|
Ich gebe zu, dass mein Bericht nun doch etwas lang geraten ist. Für jene, denen er zum Lesen zu lang ist nur so viel: Ein Tertial in La Paz ist ein einmaliges Erlebnis, eine wahnsinnig anstrengende Zeit, aber auch eine sehr lehrreiche und von vielen wunderbaren Bekanntschaften geprägte. Für alle Anderen das Folgende. Warum Bolivien?
Wahl des Fachgebietes & Bewerbung
Vorbereitungen
Ankunft & Zoll
La Paz
Arbeit am Krankenhaus
Patienten
Visiten & Lehre
Unterkunft, Leben, finanzielle Seite
Land und Leute
Mein Fazit
Warum Bolivien? Strasse nach Coroico |
| Ich hatte nach meinem ersten Staatsexamen die Möglichkeit eines Erasmus-Jahres in Spanien genutzt und war als total hispanophil wieder nach Hause gekommen. Wegen dieser neuen Begeisterung und der vielen Möglichkeiten, die sich in Südamerika bieten, wollte ich unbedingt dorthin.
Die erste Gelegenheit fand sich während einer vierwöchigen Famulatur im letzten Jahr in der Rettungsstelle des Hospital de Clínicas, einem der größten Krankenhäuser und dem Universitätsklinikum der Stadt. Dort boten sich mir in kurzer Zeit unglaublich viele Erfahrungen und Eindrücke – gute, schlechte und katastrophale.
Während meiner freien Nachmittage und Wochenenden hatte ich auch Zeit für einige Reisen in ein wunderschönes Land voller Extreme und herrlicher Landschaften. Da man all diese Dinge nicht in wenigen Wochen „erledigen“ kann, wollte ich unbedingt zurückkommen.
Wahl des Fachgebietes & Bewerbung Krankensaal der Frauen im Hospital de Clínicas |
| Ich entschied mich für das Innere-Tertial in dem mir schon bekannten Hospital de Clínicas. Ich wusste, dass in dieses Krankenhaus Patienten mit sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern in oft fortgeschrittenen Stadien aus der ärmeren Bevölkerung kommen und dass meine gesammelten Spenden dort am besten aufgehoben sein würden. Außerdem lässt das LPA recht wenige Alternativen zu.
Per Internet ging ich auf die Suche nach möglichen Ansprechpartnern. Dabei fand ich die Email Adresse des Chefarztes der Abteilung für Innere Medizin, Dr. Cordova-Roca. Von ihm erhielt ich sehr schnell eine positive Antwort auf meine Nachfrage, inklusive einer Aufzählung der Termine und Zeiten der verschiedenen Visiten, an welchen ich teilnehmen dürfte, täglich von etwa 8.00 bis 15.00 Uhr.
Allerdings war ich über die geforderten 200 US-Dollar monatlich mehr als erstaunt. Ähnliche Preise mögen in anderen Ländern keine Seltenheit sein, aber in Bolivien, einem absoluten Niedrigpreisland, verdient ein Arzt im Krankenhaus nur wenig mehr. Leider blieb mir der Verbleib des gezahlten Geldes größtenteils verborgen, aber auf jeden Fall war mir eine Stelle in einer gemischt kardiologischen, nephrologischen und endokrinologischen Station sicher. Da siegte die Freude über den Kontostand.
VorbereitungenDie häufig angegebenen sechs Monate für die Organisation des Auslandsaufenthaltes kann man durch direkten Kontakt auch wesentlich abkürzen, allerdings muss ich zugeben, offizielle Stellen weitgehend unbefragt gelassen zu haben. Der Dekan der Universität war nicht sehr begeistert, als ich mich ihm vorstellte und eröffnete, dass ich eine Bescheinigung von ihm brauchen würde. Glücklicherweise fanden während meines Aufenthaltes Wahlen zum Dekanat statt - zum Vizedekan wurde der vormalige Direktor des Krankenhauses und Chefarzt der Endokrinologie gewählt. Da ich ihm gut bekannt war, weil er mich ständig ausgefragt hat und ich ihm und seinen Studenten auch Vorträge halten musste, war die Frage des Stempels am Ende geklärt. Glück gehabt! Dies könnte man aber durch Beschreiten offizieller Wege auch einfacher haben. Außerdem heißt es, dass in Bolivien irgendwie immer alles möglich ist. Einen wesentlichen die Zeit limitierenden Faktor stellt meiner Meinung nach die Flugbuchung dar, da man während des PJ an gewisse feste Termine gebunden ist. Aber drei Monate sollten dafür ausreichend sein.
Für mich hat sich als beste Verbindung nach Bolivien der Weg über Miami dargestellt, da man in diesem Fall bis zu 64kg Freigepäck mit sich führen kann (American Airlines und/oder British Airways). Der Preis lag mit etwas über 1.000 Euro einige wenige Euro über dem Mindestangebot, aber da ich sowohl im letzten als auch in diesem Jahr sehr viele Medikamente, Instrumente und Ähnliches mit mir führte, waren diese 64kg sehr schnell ausgereizt. Immerhin hatte ich noch gut 20kg im Handgepäck und große Schweißperlen auf der Stirn beim Einchecken!
Auch beim Rückflug sollte mit einer extra Tasche gerechnet werden, da Bolivien mit einiger Geduld und Übung ein wahres Einkaufsparadies sein kann. Mir bot sich bei diesem Flug die Möglichkeit eines beliebig langen (Gesamtaufenthalt bis zu einem Jahr) Aufenthaltes in einer Stadt meiner Wahl in den USA, sodass ich mir bei einigen Tagen New York auf der Rückreise den Hyperkulturschock geben konnte.
Visa rechtlich hat sich in den letzten Jahren meines Wissens nicht viel geändert. In den USA werden von Immigrationsbeamten Fotos und Fingerabdrücke gemacht, in Bolivien gelten noch immer 90 Tage Visa. Zur Verlängerung steht das Migrationsbüro in der „Calle Camacho“ zur Verfügung oder man macht einen sich auf jeden Fall lohnenden Tagesausflug nach „Copacabana“ und überschreitet für den Stempel mal kurz die Grenze nach Peru. (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, wird dringend empfohlen, sich rechtzeitig bei den jeweiligen Botschaften der einzelnen Länder nach den aktuellen Einreisebestimmungen zu erkundigen.)Hierzu bieten sich unzählige Möglichkeiten, die ich nicht mal im Ansatz kenne, aber die Südamerika Bibel des „Lonely Planet“ scheint noch immer der absolute Renner zu sein, jedenfalls trifft man nur wenige Reisende mit möglichen Alternativen. Also einfach mal in Ruhe „Hugendubeln“. Für aktuelle Nachrichten kann man z.B. die Tageszeitungen „La Razon“ oder „El Diario“ auch online lesen (siehe Weiterführende Links). Eine recht gute Landkarte habe ich in Deutschland gefunden, in La Paz war keine gute Alternative zu bekommen.- Impfungen, Versicherungen
Auf jeden Fall sollte man vorher seinen Hepatitis-Status überprüfen, ansonsten ist bei Reisen in tiefer gelegene und heißere Gebiete eine Gelbfieberimpfung empfehlenswert, die man ohne Probleme und Kosten(!) in den offiziellen Impfstellen in La Paz bekommen kann.
An Versicherungen bieten sich Reisegepäckversicherung, Unfallversicherung und eine Auslandskrankenversicherung an. Der freundliche Allianz Versicherungsfachberater hilft da bestimmt gern weiter. Was man braucht, weiß man selbst am Besten, La Paz liegt auf bis zu viertausend Meter Höhe, da kann es nachts auch mal ganz schön kalt werden. Die Sonne brennt mit unheimlicher Kraft, da sollte unbedingt ein Hut und gute Sonnencreme in der Tasche zu finden sein. Trotz aller Vorsicht habe ich mir aber auch immer wieder einen Sonnenbrand geholt. Das Wetter in Bolivien ist in den Höhen relativ stark von der Jahreszeit abhängig. Im europäischen Winter ist es wärmer, regnet aber auch mehr. Im europäischen Sommer hat man meistens eine wunderbare Sicht auf die Berge, aber wenn die Sonne weg ist, wird es empfindlich kalt. In weniger hoch gelegenen Gegenden ist es generell wärmer und feuchter - tropisch eben.
Für die Arbeit im Krankenhaus kann man gar nicht genug mitbringen. Es gibt so gut wie nichts, mit dem man arbeiten könnte. Also auf jeden Fall Stethoskop, Lampe, ggf. Reflexhammer, Kittel, Handschuhe und in Bolivien nicht erhältliches Händedesinfektionsmittel mitnehmen. Bis auf das Desinfektionsmittel kann man aber alles auch dort kaufen - vor der Universität zu günstigen Preisen.
Ich habe den Chefarzt per Email gefragt, welche Medikamente am häufigsten benutzt werden, und dann versucht, hier alle möglichen Spenden zu bekommen. „Ratiopharm“ gab im letzten Jahr eine Riesenspende, „Aesculap“ hat einige Instrumente, „Tyco Healthcare“ viel Nahtmaterial geschickt; „La Roche“ Urinteststreifen etc. Auch in Krankenhäusern und Apotheken ist oft Einiges zu bekommen. Meine Medikamente habe ich zum größten Teil an die Patienten auf der Station verteilt. Letztlich wurde ich oft erst gefragt, was noch da ist, bevor man den Patienten etwas verschrieben hat. Auch aus anderen Abteilungen kamen irgendwann immer mehr Anfragen, denn gebraucht wird je nach Fachrichtung so gut wie alles. Auch hier gilt wieder, dass so gut wie alles zu günstigen Preisen gekauft werden kann, aber die allermeisten Patienten in diesem Krankenhaus haben dafür einfach kein Geld. Sehr gute Dienste haben Blutzuckermessgeräte geleistet. Diese sind nämlich so gut wie unerschwinglich und die krankenhauseigene Messung hat ewig gedauert. Ersatzteststreifen habe ich aber nur vom „One Touch“ gefunden.
Und, um ganz ehrlich zu sein, am meisten kann man mit Geldspenden anfangen!
Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen, in meiner freien Zeit mit meiner Doktorarbeit voranzukommen und dafür meinen Laptop mitgenommen. Letztlich hatte ich so gut wie keine freie Zeit, aber den Rechner konnte ich prima im Krankenhaus verwenden, da man sonst alles auf eigenen uralten Schreibmaschinen schreiben muss. Der Laptop hat mir viele durchwachte Nächte und wunde Finger erspart, da ich meine Schreibarbeit damit unheimlich beschleunigen konnte. Einen Drucker gab es für ein paar Dollar auf dem Markt. Das mag nicht nach eines jeden Geschmack sein. Ich hatte Glück und fand es wunderbar, aber die Diebstahlsrate ist extrem hoch. Ein Schloss hätte mich sehr beruhigt, war aber leider nicht zu kriegen.
Ankunft & ZollDas große „Abenteuer Bolivien“ beginnt schon beim Anflug auf „El Alto“, der so genannten Zwillingsstadt von La Paz. Man sieht die schneebedeckten Gipfel im Sonnenaufgang und dann die sich endlos streckenden Straßen von El Alto mit den wie Spargelspitzen hervorschauenden Kirchtürmen auf der absolut flachen Hochebene.
El Alto ist die am schnellsten wachsende Stadt der Welt mit inzwischen geschätzten ein bis eineinhalb Millionen Einwohnern und Anlaufpunkt der vielen Landflüchtigen des Landes. Die Häuser wachsen schneller auf die Hochebene hinaus, als die Infrastruktur folgen könnte, so dass es in vielen Gegenden keine befestigten Straßen, Wasser oder legale Elektrizität gibt. Für die „Alteños“ (Bewohner von El Alto) sind die „Paceños“ (Bewohner von La Paz) arrogante, reiche Schnösel. Für die Paceños ist El Alto Synonym für Armut und vor allem Kriminalität. Ein beliebtes Spiel in El Alto besteht darin, die Straßen nach La Paz zu blockieren und so unnötige Engpässe von Lebensmitteln und Treibstoffen zu verursachen. Das Verhältnis der beiden Städte zueinander wird dadurch nicht gerade besser, obwohl sie eigentlich in jeder Hinsicht aufeinander angewiesen sind.
Die Landung ist wesentlich angenehmer als auf den meisten Flughäfen der Welt, keine weinenden Kinder, da das leidige Drücken und Knacken auf den Ohren wegfällt, weil dafür der Unterschied zwischen Kabinendruck und Luftdruck einfach zu klein ist. Leider kann man deswegen aber auch keine Freudensprünge machen, denn dabei würde einem die Luft auch sofort wegbleiben. Die ersten Tage macht jeder etwas schnellere Schritt, jede noch so kleine Steigung Mühe und führt sofort zu dyspnoeischen Zuständen und man verflucht jede auf dem Weg zum Hotelzimmer liegende Stufe. Nach einiger Zeit lässt auch dies etwas nach, verschwinden tut es irgendwie nie ganz.
Ich möchte an dieser Stelle kurz auf zolltechnische Probleme eingehen, die beim Einführen von Spenden auftreten können, nicht jeden interessieren werden, möglicherweise aber eine Menge Geld und Ärger ersparen.
Generell gilt, dass man für die Einführung von deklarierten Spenden wie z.B. Medikamenten oder medizinischen Geräten eine Auflistung der Sachen erstellen muss, die den exakten Wert und genaue Stückzahlen enthält. Diese muss dann in der bolivianischen Botschaft in Deutschland „legalisiert“, also mit einem großen Stempel versehen werden. Im vorigen Jahr hatte ich eine wunderschöne lange Liste meiner Medikamente im Wert von über 15.000 Euro. Niemand auf dem Flughafen hat sich dafür interessiert, meine Koffer blieben ungeöffnet, die Liste ungesehen.
Nachdem man in diesem Jahr meine große Kiste mit Medikamenten aussortiert und mir einen Zettel dafür im Tausch gegeben hatte, begann der Weg durch die Instanzen: Zoll – Gesundheitsministerium – Zoll – Gesundheitsministerium – Zoll usw.
Es wäre leichter gewesen, hätte ich auch in diesem Jahr eine Liste angefertigt. So musste sich der zuständige Beamte auf den Weg machen und den Wert „schätzen“. Er schaute sich die Sachen an und fragte mich dann nach deren Preis in Deutschland. Ich gab zögerlich 200 bis 300 Euro an – und er legte daraufhin den Wert auf 400 Dollar fest, wofür ich 120 Dollar Zoll zu zahlen hatte. Und dies trotz offizieller Spendenbescheinigung einer gemeinnützigen deutschen an eine gemeinnützige bolivianische Organisation! Eine Liste mit offiziellem Stempel hätte daran nichts geändert, aber wie hätte ich den Zoll für die Spende des letzten Jahres auftreiben sollen?
Von daher würde ich sagen, dass eine Liste hilfreich ist, aber auf keinen Fall Zahlen enthalten sollte, damit man im Notfall den Preis drücken kann. Trotzdem sind offiziell aussehende Schreiben mit großen Stempeln gemeinnütziger Organisationen wie z.B. Kirchen wichtig.
La Paz  City von La Paz |
| Vom Flughafen kann man mit Taxi oder Minibus nach La Paz fahren und sobald man den ersten Blick auf die Stadt erhaschen kann, bleibt einem trotz Tachypnoe erst einmal der Atem weg. Ein riesiges Tal, so weit das Auge sehen kann ein Meer aus Ziegelsteinen und Autos, kaum mal ein Baum oder Strauch. Ich finde es sehr schwer, die Stadt zu beschreiben, ohne in seitenlange Ausschweifungen zu geraten, deshalb nur so einiges.
Die Straßen gehen immer nur bergab oder bergauf und sind ständig von Schlangen schrottreifer Autos und Minibussen mit komplett abgefahrenen Reifen verstopft, die ununterbrochen von ihrer Hupe Gebrauch machen und aus denen Jugendliche heraushängen, die lauthals schreiend, vollkommen unverständlich und offensichtlich unerschöpflich die Fahrtroute und den Preis kundgeben. In den Minibussen wird man dann, eingezwängt zwischen „Cholitas“, den indianischen Frauen mit ihren in rote Tücher gewickelten Kindern oder Waren und den typischen Hüten auf dem Kopf, zusätzlich mit der aktuellsten Musik aus dem Radio beschallt. Bolivien bzw. Lateinamerika hat unglaublich schöne Musik jeder Art und trotzdem spielen Radiostationen von morgens bis abends von billigen Synthesizern und unglaublich schlechten Sängern verunstalteten Krach, der einem Zahnschmerzen bereitet. Und die Leute finden es toll!
Die Minibusse fahren bestimmte Routen ab. Die Nummern auf dem Dach geben einen Anhaltspunkt, ansonsten kann man sie auf den Schildern an der Frontscheibe ablesen. Um das Geschrei der Ausrufer erraten zu können, braucht es einige Monate.
Ein Spaziergang wird erheblich durch die auf jedem Bürgersteig sitzenden „Comerciantes“, die Händler, erschwert, die ständig zum Ausweichen auf die Straße zwingen, wo sofort ein nahendes Auto unter lautem Gehupe nicht zögern würde, einem den Hintern abzufahren.
Und trotzdem lohnt sich die Erkundung der Stadt, die ein einziger großer Markt zu sein scheint, auf dem die Waren, nach Straßen sortiert, verkauft werden und für das mitteleuropäische Auge mitunter eine Herausforderung darstellen.
Ich weiß nicht genau wie und warum, vielleicht weil man doch anpassungsfähiger ist, als man denkt, habe ich mich nach anfänglichen Schwierigkeiten sogar wohl gefühlt, die Vorzüge genießen gelernt und das Treiben amüsant betrachten können.
Arbeit am Krankenhaus Todmüde „Internos“ in der Rettungsstelle |
| Das Krankenhaus besteht aus vielen Gebäuden, wobei jedes Gebäude meistens eine Fachrichtung beherbergt. Ich war die ganze Zeit im so genannten „Pabellon Italia“ mit zwei Krankensälen, einem für Frauen, einem für Männer, mit jeweils ca. 15 Betten oben genannter Fachrichtung.
Die im Krankenhaus beschäftigten Ärzte gliedern sich in drei Gruppen. Ganz „unten“ die „Internos“, entsprechen den deutschen PJ’lern - also mir. Diese rotieren in kleinen Gruppen für unterschiedlich lange Zeiträume über fast alle Abteilungen des Krankenhauses. In dieser Abteilung blieben sie für jeweils 15 Tage. Die Internos sind für die gesamte Stationsarbeit verantwortlich. Dies bedeutet, jeden Patienten bis zur Visite um 8.00 Uhr untersucht und eine „Historia“ geschrieben zu haben, die den Zustand des Patienten beschreibt, die Untersuchung dokumentiert und alle klinischen Angaben zum Patienten wie z.B. Vitalparameter, Ein- und Ausfuhr, Medikation, geplante und tatsächliche Anordnungen etc. enthält.
Nach der Visite wird der Rest des Tages mit dem Umsetzen der Anordnungen in Anspruch genommen. Das heißt Rezepte schreiben für Medikamente, Spritzen, Ampullen, Untersuchungen, mit den Unterlagen zu diversen Stellen laufen, um Ermäßigungen herauszuschlagen, Verbände machen, die Medikamentengaben überwachen (die Schwestern waren eine Katastrophe) usw. Vieles nahm wegen der meiner Meinung nach extrem schlechten Organisation unheimlich viel Zeit in Anspruch. Am Nachmittag fand noch eine Visite statt, während der wir die Patienten vorzustellen hatten.
Da alles Schriftliche auf uralten mechanischen Schreibmaschinen erledigt wird, mussten die Internos je nach Anzahl der Patienten zum Teil schon gegen 3.00 Uhr nachts mit der Arbeit anfangen. Da ich einen Computer hatte, begann mein Tag in der Regel „erst“ gegen 6.00 Uhr! Das offizielle Dienstende war um 18.00 Uhr, aber in den meisten Fällen bin ich erst zwischen 20.00 Uhr und Mitternacht aus dem Haus gekommen. An Wochenenden war es ruhiger, die Visite begann eine Stunde später und wir konnten, wenn die Arbeit fertig war, schon am Nachmittag nach Hause.
Für mich bedeutete dies, von zwei etwas lockereren Wochen am Ende und einer freien Woche nach der Hälfte abgesehen, Müdigkeit und Erschöpfung pur, sieben Tage die Woche. Für die bolivianischen Studenten heißt dies ein ganzes Jahr fast ohne freie Tage, hinzu kommen noch alle paar Tage (bis zu jedem 2. Tag!) Schichten von 36 Stunden. Aber man hat mir versichert, dass diese Abteilung - von der Rettungsstelle, auf der ich im letzten Jahr war, abgesehen - die härteste des Krankenhauses mit der meisten Arbeit sei.
Über den Internos stehen die „Residentes“, vergleichbar mit Assistenzärzten, welche sich noch in die einzelnen Jahre der Assistenzzeit aufteilen. Diese dauert in Bolivien je nach Fachrichtung drei bis vier Jahre. Die Hierarchie innerhalb der Residentes ist sehr stark, mal wieder trifft die Jüngeren all’ der Ärger und Frust der Älteren. Die Residentes sind für den Alltag auf der Station verantwortlich, präsentieren die Patienten, geben Anordnungen und kontrollieren die Internos. Die Assistenzzeit heißt nicht umsonst „Residencia“, denn tatsächlich leben auch sie so gut wie komplett im Krankenhaus.
Die „Medicos de Planta“ entsprechen den deutschen Ober- bzw. Chefärzten. Diese kommen zu den morgendlichen Visiten, kontrollieren die Behandlung der Patienten, geben Anordnungen, leiten die Sprechstunden der Abteilung und sind meistens nur bis zum Mittag im Krankenhaus. Die Nachmittage verbringen sie in ihren jeweiligen privaten Praxen und verdienen auch dort ihr Geld, da das Gehalt des Krankenhauses nur wenige hundert Dollar beträgt. Die Dozenten unter ihnen lehren auch noch an der medizinischen Fakultät.
Patienten Patient im Männersaal |
| Nur etwa 17% der bolivianischen Bevölkerung haben Anspruch auf Leistungen aus einer Krankenversicherung. Dies trifft für Angestellte in einigen großen Unternehmen und Beamte zu, wobei die jeweilige Versicherung ihre eigenen Krankenhäuser hat. Die restlichen 83% haben keinerlei Absicherung und müssen für die Kosten ihrer Behandlung selbst aufkommen, wobei es dabei Abstufungen in der Ausstattung der möglichen Häuser von luxuriös bis nicht vorhanden gibt. Das Hospital de Clínicas zählt eher zu den Letzteren. Bis auf die Betten gibt es nicht viel, dafür ist die Behandlung auch relativ preiswert.
Die Patienten zahlen für jeden Aufenthaltstag 20 „Bolivianos“, das entspricht 2 Euro, worin Mahlzeiten und die Behandlung an sich enthalten sind. Für jede diagnostische Maßnahme, für jedes Röntgenbild, jede Laboruntersuchung, jede Spritze, jede Ampulle oder Tablette muss dann noch extra und meistens einzeln bezahlt werden.
Aufgrund dieser Praxis konnte es mitunter Tage dauern, bis eine Untersuchung durchgeführt werden konnte. Man gab dem Patienten bzw. dessen Angehörigen ein Rezept, eine Art Schmierzettel mit der Anweisung und Unterschrift darauf, diese versuchten dann das nötige Geld zu beschaffen, bezahlten, brachten die Rechnung zum Untersucher, der dann endlich anfangen konnte. Wenn also die Angehörigen nicht anwesend waren oder Probleme beim Beschaffen des Geldes hatten, stockte der Prozess empfindlich. Da viele der Patienten aus den ländlichen Regionen kamen, war dies leider eher die Regel als die Ausnahme. Außerdem war es manchmal schon fast unmöglich, den des Lesens häufig Unkundigen zu erklären, mit welchem Zettel sie wohin und danach...
Erschwerend kam hinzu, dass die wenigen im Krankenhaus vorhandenen Einrichtungen von sehr mangelhafter Qualität waren, sodass Untersuchungen meistens in externen Labors angefordert werden mussten.
Die meisten Patienten konnten den Sozialdienst des Hauses in Anspruch nehmen, womit die Möglichkeit gegeben war, die Kosten des Aufenthaltes und der hausinternen Untersuchungen noch zu senken. Je nach Einkommen der Familie verringerten sich die Gebühren auf für deutsche Verhältnisse unkomplizierte Weise um bis zu 75%. Und trotzdem kam es immer wieder dazu, dass Patienten aufgrund fehlenden Geldes nicht behandelt werden konnten und, besonders schlimm und leider nicht selten, auch starben.
Ein besonders großes Problem stellten die Patienten mit Niereninsuffizienz und Indikation zur Dialyse dar. Einerseits mussten die Kosten natürlich selbst getragen werden, was auf längere Sicht von kaum einem der Patienten geleistet werden konnte, andererseits waren die Plätze für die Hämodialyse sehr beschränkt. Man versuchte in akuten Fällen auf Peritonealdialyse auszuweichen, aber die Lösungen waren sehr teuer, die Katheter verstopften häufig und den Angehörigen war kaum zu erklären, dass man dies mehr als einmal machen müsste. Außerdem wurden sie manuell durchgeführt, die Beutel mussten ständig gewechselt werden und die Nächte waren daher schlaflos für alle Beteiligten.
Ein 32-jähriger Patient, Vater zweier Töchter, kam mit terminaler Niereninsuffizienz zu uns, und die einzige Möglichkeit bot die Peritonealdialyse. Nachdem die Familie endlich das Geld für den Katheter, die nötigen Medikamente und Lösungen aufgetrieben hatte, verstopfte der Katheter und trotz mehrfacher Versuche konnte er nicht mehr durchgängig gemacht werden. Die Familie konnte nicht für einen zweiten Katheter aufkommen, und nachdem sie verstanden hatten, welche Kosten auf Dauer auf sie zukommen würden, holten sie den jungen Mann eines Abends nach Hause, um ihn dort sterben zu lassen.
Die hohen Kosten der medizinischen Behandlung führen dazu, dass sich Patienten oft erst nach langer Leidensphase und im letzten Moment in ärztliche Behandlung begeben. Schon deshalb ist die Mortalität extrem hoch, und vor allem die vielen „sinnlosen“ Fälle, die Patienten, die starben, weil sie sich die Behandlung nicht leisten konnten, machten mir besonders zu schaffen.
Eine 35-jährige Frau starb ungefähr eine Stunde nach ihrer Aufnahme im Nierenversagen. In den vorangegangenen Monaten hatte sie mehrfach das Krankenhaus gegen ärztlichen Rat verlassen, da sie kein Geld mehr aufbringen konnte, schon gar nicht für die Dialyse, und war immer wieder nach wenigen Wochen dekompensiert zurückgekommen. Als wir sie in die Leichenhalle schoben, erzählte mir der Ehemann, dass er nicht wüsste, wie er jetzt mit den neun Kindern allein zu Hause klarkommen sollte.
Ich habe in anderen Berichten über die Arroganz der zumeist aus höheren Schichten kommenden Ärzte und Studenten gelesen, habe dies aber nicht bestätigen können. Vielleicht lag es am Krankenhaus und den dafür typischen Patienten, vielleicht an der Fachrichtung, aber alle, auch die „Medicos de Planta“, haben einen wesentlichen Teil ihrer Zeit damit verbracht, Wege zu finden, um den Patienten die Untersuchungen zu niedrigeren Kosten zu ermöglichen. Manchmal klappte dies mit guten Kontakten zu anderen Ärzten oder Laboratorien, manchmal haben sie Untersuchungen in ihren eigenen privaten Praxen preiswerter durchgeführt. Ich habe es sogar erlebt, dass wir um das Bett eines Obdachlosen Patienten standen und jeder etwas Geld gegeben hat, um die nötigen Sachen zu kaufen. Dadurch stellte sich oft echte Freude ein, wenn es einem Patienten gelungen war, z.B. eine Untersuchung durchführen zu lassen - auf welchem Wege auch immer. Computertomographien habe ich in der Zeit nur zweimal gesehen – bei beiden hatte es Wochen gedauert.
Und doch hat menschliches Leben eine andere Bedeutung, einen anderen Wert, als ich es gewohnt bin. Der Tod eines Patienten wurde mir zu häufig mit einem Achselzucken und dem Hinweis auf die Armut Boliviens abgetan. Keine Fragen, ob und wie man ihn hätte verhindern können, keine Schuldfragen, auch nicht von Seiten der Angehörigen, denen anstatt eines freundlichen Wortes nur die ausstehenden Rechnungen überreicht wurden.
Freddy, mein 34-jähriger Patient hatte seit Tagen immer wieder hypoglykämische Entgleisungen bis hin zum Koma. Eines Abends habe ich kurz vor dem Feierabend mit meinem Glucometer noch seinen Zucker getestet, der bei weit über 500 lag. Wie ich später erfuhr, waren in der Nacht keine Bestimmungen möglich. Als ich am nächsten Morgen eintraf, lag der Wert bei 9 und Freddy im Koma. Es fanden sich in der Abteilung weder eine Flexüle noch Glucoselösung und als ich aus der Apotheke kam, mussten wir mit der Reanimation beginnen. Auf dieser immerhin kardiologischen Station gab es keinen Defibrillator, keinen Beatmungsbeutel, keine Notfallmedikamente, einfach gar nichts. Nach ca. 20minütiger Herzdruckmassage und Mund- zu Mund-Beatmung kamen dann endlich die Anästhesisten mit Beutel und Intubationsbesteck, so dass wir ihn schließlich auf die Intensivstation bringen konnten.
Als ich mich nach einigen Tagen nach seinem Befinden erkundigte, bekam ich die Auskunft, dass er in der vierten Etage sei. Erst auf der Treppe wurde mir klar, dass das Gebäude nur drei Etagen hatte.
Immer wieder fragte ich mich, was wohl wäre, hätte ich seinen Zucker nicht getestet und hätten wir Medikamente und bessere Ausrüstung gehabt, aber alle sagten mir nur, dass ich mir keine Gedanken machen solle, das käme nun mal vor, da könne man nichts machen - Bolivien ist arm und überhaupt. Wenig befriedigend!
Auf der anderen Seite gab es auch sehr positive Erlebnisse. Cesar, ein junger Patient, war seit vier Jahren nach einem Schuss in den Rücken vom Bauchnabel abwärts gelähmt und kam in extrem schlechtem Zustand mit Pyelonephritis und riesigen Ulzera zu uns. Er war fast genauso lange wie ich auf der Station, aber durch die gemeinsame Hilfe vieler Ärzte, des Hauses und anderer Einrichtungen ging es ihm stetig besser. Dank meines Stipendiums der Allianz konnte ich ihm Orthesen für die Beine anfertigen lassen, so dass er sich nun sogar wieder allein bewegen kann.
Visiten & LehreDa es sich um eine gemischte Station mit kardiologischen, nephrologischen und endokrinologischen Patienten handelte, gab es auch die jeweiligen Visiten, die jeden Wochentag mit den jeweiligen Spezialisten stattfanden. Jeden Morgen liefen die Schreibmaschinen heiß und stieg die Nervosität bis zur Visite mit dem Chefarzt, dem Kardiologen. Pünktlich um 8.00 Uhr zog der Tross von Bett zu Bett, die Residentes stellten die Patienten vor, jede Kleinigkeit wurde hinterfragt, jedes Milligramm der Medikation auf neueste Studienergebnisse gecheckt. Ständig wurden Fragen gestellt. Zu den Patienten, bei Nichtbeantwortung gab es ein riesiges Donnerwetter, zu theoretischen Grundlagen, bei Nichtbeantwortung gab es Hausaufgaben, die am nächsten Tag schriftlich eingereicht werden mussten. Daher saßen wir oft nach einem ewig langen Tag oder in der kurzen Mittagspause im Internetcafé, auf der Suche nach Studien oder irgendwelchen nahezu unbekannten Kleinigkeiten.
Um 10.00 Uhr begann die nephrologische Visite und damit ähnliches Programm. Zusätzlich zu den täglichen Visiten gab es an zwei Tagen der Woche Fortbildungen, bei denen Krankheitsbilder anhand von Patienten vorgestellt bzw. Vorträge gehalten wurden.
Ich war sehr überrascht von der hohen Aktualität der medizinischen Behandlung und dem großen Wert, der auf aktuelle Ergebnisse gelegt wurde und sehr beeindruckt vom Wissen einiger der Ärzte, die sich ohne Zweifel mit international bekannten Kapazitäten messen können. Oft musste man dann aber doch die Unmöglichkeit der einen oder anderen Behandlung in Bolivien zugeben.
Insgesamt lässt sich sagen, dass man unter anderem durch den ständigen Druck und auch die Vielseitigkeit der oft sehr weit fortgeschrittenen Krankheitsbilder eine sehr große Fülle an Wissen anhäufen kann. Leider musste ich aber auch feststellen, dass ich oft einfach zu müde war, um mir auch nur einfachste Zusammenhänge merken zu können.
Und natürlich ist man sich der zumindest theoretischen Qualität sehr bewusst, trotzdem erscheint z.B. das deutsche Gesundheitssystem wie der Traum von einer besseren Welt.
Unterkunft, Leben, finanzielle SeiteIch hatte über Kontakte aus Deutschland ein Zimmer zur Untermiete bekommen und musste mir daher darüber keine Gedanken machen. Ob das Krankenhaus Wohnungen oder Zimmer zur Verfügung stellt, weiß ich nicht genau, habe aber gehört, dass diese Möglichkeit bestehen würde. Die Mieten sind generell niedrig und sollten für ein Zimmer deutlich unter 100 Dollar monatlich liegen. Wenn sich nicht gleich etwas finden lässt, kann man auch vorübergehend in einem der unzähligen Hotels absteigen. Die Preise liegen in den preiswerteren Häusern um 3 bis 4 Euro pro Tag und sollten dann auch schon ein eigenes Bad enthalten.
Die nun folgenden Preisangaben sind in „Bolivianos“, wobei derzeit ein Euro ca. 10 Bolivianos entspricht. Geld bekommt man bequem an vielen Geldautomaten, sogar mit der EC-Karte war das nie ein Problem. Man kann sogar wählen, ob man Bolivianos oder Dollars haben möchte. Tauschen kann man Euros oder Dollars in Wechselstuben, auf der „Calle Camacho“ stehen auch viele Frauen und tauschen. Vor denen sollte man aber sehr auf der Hut sein und in jedem Fall immer nachzählen, wie viel sie gegeben haben, da es in 100% der Fälle anfangs zu wenig ist. Das eigene Geld darf erst überreicht werden, wenn man sicher ist, dass der Wechsel stimmt.
Zur Fortbewegung in La Paz stehen drei Möglichkeiten zur Verfügung. Am schnellsten, einfachsten und häufigsten sind Taxis. Fast alle Autos in La Paz dienen als Taxi und haben an irgendeiner Stelle ein entsprechendes Schildchen. Man kann sie überall anhalten, die Preise liegen je nach Entfernung von drei „Bol“ an aufwärts, hängen allerdings sehr stark von der Laune des Fahrers und vom Aussehen des Kunden ab. Es lohnt sich auf jeden Fall, vor dem Einsteigen zu verhandeln. Erkennbare, offizielle Taxis sind etwas teurer, aber es gab wohl häufig Überfälle in den inoffiziell genutzten, so dass man sich dies überlegen sollte.
Preiswerter, aber an feste Linien gebunden sind die „Minis“, 15-sitzige Minibusse mit den oben beschriebenen Ausrufern, die auch kassieren. Leute mit langen Beinen sollten sich deren Benutzung gut überlegen, die Sitzreihen sind für kleine Bolivianer gerade ausreichend. Sie bringen einen für 1,5 bis 3 „Bol“ ans Ziel. Dort angekommen, sollte man seinen Haltewunsch laut und deutlich äußern, sonst ist man auf die Gnade Mitfahrender angewiesen, den Fahrer anzuschreien.
Die billigste Variante stellen die „Micros“ dar, mittelgroße Linienbusse, die zumeist aus Kriegszeiten stammen müssen und auch entsprechende Geschwindigkeit und Komfort bieten. Immerhin kann man in ihnen mit einiger Geduld für 1 „Bol“ durch die ganze Stadt fahren.
Kaum jemand in La Paz kocht sich sein Essen selbst, dafür sind die Möglichkeiten, auswärts zu essen, einfach zu vielfältig und preiswert. Mittags kann man schon für 5 bis 15 Bolivianos eine riesige Portion bekommen, abends zahlt man in einem guten Restaurant um 30 Bolivianos. Das Essen in Bolivien ist ein wenig eintönig, es gibt so gut wie immer ein riesiges, in viel Fett zubereitetes Stück Fleisch unterschiedlicher Herkunft und dazu immer Pommes und Reis. Das nervt auf die Dauer auch geduldigste Seelen. Mit den Salatbeilagen sollte man vorsichtig sein, aber irgendwann sind einem die Durchfälle egal und man sehnt sich nach frischer Abwechslung. Sehr zu empfehlen sind der auf der Straße verkaufte frisch gepresste Orangensaft und - etwas gewöhnungsbedürftig - in Plastikbeuteln mit Strohhalm servierte „Leche de Quinua“ und Milchshakes mit Früchten.
Land und Leute Auf der Strasse nach Coroico |
| Natürlich haben sich meine Kontakte im Wesentlichen auf das Krankenhaus beschränkt, abgesehen von Taxifahrern, Verkäufern oder wen man halt so trifft auf der Straße.
Dass ich nicht in diese Region gehöre, sieht man mir auch beim flüchtigsten Blick an, schon deshalb war ich im Krankenhaus schnell bekannt und sehr häufig wurde ich von mir total fremden Leuten in Gespräche verwickelt, wollte man wissen, wo ich herkäme, wie das Leben dort sei usw. So bin ich auch von Leuten sehr offen und freundlich behandelt worden, die bolivianische Internos nicht eines Blickes würdigen würden. Insgesamt war ich sehr angetan von der Freundlichkeit, Freundschaft und Herzlichkeit, die man mir entgegengebracht hat und letztlich war dies eines der sehr wenigen Dinge, die mir meine Abreise aus La Paz schwer gemacht haben.
Anders als in anderen Ländern hatte ich in Bolivien nie das Gefühl, beim Einkaufen oder ähnlichen Dingen wegen meines europäischen Äußeren benachteiligt oder betrogen zu werden.
Bolivien ist, obwohl reich an natürlichen Ressourcen, nach Haiti das zweitärmste Land Südamerikas, und politisch gesehen wie ein ständig brodelnder Vulkan, bei dem man nie weiß, wann er wieder ausbricht und wie stark die nächste Eruption sein wird. Ständig streitet irgendeine Berufsgruppe für ihr Recht, Geld, die Verteilung der Einnahmen des Erdöles oder die Coca-Anbauten. Die dabei beliebteste Form des Protestes ist die Blockade der Hauptverkehrsadern, so dass es ständig zu Versorgungsengpässen in den Städten kommt. Die Regierung wird dadurch schnell erpressbar und in ihren Handlungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt, Fortschritt ist kaum möglich.
Hinzu kommt, dass ich noch nie ein Land mit so geringem Selbstbewusstsein erlebt habe. Von der Musik abgesehen, ist „bolivianisch“ so gut wie Synonym mit „schlecht“. Selbst einheimische Produkte werden oft als Importe deklariert, um sie verkaufen zu können. Natürlich ist dadurch wirtschaftlicher Aufschwung und eine Abnahme der hohen Arbeitslosenquote schwer möglich.
Dass Bolivien alle in den letzten Jahrhunderten geführten Kriege verloren und dabei große Anteile des Territoriums und vor allem den Zugang zum Pazifik eingebüßt hat, scheint eine nationale Bestätigung der Impotenz zu sein.
Was das Reisen in Bolivien betrifft, werde ich hier nur sehr kurz auf die sich bietenden Möglichkeiten eingehen, schließlich gibt es unzählige Reiseführer, die das viel besser können.
Einiges habe ich schon im letzten Jahr machen können, weniges in diesem Jahr und vieles musste auf zukünftige Besuche verschoben werden. Auf jeden Fall lohnt ein Ausflug nach „Tiwanaku“, „Copacabana“, den „Titicacasee“ und die „Isla del Sol“. Natürlich sollte eine Fahrt auf der „gefährlichsten Straße der Welt“ nach „Coroico“ nicht fehlen. Einerseits ist die Straße ein wahres Erlebnis, andererseits ist Coroico ein wunderschöner Ort in toller Umgebung. Besonders prickelnd ist die Fahrt mit dem Fahrrad, in La Paz bieten unzählige Büros diesen Tagestrip an, mit dem Bus geht es dann bis zum „La Cumbre“ hinauf auf 4.700 m, danach kann man sich 3.500 Höhenmeter auf knapp 100 km atemberaubender Strecke hinabrollen lassen, immer nur eine Handbreit am Abhang mit bis zu 800 m Tiefe und an unzähligen Kreuzen entlang. Ich bin in La Paz losgefahren, geht auch, ist aber eher anstrengend.
Für Wanderbegeisterte lohnt sich ein Trip auf den „Huayna Potosí“, mit 6.088 m Höhe einer der „leichtesten“ Sechstausender, aber immer noch anstrengend genug. Dafür kann ich den Veranstalter „Huayna Potosí“ sehr empfehlen. Hugo ist ein netter Typ und eigentlich auch Arzt, zudem hat er eine sehr gemütliche und komfortable Hütte vor dem Aufstieg.
Etwas weiter entfernt, aber unbedingt eine Reise Wert sind die Salzseen, die „Salares von Uyuni“. Dort kann man organisierte Jeep-Touren über vier Tage unternehmen, die in den abgelegenen Südwesten des Landes in das Dreiländereck zwischen Bolivien, Chile und Argentinien führen, vorbei an Salzseen, Lagunen mit hunderten Flamingos, Vulkanen, heißen Quellen und wirren Gesteinsformationen. Natürlich hat Bolivien viel mehr zu bieten, aber ich verweise dafür einfach auf den allseits beliebten „Lonely Planet“ oder andere einschlägige Werke.
Mein Fazit Blick vom Huayna Potosí aus 6088 m |
| Es fällt mir sehr schwer, ein abschließendes Fazit meines Aufenthaltes zu finden, zu sagen, es war toll oder es war furchtbar. Sicherlich war ich von der Art der Arbeit trotz meines vorherigen Aufenthaltes sehr überrascht und ich habe auch in den ersten Wochen ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Aber letztlich bin ich froh, die Zeit durch gestanden zu haben.
Ich habe so viele schöne Momente erlebt, so viel Positives erfahren, so viel gelernt, dass ich nicht sagen kann, die monatelange Müdigkeit hätte sich nicht gelohnt - auch wenn ich nicht wieder unbedingt im Restaurant vor meinem Teller einschlafen möchte.
Inzwischen kann ich sagen, dass die positiven Erinnerungen weit überwiegen und dass ich die Zeit nicht mehr missen mag.
Z., T. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Berlin, November 2005
Weitere Infos zu den Reisestipendien der Allianz |