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Chirurgie, Spital Frutigen, Schweiz
(Nun viel größeres Selbstbewußtsein im Umgang mit Patienten, 24.04. - 13.08.2006)

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Klare Entscheidung für die Schweiz
Bewerbung
Meine Fachgebietswahl: Chirurgie
Das Spital und meine Arbeit im Spital
Unterkunft und Gehalt
Freizeit, Land und Leute
Mein Fazit

Klare Entscheidung für die Schweiz


Bergpanorama des Berner Oberlandes - Blick vom Niesen (2300m)
Ich wusste schon seit langem, dass ich einen Teil meines PJ in der Schweiz absolvieren wollte, da die Schweiz einen guten Ruf bezüglich der medizinischen Ausbildung besitzt. Ich hatte sämtliche Berichte über PJ- Aufenthalte in der Schweiz gelesen, um mich davon zu überzeugen, dass es sich lohnen würde, dorthin zu gehen.

Hinzu kam, dass ich ein großer Fan der Bergwelt bin. Für mich war klar, dass ich möglichst in die Berge wollte, was wiederum gut zu meinem Plan, an ein kleineres Haus zu gehen, passte. Meine Erfahrungen, die ich während meinen Famulaturen - auch in der Schweiz - mit kleinen Häusern gemacht hatte, waren durchweg positiv gewesen.

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Bewerbung

Mit diesem Ziel vor Augen, bewarb ich mich ca. eineinhalb Jahre vorher in den verschiedensten Spitälern der deutschsprachigen Schweiz. An Bewerbungsunterlagen schickte ich neben dem Lebenslauf, einem kurzem Bewerbungsschreiben und meinen Zeugnissen vom Physikum und ersten Staatsexamen noch ein Empfehlungsschreiben, welches ich mir von der Universität ausstellen ließ sowie ein Famulaturzeugnis mit. Es ist sinnvoll, vorher per E-Mail anzufragen, ob es für den vorgesehenen Zeitraum eine freie Stelle gibt, da man so unnötige Kosten sparen kann. Um eine große Auswahl zu haben – insbesondere, wenn man in eine größere Stadt möchte – sollte man sich ca. zwei Jahre vorher bewerben. Ich selbst hatte noch die Auswahl zwischen ca. vier freien Stellen.

Um mir die Entscheidung zu erleichtern, griff ich kurzerhand zum Telefon und ließ mich mit einem Unterassistenten - so heißen die PJ’ler in der Schweiz - verbinden. Diesen fragte ich, wie es ihm gefiele und was er so machen dürfe. Dazu muss man sagen, dass sich dies schnell ändern kann, weil die Assistenzärzte in der Schweiz in den kleinen Spitälern fast nie länger als ein Jahr bleiben. Dennoch halfen mir die Gespräche bei meiner Entscheidung weiter, so dass ich mich letztendlich für Frutigen entschied.

Die Formalitäten wie Vertrag und Unterkunft ließen sich problemlos und zügig regeln.

Das, was man noch braucht, ist eine Krankenversicherung, die auch im Ausland über diesen Zeitraum gültig ist. Vor Ort muss man bei der Gemeinde einen Ausländerausweis beantragen, der einen ca.90 Franken kostet und eine Art Aufenthaltserlaubnis darstellt.

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Meine Fachgebietswahl: Chirurgie

Ich hatte mich in Frutigen auf der Chirurgie beworben. Da ich mich nicht sonderlich für stundenlange abdominalchirurgische Eingriffe begeistern kann, erschien mir dieses Spital genau das richtige für jemand, der nicht den ganzen Tag im OP stehen möchte. In Frutigen werden viele traumatologische Eingriffe gemacht, außerdem orthopädische Operationen wie Hüft-TPs, Kniearthroskopien, Kreuzbänder, Karpaltunnelsyndrome etc.

Im Bereich der Viszeralchirurgie werden vor allem Hernien, Appendektomien, Varizen und Gallenblasen sowie kleinere Eingriffe wie z.B. Phimosen und Excisionen aller Art durchgeführt. Größere Operationen wie z.B. eine Sigmaresektion werden in Interlaken operiert. Hierbei besteht dann ab und zu die Möglichkeit, mit zu gehen, sofern sie vom Chef aus Frutigen operiert werden. Auf Grund der fehlenden Intensivstation werden alle Risikopatienten weiterverlegt.

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Das Spital und meine Arbeit im Spital


Spital Frutigen mit Personalhaus (rechts)
Das Spital Frutigen ist sehr klein für deutsche Verhältnisse. Es gibt die Innere Medizin, die Chirurgie, die Gynäkologie sowie die Anästhesie. Das Spital beschäftigt drei Unterassistenten, davon zwei in der Chirurgie und einen in der Inneren Medizin. Insgesamt sind dort 17 Ärzte tätig - fünf in der Chirurgie, drei in der Gynäkologie und sieben in der Medizin sowie zwei in der Anästhesie. Die Chirurgie unterteilt sich in Orthopädie und viszerale Chirurgie mit jeweils einem Chefarzt. Wir wurden von drei chirurgischen Assistenzärzten betreut, die für beide Bereiche zuständig sind.

Der Tag begann morgens um 7.40 Uhr mit dem Morgenrapport, bei dem über die Notfälle und Vorkommnisse des vergangenen Tages und der Nacht berichtet wird. Diejenigen, die nicht in den OP mussten, gingen anschließend erstmal einen Kaffee trinken, bevor mit der Stationsarbeit begonnen wurde.

Im OP waren wir Unterassistenten oft die erste und einzige Assistenz. Haken halten mussten wir natürlich trotzdem, aber wir durften auch die anderen Assistenzarbeiten wie saugen, Strom geben etc. durchführen. Dabei wurde erwartet, dass wir diesen Aufgaben, soweit es möglich war, selbstständig nachkamen. War eine weitere Assistenz notwendig, waren wir meistens 2. Assistenz. Am Ende der Operation durften wir zumindest nach einigen Wochen teilweise zunähen. Das Nähen kommt meiner Meinung nach in Frutigen leider etwas zu kurz.

Montags und donnerstags werden orthopädische, dienstags und freitags allgemeinchirurgische oder auch traumatologische und mittwochs gynäkologische Eingriffe durchgeführt. Je nach Bedarf mussten oder durften wir auch bei den Sectios helfen.

Montags, mittwochs ab 14.00 Uhr sowie dienstags, donnerstags und freitags ab 15.30 Uhr halfen wir in der Ambulanz aus. Dies bedeutete, dass wir die regulär angemeldeten chirurgischen/orthopädischen Patienten betreuten. Wir führten eine kurze Anamnese durch, eventuell eine kurze Untersuchung, bzw. schauten uns die Wunde an und riefen dann den Chef dazu. Mit ihm wurde das weitere Vorgehen besprochen und schließlich dessen Anweisungen wie gipsen, verbinden etc. befolgt. Dabei wird alles kurz schriftlich festgehalten.

Dienstags und freitags ist ab 14.00 Uhr Chefarztvisite. Zur Stationsarbeit gehörten das Diktieren von Briefen und Ausfüllen sämtlicher Formulare sowie die Aufnahme von Patienten. Wenn man morgens nicht im OP eingeteilt war oder größere Lücken hatte, konnte man mit auf Visite gehen. Einige Male habe ich die Visite auch alleine gemacht, aber natürlich hinterher mit den Assistenten besprochen.

Wenn nicht viel los war oder es nichts zu tun gab, dann half ich gerne auf dem Notfall aus, wo ich mit der Zeit selbständig Patienten aufnahm und Untersuchungen anordnete. Dabei besprach ich mich natürlich mit dem Assistenzarzt oder am Ende immer mit dem Dienst habenden Chef des entsprechenden Fachgebiets, der das weitere Vorgehen bestimmte. In Frutigen handelte es sich um interdisziplinäre Dienste, was bedeutet, dass, egal ob chirurgisch oder medizinisch, alles vom Dienst habenden Arzt geregelt wird.

Auch wir Unterassistenten hatten so genannte „Pikettdienste“. Das hieß, dass wir uns die Dienste zu dritt aufteilen mussten. Wenn nach Feierabend noch Operationen stattfanden, musste der Dienst habende Student mithelfen. Am Wochenende galt dasselbe, wobei wir hier auch öfters auf dem Notfall helfen mussten, wenn es viel zu tun gab.

Der Tag endete meistens zwischen 17.00 und 18.00 Uhr. In den Sommermonaten auch mal früher, vor allem während der Zeit, in der einer der Chefs im Urlaub war. Während dieser Zeit bekamen wir zwischendurch einen Tag frei, wenn nicht viel Arbeit anfiel oder durften länger schlafen. Ich denke, im Winter während der Skisaison ist es eher stressiger und die Arbeitstage länger. Zwischendurch gab es natürlich auch den einen oder anderen Tag, an dem wir sehr lange im Spital waren. Insgesamt standen mir sechseinhalb Tage Urlaub zur Verfügung – zusätzlich zu den freien Tagen, die es spontan zwischen drin gab. Das einzige an Arbeit, bei der wir uns ein wenig ausgenutzt fühlten, war, wenn wir so sinnvolle Aufgaben wie Etikettenkleben oder Statistiken auswerten, erledigen durften. Zum Glück kam so etwas nur selten vor.

An Weiterbildungen gab es dienstags um 18.00 Uhr einen Röntgenrapport, den ich allerdings nicht oft besuchte, freitagmorgens eine allgemeine Fortbildung über irgendein Thema und mittwochs für Assistenten und Studenten ein Teaching über Röntgenbilder, was ich persönlich wirklich gut fand.

Einige Besonderheiten, die das Spital uns sozusagen schenkte, waren ein Nahtkurs in Bern und eine Gletschertour mit Übernachtung. Das war wirklich super.

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Unterkunft und Gehalt


Genfer See
Wir waren im Personalhaus untergebracht, welches durch einen Gang direkt mit dem Spital verbunden ist. Das Zimmer beinhaltet einen kleinen Kühlschrank, und ein Waschbecken. Außerdem einen Schreibtisch und einen kleinen Sessel mit Couchtisch sowie ein kleinen Balkon. Die Küche und die zwei Bäder und Toiletten benutzt jedes Stockwerk gemeinsam. Waschen konnte man im Keller, wobei man sich einen Schlüssel mit Guthaben kaufen musste.

Für das Zimmer bezahlten wir 130 Franken pro Monat. Die Anschlussgebühr für das Telefon beträgt monatlich 25 Franken, aber dafür hat man dann sein eigenes Telefon im Zimmer. Man verdient 890 Franken brutto. Mir blieben meist so zwischen 650 und 700 Franken übrig. Hat man ein Auto dort, muss man für den Parkplatz monatlich 40 Franken zahlen.

Das Leben in der Schweiz ist sehr teuer, vor allem bezüglich der Lebensmittel. Aber auch Kino kostet zum Beispiel 15 Franken (10Euro). Das Essen in der Kantine kostet pro Menü 9 Franken. Wenn man viel mit dem Zug reist, ist es überlegenswert, sich ein Halbtax-Abo zuzulegen. Dieses kostet 150 Franken für ein Jahr und man fährt damit um die Hälfte in den Zügen und häufig auch in den Bergbahnen sowie auf den Schiffen. Frutigen hat einen eigenen Bahnhof, weswegen es sich durchaus anbietet.

Insgesamt kam ich mit diesem Geld weitgehend gut aus.

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Freizeit, Land und Leute


Thuner See
Frutigen selbst ist ein sehr kleiner Ort. Man kann dort abends nicht viel unternehmen. Da ich im Sommer dort war, haben wir sehr viel gegrillt. Wir, das bedeutet die Unterassistenten und einige der Assistenzärzte. Dies habe ich in Frutigen sehr geschätzt. Das Klima war sehr nett, so dass ich zu einigen der Assistenzärzte auch außerhalb des Spitals regelmäßigen Kontakt hatte.

Ansonsten bietet die Umgebung die Möglichkeit. zum Wandern oder Bergsteigen, Klettern oder Radfahren etc. zu gehen, einfach alles rund um den Bergsport im Sommer und um den Wintersport während den Wintermonaten. Des Weiteren gibt es in der Schweiz sehr schöne Seen. In der Nähe liegt zum Beispiel der Thuner See, der verschiedene Möglichkeiten des Wassersports bietet. Schließlich besitzt die Schweiz noch eine Menge sehenswerter Städte, die per Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln einfach zu erreichen sind. Die nächstgelegene größere Stadt ist Thun mit ca. 40.000 Einwohnern. Man benötigt mit dem Auto ca.25 Minuten.

Die Schweizer sind ein sehr freundliches Volk. Aber dafür auch etwas steifer als wir Deutschen. So war zumindest mein Eindruck. Auch im Spital waren sehr viel Deutsche, die insgesamt etwas lockerer wirkten als die Schweizer Kollegen, wobei ich persönlich mit beiden Nationalitäten sehr gut auskam. Mit dem „Schwyzer Dütsch“ hatte ich Anfangs meine Probleme, aber die Ärzte waren stets freundlich und wiederholten häufig alles in Hochdeutsch. Mit der Zeit verstand ich dann das meiste.

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Mein Fazit


Wanderung auf 2.700 m
Es waren tolle vier Monate, nach denen ich um einiges an medizinischen Fähigkeiten und Wissen reicher war. Vor allem habe ich seither ein viel größeres Selbstbewusstsein, was den Umgang mit Patienten angeht. Ich denke für jemanden, der sich richtig für die Chirurgie begeistern kann, ist das Haus zu klein und die Vielfalt an Operationen zu gering. Aber für mich war es genau die richtige Mischung.

Der Lerneffekt ist natürlich davon abhängig, wie weit die Assistenten mit der Ausbildung sind. Je weiter sie sind, um so mehr profitiert man. Aber dies ist wahrscheinlich überall der Fall.

Aber auch außerhalb des Spitals habe ich viele schöne Erlebnisse gehabt, die ich unter keinen Umständen missen möchte. Ich kann nur sagen, ich würde es sofort wieder machen.

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M., B.
Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Tübingen, September 2006

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