Meine Wahl – New York
Bewerbung und Vorbereitung
Kurse
Visum
Unterkunft
Finanzielles und Versicherung
Sprache
Rotationen
Mein Fazit
Meine Wahl – New YorkDa ich es aus verschiedenen Gründen nicht geschafft hatte, während des eigentlichen Medizinstudiums einige Zeit im Ausland zu verbringen, wollte ich unbedingt die letzte Chance - das PJ - nutzen, um ein anderes Land, ein anderes Ausbildungssystem zu erleben und selbst ein bisschen der viel beschworenen Auslandserfahrung zu sammeln.
Nachdem ich für mein Chirurgie- Tertial bereits relativ problemlos Zusagen aus den USA und Australien erhalten hatte, wollte ich unbedingt noch mit meinem Wahlfach - der Psychiatrie - ins englischsprachige Ausland. Und da ich sowohl meine Doktorarbeit in diesem Gebiet gemacht hatte, als auch die Facharztausbildung dort anstrebe, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, an eine für diesen Bereich richtig gute Universität zu gehen.
Nachdem Kanada und Großbritannien aus finanziellen und organisatorischen Gründen weggefallen waren, beschloss ich, es erneut in den USA zu versuchen. Von mehreren Seiten wurden mir dann New York und Boston als - auch fachlich - lohnenswerte Ziele empfohlen. Dass ich mich dann für ersteres entschieden habe, ist, glaube ich, verständlich.
Bewerbung und VorbereitungIch hatte ca. ein Jahr vor dem geplanten Tertial Beginn angefangen, im Internet nach verschiedenen Universitäten bzw. Medical Schools in New York zu fahnden und einfach eine formlose Email an die jeweiligen „elective coordinators“ gesandt. Da die meisten „foreign elective students“ mit Innere oder Chirurgie ins Ausland wollen, hatten einige der angeschriebenen Unis/MedSchools etwas verblüfft geantwortet, Psychiatrie stehe Austauschstudenten nicht frei. Es blieben daher letztendlich nur die New York University (NYU) und die Mount Sinai School of Medicine (MSSM) übrig. Da die NYU Bewerbungen erst ab maximal sechs Monaten vorher akzeptierte, habe ich mich - vorwiegend aus organisatorischen Gründen - für die MSSM entschieden.
Man sollte sich gleich von Beginn an auf einen ordentlichen Verwaltungsaufwand gefasst machen. Zunächst musste ich mich über die Homepage der Mount Sinai School of Medicine online formal bewerben. Etwa 2-4 Wochen später wurde mir ein ganzer Stoss an Unterlagen zugesandt. Neben verschiedenen Impftitern - die sich immer wieder etwas ändern, bei mir waren es HAV, HBV, Mumps, Masern, Röteln und TBC7Tuberkulintest, dann einem Empfehlungsschreiben, dem Dekansbrief, dem „official transcript“ und dem Lebenslauf, mussten dann noch zeitraubende Dinge wie ein „letter of eligibility“ und der „basic science score“ beschafft werden.
Der „letter of eligibility“ entspricht einer offiziellen Einladung des Bürgermeisters und wird gegen eine Gebühr von 30 Dollar, als Scheck beizulegen, relativ problemlos ausgestellt und zugesandt - es dauert allerdings Wochen! Daher rechtzeitig beantragen. Der „basic science score“ existiert bei uns als solcher nicht. Man muss deshalb vom Dekan eine Bitte auf Verzicht und eine Erklärung, dass unser Wissensstand nach dem 2. STEX dem des USMLE Step 1 (United States Medical Licensing Examination) entspricht, ausstellen lassen. Eine genaue Vorformulierung findet sich auf der Homepage.
Mit einem weiteren Scheck über 200 Dollar Bearbeitungsgebühr ist das eigentliche Bewerbungspaket dann komplett. Da die zuständige Dame, Mrs Jeanneth Persaud, am MSSM ein wenig langsam ist, sollte man alle ein bis zwei Wochen ruhig vorsichtig nachhaken, was denn der Stand der Bearbeitung ist.
KurseEs gibt eine Fülle an interessanten Seminaren und Rotationen, die auf besagter Internetseite der Mount Sinai School of Medicine nachzulesen sind. Man kann entweder 3x4 Wochen auf verschiedenen Stationen oder auch die ganzen drei Monate auf einem „Ward“ verbringen. Wichtig: um wirklich etwas machen und selbständig arbeiten zu dürfen, sollte man sich Kurse der „Level 3“, besser noch „Level 4“ heraussuchen. Und unbedingt alle! Rotationen am selben Krankenhaus ableisten, sonst hat man nachher Riesenärger mit dem Landesprüfungsamt LPA - zumindest in Baden-Württemberg. Das schränkt die Kursauswahl zwar relativ ein, aber dafür ist man nachher auf der sicheren Seite.
Die MSSM bietet Studentenkurse am Mount Sinai selber, außerdem noch an den Lehrkrankenhäusern „Elmhurst“, „VA“ und „Cabrini“ an. Ich hatte mich für die kompletten 12 Wochen an der „MedSchool“ selbst einteilen lassen, mir aber die anderen Häuser noch angesehen. Wer Wert auf eine zentrale Lage und viele Rahmenmöglichkeiten - regelmäßige Fortbildungen, Pharma gesponserte Lunches, regelmäßige Hilfs- und Spendenaktionen der Belegschaft, gute Erreichbarkeit der Verwaltung usw. - legt, sollte am Mount Sinai bleiben. Die Lehrkrankenhäuser waren oft unterbesetzt, teilweise weniger gut erreichbar und bei Dunkelheit mit erhöhtem Gruselfaktor versehen. Wem die Wahl der Rotation aber wichtiger ist - und viele spannend klingende Kurse wurden nur an den Lehrkliniken gehalten, der wird darüber leicht hinwegsehen können. Die Ärzte sind genauso nett und man darf u. U. noch mehr selber machen.
VisumParallel zur Bewerbung muss man sich um ein J-1-Visum kümmern. Auch das möglichst frühzeitig, also gleich nach der Zusage, da zur Ausstellung das Formular DS-2019 von der MSSM benötigt wird, das so seine Zeit braucht. Die genauen Schritte sind ebenfalls auf der erwähnten Website aufgelistet. Ist das Formular mit Stempel und Unterschrift von der MedSchool eingetroffen, kann man sich damit auf den Weg zur Botschaft machen. Das Visum kostet etwa 80 Dollar und ist ab Einreise für die Dauer des Aufenthaltes plus vier Wochen danach gültig.
Termine bei der Botschaft bekommt man telefonisch - aktuelle Durchwahl nachzulesen auf der Homepage der Botschaft. Da man oft in der - kostenpflichtigen und teuren - Warteschleife hängt bzw. das Gespräch durch die überaus korrekten Mitarbeiter recht in die Länge gezogen werden kann, sollte man sich auf eine Rechnung von 10 bis 20 Euro allein fürs Gespräch gefasst machen.
Hat man seinen Termin und ist mit allen Unterlagen pünktlich eingetroffen, dauert der Interview-Prozess mit zig Unterbrechungen ca. zwei Stunden. Das Visum hatte ich dann aber auch zwei Tage später im Briefkasten.
UnterkunftDie Mount Sinai School of Medicine bietet eine Unterkunft im Studentenwohnheim direkt gegenüber vom Krankenhaus an - allerdings für schlappe 900 Dollar pro Monat. Wer sich gleich zu Bewerbungsbeginn auf die Warteliste setzen lässt, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Platz dort. Wer auf eigene Faust suchen möchte, kann entweder über die Website von "Roommates" oder "Sublet" (siehe Weiterführende Links) für einmalig 60 Dollar vier Monate lang in internationalen Wohnungsanzeigen stöbern und sich daraus das passende Angebot heraussuchen. Ich habe sowohl für New York als auch für eines der anderen Tertiale, das ich in Los Angeles verbracht habe, über diese Seiten gesucht und bin hervorragend damit gefahren.
Eine weitere Möglichkeit ist die „Housing List“ der Deutschen Außenhandelskammer in New York. Sie ist eigentlich für Praktikanten an der Kammer selbst gedacht, aber wenn man sich als deutscher Medizinstudent, der von der Kammer diese Liste bekommen hat, ausweist, sind die meisten Vermieter da sehr offen. Tolle Berichte habe ich hier vom „Webster’s“ gehört, das allerdings nur Frauen beherbergt.
Finanzielles und VersicherungEs bietet sich an, ein Konto hierzulande bei einer Bank zu eröffnen, die eine Partnerschaft mit einer Bank in den USA hat, da man so gegebenenfalls überall Geldautomaten finden kann, an denen man dann kostenlos abheben kann.
Insgesamt ist New York eine richtig teure Stadt - die Wohnungsmiete ist sicher der dickste Brocken, aber auch tägliche Subway - Fahrten, 8-10 Dollar pro Tag fürs Mittagessen und die sehr dünn gesäten Studentenermäßigungen machen den Aufenthalt alles andere als billig. Museen kosten zwischen 5 und 20 Dollar, sind zwar an Freitagabenden meist kostenlos, aber auch so voll, dass man kaum etwas davon hat. Wer regelmäßig Subway fährt, ist mit einem Monatsticket zu etwa 60 Dollar am besten bedient, ansonsten kostet eine Fahrt 2 Dollar.
An Versicherungen musste man bei der Bewerbung den Nachweis einer Auslandskrankenversicherung erbringen. Trotzdem muss man sich am Ankunftstag dann noch mal für 30 Dollar am MSSM versichern lassen - unlogisch, aber unumgänglich. Zudem würde ich auf jeden Fall noch eine Berufshaftpflichtversicherung abschließen. In der Psychiatrie wohl eher weniger dringend, aber sicher ist sicher. Angebote gibt es hier zuhauf, da weiß vermutlich jede(r) einen Ansprechpartner.
Für eine finanzielle Unterstützung kann man sich bei der Allianz Privaten Krankenversicherung um ein PJ- Reisestipendium - einmaliger Förderbetrag in Höhe von 500 Euro – bewerben. Ansonsten bietet auch der dfa Reisekostenzuschüsse (ca. 200 Euro für die USA) an, die - auf rechtzeitigen Antrag hin - relativ problemlos gewährt werden.
Meine Hauptausgaben waren neben der Miete die Studiengebühren: 300 Dollar für jeweils eine Rotation. Dies ist insgesamt dann ziemlich happig und tut auch ganz schön weh, wenn man das Geld dann am ersten Tag bar bei der Krankenhauskasse einzahlt. Andererseits werden wirklich gutes teaching und sehr komfortable Lernbedingungen - große Lesesäle, eine riesige Bibliothek, Internetzugang, Ruheräume, viele freiwillige Kurse und AGs geboten.
Insgesamt habe ich - für alle Bewerbungs- und Universitätsgebühren, Wohnung, Essen und Freizeit - etwa 3.000 Euro in den 12 Wochen verbraten. Dazu kommt der Flug, der nach New York bei rechtzeitiger Buchung für ca. 500 Euro zu bekommen ist.
SpracheGerade in einem Fach wie Psychiatrie sollte man einigermaßen sicher in der Umgangssprache sein - im ganzen Bewerbungsprozess wird danach kaum gefragt, aber man darf nur selbständig arbeiten, wenn man Visiten und Diskussionen offensichtlich folgen kann. Wenn Fachausdrücke nicht bekannt sind, ist dies kein Problem, dafür haben alle Verständnis und erklären auch gern und ausgiebig. Da aber ein hoher Prozentsatz der Patienten selbst spanischer oder asiatischer Herkunft ist und ein kräftiger Dialekt die Anamnese richtig schwer machen kann, ist es wesentlich angenehmer, die Rotationen hier nicht zum Spracherwerb, sondern zur Sprachverfeinerung zu nutzen.
RotationenIch hatte mich für jeweils vier Wochen „Inpatient Ward“, Suchtstation (sog.“MICA-Unit“) und psychiatrische Notaufnahme einteilen lassen. Der Tagesablauf in den ersten beiden „electives“ sah etwa folgendermaßen aus:
| 8.00 bis 10.00 Uhr: | Visite |
| 10.00 bis 14.00 Uhr: | Neuaufnahmen, Einzel- und Gruppengespräche, Therapieplanung, Konsildienste |
| 14.00 bis 18.00 Uhr: | Patientengruppenaktivitäten (Theaterspiel, Malen, Yoga, Singen), Vorlesungen, Seminare. |
Auf der Suchtstation wurden vor allem Methadon- und Alkoholpatienten mit akuten psychiatrischen Störungen therapiert. Es handelt sich hier nicht um eine Detox-Einheit, auf der man entgiftet und entwöhnt, sondern wirklich nur um eine Akutstation. Entsprechend herb waren die Fälle - drogeninduzierte Psychosen und Depressionen, viele Suizidgefährdete, auch „klassische“ Nervenzusammenbrüche abhängiger Patienten. Die meisten hatten multiple Begleiterkrankungen und schier unlösbare soziale/finanzielle Probleme, was teilweise richtig deprimierend war. Aber man konnte dafür auch besonders eindrücklich sehen, wie sich die Betroffenen innerhalb weniger Tage unter richtiger Behandlung, regelmäßigen Mahlzeiten und den vielen Hilfsangeboten (Sozialarbeiter, Arbeitsvermittler, Organisation von Wohnungsmöglichkeiten und weiterführender Suchttherapien, Familienberatung, usw.) besserten.
Ich habe hier im Endeffekt weniger Psychiatrie gemacht als Organisation und Koordination, aber wenn man die Patienten in ein neu gebautes soziales Netz entlassen konnte, war dies auch ein sehr befriedigendes Gefühl. Leider stand etwa jeder Dritte kurze Zeit später wieder im Delir in der psychiatrischen Notaufnahme. Doch auch an diese therapieresistenten Fälle gewöhnt man sich. - Psychiatrische Notaufnahme
In der Notaufnahme selbst übertrug man mir gegen Ende auch fast ganze Fälle, d.h. ich durfte frisch eingewiesene/gekommene Patienten interviewen, den dazugehörigen Bericht verfassen und mit Behandlungsvorschlag dem leitenden Arzt vorstellen, der dann natürlich die endgültige Entscheidung fällte. An Fällen war hier definitiv das bunteste Bild zu sehen - akut Selbsttötungsgefährdete, schwer alkoholisierte oder unter Drogen stehende Patienten, dekompensierte schizophrene oder manische Personen, teilweise von der Polizei gebracht. Dementsprechend waren die meistverabreichten Medis im ER Emergency Room auch Haldol oder Valium, oft blieben die Patienten über Nacht und konnten am Folgetag entlassen oder auf Station verlegt werden.
Die Notaufnahme erinnerte mich am ersten Tag spontan an eine Gummizelle - zwei verschlossene und bewachte Türen, überall Security. Patienten, egal mit welcher Beschwerde, mussten sich unter Aufsicht komplett entkleiden und Krankenhaushemden anziehen. Ich fand dies alles anfangs recht befremdlich, doch offenbar sind schon mehrfach Ärzte attackiert und verletzt worden, und nachdem mir ein Patient den Pulli halb zerrissen hatte, glaubte ich das dann auch.
Obwohl im ER außer Anamnese, Beobachtung und Besprechung der Patienten mit den Ärzten nicht viel lief, waren die vier Wochen dort richtig gut, um zu lernen, wie man sich schnell ein Bild vom psychischen Zustand eines Patienten macht, Verwirrte von Hypochondern unterscheidet und rasche Entscheidungen fällt. Schade war nur, das oft auch Phasen von 2-4 Stunden lang niemand kam und man den Studenten nur ungern erlaubte, während der Arbeitszeiten längerfristig die Ambulanz zu verlassen.
Generell durften Studenten der „Level 3“ und „Level 4“ Kurse mehr und eigenständiger arbeiten als „Level 1 und 2“. Insgesamt habe ich sehr viel, vor allem im praktischen Umgang mit psychiatrischen Patienten, gesehen und gelernt, wobei ich besonders die allgemeinpsychiatrischen Stationen hervorheben möchte.
Die Suchtabteilung war ebenfalls spannend und abwechslungsreich, aber die Patienten oft weniger motiviert und selten interessiert an einer echten Dauertherapie. Die Notaufnahme war in guten Zeiten super, in den - regelmäßig eintretenden Flauten - aber eher weniger berauschend.
Mein FazitUnbedingt empfehlenswert!
Ich wurde sehr freundlich aufgenommen, immer fand jemand Zeit, Fragen zu beantworten oder spontan Studentenunterricht zu geben. Man durfte Verantwortung übernehmen und hatte so das schöne Gefühl, auch ein bisschen nützlich sein zu können. Und dies steigerte meine Motivation, Krankheitsbilder nachzulesen oder mich näher mit einzelnen Medikamenten zu beschäftigen, ganz beträchtlich.
Und New York ist einfach eine großartige Stadt! Hier besondere Tipps zu geben, würde den Rahmen, glaube ich, sprengen.
S., S. Stipendiat/-in der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG
Freiburg, Dezember 2005
Weitere Infos zu den Reisestipendien der Allianz |