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Der Wunsch, einen Teil meines Praktischen Jahres im Herzen Australiens zu verbringen, reifte schon sehr lange heran – genau genommen begann er wohl schon zu keimen, als ich während meiner Schulzeit ein Jahr in Alice Springs im Northern Territory verbrachte und mir während dieser Zeit das australische „Outback“ zu einem zweiten Zuhause wurde. Bei meiner Rückkehr sollte mich nun ein einmaliges Erlebnis erwarten - mit Eindrücken, die sich kaum auf überschaubare Weise in Worte fassen lassen! „You will never-never know if you never-never go!“
Ein Leben im „Outback“
Das Alice Springs Hospital
Die Arbeit am Hospital
Remote Health Care und Royal Flying Doctor Service
Bewerbung, Vorbereitung und Organisation
Fazit – ein einmaliges Erlebnis!
„You will never-never know if you never-never go!“ Sorge um ein verwaistes „Joey“ |
| Vom 16.10. bis zum 10.12.2006 absolvierte ich die zweite Hälfte meines Tertials der Inneren Medizin am Alice Springs Hospital im Northern Territory in Australien.
Neben der mich aufs Neue überwältigenden Sehnsucht nach der Weite des Landes und der in ihrer Andersartigkeit faszinierenden Schönheit der Landschaft motivierte mich vor allem meine Neugier, mehr über die besondere Herausforderung einer flächendeckenden medizinischen Versorgung erfahren zu wollen – und dies bei riesigen geographischen Dimensionen und überwiegend nur sehr spärlicher Infrastruktur.
Zudem erhoffte ich mir, die speziellen medizinischen Bedürfnisse der eingeborenen Bevölkerung besser verstehen zu lernen und im Rahmen einer Hospitation beim „Royal Flying Doctor Service“ Einblick in eine weltweit einzigartige Form der Patientenbetreuung zu erhalten.
Ein Leben im „Outback“ Palm Valley |
| Alice Springs liegt im Zentrum des Australischen Kontinents und ist auf der Landkarte schnell ausfindig gemacht. Ja, dem kritischen Betrachter entgeht nicht, dass sich für tausende von Kilometern nur wenige Spuren menschlichen Lebens oder gar von Zivilisation erahnen lassen. Nach Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory, ist das 1.600 km entlang des Stuart Highway in südlicher Richtung gelegene Alice Springs die zweitgrößte Stadt dieses Bundeslandes. Sofern es einem gelingt, sich nicht davon irritieren zu lassen, dass sich ringsherum nichts als Wüste erstreckt, so findet man in dem knapp 30.000-Einwohner Städtchen jeden erdenklichen Komfort und ein wahrscheinlich größeres und vielfältigeres Angebot an Freizeitmöglichkeiten als in einer vergleichbar großen Stadt hierzulande.
Die „Aussies“ – mehr noch die „Territorians“ – wissen sich zu helfen, rücken zusammen und trotzen mit unerschütterlichem Frohsinn, Einfallsreichtum und nach wie vor unermüdlichem Pioniergeist sämtlichen klimatischen und geographischen Widrigkeiten. Vor allem aber sind sie aufgeschlossen und heißen jeden herzlich willkommen, der neu hinzukommt und sich erst allmählich an die Herausforderungen eines Lebens im „Outback“ gewöhnen muss.
Das Alice Springs HospitalDas Alice Springs Hospital (ASH) ist innerhalb einer Fläche von einer Million Quadratkilometer das einzige Krankenhaus und mit seinen 164 Betten demzufolge ein unersetzlicher Stützpfeiler der medizinischen Versorgung in der Weite des zentralaustralischen Hinterlandes. Das Krankenhaus beheimatet die „Northern Territory Clinical School“, eine akademische Einrichtung der Medizinischen Fakultät der Flinders University in Adelaide. Hauptaufgabe des Instituts ist das Vertrautmachen der Studenten mit den besonderen medizinischen Problematiken im „Outback“, insbesondere im Zusammenhang mit den spezifischen Bedürfnissen der „Aborigines“.
Neben der Medizinischen und der Chirurgischen Abteilung und einer großen „Accidents and Emergency-Einheit“ beherbergt es eine moderne Intensivüberwachung, eine pädiatrische, eine orthopädische, eine ophthalmologische, eine psychiatrische sowie eine gynäkologisch/geburtshilfliche Station. Ein Dialysezentrum ist dem Krankenhaus angegliedert. Alle Abteilungen, mit Ausnahme der Geburtshilfe, bieten Medizinstudenten die Möglichkeit einer „Clinical Rotation“ – zu Famulaturzwecken ebenso wie im Rahmen des Praktischen Jahres.
Bemerkenswert am Klinikbetrieb ist die Tatsache, dass bestimmte apparative, diagnostische oder interventionelle Maßnahmen, die in Lehrkrankenhäusern hierzulande zum absoluten Standard zählen – so z.B. MRT oder Koronarangiographie – in Alice Springs nicht zur Verfügung stehen und die Patienten im Bedarfsfall mit den „Flying Doctors“ u. a. in das 1.600 km entfernte Adelaide ausgeflogen werden. Die Fachbereiche Radiologie, Neurologie, Dermatologie, Urologie sowie Plastische und Kinderchirurgie werden ebenfalls nur konsiliarisch durch hospitierende Spezialisten aus Interstate-Kliniken betreut.
Abgesehen von den geographisch bedingten Besonderheiten kann sich das ASH mit jeder hiesigen Klinik messen lassen. Die Qualität der medizinischen Versorgung als auch des technischen Inventars entspricht europäischen Standards, die individuelle Betreuung der Patienten ist aufgrund der größeren Anzahl von Ärzten sogar um einiges besser.
Die Klinik ist mit einer sehr gut sortierten Bibliothek ausgestattet. Auch ein Computer Lab steht den Studenten rund um die Uhr zur Verfügung.
Die Arbeit am HospitalGerade wegen seines breiten medizinischen Spektrums ist das Alice Springs Hospital bei australischen und ausländischen Medizinstudenten gleichermaßen sehr beliebt und Studenten sind in allen Abteilungen dementsprechend zahlreich vertreten. Die möglichst frühzeitige Bewerbung ist Voraussetzung für die Zuteilung eines Platzes, vor allem dann, wenn man in dem besonders begehrten Bereich „Accidents and Emergency“ oder in der Pädiatrie arbeiten möchte.
Als Student ist man Teil eines Teams, das aus einem Oberarzt („Consultant“), einem erfahrenen Assistenzarzt („Registrar“) und einem jungen Assistenzarzt in den ersten beiden klinischen Jahren („Resident Medical Officer/RMO“, „Intern“) besteht und innerhalb der jeweiligen Abteilung einen bestimmten - für hiesige Verhältnisse recht überschaubaren - Patientenstamm betreut.
Die Studenten beteiligen sich ähnlich wie in Deutschland an der Blutentnahme, begleiten die oft mehrere Stunden dauernde Visite und werden in Anamneseerhebung und körperliche Untersuchung der Patienten ebenso wie in die Entscheidung über notwendige diagnostische oder therapeutische Maßnahmen mit einbezogen. Das sog. „bedside teaching“ ist hierbei wesentlicher Bestandteil der studentischen Ausbildung.
Die stationäre Aufnahme der Patienten geschieht ausschließlich über die Notaufnahme, so dass es sich empfiehlt, z.B. im Rahmen eines Nachtdienstes dort zu hospitieren, um selber mit den Besonderheiten des Aufnahmeprocedere vertraut zu werden und „hands-on-experience“ zu sammeln. Obwohl von den Studenten auf Station an selbstständiger klinischer Arbeit nicht allzu viel verlangt wird, bietet sich – Interesse vorausgesetzt – doch reichlich Gelegenheit, Patienten zu untersuchen, aufzunehmen, im Rahmen der Dienstbesprechung Fälle zu präsentieren und z.B. bei Punktionen zu assistieren oder falls man Glück hat, diese unter Anleitung selbst durchzuführen.
Etwas mehr als die Hälfte der Patienten sind „Aborigines“, deren Behandlung besonderes Feingefühl und Rücksichtnahme auf sprachliche und kulturelle Differenzen verlangt. Um diese Barrieren leichter zu überwinden, stehen „Aboriginal Liaison Officer“ und Übersetzer für die am häufigsten gesprochenen Stammessprachen bereit, deren Hilfe gerne in Anspruch genommen werden kann und soll.
Dem Studentenunterricht kommt am Alice Springs Hospital ein hoher Stellenwert zu. Neben der Röntgenbesprechung findet dreimal in der Woche ein interdisziplinäres „Teaching“ statt. Praktischer Unterricht und klinische Fortbildungen werden ebenfalls regelmäßig angeboten.
Remote Health Care und Royal Flying Doctor Service Bei den Flying Doctors |
| Die Studenten werden ermutigt, an Exkursionen in entlegene „Aborigine“ Gemeinden teilzunehmen, im Rahmen derer Fachärzte aus Alice Springs – so z.B. Augenärzte, Allgemeinmediziner, Diabetologen und Gynäkologen – Patienten vor Ort „out bush“ betreuen. Ich hatte die Gelegenheit, eine Woche lang 300 km nordwestlich von Alice in der „Community Clinic“ von „Yuendumu“ mitzuarbeiten: Eine zutiefst beeindruckende, zum Teil leider auch desillusionierende Erfahrung medizinischer und zugleich humanitärer Pionierarbeit.
Die alltägliche Herausforderung besteht hierbei in der Gewährleistung einer guten und umfassenden medizinischen Versorgung trotz zum einen nur sehr begrenzter apparativer und labordiagnostischer Möglichkeiten und zum anderen leider doch beträchtlicher sprachlicher und kultureller Hürden. Viele „Aborigines“ leiden infolge von Fehl- und Mangelernährung oder aber aufgrund von jahrelangem Substanzabusus schon in jungen Jahren an den Zivilisationskrankheiten der westlichen Welt: Diabetes mellitus sowie den damit verbundenen Komorbiditäten, arterielle Hypertonie und koronare Herzkrankheit sind weit verbreitet, Krankheitseinsicht, „Compliance“ und letztlich auch Lebensqualität und Lebenserwartung der Betroffenen dementsprechend schlecht.
Auch die Vereinbarung regelmäßiger Arztbesuche, sei es zur Wundpflege oder aber zur Teilnahme an Vorsorgeprogrammen, gestaltet sich angesichts der kulturell tradierten Reisefreude der „Aborigines“ mitunter sehr schwierig. Die Teilnahme an „Sorry camps“, Ahnenverehrungsfeiern, Fruchtbarkeitszeremonien oder Initiationsriten ist für die sehr stark familiär ausgerichteten Menschen eine Selbstverständlichkeit, die oft wochenlange Abwesenheit inbegriffen.
Neben den klinischen Aspekten bot mir mein Ausflug nach „Yuendumu“ auch ein einmaliges kulinarisches Erlebnis – ein traditionell in der Lagerfeuerglut geschmorter Känguruschwanz - eine lokale Delikatesse! Die Teilnahme an der Jagd auf das dazugehörige Känguru war mir eine Ehre, obschon ein zweifelhaftes Vergnügen. Auch hier hat der technische Fortschritt Einzug gehalten, statt der traditionellen Jagd mit Speer und Boomerang werden die Tiere heutzutage mit dem Gewehr erlegt.
Wieder zurück in der Stadt ist ein Tag bei den „Flying Doctors“ sicherlich das absolute Highlight jeder Famulatur und wird für die Studenten durch das Krankenhaus organisiert. Die Arbeit der Fliegenden Ärzte geht weit über den romantisch verklärten Mythos heldenhafter Luftretter hinaus. Sie sind ein unerlässliches Element der Gesundheitsversorgung des „Outback“, Erstretter, Krankentransport, Hausarztersatz, Geburtshelfer und v. a. Bindeglied zwischen den Menschen in den „Bush Communities“ und „Cattle Stations“ sowie den größeren Siedlungen.
Auf den meisten Flügen ist kein Arzt mit an Bord – die Fachkrankenschwester und der Pilot bestreiten den Job alleine, was angesichts des sehr beengten Platzangebots in den „Pilatus Aircrafts“ auch nachvollziehbar ist. Wohin die Reise geht und wie viele Flüge man als Student begleiten kann, entscheidet sich erst am Tag selbst! Offenkundig ist, dass kein Einsatz wie der andere ist und bei jedem neuen Flug volle Aufmerksamkeit und Konzentration gefordert wird.
Auch eine Schicht mit dem Team der St. John’s Ambulances ist unbedingt empfehlenswert und ebenfalls Teil des von der Klinik angebotenen Studentenprogramms. Die Rettungsassistenten sind die ersten an den leider viel zu häufigen Schauplätzen blutiger Stammesfehden oder häuslicher Gewalt und laufen bei ihren nächtlichen Einsätzen in den berüchtigten „Town Camps“ allzu oft Gefahr, selbst in die Schusslinie oder zwischen die Fronten zu geraten.
Im Stadtgebiet sind Übergriffe von „Aborigines“ auf die weiße Bevölkerung grundsätzlich zwar verhältnismäßig selten, trotzdem empfiehlt es sich, bei Dunkelheit – insbesondere in der Nähe des „Todd River“ – nicht alleine unterwegs zu sein.
Bewerbung, Vorbereitung und OrganisationDie Anfrage bzw. Bewerbung um einen Platz am Alice Springs Hospital ist am besten in schriftlicher Form per Email an den „Academic Services Officer“ der Northern Territory Clinical School zu richten.
Von offizieller Seite notwendige Voraussetzung für eine Beschäftigung im medizinischen Bereich ist der Erhalt eines Business (Short Stay) Visa, Form 456 – nähere Informationen bezüglich notwendiger Dokumente sowie geforderter ärztlicher Untersuchungen finden sich auf der Website der Australischen Botschaft.
Das Alice Springs Hospital verlangt den Nachweis einer vollständigen Grundimmunisierung sinngemäß entsprechend den Empfehlungen des RKI sowie eine Immunisierung gegen Hep. A und den Impfschutz gegen Tbc (BCG) inkl. eines innerhalb der letzten 12 Monate durchgeführten Mantoux-Tests. Darüber hinaus sind keine weiteren Reiseschutzimpfungen/Prophylaxen erforderlich.
Unterbringung und Verpflegung liegen in eigener Verantwortung, nur australische Studenten haben Anspruch auf Bereitstellung einer Unterkunft auf dem Campus. Die Klinik bietet allerdings einen Katalog von Privatadressen an, die gegen verhältnismäßig geringe Kosten Zimmer an Studenten vermieten.
Fazit – ein einmaliges Erlebnis! In Yuendumu |
| Meine Erfahrungen in Alice Springs lassen sich kaum auf überschaubare Weise in Worte fassen. Ich bin sehr froh, die Chance wahrgenommen zu haben und noch immer erfüllt von den vielen neuen Eindrücken – meine Erwartungen wurden in jeder Hinsicht erfüllt.
Ich hatte Gelegenheit, Australien aus einer völlig anderen Perspektive kennen zu lernen, habe Einblick erhalten in eine fremde Kultur und Lebensweise, war herausgefordert, im Busch meine praktischen klinischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, konnte erleben, dass die Ansprüche und technischen Vorgaben moderner westlicher Schulmedizin in den Communities völlig fehlplaziert sind und stattdessen eine v. a. zweckmäßige und problemorientierte, trotzdem aber ganzheitliche, d.h. auch die Familie des Patienten und seine aktuelle Lebenssituation mit einbeziehende, ärztliche Handlungsweise gefordert ist.
Leider habe ich durch meine Arbeit mit den „Aborigines“ erfahren müssen, dass ihre und unsere Kultur und Weltanschauung einander weitaus fremder sind, als sich beide Parteien eingestehen wollen und die Basis eines vorurteilsfreien und verständnisvollen Miteinanders daher nur schwer zu finden ist.
Meiner Erfahrung nach ist es vor allem wichtig, sich immer wieder aufs Neue darum zu bemühen, einander möglichst unvoreingenommen und respektvoll zu begegnen – auf diese Art und Weise lässt sich der interkulturelle Dialog am besten bewerkstelligen und man erfährt die aufrichtige Dankbarkeit und Freude der Menschen darüber, dass sich jemand für sie und ihre Lebenssituation tatsächlich interessiert.
B., A. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Würzburg, Februar 2007
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