Motivation
Organisation
Das Krankenhaus
Stationsalltag
Land – Menschen – Freizeit
Fazit
MotivationBereits in meinem Studium habe ich in verschieden Famulaturen in so genannten „3.Welt Ländern“ das Arbeiten in diesen absolut einfachen und bodenständigen Umständen erlebt und schätzen gelernt. Somit war die Entscheidung auch schon lange gefallen, mein PJ auf diesem Kontinent zu verbringen.
OrganisationVon meiner Heimat-Universität, der Friedrich-Schiller Universität Jena, gab es bereits in der Vergangenheit eine Reihe von Studenten, Ärzten und Professoren, die in Äthiopien - im GCMS - „Gondar College of Medical Sciences“ - gearbeitet haben. (Kontakt: „GCMS“, P.O.Box 196, Gondar, Ethiopia). Meine englische Bewerbung und den Lebenslauf habe ich dann an das Deans Office des Krankenhauses geschickt und auf eine Antwort gewartet.
Eine goldene Regel beim Planen seines Auslandstertials gibt es wohl nicht, aber es ist ratsam, frühzeitig anzufangen - am Besten 6-12 Monate im Voraus, wobei es bei mir auch mit drei Monaten vorher spontan geklappt hat. Dann heißt es eine ganze Menge organisatorische Dinge zu regeln, die im Einzelfall recht nervig und zeitaufwendig sein können, aber absolut nötig sind. Gewisse Punkte, wie z.B. Visum, Impfungen, Auslandsversicherung und v.a. das Landesprüfungsamt müssen einfach sein ... aber mit einem großen Zettel ist auch dieses Chaos zu beherrschen! Der wohl wichtigste und am meisten Nerven aufreibende Punkt der ganzen Unternehmung „Auslands-PJ“ ist das geliebte LPA! Sicherlich kennt der Eine oder Andere die unzähligen Diskussionen und Auseinandersetzungen mit dieser Behörde und deshalb rate ich jedem, diesen Punkt als Erstes zu klären, weil mit dieser Genehmigung alles steht oder fällt! Viele LPAs tun sich schwer mit der Zulassung gewisser Länder - im Besonderen „3.Welt Länder“ -und deshalb ist es unbedingt nötig, sich VORHER die voraussichtliche Anerkennung schriftlich (!) zu holen.
Generell muss dieses Land eine medizinische Universität besitzen und man darf nur an einem ausgewiesenen „Lehrkrankenhaus“ der Universität sein PJ ablegen. Weiterhin muss nachgewiesen werden, dass eine Ausbildung dort einer deutschen Ausbildung äquivalent ist, was unter Umständen mit sehr vielen Mühen verbunden sein kann. Hilfreich ist immer, wenn man aus dem Internet andere Bundesländer und Personen ausfindig macht, die „sein Land“ bereits in der Vergangenheit einmal akzeptierten. Das ebnet meistens die eigenen Wege etwas... Erst einmal gibt es grundsätzlich für einen die Möglichkeit eines Touristenvisums oder die eines Busyness-Visums. Nun hängt es von einem selbst ab, wie viel Lust man verspürt, sich mit der afrikanischen Bürokratie „herum zu schlagen“. Man kann den einfachsten Weg gehen und sich ein simples Touri-Visum - für sechs Monate - ausstellen lassen und offiziell erstmal nichts von der Tätigkeit im Krankenhaus erzählen. Schließlich erhält man auch kein Gehalt und somit läuft es als „Praktikum“. Alles Andere würde dann ein Busyness-Visum und sehr viel mehr Nerven erfordern.
Die Berliner Botschaft stellt Visa problemlos innerhalb eines Tages aus, wenn man selbst vor Ort ist und darauf warten will, allerdings erst ca. drei Wochen vor Einreisedatum - nicht vorher, oder man beantragt das Visum direkt bei Einreise am Flughafen in Addis. Im Netz findet man verschiedenste Webseiten zu Impfungen und Risiken für jedes Land auf allen Kontinenten (Siehe Weiterführende Links). Bei den Standardimpfungen Mumps-Masern-Röteln, Diphtherie, Tetanus, Polio, Keuchhusten, Hepatitis A & B sollte ein ausreichender Impfschutz vorhanden sein (evtl. Auffrischung beim Hausarzt oder Arbeitsmediziner)!
Meningokokken, Gelbfieber, Typhus - Impfungen sind sehr sinnvoll und unbedingt zu machen! Für eine Tollwutimpfung sehe ich keinen Bedarf.
Malariaprophylaxe ist sehr empfehlenswert, v.a. in der Regenzeit (z.B. Lariam oder Doxycyclin), wobei es genügt in Deutschland mit den ersten zwei Einnahmen anzufangen und dann im Land selbst problemlos die Tabletten um ein vielfaches günstiger in jeder Apotheke einzukaufen (1 Tablette Mefloquin ca. 50 Cent).
Eine Postexpositionsprophylaxe HIV für 28 Tage zu organisieren ist im Regelfall sehr schwierig, wem es aber gelingt, der kann es aber dann für den Fall der Fälle mitnehmen zur Sicherheit. Ansonsten genügt es, sich die Startdosis für die ersten 24 h zu besorgen (Tropenmediziner) und dann im Hospital vor Ort weiter zu sehen. (Retrovirale Medikamente sind vorhanden.)
Alle übrigen vorbeugenden Maßnahmen müssen natürlich auch von einem selbst beachtet werden - wie z.B. das Tragen von zwei Paar Handschuhen immer beim Operieren, einer Plastikschürze bei „feuchteren“ Bauch-OPs, einer Brille zum Schutz der Augen vor Spritzern (man kann bei Fielmann normale Brillen mit Fensterglas kaufen) und natürlich sorgsames Arbeiten beim Untersuchen, Stechen, Spritzen, Nähen, Assistieren & Operieren! Eine normale Auslandskrankenversicherung (z.B. ADAC, o.ä.) reicht für das PJ nicht aus, weil diese nur einen Auslandsaufenthalt als Urlauber abdeckt, nicht aber die Arbeit in einem Krankenhaus! Daher ist es ratsam, sich bei Freunden umzuhören, mit welchen Versicherungen sie bereits gute Erfahrungen gemacht haben. Oder man greift auf große Unternehmen zurück, die eigens auf PJ’ler ausgerichtete Versicherungsprodukte zusammengestellt haben. Es gibt eine Menge Fluggesellschaften, die die Hauptstadt Addis anfliegen, wobei die wohl billigste die „Yemenia Airline“ mit ca. 620 Euro plus Tax ist. Man fliegt über Rom und Sanaa (Jemen) und ist ca. 13 h unterwegs. Keine Angst vor dem Jemen, man bleibt nur im Transit Bereich!
Von Addis empfehle ich einen Inlandsflug mit „Ethiopien Airlines“ nach Gondar (ca. 110 Euro), um nicht mit seinem gesamten Gepäck zwei Tage mit einem Bus auf Holperpisten nach Gondar unterwegs sein zu müssen. In allen größeren Städten im Land gibt es Banken, die ohne Probleme Traveller Cheques (in Euro oder US $) akzeptieren oder Bargeld (Euro & US $) in die Landeswährung „Birr“ tauschen (1 Euro = 10 Birr). In der Hauptstadt Addis existiert ein Hotel (Sheraton-Hotel), in dem man auch mit Visa-Card direkt Geld bekommt.
Zum Leben braucht man so ca. 300-500 Euro im Monat, wobei man da schon ganz gut leben kann und das Reisen plus Geschenke schon inklusive ist. (... individuell verschieden, je nachdem, wie viel man im Land noch sehen möchte -> das ist relativ teurer.) In Äthiopien gibt es bis zu 70 verschiedene Sprachen plus diverse Dialekte (regional abhängig). Die Bedeutendste, und von fast allen verstanden, ist das „Amharisch“ (Amtssprache). Sie ist dem Arabischen oder Hebräischen vergleichbar (von der Lautschrift) und für den weißen Neuankömmling anfänglich vollkommen fremd und auf den ersten Blick nicht zu erschließen. Aber ziemlich schnell hört man sich ein und lernt mehr und mehr einzelne Wörter und kann auch nach einiger Zeit kurze Sätze sprechen.
Im Krankenhaus sprechen fast alle Ärzte und Krankenschwestern Englisch, wenn auch ein „afrikanisches Englisch“ - welches durchaus die ersten Tage ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Schlechter sieht es dann aber bei den Patienten aus, wo nur ca. 5-20 Prozent Englisch sprechen - abhängig davon, ob sie vom Land oder aus der Stadt kommen. Als Reiseführer kann ich den „Lonely Planet“ sehr empfehlen, als Sprachführer für Amharisch z.B. von Kauderwelsch (... wobei die meisten Begriffe/Wörter, die man dann später in der Klinik und privat so braucht, da auch nur begrenzt drin stehen - das meiste lernt man im Alltag von seinen Freunden und Kollegen).
Medizinische Bücher muss man nicht unbedingt mitnehmen, weil es direkt im Campus eine sehr große, umfangreiche Bibliothek für Mediziner gibt. Falls dies nicht genügt, sind auch die Ober- oder Chefärzte immer gerne bereit, Dir die neuesten Bücher auszuleihen, damit man sich abends noch weiterbilden kann (... was den Vorteil hat, dass sie schon in Englisch geschrieben sind und man damit auch gleich medizinische Vokabeln unbewusst übt). Für die erste Woche findet man in einem der unzähligen Hotels eine saubere und sichere Unterkunft - für ca. 5-10 Euro/Nacht. Schnell lernt man sehr viele Leute kennen, die einem privat ein Zimmer in einer äthiopischen Familie organisieren können. Dort lebt man dann sozial voll integriert mit einer großen Familie zusammen, hat sein eigenes Zimmer, kann mit ihnen gemeinsam essen, abends zusammen sitzen und lebt bedeutend sparsamer als im Hotel (ca. 35-50 Euro Miete pro Monat).
Für alle, die gerne in einer Art Wohnheim leben möchten, besteht die Möglichkeit mit allen anderen Studenten des Campus in 8-Bett-Zimmern zusammen zu leben. Das reduziert dann die Kosten immens, aber eben auch die Privatsphäre, die Sicherheit und den täglichen Nachtschlaf. Das KrankenhausDas „GCMS“ – „Gondar College of Medical Sciences“ gehört zu den vier Universitäten in Äthiopien, die eine medizinische Fakultät besitzen. Was die Gliederung betrifft, ist die universitäre Ausbildung der Deutschen recht ähnlich. Fünf Jahre wird an der Universität gelehrt. Im 6. Jahr werden die Studenten als „Interns“ (= PJ’ler) auf ihre anschließende - absolut selbständige - Arbeit in den ländlichen Gebieten des Landes als „GP“ (General Practisioner = früherer AiP’ler) vorbereitet. Im klinischen Alltag bedeutet dies, dass die PJ’ler in Äthiopien uns europäischen PJ’lern weit voraus sind, was das eigenständige und praktische Arbeiten als Arzt betrifft!
Die gesamte Stationsarbeit wird durch die „Interns“ abgedeckt! Sie nehmen die Patienten auf, diagnostizieren, therapieren und entlassen sie - natürlich unter der Anleitung und Supervision der „Seniors“ (= Oberärzte), die dann täglich konsultiert wurden und die Betreuung auf den Stationen überwachten.
Das „Department for Obstretrics & Gynaecology“ ist unterteilt in eine „Maternity“ (Kreißsaal mit ca. 25 Betten), „Gynae ward“ (Gynäkologie-Station mit ca. 30 Betten), dem „OPD“ (Outpatient Department - Poliklinik für die ambulante Versorgung) und „ANC“ (antenatal care - Schwangerenbetreuung).
Jeder „Intern“ versorgt ca. 5-7 Patientinnen eigenverantwortlich, d.h. wir betreuen sie von der Aufnahme bis zur Entlassung selbst und sind für alle erforderlichen medizinischen und organisatorischen Dinge zuständig. Zweimal pro Woche wurde das offizielle OP-Programm durchgeführt. Not- Eingriffe (Sectio’s, Uterusruptur) wurden allerdings jeden Tag immer mit eingeschoben. Die anderen drei Tage wird eine 2-3stündige Visite auf allen Stationen durch die Oberärzte durchgeführt, die einem sehr lehrreichen und v.a. effizienten „Bed Side Teaching“ glich. StationsalltagMorgens um 8.00 Uhr beginnt der Tag mit einer Morgenbesprechung mit allen Interns, GPs, Seniors und dem Chef, wo über alle Besonderheiten und Vorkommnisse der letzten 24 h berichtet wird. Die diensthabenden Interns tragen alle spontanen sowie komplizierten Geburten vor, alle Abortions, Zwischen- und Todesfälle. Danach verteilen sich alle Interns auf die verschiedensten Bereiche des Departments, die in einem strikten Rotationsprinzip von jedem durchlaufen werden. Begonnen habe ich meine Rotation im Kreißsaal, weil es für mich den wohl aufregendsten Teil meiner Arbeit symbolisierte. Schnell musste ich als gute deutsche Medizinstudentin feststellen, dass mir mein umfangreiches theoretisches Universitätswissen über die Geburtshilfe nicht im Geringsten in der täglichen Realität weiterhilft ... - schon gar nicht zum Ziel bringt! Ziemlich hilflos steht man dann so das allererste Mal vor einer Frau in Wehen und blickt sich Hilfe suchend unter seinen Mitstreitern um. Und so habe ich bei Null angefangen - mir das kleine „1 x 1“ der Geburtshilfe von meinen Interns und meinen sehr kompetenten Hebammen beibringen lassen.
Sehr bald lernt man, worauf es bei der körperlichen Untersuchung, der Anamneseerhebung bei Schwangeren und der Betreuung und Leitung der Geburt wirklich ankommt und wird schnell besser und sicherer. Nach seinen ersten erfolgreichen eigenen Geburten verfliegt dann die anfängliche Panik und Hilflosigkeit und es stellt sich nach und nach bald Routine und zunehmendes Selbstvertrauen ein. Dennoch bleibt jede Geburt wieder aufs Neue ein einmaliges und einzigartiges Erleben und man ist jedes Mal wieder gerührt und wie verzaubert.
Und so wird man auch zunehmend mit immer verschiedensten Komplikationen, Zwischenfällen und Außergewöhnlichem konfrontiert, arbeitet nach und nach an seinen eigenen Feinheiten, die einem zuvor gar nicht auffielen und man auch nicht im geringsten im Stande war, diese zu beachten. Später bekommt man dann seine eigenen Betten zugeteilt, für die man selbst verantwortlich ist, was den Lernfaktor und die Selbstständigkeit als Arzt immens potenziert!
Dabei tut man sehr gut daran, grundsätzlich ein paar medizinische Begriffe in Amharisch zu lernen, um die Patientinnen unter der Geburt anleiten zu können, wenn man gerade mal alleine im Kreißsaal ist und keiner einem übersetzen kann! Ein paar einfache Befehlsformen wie „Giffi, giffi“ (= pressen), „tainji“ (= leg’ dich hin), „tenfish“ (= tief einatmen) oder „izhosh - ishi“ (= ist o.k.!) helfen da schon in der akuten Not unwahrscheinlich weiter und führen auch zu einer allgemeinen Freude und Achtung deiner Person seitens der Äthiopier.
Ratsam ist es auch, sich mit an den Nachtdiensten zu beteiligen, da dies wirklich die allerbeste Lehrschule ist. Babies kommen ja bekanntlich immer gerne nachts zur Welt und so hat man auch schon mal in einer Nacht 10 Kinder, die alle von dem diensthabenden Intern entbunden werden. Tagsüber finden so um die fünf Geburten statt, wo aber ca. 4-5 Interns plus Hebammen plus diverse Studenten im Kreißsaal sich rein teilen.
Jeder Intern hat ungefähr jeden 3. bis 4. Tag Dienst, was bedeutet, dass man von morgens um 8.00 Uhr bis den nächsten Morgen 8.00 Uhr „on duty“ ist, danach aber noch bis 17.00 Uhr ganz normal weiterarbeitet, sprich 33 h in der Klinik ist. Normale Geburten oder unkomplizierte Nachblutungen werden von uns eigenständig durchgeführt. Bei anderen Komplikationen oder instrumentellen Geburten (Vacuum, Zange,...) wird der diensthabende Senior dazu gerufen, der es - je nach dem - selbst macht oder hinter einem steht und zuschaut, um im Notfall mit ein zugreifen.
Ein normaler 24 h Dienst sieht dann in der Regel so aus, dass man 2-3 Sectios hat, ein Vaccum, eine Placenta prävia oder eine postpartale Nachblutung, eine Steiß- oder Transversallage, ein bereits intrauterin totes Baby und vielleicht mal eine Zwillingsgeburt plus die 5-7 spontanen komplikationslosen Geburten.
Der relativ hohe Prozentsatz an Komplikationen, den man täglich behandelt, liegt an der Tatsache, dass der überwiegende Anteil der äthiopischen Bevölkerung in den ländlichen Gebieten lebt und so gut wie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Ca. 85 Prozent der Menschen leben auf dem Land, wo der „traditional healer“ die erste, die wichtigste und meistens auch einzige Ansprechperson ist, die es gibt! Kinder werden von den „TBAs“ - den „traditional birth attandants“ zur Welt gebracht und nur ca. sieben Prozent der Frauen in Äthiopien entbinden in Krankenhäusern oder etwas ähnlichem. So ist gut vorstellbar, dass gerade diese sieben Prozent die Fälle sind, bei denen der Dorfheiler oder die alte Geburtshelferin aus dem Dorf nicht mehr weiter kommt und sie wegschickt. Die verschiedensten Komplikationen und Zwischenfälle führen diese Schwangeren dann nach meistens über 72 h in Wehen in die zentralen Krankenhäuser in die Städte.
Sie haben streckenweise tagelange Fahrten im Bus oder auf der Ladefläche von Pick-ups hinter sich - ... viele schaffen es nicht mal bis zum Krankenhaus. So sind die Kinder meist schon intrauterin tot oder die Frauen werden im absoluten Schock mit Uterusruptur in den Kreißsaal gebracht. Umstände, die man in der westlichen Welt so gut wie nicht mehr kennt, die in Afrika aber durchaus zum alltäglichen Bild gehören!
Wie viel man in seinem PJ-Tertial nun letztendlich praktisch machen will und kann, hängt größtenteils von einem selbst ab! Erklären, zeigen und fördern wollen sie Dich immer und sehr gerne! Aber es ist genauso legitim, auch mal „Nein“ zu sagen, wenn man sich überfordert fühlt und sich das eine oder andere nicht zutraut.
Es war mir völlig freigestellt, ob ich mich mit an den Diensten beteiligen möchte oder nicht. Aber letztendlich fiel mir die Entscheidung überhaupt nicht schwer, weil es für mich eine großartige Erfahrung war, diese Nächte mit den Kreissenden zu durchwachen, den ganzen Stressfaktoren, denen man in einer Nacht so ausgesetzt ist, zu begegnen (absoluter Schlafmangel!), Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, sich gebraucht zu fühlen und das erste Mal richtig Arzt sein zu können!
Durch die Vielzahl an Patienten und Krankheitsbildern, denen man im den Wochen immer und immer wieder begegnet, fühlt man sich doch nach einer gewissen Zeit sicher und auch kompetent, diese zu diagnostizieren und v.a. auch zu behandeln! Nach ein paar Wochen im Kreißsaal und einer Unmenge von Babies, die ich auf die Welt gebracht habe, rotierte ich dann auf die Gynäkologie. Auf dieser Station liegen größtenteils onkologische Patientinnen, Frauen mit Aborten, aber auch Infertilität durch chronische Infektionskrankheiten, extrauterine Schwangerschaften, Fisteln jeglicher Art oder auch Sepsispatientinnen. Alles in allem ein sehr weites Krankheitssektrum und sehr durchwachsen.
Dennoch ist ganz klar zu sagen, dass die Karzinome (Ovarial-, Cervix-, Endometrium-, Vulva-Ca) den klinischen Alltag stark dominieren. In den überwiegenden Fällen kommen die Frauen in Endstadien, in denen man wirklich nur noch mit einer Tumorreduktion helfen kann, um die Lebensqualität einigermaßen zu verbessern.
Das zweite dominierende Krankheitsbild, womit man mehrmals täglich in einer äthiopischen Gynäkologie-Station zu tun bekommt, sind die Abortions! Abtreibungen sind im Land offiziell vom Gesetz verboten, was nun noch lange nicht dazu führt, dass sie deswegen nicht existieren. Da in den Kliniken diese Eingriffe nicht legal durchgeführt werden, helfen sich diese Frauen in ihrer Not anderenorts - was das eigentliche Übel dieser Thematik erst ausmacht!
Sie gehen zu größtenteils unausgebildeten Leuten, die darüber nur unzureichendes Wissen und Fähigkeiten besitzen und dazu auch nicht über die erforderlichen (und v.a. sauberen) Instrumente verfügen. Die schrecklichen Folgen dieser Eingriffe kommen dann Tage später oder nach wiederholten Eingriffen zu uns in die staatlichen Krankenhäuser. So ist es nicht verwunderlich, dass sich doch ein recht beträchtlicher Prozentsatz an septischen- oder inkompletten Abortions oder Frauen im Volumenmangel-Schock in den Gynäkologie-Stationen befindet.
Infektionskrankheiten sind in einem afrikanischen Land auch nicht weg zu denken und so führen viele Frauen die Folgen einer HIV-Infektion oder anderer „STDs“ (sexuell transmitted diseases) in die Kliniken. Durch chronische Infektionen (z.B. Chlamydien, Tbc, Syphilis, ...) klagen sehr viel Patientinnen über - die v.a. gesellschaftlich und sozial absolut dramatische - Unfruchtbarkeit. Erfreulicherweise kann man aber einigen dieser Patientinnen durch eine antibiotische Therapie helfen, wenigstens wieder beschwerdefrei zu werden. Aber dem Problem der weit verbreiteten Infertilität durch sexuell übertragbare Erkrankungen kann damit nur unzureichend begegnet werden.
In das Wirkungsspektrum des „OPDs“ - dem Outpatient Department, wo die Frauen ambulant versorgt werden können, fallen v.a. die Geschlechtskrankheiten. In diese Sprechstunde kommen unzählig viele Frauen vom Land, die dann bereits mehrere Tage unterwegs waren, um hier von Ärzten angeschaut zu werden. Sie sitzen manchmal tagelang in langen Schlangen vor diesen Gebäuden und warten geduldig darauf, dass sie angesehen werden, ohne sich auch nur einmal über diesen Missstand zu beklagen... Hier sieht, lernt, untersucht und entscheidet man sehr viel als PJ’ler, weil man in kürzester Zeit sehr komprimiert die unterschiedlichsten Krankheitsbilder sichten und therapieren muss. Land – Menschen – FreizeitGenerell zu Äthiopien kann ich erst einmal sagen, dass ich noch nie zuvor in einem Land so freundlich und herzlich aufgenommen wurde, wie bei den Menschen dort! Die Äthiopier sind so offen und gastfreundlich. Man wird ständig zu der - im Land typischen, traditionellen - „Coffee Ceremony“ oder zum „shoulder dance“ eingeladen, so dass ich mich sehr schnell in dieser anfänglich noch fremden Kultur „zu Hause“ gefühlt habe. Bald bemerkt man, dass dieses Volk so reich an Traditionen, Bräuchen und eigener Kultur ist, worauf der „Abescha“ (Äthiopier) auch ungeheuer stolz ist und auch sein darf!
Diejenigen, die dieses Land als Tourist entdecken möchten, werden bald feststellen, dass man unmöglich alles sehen kann, weil es viel zu viele spannende und interessante Orte gibt, die man sehen müsste. Gereist bin ich auch mal mit meinen Interns zusammen, da sich schon nach nur kurzer Zeit ziemlich feste, tragfähige Freundschaften entwickelt haben. Wenn man so eng die vielen Tage und Nächte im Kreißsaal zusammen arbeitet, teilt man auch alle Höhen und Tiefen miteinander, taucht viel tiefer in eine Kultur und in ein Volk ein, als es einem als „Touri“ jemals gelingen könnte.
Von meinen Freunden habe ich auch quasi täglich meine Unterrichtseinheiten in Amharisch bekommen und schnell merkte ich, dass ich immer mehr eine von „Ihnen“ wurde. Auch nach der Arbeit im Krankenhaus und an den Wochenenden haben wir zusammen viele Stunden im Wohnheim verbracht, gemeinsam gegessen, Fußball gespielt, kleine Partys organisiert, sind in die Stadt und auf den Markt gegangen und waren so gut wie jeden Freitag oder Samstag bis tief in die Nacht in unserem Lieblings-Club zum Tanzen (traditionelle Musik, aber auch Black Music, Hip Hop & Rap).
„Gondar“ selbst ist im afrikanischen Verhältnis mit ca. 100.000 Einwohnern doch eine recht große Stadt, was aber für unser europäisches Empfinden einer „süßen kleinen Stadt“ mit einem angenehmen Flair entsprechen würde. Es liegt ganz in der Nähe des Hochlandes von Abyssinien und ist mit über 2.000 m Höhe nicht zu unterschätzen, gerade am Anfang.
Das Essen ist recht einfach strukturiert. Eigentlich, um genau zu sein, gibt es dreimal am Tag so eine Art Sauerteig, „Injera“ genannt, was auf dem offenen Feuer gemacht wird und nicht ganz so viel Eigengeschmack hat. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran, denn es füllt ganz gut den Magen.
Im Vergleich zu der riesigen Metropole Addis Abeba mit ca. drei Mio. Menschen, unzählig vielen Bettlern, mehrspurigen Strassen, westlichen Supermärkten und sehr vielen Ausländern, ist Gondar richtig „privat“ und sehr angenehm. Nach ein paar Wochen gehört man selbst als „Ferengji“ (= der Weiße) zum Stadtbild dazu und die Bettler und tausend Straßenkinder lassen einen in Ruhe. FazitDie Freuden und Erlebnisse, gewisse Szenen und Afrika typische Gewohnheiten, denen man in dieser Zeit im Krankenhaus oder mit den Menschen auf der Strasse begegnet, sind so prägend und teilweise ergreifend, dass sie einen wohl sein Leben lang im eigenen Handeln und Denken als Mensch, sowie auch als Arzt, beeinflussen.
Vieles, was ich in diesen vier Monaten in Äthiopien gesehen und getan habe, hat mich unwahrscheinlich gefordert - herausgefordert, aber auch eben manchmal überfordert!
Nicht immer läuft alles glatt, nicht immer kann man das Leben eines Kindes oder gar die Mutter retten und man kommt an die Grenzen der Möglichkeiten, wie sie einem in Afrika natürlicherweise vorgegeben sind. Auch den Umgang mit „Tod, Sterben und Aufgeben“ muss man erst lernen, denn er ist Dein täglicher Begleiter und gehört eben genauso zu Afrika, wie die tausend großen, dunklen Kinderaugen und ein offenherziges, unvermitteltes, ergreifendes Lächeln, was einem auf der Strasse begegnet.
Oft ist man hin und her gerissen zwischen den großen Gefühlen, gerade aber weil immer das Großartige und das Grausame so eng miteinander verflochten sind. Das Leben und Arbeiten in einem afrikanischen Hospital verlangt einem alles ab, treibt einen an seine eigenen Grenzen und lässt einem Dinge erkennen, die einem sonst in unserer Welt verschlossen bleiben. Es ist täglich ein neues Abenteuer und eine Herausforderung, eben gerade, weil es so fremd und so unterschiedlich ist - eine andere Kultur, ein anderes Wertsystem, eine komplett fremde Mentalität. Aber gerade deswegen sollte man sich einen Anstoß geben und sich auf den Weg begeben, weil es einem bei weitem mehr zurückgibt, als dass man an scheinbaren „Entbehrungen“ und „Opfern“ auf sich nimmt!
Und spätestens wenn eine der Mütter nach der Geburt das erste Mal nach Deinem Namen fragt und diesem neuen kleinen Geschöpf Deinen Namen gibt, ist Dein Herz erobert und Du für immer mit diesem Land in der Tiefe Deiner Seele verbunden.
Mehiret
H., A. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Jena, Mai 2005 Weitere Infos zu den Reisestipendien der Allianz
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