Motivation & Bewerbung
Université Montpellier 1
Das Studium und seine Inhalte
Wohnungssuche
Finanzielles
Versicherungen
Sprachkurs
Die Stadt Montpellier
Zwischenfazit nach dem ersten Trimester
Motivation & BewerbungNach einigen Semestern Medizinstudium in Deutschland wurde der Ruf der Ferne immer deutlicher, das Zauberwort „ERASMUS“ lag im Ohr. Etwas Anderes, etwas Neues zu erleben, das war die Motivation, die mich ins Büro der ERASMUS-Beauftragten unserer Fakultät führte. Die Liste der Partneruniversitäten war ergiebig, nur die Wahl, für welches Land und welche Stadt man sich bewerben sollte, war schwierig.
Ich entschied mich für Frankreich, da das französische Medizinstudium als besonders praxisnah gilt, und für die Universitätsstadt Montpellier, da die dortige medizinische Fakultät einen guten Ruf hat und Südfrankreich natürlich einen besonderen Reiz ausübt. Die Bewerbungen samt Sprachzeugnis mussten bis zum 15.01.2005 abgegeben werden, etwa einen Monat später konnte ich mich über eine Email mit der Zusage freuen.
Université Montpellier 1 Medizinische Fakultät Montpellier |
| Wer hätte gedacht, dass Frankreich sogar noch ein bisschen bürokratischer als Deutschland ist? Zuerst hieß es für die Einschreibung einen Termin zu ergattern, bei dem jede Menge Formulare ausgefüllt und Unterlagen abgegeben werden mussten. Dann stand die ärztliche Untersuchung an, fehlende Impfungen konnten hier kostenlos aufgefrischt werden. Und schließlich musste man noch durch die langen Korridore der Krankenhausverwaltung irren, um sich auch hier noch ordnungsgemäß anzumelden. Aber schließlich hatte man es doch geschafft, hielt seinen französischen Studentenausweis in der Hand und konnte sich etwas später auch über die erste Gehaltsabrechnung freuen.
Die medizinische Fakultät Montpellier ist die älteste der westlichen Welt, gegründet im Jahre 1220. Die vorklinische Ausbildung findet noch in schönen alten Gemäuern in der Altstadt statt, die klinische Ausbildung allerdings etwas außerhalb in den Universitätskrankenhäusern.
Mehr zur medizinischen Fakultät Montpellier findet ihr unter den Weiterführenden Links.
Das Studium und seine Inhalte- Praktischer Unterricht - "stage"
Das akademische Jahr ist in Trimester gegliedert. Im ersten Trimester (Ende September bis Dezember 2005) belegte ich das „Module Integré 4“, das Neurologie, Neurochirurgie, Ophthalmologie, und HNO umfasst. Vormittags arbeitet man immer auf seiner Station, pro Trimester in zwei verschiedenen Fachbereichen.
Die ersten sechs Wochen des Trimesters war ich auf einer neurochirurgischen Station. Jeden morgen fand um 8.00 Uhr die Morgenbesprechung statt, danach konnte man in den OP. Die Ärzte waren sehr freundlich und erklärten gerne, wenn man fragte. Wenn das Operationsmikroskop eingesetzt wurde, konnte man auch wunderbar das Geschehen auf dem Bildschirm mitverfolgen. Nur leider durften die Studenten selbst in der Neurochirurgie nicht sehr viel machen: das Operationsfeld ist sehr klein und jemand zum Hakenhalten wird nicht benötigt.
Mein zweites Praktikum fand in der Neurologie statt. Drei Wochen lang war ich auf einer neurologischen Bettenstation, dann noch drei Wochen auf der neurologischen Intensivstation. In der Neurologie bestand die Aufgabe der Studenten darin, die Patienten aufzunehmen, ein Anamnesegespräch durchzuführen, sie zu untersuchen und die Patientenakten auf dem aktuellen Stand zu halten. Dazu bekam jeder Student drei bis vier Patienten zugeteilt, um die er sich zu kümmern hatte. Bei den Visiten musste man dann mitunter die Patienten vorstellen, was man als gute Übung betrachten kann. Das Schöne hier war, dass man voll in den Stationsalltag integriert wurde und mit den anderen Studenten („externes“) und den „internes“ („AiP’lern“) zusammenarbeitete. Leider war allerdings die Betreuung hier nicht immer optimal. Man bekam selten gezeigt, wie man etwas machen sollte, sondern war eher auf sich selbst gestellt.- Kursunterricht - "enseignement dirigé"
Während man also vormittags auf der Station arbeitete, fanden die Kurse nachmittags statt. Ich hatte nicht so viele Kurse wie die französischen Studenten belegt, da mir nicht alle Kurse in Deutschland angerechnet werden würden. Daher hatte ich nur Montag- und Freitagnachmittag Unterricht, jeweils von 14.00-18.00 Uhr. Der Unterricht fand als Seminarunterricht („enseignement dirigé“) in Kleingruppen mit ca. 15 Studenten statt. Für mich ungewöhnlich war, dass nach jeder Doppelstunde ein kleiner Test über den behandelten Unterrichtsstoff geschrieben wurde, so dass man sich schon vorher auf das Thema der Doppelstunde vorbereiten musste. Jede Woche schrieb man also vier Tests.
Es kam mir so vor, dass zwischen den Studenten ein etwas kompetitiveres Klima als in Deutschland herrscht, was man eventuell auf das französische Zulassungssystem zurückführen kann: Während 1.500 Studenten in Montpellier zum ersten Studienjahr zugelassen werden, dürfen nur die besten 120 ihr Medizinstudium nach einer Auswahlprüfung im zweiten Studienjahr fortführen. Ich war glücklicherweise mit sehr netten Mitstudierenden auf der Station, die mir gerade am Anfang gerne weiterhalfen und somit so manche Hürde erleichterten.Die Endnote setzt sich zu 50% aus der schriftlichen Abschlussprüfung, zu 25% aus den Seminar-Tests und zu 25% aus der Stationspraktikums-Note zusammen. Die schriftliche Abschlussprüfung besteht aus zwei klinischen Fallbeispielen mit jeweils acht Fragen. Diese Fragen sind jedoch recht speziell und setzen Faktenwissen voraus. Diese beiden Fallbeispiele sind Fächer übergreifend gestaltet, in den beiden klinischen Fällen werden Kenntnisse aus Neurologie, Neurochirurgie, Ophthalmologie und HNO abgefragt.
Leider erfährt man die Noten der Seminar-Tests und der Abschlussprüfung erst am Ende des Studienjahres, d.h. obwohl wir die Prüfung im Dezember geschrieben haben, findet die Notenbekanntgabe erst im Juli statt. Für mich war dies doch sehr ungewöhnlich. Sollte ich die Prüfungen aus beiden Trimestern bestehen, würde ich zum deutschen Studium nahezu keine Zeit verlieren und müsste lediglich einen Kurs in Infektiologie nachholen - den Abkommen zwischen beiden Universitäten sei Dank!In der Neurochirurgie muss man etwa alle sechs Wochen eine 24-Stunden-Schicht in der Notaufnahme machen, doch das Ganze ist halb so schlimm. Man bekommt einen Pieper und kann sich aber ansonsten frei im Krankenhaus bewegen. Und sogar ein eigenes Zimmer mit Bett wird bereitgestellt. Im Notfall wird man dann angepiept oder angerufen und muss dann zur Notaufnahme eilen.Pro Jahr hat man 5 Wochen Urlaub. Leider muss man sich auch für die Weihnachtsferien Urlaub nehmen, und für die eigene Urlaubszeit benötigt man eine Ersatzperson, was sich über Weihnachten doch als etwas schwierig gestaltet. Aber irgendwie hat es bei mir doch geklappt, dank netter französischer Mitstudierender.
Wohnungssuche Altstadtgässchen in Montpellier |
| Da meine Fakultät bereits seit Jahren den Austausch mit Montpellier pflegt, fiel es leicht, frühere Austauschstudenten um ihren Rat zu fragen. Sie berichteten, dass die Wohnungssuche in Montpellier nicht ganz einfach sei.
Wir erkundigten uns nach den Vermietern unserer Austausch-Vorgänger, und eine der anderen Austausch-Studentinnen begutachtete bereits in den Pfingstferien einige Wohnungen in Montpellier. Sie versorgte uns mit Kontaktadressen der Vermieter. So konnten wir uns ein schönes, zentral gelegenes Appartement sichern und haben eine 3er WG darin eingerichtet. Einen Nachteil hatte dieses Vorgehen allerdings: Unsere WG ist rein deutsch, was natürlich dazu verleitet, nicht so viel Französisch zu sprechen. Allerdings hatten viele Studenten, die erst im September bei Ankunft in Montpellier mit der Wohnungssuche begannen, teilweise große Probleme, etwas Vernünftiges zu finden.
Ich zahle für mein WG-Zimmer (ca. 20 m2) bei gemeinsamer Küchen- und Badbenutzung monatlich 330 EUR Warmmiete. Für hiesige Verhältnisse ein normaler Preis. Großzügigerweise unterstützt der französische Staat mit der so genannten CAF („Caisse d'Allocations Familiales“) Studenten beim Mietpreis, je nach Wohnung und Bedürftigkeit mit ca. 100-200 EUR im Monat. Allerdings warte ich nach drei Monaten immer noch auf den Bescheid der CAF.
FinanziellesDie Lebenshaltungskosten in Frankreich sind etwas höher als in Deutschland. Allerdings gibt es auch drei zusätzliche Geldquellen:
ERASMUS-Stipendium: bei mir 96 EUR/Monat
CAF: Wohngeld des französischen Staates - ca. 100 EUR/Monat
Lohn des Krankenhauses: ca. 100 EUR/Monat (im 4. Studienjahr)
Für CAF und Gehalt wird zwingend ein französisches Bankkonto benötigt. Ich habe meines bei der „Societé Générale“ eröffnet. Es gab 40 EUR Eröffnungsgeld, keine Kontogebühren und eine kostenlose „Carte Bleue“ einschließlich VISA. Bei der Kontoeröffnung war die Vorlage des Mietvertrages und der Studienbescheinigung erforderlich.
VersicherungenFür die Einschreibung erforderlich sind Krankenversicherung, Versicherung über Rückführung im Todesfall und Berufshaftpflichtversicherung. Dabei sollte man darauf achten, dass man von seinen deutschen Versicherungen französische Bescheinigungen erhält. Für meine Krankenversicherung verfügte ich nur über eine englischsprachige Bescheinigung, was einige Probleme bereitete, insbesondere da man über die Bedeutung des Wortes „worldwide“ diskutierte, das hier im Zusammenhang mit der weltweiten Gültigkeit der Versicherung stand. Ironischerweise ist man mit der ersten Gehaltszahlung des Krankenhauses sowieso in der französischen Krankenkasse pflichtversichert, was allerdings bei der Einschreibung noch nicht zählt.
SprachkursAnfang September fand ein zweiwöchiger Sprachkurs für ERASMUS Studenten statt, Kosten: 50 EUR. Von der Qualität her war der Sprachkurs nicht herausragend, bot aber die Möglichkeit, viele ERASMUS Studenten anderer Fachrichtungen kennen zu lernen. Im Anschluss und bis Dezember wurde noch ein kostenloser Abendsprachkurs (zwei Stunden/Woche) angeboten.
Die Stadt Montpellier Place de la Comédie bei Tag |
| Montpellier hat eine wunderschöne Altstadt, schmale Gässchen und Kalksteinhäuser. Für Studenten gibt es zahlreiche Kneipen und Cafés, auch ein paar Clubs. Die größeren Discos sind außerhalb der Stadt gelegen und nur mit dem Auto erreichbar. Mit dem „pass’culture“ (knapp 10 EUR) erhalten Studierende ermäßigten Eintritt in Kinos und ins Theater.
Das Klima in Montpellier ist mild, die Sonne scheint oft, und am Strand ist man in ca. 20 min. Dank der TGV-Verbindung erreicht man Paris in dreieinhalb Stunden und dank des „Ryanair“- Anschlusses kommt man auch günstig nach Frankfurt-Hahn.
Informationen zur Stadt findet ihr unter den Weiterführenden Links.
Zwischenfazit nach dem ersten Trimester Place de la Comédie bei Nacht |
| Nach einem Trimester habe ich mich hier in Montpellier gut eingelebt. Mit der Sprache fällt es mittlerweile einfacher als am Anfang, und man hat auch einige Kontakte aufgebaut.
Obwohl das Studium hier praxisorientierter ist als in Deutschland, würde ich dennoch nicht behaupten, dass es pädagogisch wertvoller ist. Aber es ist eine gute Erfahrung, auch mal ein anderes Ausbildungssystem kennen zu lernen. Bisher habe ich meine Entscheidung für ein Auslandsstudium auf keinen Fall bereut.
Wer sich denkt, dass man bei einem Auslandsaufenthalt für das Erlangen seiner Scheine weniger als zuhause arbeiten muss, der hat sich getäuscht. Zum einen sind die Lerninhalte ähnlich, zum anderen ist es in einer Fremdsprache schwieriger, dem Unterricht zu folgen. Und auch wenn man als Medizinstudent vielleicht etwas mehr zu tun hat als die Austauschstudenten anderer Fachrichtungen, hat man es doch - dieses einmalige ERASMUS-Gefühl. Ich werde mich noch bis Ende März 2006 in Montpellier aufhalten.
R., S.
Montpellier, Januar 2006 |
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