Motivation
Bewerbung und Vorbereitung
Einschreibung und Wohnungssuche
Universität
Semesterbeginn und „Stages“
Finanzierung
Tipps - von Sport bis Kultur
Fazit
MotivationDirekt nach dem Physikum beschloss ich, dass ich unbedingt einen Ortswechsel brauchte. Da ich prinzipiell das Studiensystem in Heidelberg („heicumed“) sehr gut fand, stand für mich aber fest, dass ich hier auf jeden Fall einen Teil meiner klinischen Ausbildung absolvieren wollte. So entschloss ich mich spontan für einen Abschied auf Zeit von Heidelberg und bewarb mich für einen Erasmus Studienplatz in Frankreich.
Warum nun gerade Frankreich? Zum einen hatte ich schon in Schulzeiten eine besondere Vorliebe für Frankreich und das „savoir vivre“ gehegt, zum anderen reizte mich auch das, was ich von dem französischen Studiensystem gehört hatte. Es sollte besonders nahe an der Praxis liegen.
Bewerbung und VorbereitungZum einen bewarb ich mich über das Studiendekanat in Heidelberg für einen Erasmusplatz in Frankreich.
Da ich mir meines Erasmusplatzes angesichts der großen Bewerberzahlen nicht sicher war, aber unbedingt nach Frankreich wollte, schrieb ich kurzerhand sämtliche Universitäten in Frankreich per Email an, um mich über die notwendigen Einschreibungsformalitäten zu erkundigen. Außerdem gab es beim DAAD so ein Heftchen mit den nötigen Universitätsadressen für Frankreich.
Die verschiedenen Bewerbungen, die verlangt wurden, waren sehr vielfältig und jede hatte Ihre eigenen Schwerpunkte. So wurde doch von einer Uni tatsächlich der Nachweis einer gültigen französischen Bankverbindung gefordert. Auf jeden Fall wollten aber alle ein aktuelles Curriculum vitae und einen „lettre de motivation“ - natürlich beides auf Französisch.
Die Bewerbung über meine Heimat-Uni war weniger anstrengend. Sie erforderte lediglich Lebenslauf, „lettre de motivation“, Sprachzeugnis und eine Beurteilung. Da es dann doch mit dem Erasmusplatz über Heidelberg klappte, entschied ich mich für diesen, da zum einen Lyon recht verlockend klang und zum anderen auch viele Sachen schon zwischen den Unis intern geregelt sein würden.
Irgendwann im Mai bekam ich von Lyon eine Anfrage, welche Kurse ich denn gerne wählen würde und ob ich einen Platz im Wohnheim beantragen wolle. Da ich Schreckliches von öffentlichen französischen Wohnheimen gehört hatte, entschloss ich mich, keinen Platz zu beantragen.
Viel Zeit für die Vorbereitung gab es nicht. Es reichte gerade so, um die nötigen Formalitäten zu bewältigen wie z.B. eine übersetzte und beglaubigte Kopie der Geburtsurkunde, des Abiturzeugnisses, des Physikumzeugnisses und die Beantragung des Auslandskrankenscheins E605 usw.
Als Literatur nahm ich „Le francais médical“ von Strömmer, das praktisch für die Kitteltasche ist, mit.
Einschreibung und Wohnungssuche Über den Dächern von „Vieux Lyon“ |
| Am 14. September startete ich dann mit einer weiteren Heidelbergerin in Karlsruhe mit dem Nachtbus nach Lyon. Vielleicht etwas blauäugig, hatten wir weder ein Hotel- noch ein Herbergszimmer vorreserviert geschweige denn von zu Hause aus bereits eine Wohnung gesucht.
Morgens um 8.00 Uhr kamen wir in „Perrache“, dem Busbahnhof von Lyon in einem schrecklichen Viertel der Stadt an. Wir nahmen uns ein Taxi zu einer Pension, deren Adresse wir uns wenigstens von Deutschland aus gesucht hatten und erschreckten den Hotelinhaber mit unserem vielen Gepäck und dass wir mindestens eine Woche bleiben wollten. Er bot uns für das viele Gepäck einen extra Raum an und lies auch bei dem Zimmerpreis etwas mit sich verhandeln („Hotel de Bretagne“). Ich denke, weil er Mitleid mit uns hatte. Die Jugendherberge von Lyon würde ich nur ohne Gepäck empfehlen, denn es gibt keinen Safe und es wurde dort unheimlich viel geklaut.
Gleich mittags haben wir uns bei der „Université de Lyon“ eingeschrieben. Die Uni besteht aus vier Fakultäten, die in Lyon verstreut sind und alle ihr eigenes System haben und so mussten wir dann noch nach „Laennec“, unsere Fakultät, fahren, um uns dort zu immatrikulieren und unsere „Stage“-Wünsche einzureichen.
Dann ging es los mit der Wohnungssuche. In Lyon gibt es drei Anlaufstellen für Wohnungssuchende, das „CROUS“ („Jean Macé“) und das „CRIJ“ („Quais des Celestins an der Saône“). Dann gibt es noch das „OPAC“ (hinter Jean Macé), das auch Wohnheime vermittelt, aber dies war bereits geschlossen, weil es keine Wohnungen mehr für dieses Semester zu vergeben hatte. Bei den anderen gab es noch ein paar Aushänge mit Telefonnummern und so blieb uns nichts anderes übrig, als diese abzuschreiben und anfangen zu telefonieren.
Außerdem besorgten wir uns im CROUS eine Liste mit allen privaten Wohnheimen der Stadt und die „69Zeitung“, in der es auch einige Wohnungsangebote gab. Von der nächsten Telefonzelle aus ging’s los, und wir telefonierten erst mal fast einen Tag alle Wohnheime ab, die alle - ca. 80 Stück - für dieses Semester komplett ausgebucht waren.
Natürlich gerieten wir auch an einige dieser Agenturen (Merke: meide alles in der Nähe von „Saxe Gambetta“, was mit Immobilien zu tun hat!), bei denen man im Voraus 130 Euro bezahlen soll, um dann die Angebote sehen zu dürfen. Gegen diese Agenturen läuft sogar ein Strafverfahren, wie wir später erfuhren, weil sie gar keine Wohnungen vermitteln, sondern nur das Geld abkassieren.
Schließlich gelang es uns, einige Termine auszumachen, aber schnell stellten wir fest, dass man in Frankreich ohne „garant francais“, einem Franzosen, der für einen beim Mietvertrag bürgt, ganz schön aufgeschmissen war. WGs waren auch nicht zu finden. Irgendwann überzeugten wir dann doch eine Italienerin, uns eine Wohnung zu vermieten und so endeten wir in einer deutschen 2er WG, was eigentlich nicht der Plan war.
Dafür hatten wir nach zwei Wochen in Hotels bzw. bei diversen Erasmusstudenten auf Fußböden etc. endlich ein Dach über dem Kopf und dies auch noch mitten in „vieux Lyon“ mit tollem Blick über die Stadt (8.Stock ohne Fahrstuhl) und den ganzen Tag über sprach man ja genug französisch, da war es gar nicht schlecht, mal zwischendurch wieder deutsch sprechen zu können. Der Mietspiegel liegt in Lyon etwa vergleichbar mit Heidelberg (1-Zimmer Appartement zwischen 300-400 Euro). Je nach Wohnung kann man aber Wohngeld („CAF“) beantragen.
UniversitätDie Université Claude Bernard gliedert sich in die vier Fakultäten: „Laennec“, „Lyon Sud“, „Lyon Nord“ und „Grange Blanche“. Die Praktika laufen aber für alle in mehr oder weniger den gleichen Krankenhäusern ab: „Lyon Sud“, „Hôpital Eduard Hériot“, „Hôpital de la Croux Rousse“, „le Vinatier“, „Hôpital neurologique et cardiologique Wertheimer“, etc. Frankreich liebt Bürokratie. Zur Eröffnung eines Kontos braucht man einen Wohnsitz und umgekehrt. Am besten über Credit Lyonais an der „DOUA“ (Universitätsviertel) versuchen. Wenn man den Wohnsitz hat, dann lohnt sich ein Metroabo für 37,50 Euro pro Monat. Fahrradfahren geht zwar auch, ist aber eher für Mutige und gut Orientierte.Um schnell ein paar Nichtmediziner und nicht Erasmusstudenten kennen zu lernen, nimmt man am besten mal an einer „soirrée tandem“ (Termine über „AEGEE Lyon“) teil. Dort findet man einen so genannten Tandempartner, der deutsch lernen möchte und einem dafür das Französisch näher bringen sollte. Läuft zwar nicht immer so genau ab, aber man trifft auf jeden Fall viele nette Leute.In Frankreich arbeiten alle Medizinstudenten ab dem 3. Studienjahr jeweils vormittags in den Krankenhäusern und haben dort genau definierte Arbeits- und Verantwortungsbereiche sowie Anwesenheitspflicht. Der Student ist fest eingeplant und alle Patienten wissen, dass sie immer zuerst von einem Student aufgenommen werden, bevor sie der Arzt zu sehen bekommt. Diese Praktika laufen für je drei Monate und sind unabhängig vom Studienjahr und den theoretischen Kursen an der Universität. Sie beinhalten jedoch meist einen (zweimal) wöchentlich das Praktikum begleitenden Kurs.
Die Kurse an der Uni finden nachmittags meist von 15.00 bis 19.00 Uhr statt und als Austauschstudent konnte man sie zumindest in Laennec frei wählen. Die Anwesenheit ist freiwillig, aber die Prüfungen obligat und man kann über die Fachschaft sogenannte „Roneos“ (Mitschriften) abonnieren. Ein Vorteil ist die extreme Praxisnähe.
Semesterbeginn und „Stages“Leider hatten wir in Laennec nicht die volle Auswahl, was unsere „stages“ betraf und wir durften auch nicht, wie in früheren Jahren immer, nach sechs Wochen wechseln, sondern blieben pro Fach wie die französischen Studenten für drei Monate. In einem Jahr konnten wir so offiziell nur drei Fächer machen und diese wurden uns auch noch zugeteilt...
Da wir dies dann aber doch zu schade fanden, ich wollte z.B. unbedingt Gynäkologie und Neurologie in Frankreich machen, organisierten wir uns in den Krankenhäusern direkt ein paar „stages“ für je einen Monat für nachmittags. Zusätzlich zu diesen Praktika wählten wir insgesamt sechs Module für das ganze Jahr. Dies sind Fächer übergreifende Kurse an der Universität, die einem die Theorie - leider nicht zu den „stages“ passend - näher bringen sollen. Leider sind sie sehr bunt gemischt, denn sie werden nicht nach Fächern, sondern nach Themen sortiert. Aber dieses System läuft nicht an allen der vier Fakultäten in Lyon und scheint auch ständig geändert zu werden. - Psychiatrie (Prof.Marie-Cardine)
Für die ersten drei Monate wurde ich in Psychiatrie eingeteilt, was ich sprachtechnisch eher ungeschickt fand. Am 1. Oktober trafen sich alle 15 Studenten, die für die Psychiatrie von Lyon „le Vinatier“ aus Laennec zugeteilt waren mit dem Professor (Marie-Cardine). Wir wurden zu zweit auf die Stationen verteilt, bekamen Schlüssel ausgehändigt, denn es war eine komplett geschlossene Anstalt. Zweimal pro Woche hatten wir in dieser Gruppe Unterricht (für 2 Stunden) und ansonsten beschäftigten wir uns mit der Stationsarbeit.
Auf der Station stellte sich uns zwei Studenten der Stationsarzt vor und erklärte uns unsere Aufgaben, die von einfachen allgemeinmedizinischen Tätigkeiten wie die Aufnahme der Patienten, das Anlegen einer Akte, das Durchführen von EKGs etc. bis hin zu Intelligenztests, Patientengesprächen, Patientenberichten und Therapieplanung reichten. Der Sprung ins kalte Wasser lohnte sich aber, denn ich bekam tiefe Einblicke in die Psychiatrie und mein Französisch besserte sich rasant.- Chirurgie pédiatrique (HEH, Pavillon Tbis, Prof.Kohler) (Kinder-Orthopädie, -Urologie, -plastische Chirurgie und -Viszeralchirurgie)
Das Praktikum gliederte sich in sechs Wochen OP und sechs Wochen in der Sprechstunde. Zusätzlich konnte man „gardes“ in der allgemeinen Kinderambulanz absolvieren. Zusätzlich gab es einmal wöchentlich einen Pädiatriekurs und einmal wöchentlich einen Kinderchirurgiekurs. Im OP wurde man zum Teil als OP-Helfer eingesetzt zum Instrumentieren oder zum Haken halten, zum ein bisschen Nähen etc.
In den „consultations“ bekam man viele verschiedene Fälle vom einfachen Armbruch bis zur Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte zu sehen und bekam viel erklärt und durfte immer mit untersuchen. In der Ambulanz waren es die Studenten, die die kleinen Patienten zuerst untersuchten und die nötigen Untersuchungen anordneten, bevor man sie den Ärzten vorstellte. Die Verantwortung war so doch recht groß, der Lerneffekt dafür aber auch umso höher.- Médicine interne in Lyon Sud (Prof. Vital Durand)
Hier war ich in der Infektiologie mit einem breiten Spektrum von TBC, über HIV und sämtliche Systemerkrankungen (Morbus Behcet, Wegener-Granulomatose, Morbus Horton) bis hin zu der Betreuung von Mukoviszidose- Langzeitpatienten. Trotz dieser Schwerpunkte war es den betreuenden Ärzten wichtig, uns „externes“ - sechs auf einer Station - auch die Basics der Inneren Medizin nahe zu bringen. So wurden wir so lange mit EKGs gelöchert, bis wir sie wirklich auswerten konnten und mussten auch sämtliche Therapieschemata vom Diabetes bis zur Hypertonie aus dem Stehgreif parat haben.
Man betreute immer ca. vier Patienten der Station parallel und musste sich für sie um alle Untersuchungen, Befunde und mögliche Differentialdiagnosen kümmern. Von 8.00 Uhr morgens hatte man immer mindestens bis 13.00 Uhr zu tun. Viermal musste ich in den drei Monaten auch samstags arbeiten.
Zweimal pro Woche gab es den Kurs, der mit den Studenten von zwei Stationen, insgesamt12 Studenten, stattfand. Hier wurden Krankenakten vorgestellt und die passenden Krankheitsbilder dazu gemeinsam erarbeitet bzw. vorgestellt.
Aufgaben waren die Patientenaufnahme mit körperlicher Untersuchung durch EKG, Untersuchungen vorschlagen und organisieren, Therapievorschlag, Entlassungsbriefe schreiben. Um richtig mitarbeiten zu können, blieb einem nichts anderes übrig, als fleißig mit zu lernen, da man sonst seine Aufgaben nicht erfüllen konnte und riskierte, die schlechte Laune der Stationsärzte und der anderen „Externes“ auf sich zu ziehen.
Fazit: ein sehr intensives Praktikum, das auch ein hohes Maß an Mitarbeit und Vorbereitung (in Innere Medizin) erfordert. Dafür wird man aber man mit viel praktischem Wissen belohnt.- Neurologie am Hôpital neurologique (Prof. Confavreux)
Dieses Praktikum machte ich für einen Monat nachmittags. Entweder nahm ich an den „consultations“ teil oder ich übernahm die Aufnahmen der Patienten. Der Schwerpunkt lag bei Multiple Sklerose und Parkinson und ich durfte mich sogar an Lumbalpunktionen versuchen. Im Idealfall nahm ich den Patienten auf, untersuchte ihn, schaute dann zu, wie der Stationsarzt ihn noch mal untersuchte und begleitete ihn dann zur Diagnostik (z.B. zu CT oder Angiographie). Die neurologischen Untersuchungen wurden schnell zur Selbstverständlichkeit. Der Lerneffekt war enorm.- Gynäkologie am Hôpital der la Croix Rousse
Dieses Praktikum machte ich für einen Monat nachmittags. Hier konnte ich an den verschiedenen „consultations“ teilnehmen (Schwangerschaftsberatung, Familienplanung, Infertilitätsdiagnostik, Colposkopie und Laserbehandlung, Kanzerologie etc.). Außerdem konnte ich Ultraschall sowohl im Rahmen der Geburtshilfe als auch bei der Kanzerologie beobachten und auch selbst durchführen.
Der Höhepunkt für mich jedoch waren Nächte im Kreissaal, bei denen ich die eigenständige Betreuung der Patientinnen und die Geburt mehr oder weniger übernehmen durfte.
FinanzierungDas Erasmusgeld schwankt jedes Semester je nach der Anzahl der im Ausland Studierenden der Heimatuniversität zwischen 50-100 Euro. Natürlich ist das Leben in einer Großstadt um einiges teurer, auch weil man natürlich viel mehr unternimmt, wie z.B. Theater, Oper, Konzerte, Partys, aber auch Ausfahrten in die nähere und weitere Umgebung.
Viele der Erasmusstudenten haben sich dann einen kleinen Nebenjob, sei es in einer Bäckerei oder Nachhilfe geben, gesucht, denn dies besserte das Taschengeld etwas auf und man hatte noch dazu meist nette Kontakte.
Tipps - von Sport bis KulturAn der Universität gab es einige Kursangebote. So konnte man auch im Winter unter Voranmeldung für 20 Euro tageweise Skifahren gehen. Es ging 6.00 Uhr morgens los und gegen 18.00 Uhr war man wieder da. Es lohnt sich.
Ansonsten sollte man es ruhig auch am „MJC“ („Maison de jeunesse culturelle“) probieren, das ein sehr breites Spektrum anbietet und wo man noch dazu viele junge Leute kennenlernt.Für die Oper gibt es einen Ticketkauf um 19.00 Uhr am Tag der Vorstellung für 8 Euro. Viele Museen („musée des beaux arts“…) sind für Studenten meist kostenlos. Es gibt viele verschiedene Theater, auch so genannte „cafés théâtres“.In den Sommermonaten ist dies besonders in den „Peniches“/„Quais de Rhône“ zu empfehlen. Ansonsten findet man überall etwas in der Stadt verteilt. Preise sind relativ gemäßigt. Fazit Blick auf Lyon |
| Einerseits bot das Studium riesige Möglichkeiten, denn welcher Student bekommt in Deutschland schon so viel Verantwortung zugetraut.
Aber auch die Stadt und die Umgebung bieten viel. Im Winter ist man in 1-2 Stunden auf der Skipiste und im Sommer lockt die Provence schon nach 100 Km. Aber auch in der Stadt selbst langweilt man sich nie und kann immer zwischen einem breiten kulturellen und sonstigem Freizeitangebot auswählen.
S., H.
Heidelberg, Juni 2005 |