deren Familien eingekauft werden müssen. Und jedes Röntgenbild, jede Ultraschalluntersuchung muss einzeln bezahlt werden.
Nur etwa 20% der BolivianerInnen sind krankenversichert, der Rest zahlt selbst - oder kann sich den Krankenhausaufenthalt halt nicht leisten. Die meisten PatientInnen, die in die Ambulanz kommen und eigentlich eine stationäre Behandlung bräuchten, gehen sofort wieder, wenn sie die Kosten hören - und auch wenn sie erst einmal in der Klinik sind, gibt es lauter Probleme...
Zwei Geschichten dazu:
Einige Wochen lang lag hier ein Frühchen mit verschiedenen Frühchen-Komplikationen, die Kosten summierten sich, und als die Entlassung anstand, rückte die Familie damit heraus, dass sie nicht alles bezahlen würden können. Kein Patient wird aber entlassen, ohne dass die Rechnung bezahlt ist - also blieb das Kind. Jeden Tag wurde die Rechnung höher - bis irgendwann die Mutter ihr Kind nachts entführte, vorbei an den Sicherheitskräften, die dafür angestellt sind, dafür zu sorgen, dass keiner von den Patienten türmt.
Die Familie war natürlich nicht aufzutreiben, und so muss jetzt der verantwortliche Sicherheitsmensch zwei Jahre (!!) ohne Lohn in San Gabriel arbeiten.
Eine andere: Ein Patient von "meiner" Station hatte eine Peronaeus-Fraktur. Ich habe nach der OP das Rezept für die Medikamente geschrieben - nur war leider niemand von der Familie da, der sie hätte besorgen können - und so blieb der arme Mann sechs Stunden ohne Schmerzmedikamente, bis seine Tochter aus den Yungas kam.
Das Krankenhaus hat furchtbar wenige Patienten. Letzte Woche waren auf der Chirurgie-Station durchschnittlich vier Patienten! Es ist wirklich auf dem absteigenden Ast, absteigend mit der Situation Boliviens. Eigentlich hat es ca. 120 Betten (Innere, Chirurgie, Kinderheilkunde, Gyn), und in der letzten Woche waren immer so ca. 13 belegt.
Das Hospital teilte sich auf in den Bereich für die stationäre Versorgung und in die Ambulanzen. In jeder der vier Abteilungen waren zwei bis vier „Internos“ - Studierende im letzten Studienjahr - beschäftigt. Für das ganze Haus gab es dann noch drei „Medicos de guardia“, Ärzte, die im letzten Jahr das Studium abgeschlossen hatten. Hinzu kamen insgesamt ca. 40 Fachärzte, die für die Visiten, Operationen und Sprechstunden ins Haus kamen, zum Teil nur einen Vormittag in der Woche präsent waren und immer nur einzelne Patienten betreuten.
Fortbildungen, Besprechungen, gemeinsame Visiten o.ä. fanden nicht statt. Die Leitung des Krankenhauses und der ausufernde Verwaltungsapparat saßen im dritten Stock, „thronten“ also gewissermaßen über dem Rest des Hauses. An diagnostischen Möglichkeiten gab es ein Röntgengerät, ein Ultraschallgerät und ein Häma- sowie ein Mikrobio-Labor. Die Schwestern waren aufgrund der geringen Patientenzahlen gut besetzt - ca. eine Schwester für drei Patienten. Sie verabreichten die Medikamente, hatten aber sonst keine pflegerischen Aufgaben.
Aufgaben der „Internos“Wegen meiner ausreichenden Spanischkenntnisse war ich von Beginn an den bolivianischen „Internos“ gleichgestellt. Am Morgen wurde jeder Patient befragt und untersucht; und über jeden Patient musste ein Report des vergangenen Tages geschrieben werden. Dabei mussten dann auch sämtliche Eckdaten, alle Diagnosen usw. noch mal aufgeschrieben werden – vor allem also eine große Fleißarbeit. Im Prinzip fand ich es gut, sich jeden Morgen noch mal ausführlich mit jedem Patienten zu beschäftigen, aber es kam eher darauf an, den Report hübsch und ohne Rechtschreibfehler als inhaltlich korrekt oder problemorientiert abzufassen.
Diese Berichte mussten bis 8.00 Uhr fertig sein, was angesichts der geringen Patientenzahlen auch kein Problem war, und dann begann das Warten auf die Fachärzte, die gegen 9.00 Uhr eintrudelten. Dann folgte die Visite der Ärzte bei ihren ein bis zwei Patienten. Verbandswechsel, Gipsen usw. wurde in diesem Rahmen auch von den Fachärzten ausgeführt; wir bekamen dazu nicht die Gelegenheit. Überhaupt war das Ausführen manueller Tätigkeiten von einem großen Mythos umgeben; einmal schauten mir 12 Personen beim Legen eines Blasenkatheters zu... Nach der Visite führten wir „Internos“ die Anordnungen aus und schrieben die Rezepte; die Angehörigen mussten dann die Medikamente besorgen.
Neu aufzunehmende Patienten wurden zuerst von den „Medicos de guardia“ aufgenommen und untersucht, die dann auch die Anordnungen machten, und dann mussten wir „Internos“ das Prozedere wiederholen, wobei wir die Anamnese und Untersuchungsergebnisse dann auf uralten Schreibmaschinen passgenau in vorgefertigte Formulare eintrugen.
Dann begann das lange Warten auf den Beginn der ambulanten Sprechstunden um 14.00 Uhr, in denen wir zuhörten und mit untersuchten. Durchschnittlich kamen drei Patienten täglich in die Sprechstunden.
Ungefähr dreimal wöchentlich konnte ich bei einer OP assistieren. Ich sah offene und laparoskopische Cholecystektomien, Vasektomien, transuretrale Prostata-resektionen, Nasenplastiken, viele Versorgungen von Frakturen. Im OP intubierte ich, hielt Haken und nähte. Die Stimmung war bei den meisten Operateuren gut und sie hatten Lust, viel zu erklären. Nachher schrieb ich dann einen Bericht über den OP-Ablauf und überwachte die Patienten weiter.
Alle drei Nächte hatte ich Nachtdienst, blieb also von 7.30 Uhr morgens bis 18.00 Uhr des nächsten Abends im Hospital. Der Nachtdienst begann mit der gemeinsamen Visite der Dienst habenden „internos“ und „Medico de guardia“. Danach war es meine Aufgabe, die postoperativen bzw. kritischen Patienten zu überwachen, da die Schwestern, die im Schichtdienst arbeiteten, dies nachts nicht mehr als ihre Aufgabe auffassten. Da keinerlei Möglichkeit zum Monitoring gegeben war, hieß das: alle ein bis zwei Stunden aufstehen, Puls, Atmung, RR kontrollieren, Schmerzmittel verordnen (die dann meist nicht gegeben wurden, von uns „Internos“ aber nicht gegeben werden durften). Theoretisch waren wir auch für die Notaufnahme zuständig. Dorthin kamen nachts aber nur sehr selten Patienten.
Kritische Situationen bedeuteten meist den Tod:
24. Februar: Letzte Woche kam abends eine Patientin mit Zucker über 500 mg/% - Kaliumbestimmung war nur einmalig und Blutgasanalyse ist gar nicht möglich. Versorgt wurde die Patientin vom Interno und Medico de guardia und gepuffert wurde nach Gefühl. Die Intensivmedizinerin kam erst gar nicht und gab dann, als sie da war, keine klaren Anweisungen. Die Beatmungsgeräte stellten sich als kaputt heraus. Weil die Kompetenzen nicht klar waren, wurde die Patientin nicht verlegt. Gegen Morgen bekam sie einen Herzstillstand und niemand der Anwesenden wusste, wie der Defi zu bedienen war - und so starb die Patientin, Mitte 40.
EinstellungenMir fiel es zunehmend schwer und es machte mich traurig und wütend, im Hospital zu arbeiten. Dass aufgrund des Systems und der begrenzten Ressourcen medizinische Hilfe nur eingeschränkt möglich war, das war mir vorher klar. Womit ich nur schwer leben konnte, war die Selbstherrlichkeit und der Rassismus der Fachärzte, die unter dem Deckmantel „Entwicklungsland“ Patienten schlechter behandelten als nötig. Die Patienten wurden als Menschen niederer Klasse angesehen; Gespräche über die „kokakauenden, steinewerfenden Indios“ waren an der Tagesordnung. Neben herablassenden Bemerkungen zu Patienten, Nichtbeachtung und unmöglichem Verhalten kam es zu unnötigen, allein in Gleichgültigkeit begründeten Todesfällen.
Es gab viele Gründe für diese Verhaltensweisen - einer war sicher, dass die Ärzte in San Gabriel seit über einem Jahr keinen Lohn mehr erhalten hatten. Die sinkenden Patientenzahlen hatten zur hohen Verschuldung des Hospitals geführt.
Ein anderer war, dass Medizinstudierende und Ärzte fast ausschließlich aus den sehr privilegierten Schichten des Landes kommen - alle „Internos“ und fast alle Ärzte wohnten in der „Zona Sur“ - und die dort vorherrschenden Denkweisen reproduzieren sich weiter, da sie nie hinterfragt werden und wenn man mit entsprechendem Blick durch die Welt geht, werden sie jeden Tag aufs Neue bestätigt.
Jeder Arzt konnte nach eigenem Gutdünken schalten und walten, da niemals Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden. Offensichtliche Fehler wurden unter den Tisch gekehrt.
Der schlimmste Moment des Tertials war eine Operation eines jungen Patienten, Vater von fünf Kindern, aus den „Yungas“ mit schmerzlosem Ikterus seit zwei Wochen, der ansonsten stabil war. Dies sei eine Not-OP, befand der Chirurg, hinderte mich an der körperlichen Untersuchung und daran, Laboruntersuchungen anzuordnen, was meine Aufgabe gewesen wäre. Auch sonstige Vorbereitungen seien nicht nötig - auch auf die Familie zu warten, nicht. (Wenn z.B. Blutspenden nötig werden, muss ein Familienmitglied spenden, eine Blutbank gibt es nicht.) Eine Bildgebung war ebenfalls nicht erfolgt. Der Arzt, der andere assistierende „Interno“ und ich sahen laparoskopisch einen die Gallenwege komprimierenden Tumor, den der Arzt versuchte, laparoskopisch zu entfernen. Nach einer Stunde hatte der Patient bereits weit über zwei Liter Blut verloren, so dass sich der Chirurg entschied, jetzt doch mal den Bauch zu öffnen, wobei er die ganze Zeit auf uns einschrie: „Wenn Ihr weiter so beschissen assistiert, stirbt der Patient“.
Weil der Patient dieselbe Blutgruppe hatte wie ich, sollte und wollte ich nun spenden und irrte eine Ewigkeit durch dieses große leere Haus, ohne Blutbeutel zu finden oder eine MTA zum Kreuzen. Der Patient dekompensierte und starb auf dem OP-Tisch. Der Chirurg verließ den Raum und ließ uns „Internos“ die Drainagen entfernen und nähen.
Mich beschäftigte dies noch lange und ich fragte mich immer wieder nach meiner Mitschuld. Ich glaube nicht, dass man sich im PJ in solch belastende Situationen begeben sollte.
Besonders anstrengend fand ich den Kontrast zwischen Menschenverachtung im Hospital und der Darstellung nach außen durch die Krankenhausleitung.
2. April: In meinen Dienst kam eine 86jährige Frau, der ihr Sohn den Oberschenkel gebrochen hatte... Sie hatte nicht nur diese Fraktur, sondern auch eine schwere Anämie, war völlig verwahrlost. Diese Frau hat 13 Kinder geboren, sieben leben noch, und die weigerten sich, die Materialien für die OP zu kaufen, sich um Blut und Medikamente zu kümmern und hatten sich außerdem in zwei Parteien gleich Mafiabanden aufgespalten, die sich Film reife Schlachten auf der Station lieferten.
Und was macht das Krankenhaus, das laut Außendarstellung die Patienten so ganzheitlich behandelt, den soziokulturellen Hintergrund und die familiären Umstände berücksichtigt (wirklich, Ihr müsstet Euch mal die Prospekte hier durchlesen, da kommen einem echt die Tränen vor so viel Güte...)? Nichts!
Es bemüht sich, die Patientin schnellstmöglich loszuwerden, tut alles, damit die Patientin nur geht, geht, geht. Am letzten Tag entwickelt die Patientin dann noch eine Pneumonie, natürlich, und der Medico de guardia weigert sich, Antibiotika zu verschreiben - "es bringt eh nichts mehr"...
Ich konnte das alles nicht fassen; wie kann ein Krankenhaus zusehen, wie eine Familie ihre Mutter in den Tod schickt? Nachdem ich genug rumgeheult hatte, fand sich schließlich ein Arzt bereit, den Fall bei seiner Freundin im "Sozialamt" zu melden. Dazu brauchte ich aber die Akte, die mir die Leitung nicht geben wollte, dann doch, dann doch nicht, dann nur dem Arzt, aber morgen, und dann kam der Streik, und jetzt ist die Frau tot. Gestorben am System, oder an unserer Gleichgültigkeit?
Gleichzeitig bestand die absolute Gewissheit, dass in Bolivien im Allgemeinen und in San Gabriel im Besonderen die absolut beste Medizin betrieben wird.
22. Februar: Ich war im OP nach den Differentialdiagnosen der akuten Appendizitis gefragt worden und erwähnte eine rupturierte Eileiterschwangerschaft: "Das zu verwechseln, kann auch nur einem deutschen Arzt passieren. UNS ist das schon nach der Anamnese klar."
Mit so wenig Engagement, Selbstkritik und Idealen mehr, wäre so viel Besseres möglich gewesen. Ich versuchte lange, mich dem entgegenzusetzen und im kleinen Rahmen meines Möglichen gut zu arbeiten und den Patienten Hilfe zukommen zu lassen, was aber ein Kampf gegen Windmühlen war und vor allem zur Folge hatte, als Sozialistin verschrien zu werden. Da es mir zunehmend schlechter mit alldem ging, habe ich das Tertial einen Monat früher als geplant beendet.
Leben und Chaos in La PazLa Paz nimmt einem den Atem - im buchstäblichen und übertragenen Sinne. Der Verkehr bergauf, bergab ist mörderisch; zahnlose „Cholas“ halten einem bunte kunstvolle Tücher unter die Nase; Schuhputzer rennen mit der Büste hinter dir her und nie, nie, niemals gibt es Wechselgeld.
La Paz schläft oder ruht nie, Lärm oder kreischende Musik ist allgegenwärtig:
Ich habe noch mehr Indolenz im anscheinend panamerikanischen Trauma der Schlager, Schnulzen, Liebeslieder in Bussen, Taxen und Lastwagen. Immer dasselbe: Über grob frequentem Rauschen, bedingt durch das Alter der Kassette, heulen schlecht gestimmte Geigen, ein Frauenchor und ein Halbkastrat singt vom Drama des Verlassenwerdens, nicht erhört Werdens - der Liebe an sich. Mein aktueller, viel gespielter Favorit: "Espere, espere un poquiiiiiiiiiito mas", wobei das iiiii ca. fünf furchtbare Sekunden anhält, dabei aber stetig an Tonhöhe verliert.
Ich an IHRER Stelle würde NICHT warten...
Als ich dort war, spitzte sich die politische Lage zu:
22. April: Ich sitz in meiner Strasse fest, eingekesselt in Via de Copacabana! Die streikenden Transportistas haben die Stadt in ihrer Gewalt, haben alle Kreuzungen blockiert, und kein Rad dreht sich - eine 1.5 - Millionen-Stadt ist lahm gelegt...
Zu Beginn also, weil es meinen Alltag hier momentan bestimmt, erstmal etwas bolivianische Innenpolitik...
Wie Ihr Euch vielleicht erinnern könnt, gab es im Oktober letzten Jahres Unruhen hier in La Paz. Dreh- und Angelpunkt waren die bolivianischen Erdgasvorräte, die die damalige Regierung exportieren wollte - zu ungünstigen Bedingungen, wie die Bevölkerung damals meinte. Nun gab es wieder Diskussionen, Proteste, Demonstrationen... Letzte Woche sind dann alle Minister kollektiv zurückgetreten, es wurde eine Volksabstimmung für Mitte Juli über den Gasexport angekündigt... und gestern wurde kurzerhand Gas nach Argentinien verkauft.
Es gibt Gerüchte, die Kirche ruft zur Ruhe auf, die Gewerkschaften haben einen Generalstreik ab Mai angekündigt. Und: seit letzter Woche gab es einen Sternmarsch der Universitäten auf La Paz. Die Studenten fordern mehr Geld für die Ausbildung.
Die comerciantes (Leute mit kleinen Geschäftchen und Marktständen) demonstrieren, da die Regierung auch für sie Gewerbesteuer erheben will... Und wie um jetzt noch eins draufzusetzen, haben heute die Transportistas, also alle Taxi-, Bus-, LKW-Fahrer gestreikt; allerdings nicht halbherzig wie im Februar, sondern landesweit organisiert und vollständig.
Trügerische Ruhe, Volksfest, oder gespenstisch? Ich konnte mich nicht so richtig entscheiden, was für eine Stimmung heute in Villa Copacabana herrschte. Muss man sonst gesundes Selbstbewusstsein und Skrupellosigkeit oder wirklich schnelle Füße mitbringen, um die Strasse zu überqueren, spielten dort heute die Kinder Fußball, die paar comerciantes, die arbeiteten, verschenkten Suppe an die Passanten, und Omis gingen ganz, ganz langsam auf der Mitte der Strasse die selbige hinunter...
Nur ein Bruchteil der Ärzte und Krankenschwestern schaffte es ins Hospital, die Patienten allerdings nicht - ein totes Haus.
Wir saßen Eis essend auf den Stufen vorm Hospital und schauen fern, um zu sehen, was zehn Strassen weiter im Zentrum passiert... bis jetzt ist alles relativ ruhig, zumindest keine schweren Ausschreitungen, und wir beten, dass es so bleibt.
Was ich bei alldem fühle, weiß ich nicht so richtig. Gefährdet, nein, dazu ist alles zu überschaubar, ich kann mich fern- und raushalten. Im Moment ist es eher eine morbide Faszination für ein so fragiles Land, in dem so viel möglich wäre und in dem so viel scheitert. In dem sich die verschiedenen Ethnien und Klassen verständnislos gegenüber stehen und keine Mühe zeigen, dieses Verständnis zu schaffen.
Straßensperren und der Einsatz von Tränengas wurden immer häufiger. In die Situation habe ich mich erstaunlich gleichmütig gefügt und eigentlich erst bei meiner Heimkehr gemerkt, unter welcher Anspannung ich gestanden hatte.
Reisen und SpracheAn den Wochenenden bin ich gereist, habe Boliviens Landschaften und die Gastfreundschaft, die vielgesichtige Gesellschaft, den Glauben und die Vorstellungen der Bolivianer kennen lernen dürfen. Würde jetzt diesen Bericht sprengen.
Mit sprachlichen Problemen hatte ich kaum zu kämpfen, da mein Spanisch bei Ankunft o. k. war und da in La Paz sehr langsam und deutlich gesprochen wird. Mit den Abkürzungen im Krankenhaus hatte ich allerdings meine Schwierigkeiten:
Letzte Woche war ich dann noch ein bisschen lahm gelegt (Valerias Diagnose: "Zoo im Bauch"), aber zwei Tage NPO haben geholfen. Was NPO ist, fragt Ihr Euch?! "Nada por via oral", keine Nahrungsaufnahme durch den Mund. Die Abkürzungen sind wirklich eine Qual, und jeden Tag schicke ich ein virtuelles Dankesgebet an die Herausgeber der Abkürzungsliste im medizinischen Wörterbuch. Viele kann man ja einfach umdrehen: VIH=HIV, DAP=PDA, LMA=AML, aber: RHA=Darmgeräusche?
PRN=bei Bedarf? und am besten OMS=WHO!
Aber man gewöhnt sich ja an alles, sogar an die griechisch-spanischen Transkriptionen, ich sag’ nur: feocromocitoma.
Studiengebühren, LebenshaltungskostenIch hatte den Eindruck, dass die Leitung von San Gabriel die ausländischen Studierenden vor allem als gute Einnahmequelle betrachtet. Ich zahlte eine monatliche Studiengebühr von 100 US-$, was für uns gar nicht so viel erscheint, dort aber den Monatslohn einer Krankenschwester darstellt - und was vor allem in keiner Relation zu der schlechten Betreuung durch die Ärzte und zu den fehlenden Lernmöglichkeiten stand.
Die Miete betrug 10 $ in der Woche, was ich in Ordnung fand. Als mich ein Freund für drei Wochen besuchte und wir uns mein Zimmer teilten, sollte er dafür 25 $ pro Woche zahlen... Für 10 $ in der Woche hätte man alle Mahlzeiten in der Krankenhauskantine einnehmen können, was ich aber nicht in Anspruch nahm. Es gab dort sehr viel Fleisch, vor allem Innereien (Leber, Magen, Nieren...) zu essen. Ich kaufte mir mittags „Empanadas“, „Salteñas“ oder Obst; abends gingen wir in der Stadt essen.
Das Hospital hat auf dem Klinikgelände eine 4-Zimmer-Wohnung für ausländische Studierende:
Zusammen mit Markus (auch aus Bonn, macht sein Innere-Tertial hier) und Dorothea (aus Kiel, macht hier Gyn) wohne ich hinter dem Hospital im 1. Stock des "Bunkers". "Bunker", weil es 1. von außen einfach so aussieht und 2. im Erdgeschoss die Radiotherapie stattfindet - aber es sind ja nur Beta-Strahlen... Mein Zimmer hat ein riiiiesiges Fenster mit Blick über fast die ganze Stadt, es ist wunderschön. Wir haben leider keine Küche, aber heißes Wasser aus einer abenteuerlich anmutenden Konstruktion, und die anderen beiden sind noch größere Avocadofans als ich, sehr sympathisch!!
Da oft Wechselstuben gerade keine „Bolivianos“ haben, ATMs demoliert sind oder mal wieder ein Generalstreik stattfindet, sollte man sowohl genug Bargeld (nur US-$) als auch Traveller-Cheques (nur US-$) als auch eine Kreditkarte dabeihaben - am besten Master oder Visa.
Für uns ist Bolivien ein spottbilliges Land, während die meisten BolivianerInnen an der Grenze des Existenzminimums leben. Während meines Aufenthalts bekam man für einen Euro 9 „Bolivianos (Bs)“. Eine Busfahrt innerhalb von La Paz kostete 1,50 Bs, eine Busfahrt zum Titicacasee (3 Stunden) 15 Bs, sieben Bananen 1 Bs, eine „Salteña“ (Teigtasche) 1,50 Bs, ein Mittagessen 5 Bs.
Eigene GesundheitLa Paz ist zu hoch für Tropenkrankheiten gelegen. Für Reisen ins Tiefland muss man sich vor Malaria, Gelbfieber, Dengue schützen. Das größte Gesundheitsrisiko sind aber keine Krankheiten, sondern Verkehrsunfälle auf den abenteuerlichen Straßen:
Von La Paz ins Amazonastiefland gibt es einen Hauptverkehrsweg. Um diese Straße ranken sich unzählige Geschichten und Mythen, die ich jetzt aus Rücksicht auf die Gesundheit meiner Mama nicht erzähle, nur so viel: Auf 60 km Strecke überwindet die Strasse eine Höhendifferenz von 3.000m.
Sie wurde von der World Bank als die gefährlichste Strasse der Erde bezeichnet.
Und sie heißt hier auch "Dos Aves", weil man von dem Moment, in dem der Bus über die Klippe stürzt, bis zum Aufschlag auf dem Grund des Tales noch Zeit hat, zwei Ave Marias zu beten.
FazitMein seit langem bestehender Wunsch, als Ärztin in Entwicklungsländern zu arbeiten, hat sich durch meine Erfahrungen in La Paz in Frage gestellt. Meine Grenzen sind mir (über-)deutlich aufgezeigt worden - einer solchen Übermacht von Überlegenheitsgefühlen, Rassismus und Selbstbereicherung konnte ich nicht viel entgegensetzen.
Ich bereue die Zeit dort nicht, bin aber ungemein froh, dass sie vorüber ist. Sie wird mich sicher lange beschäftigen. Mal sehen, was ich noch damit mache.
Danke- an Valeria für all ihre Hilfe im Hospital, an Rocio, Miriam und Gema… an Olof, Doro und Mette für die gemeinsame Zeit... und an meine Lieben in Deutschland für Zuspruch per Email. Ohne Euch wäre NICHTS gegangen.
D., J. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Bonn, Juli 2004
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