Beweggründe
Bewerbung und organisatorische Dinge
Inselspital Bern und Aufgabengebiete
Verdienst
Freizeit
Fazit
BeweggründeIn der Zeit vom Juni 2004 bis September 2004 hatte ich die Möglichkeit, mein letztes PJ-Tertial im Fach Innere Medizin am Inselspital in Bern zu absolvieren. Die Entscheidung zugunsten der Schweiz fiel relativ kurzfristig, sodass folgende Aufführungen über den zeitlichen Vorlauf der Bewerbung nur bedingt für die Schweiz repräsentativ sind.
Die ersten beiden Tertiale hatte ich bereits im Ausland verbracht und wollte ursprünglich das Innere-Tertial in Deutschland absolvieren. Aufgrund eigener negativer Erfahrungen bei Famulaturen und während des Studiums als auch zahlreicher Negativ-Berichte über die PJ-Ausbildung an deutschen Krankenhäusern zog ich es vor, nur das Innere Tertial in Deutschland zu planen. Da ich später keine internistische Karriere plante, wollte ich am ehesten dieses Fach einem “Fiasko“ opfern. Erhebliche finanzielle Aufwendungen für die vorigen Auslandsaufenthalte spielten natürlich auch eine Rolle.
Nichtsdestotrotz - aus persönlichen Gründen - bewarb ich mich im April 2004 doch kurzfristig in der Schweiz um eine Unterassistentenstelle und konnte mit viel Glück durch Absagen anderer Bewerber auch für den gewünschten Zeitraum berücksichtigt werden. In der Regel sollte man aber sicherlich einen PJ-Aufenthalt in der Schweiz mindestens ein bis zwei Jahre vorher planen.
Die Schweiz ist unter deutschen Medizinstudenten ein sehr beliebtes Ziel. Zahlreiche positive Berichte anderer Kommilitoninnen und Kommilitonen über ihre Famulatur- oder PJ-Zeit waren ein Grund, die Schweiz in Erwägung zu ziehen. Das Land war mir außerdem durch kleinere Aufenthalte vorher nicht gänzlich unbekannt und auch sehr sympathisch. Die Möglichkeit eines weiteren Auslandsaufenthaltes in relativer Nähe zu Deutschland und die Aussicht diesen Aufenthalt teilweise durch das bezogene Gehalt mitzufinanzieren, waren sehr verlockend.
Bewerbung und organisatorische Dinge Wohnheim |
| Ich bewarb mich nur an einigen großen Häusern in der Schweiz – am Universitätsspital Zürich, dem Kantonsspital Basel und an dem bekannten Inselspital in Bern. Der Ruf des Inselspitals in Bern war allseits bekannt und um so erfreulicher war es, als ich dann eine Anstellung dort bekam.
Nach der schnellen Zusage per Email lief die weitere Organisation der Unterassistentenstelle unkompliziert ab. Nach einigem Briefwechsel wurden durch das Sekretariat die Formalitäten für das Visum erledigt (Anm.d.Red.: Visum, da der Autor türkischer Staatsbürger ist.), sodass ich mit Unterlagen und Zusagen des Inselspitals bei der Schweizerischen Botschaft in Berlin vorstellig wurde und mein Visum noch am gleichen Tag erhielt. Weitere Angelegenheiten im Zusammenhang mit dem Aufenthaltsstatus wie Anmeldung bei der Fremdenpolizei werden freundlicherweise durch das Sekretariat übernommen.
Impfstatus oder andere ärztliche Untersuchung vor Beginn der Anstellung wurden nicht gefordert. Jedoch sollte man, wie in Deutschland auch gefordert, die Hepatitis-B-Impfprophylaxe abgeschlossen haben. Von Vorteil ist es weiterhin, sich mit einer Auslandsreisekrankenversicherung abzudecken.
Das Inselspital liegt mit 5-10 Minuten zu Fuß zur Stadtmitte und zum Hauptbahnhof relativ zentral. Das Mitbringen eines Fahrrades oder der Kauf vor Ort ist sehr zu empfehlen. Die Liegenschaftsverwaltung mit den Personalunterkünften befindet sich auf dem Gelände des Inselspitals. Die Preise für die Unterkünfte liegen bei ca. 300-450 SFr. je nach Größe. In der Regel kommen die PJ-Studenten in diesen Wohnhäusern unter. Man kann sich natürlich in anderen Studentenwohnheimen der Universität Bern oder zur Untermiete in WGs einquartieren. Detaillierte Informationen und Alternativen diesbezüglich werden einem mit den Vertragsunterlagen zur Unterassistentenstelle noch zugeschickt.
Ein weiterer wichtiger Punkt, den man beachten sollte, ist die Anreise aus Deutschland mit einem Auto. Bei der überschaubaren Größe der Schweiz und den nicht allzu studentenfreundlichen Bahnpreisen ist das Auto für kleinere Ausflüge am Wochenende unentbehrlich. Ein Problem stellt das Auto jedoch dar, wenn es in Deutschland nicht auf einen persönlich zugelassen ist. Diese Tatsache macht es unmöglich, in Bern bei den zuständigen Behörden eine Parkvignette zu bekommen. Glaubhafte Beteuerungen, dass einem wirklich das Auto gehört, werden da nicht weiterhelfen. Da hilft nur die Umschreibung in Deutschland.
Es ist unmöglich das Auto in näherer Umgebung des Inselspitals abzustellen, ohne dafür eine Verwarnung zu erhalten. Eine halb legale bzw. während meines Aufenthaltes geduldete Alternative war das Abstellen des Autos im “nahe“ gelegenen „Bremgartenwald“ (20 min. Fußweg!). Diese war nicht die sicherste Lösung, da nach Erzählungen früherer PJ-Studenten gelegentlich in die Autos eingebrochen wurde. Glücklicherweise ereigneten sich während meines Aufenthaltes keine Einbrüche.
Inselspital Bern und Aufgabengebiete Inselspital Bern |
| Die Kardiologie im Inselspital ist im Bettenhochhaus auf der Ebene P beheimatet. Diese unterteilt sich weiter in den Nord- und Südflügel (P-Nord, P-Süd) sowie in P-Mitte (1 und 2). Weitere kardiologische Bereiche befinden sich auf Ebene C (Katheter-Labor) und auf Ebene A mit der Ambulanz/Poliklinik und der Funktionsdiagnostik.
Den genauen Rotationsplan erhalten die Studenten am ersten Arbeitstag. Man rotiert in P-Nord, P-Mitte, P-Süd, in der Ambulanz und wahlweise mit dem kardiologischen Konsiliardienst.
In P-Nord werden primär alle Akutpatienten aufgenommen und monitorisiert. Nach Stabilisierung werden sie wieder in periphere Häuser überwiesen oder auf P-Mitte verlegt. In dieser Abteilung sind immer zwei Assistenzärzte - ein kardiologischer Assistent und ein internistischer Assistent - anwesend, die von einem Oberarzt beaufsichtigt werden. In der Regel sind zudem noch zwei Unterassistenten zugeteilt.
Hier werden die Patienten z.B. nach akutem Myokardinfarkt und durchgeführter Koronarangiographie von Student oder Arzt ganz normal aufgenommen und an den Monitor angeschlossen. Hier wird man gehäuft mit EKG-Infarktbildern konfrontiert und es gibt oft genug Gelegenheit, mit den Assistenzärzten oder Oberärzten den Patienten detaillierter zu besprechen. Das Pflegepersonal in dieser Abteilung ist für den Umgang mit diesem Patientenkollektiv zusätzlich qualifiziert - i. d. R. mit Intensiv- Erfahrung). P-Nord steht meistens nicht an erster Stelle der Rotation. Zuvor muss man sich kardiologische Grundkenntnisse in P-Mitte und P-Süd erwerben, bevor man auf die komplexeren und interessanteren P-Nord-Fälle losgeschickt wird.
In P-Mitte sind ebenfalls zwei Assistenzärzte plus Oberarzt und je nach Personalsituation zwei bis vier Unterassistenten beschäftigt. Diese Abteilung entspricht mit ihren chronischen Patienten und den morgendlichen Visiten am ehesten einer “Normalstation“. Die Visiten wurden gelegentlich vom Oberarzt begleitet und unterschieden sich nicht allzu sehr von Visiten in deutschen Krankenhäusern. Man hat vielleicht durch die personelle Besetzung mehr Zeit für die einzelnen Patienten.
P-Süd wurde von ein bis zwei Assistenzärzten plus Oberarzt und drei bis vier Unterassistenten verwaltet. Fließbandarbeit beschreibt die Arbeit auf dieser Abteilung am besten. Hier werden morgens bis mittags Patienten aufgenommen, zur anstehenden Untersuchung geschickt, danach wieder kontrolliert und am nächsten Tag wieder entlassen. Typisches Kollektiv sind Patienten, die zur Koronarangiographie, zum Vorhofverschluss oder zur elektrophysiologischen Behandlung angemeldet sind. Hier arbeitet man als Student am selbständigsten. Von Aufnahme bis zur Entlassung betreut man den Patienten eigenständig.
In der Ambulanz sind jeweils ein Oberarzt, Assistenzarzt und Unterassistent tätig. Vorangemeldete Patienten werden aufgenommen und zur Funktionsdiagnostik geschickt. Die Ergebnisse der Diagnostik werden anschließend mit dem Oberarzt besprochen und das weitere Procedere festgelegt. Hier sind der Assistenzarzt sowie der Unterassistent gefordert, wie der niedergelassene Internist zu entscheiden, ob man den Patienten einer weiteren, ja sogar invasiven Diagnostik unterzieht.
Für alle Abteilungen gilt, dass sie bestens mit ärztlichem und pflegerischem Personal ausgestattet sind. Und hier ist auch der entscheidende Unterschied zu deutschen Krankenhäusern. Die Ärzte hier haben eine überschaubare Anzahl von Betten zu betreuen. Dadurch haben sie für die Studenten viel mehr Zeit und v. a. den Nerv, Krankheitsbilder zu erklären, das weitere Vorgehen zu besprechen, EKGs im Detail zu besprechen etc..
Das Arbeitsklima in den Abteilungen empfand ich viel angenehmer als in deutschen Krankenhäusern. Auch war die ewige Spannung zwischen ärztlichem (v. a. studentischem) und pflegerischem Personal nicht anzutreffen bzw. deutlich abgeschwächt. Man fühlte sich als Student gut in die tägliche Routine integriert und man wurde nicht als Last empfunden sondern als Kraft, die zum Funktionieren der Abteilung beitrug.
Auf allen Stationen war es die Pflicht des Studenten, die Aufnahme- und Entlassungsbriefe selbständig zu verfassen und vom Assistenzarzt absegnen zu lassen. Anfangs gestaltete sich dies etwas schwerfällig, aber mit der Zeit wurde man auch im Schreiben routinierter. In der Ambulanz musste man die Briefe sogar diktieren. Auch hier erschien dies zuerst als “mission impossible“, aber mit der Zeit wurde man besser und schneller.
Pro Woche fanden für die Unterassistenten zwei Fortbildungen statt, die vom Oberarzt abgehalten wurden. Weiterhin gab es noch zwei weitere Fortbildungsveranstaltungen, an denen das gesamte kardiologische Personal teilnahm. Alle Fortbildungen wurden durch belegte Sandwiches, Baguettes, Obst, Kekse und andere Süßigkeiten schmackhaft gemacht. Der Besuch dieser Veranstaltungen war natürlich auch durch die Qualität der Vorträge lohnenswert.
Arbeitsbeginn war immer um 8.00 Uhr und man arbeitete meistens bis ca. 18.00 Uhr. Um 17.30 Uhr fand der für jeden obligatorische Coro-Rapport statt. Hier wurden pathologische Befunde der Koronarangiographien gezeigt und besprochen. Wenn man am gleichen Tag einen dieser Patienten aufgenommen hatte, musste man vorher den Patienten kurz vorstellen. Dementsprechend musste man sich den Patienten gut einprägen und relevante Befunde beim Rapport wiedergeben.
VerdienstDas bezogene Gehalt von ca. 850 SFr. reicht natürlich abzüglich der Miete nicht für das Leben in der Schweiz aus. Es ist kein Geheimnis, dass das Leben in der Schweiz sehr teuer ist. Daher sollte man sich vorher einiges zusammensparen.
Eine zusätzliche Alternative bestand am Inselspital darin, dass man Sitzwachen belegen konnte (i. d. R. von 22.00-7.00 Uhr), die mit 250-300 SFr. üppig bezahlt wurden. Sicherlich war das Arbeiten am nächsten Morgen etwas schwerfällig, aber manchmal konnte man dies kollegial regeln, in dem man mal etwas früher nach Hause durfte.
Freizeit Auswahl Inselspital Studenten/Ärzte |
| Nach dem Rapport war man dann endlich entlassen und konnte noch versuchen, Einkäufe zu erledigen oder die Stadt Bern zu erkundschaften. Um 18.00 Uhr schließen meistens die Läden in Bern, so dass man Einkäufe entweder am Wochenende erledigen muss oder man sich mit den Studenten abspricht, dass jemand einem den Patienten abnimmt und man dem Rapport fernbleiben kann.
Im Sommer war nach Dienstschluss die „Aare“ ein willkommener Ort, zum Abkühlen und Relaxen. Abends wurde dann gemütlich auf den Terrassen der Wohnhäuser gegrillt und mehr oder minder der Feierabend gefeiert. An den Wochenenden hatte man dann Gelegenheit, wenn man nicht gerade den Wochenenddienst hatte, mindestens zwei Wochenenddienste während der gesamten Zeit, Ausflüge und Wanderungen zu planen. Ein Tertial reicht längst nicht aus, um die wunderschönen Landschaften der Schweiz zu erkunden.
FazitZusammenfassend kann ich sagen, dass ich zu keinem Zeitpunkt den Aufenthalt in der Schweiz missen möchte. Ich kann ihn jedem wärmstens empfehlen.
Die Schweiz ist ein sehr interessantes Land mit interessanten Menschen, die eine Sprache sprechen, die sich in den ersten Wochen wie eine Fremdsprache anhört. Trotzdem sollte man es als Deutscher unterlassen, mit den Einheimischen „Berndeutsch“ zu sprechen. Kommt etwas überheblich an und außerdem verstehen ja fast alle Schweizer das “richtige“ Deutsch.
C., I.
Berlin, Juni 2005 |
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