Motivation
Vorbereitung meines Studienjahres
Einreise nach Argentinien
Universität, Studium, Krankenhäuser
Das öffentliche Gesundheitssystem
Fazit
Land und Leute
Praktische Tipps
MotivationIch denke, die Motivation all derjenigen, die es als Studenten für einen längeren Zeitraum ins Ausland treibt, ähneln sich sehr. Es sind der Reiz einer fremden Kultur, deren "Land und Leute", und nicht zuletzt die Möglichkeit, ohne grossen Aufwand einer neuen Sprache mächtig zu werden oder zumindest alte Vorkenntnisse ausbauen zu können. Insbesondere der Blick auf diese fremde Kultur als Nicht-Tourist , der eingegliedert ins Land und seine Sitten dort arbeitet, führt zu einer besondern Bereicherung. Für die zahlreichen Studenten der Medizin kommen dann das Kennenlernen der Unterschiede im Gesundheitssystem hinzu, andersartige Behandlungsmethoden, eine erhoffte größere "Nähe" zum Patienten als in Deutschland, sowie der mit dem Aufenthalt zumindest in Entwicklungs- und Schwellenländern verbundene Verzicht auf "high-tech Medizin".
Auch auf mich trafen all diese Punkte zu. Auf Argentinien fiel meine Wahl letzten Endes eher zufällig. Bald nach dem Physikum beschloss ich einen Studienaufenthalt im Ausland, am liebsten in Südamerika. Da mir jedoch auch eine experimentelle Doktorarbeit am Herzen lag, suchte ich letztlich direkt nach einer Verbindung dieser beiden Wünsche. Per Internet lernte ich so meinen Doktorvater kennen, der seinerzeit einen "flexiblen und mobilen" Studenten gesucht hatte, da "mehrere Aufenthalte in Argentinien" Teil der Arbeit sein würden. Ich schlug ihm vor, gleich ein Jahr dort zu verbringen, zum Studium sowie zum Bearbeiten der Dissertation.
Vorbereitung meines StudienjahresIn Argentinien sind die staatlichen Universitäten zumindest bisher noch frei von Studiengebühren. In der Mehrzahl der angrenzenden Länder jedoch ist das Studium aus Kostengründen der reichen Bevölkerung vorbehalten. Dies hat zur Konsequenz, dass die argentinischen Universitäten für viele Studenten Südamerikas sehr attraktiv sind. Um dem Ansturm Herr zu werden, gibt es bereits seit geraumer Zeit einen Eingangstest.
Ich wollte an der Universidad Nacional de La Plata (UNLP) Scheine machen, die mir dann später in Deutschland anerkannt werden sollten. Dies konnte mir die Universität La Plata anfangs nicht genehmigen. Würde sie mir einen solchen Art Gaststudenten-Status gewähren, so schaffte dies einen Präzedenzfall und sie müsste ebenso mit Studenten aus den zahlreichen angrenzenden Ländern verfahren. Die Lösung des Problemes war ein Abkommen zum Studentenaustausch: mit tapferer Unterstützung des Akademischen Auslandsamtes (AAA) der Universität Rostock und äusserst viel Eigenengagement meines argentinischen Betreuers, Hr. Dr. Goya, kam ein solcher Vertrag innerhalb von vier Monaten zustande, gerade noch rechtzeitig zu meinem geplanten Start in La Plata im Frühling 2002. Sollte jemand ein solches Unterfangen planen, so kann ich nur zu rechtzeitigem Beginn der offiziellen Schritte raten! In unserem Fall war reger Email-Austausch von verschiedenen Versionen eines Rahmenvertrages notwendig, sowie anschliessend die Einigung auf ein "learning agreement" zwischen den medizinischen Fakultäten Rostock und La Plata. Ein Jahr Vorlauf ist realistisch!
Die Teilnahme an einem Austauschprogramm ist immer eine grosse Erleichterung für den Studenten! Mit Übersee gibt es leider keine ERASMUS-Verträge. Ein Vorteil des neuen Vertrages war also meine Eingliederung in einen letztlich offiziellen Austausch. Damit verbunden: der Papierkram wird von den beteiligten Universitäten erledigt und so musste ich keinerlei Formalitäten bei meiner Ankunft bearbeiten. Der Papierkrieg war schliesslich im Vorfeld ausgefochten! Bei Teilnahme an einem etablierten Austausch kann einem sogar meist die Frage nach Anerkennung der im Ausland absolvierten Kurse abgenommen werden.
Da unserem LPA leider noch keine Info zu Argentinien vorlagen, mir die Anerkennung der argentinischen Scheine nach meiner Rückkehr jedoch wichtig war, musste ich mich im Vorfeld um Abklärung der Äquivalenz kümmern. Dazu gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: - Übersetzung der genauen argentinischen Studieninhalte ( programa analítico* ) für die einzelnen Fächer, die dort studiert werden sollen. Anschliessende Prüfung dieser Programme durch die jeweiligen Professoren bzw. Lehrbeauftragten der Heimatuniversität auf Äquivalenz. Für mich führte dies meist zu einer "Einzelfallprüfung", das heisst mir wurde das Studium des jeweiligen Faches im Ausland als "Ausnahmefall" genehmigt. Unserem Studentenaustausch war dies leider nicht dienlich...
- Sendung der argentinischen Studienprogramme ( programa analítico* ) an die ZAB in Bonn (Zentralstelle für Ausländisches Bildungswesen), am besten über das jeweilige LPA. Die Prüfung auf Äquivalenz wird dann von diesem Amt übernommen, kann aber mehrere Wochen dauern, da diese Art von Prüfung eingentlich nicht deren Aufgabe ist. Aus gleichem Grund kann von der ZAB nur eine Empfehlung an die LPAs gegeben werden. Es handelt sich nicht um eine Weisung.
*) es war alles andere als leicht diese Auflistung der Kursinhalte aufzutreiben. Wenn die Universität nicht zufällig eine äusserst gute Homepage führt, so kann man fast nur über einen persönlichen Kontakt an diese Info kommen, und selbst dann bleibt es im Falle eines "Entwicklungslandes" oft Glückssache, ob der jeweilige Lehrstuhl ( cátedra ) über eine solche Zusammenfassung überhaupt verfügt... .
Diese beiden Organisationspunkte sind klar die aufwendigsten: zum einen die Sorge um die Studienerlaubnis der ausländischen Universität, zum andern die Anerkennung der im Ausland erbrachten Studienleistungen.
Da unser Austauschvertrag zumindest bisher noch keinerlei finanzielle Mittel beinhaltet, müssen die vollen Kosten vom Studenten selbst getragen werden. Auch wenn das Leben in Argentinien mittlerweile um vieles günstiger ist als in Deutschland, so bleiben zumindest die hohen Flugkosten eine Hürde. Zum andern sollte man nicht vergessen, dass man sich dort drüben keineswegs mit einem Studentenjob über Wasser halten kann (2$/Stunde für eine Bedienung). Es empfiehlt sich ein "Jahresstipendium für Studierende" vom DAAD. Viele denken, sie würden eh' keine Chance haben, und versuchen es erst gar nicht. Viel wichtiger als beste Noten scheint mir dem DAAD jedoch die Persönlichkeit des Bewerbers zu sein. Unabdingbar für eine erfolgreiche Bewerbung beim DAAD ist sicherlich die abgesicherte Anerkennung zumindest des größten Teiles der im Ausland erbrachten Leistungen. Eine andere Möglichkeit finanzieller Unterstützung ist das Auslandsbafög; hier solltet Ihr beachten, dass auch demjenigen möglicherweise Auslandsbafög gewährt werden kann, der innerhalb von Deutschland kein Bafög bekommt.
Zur sonstigen Vorbereitung eines längeren Aufenthaltes kann ich folgende Medien empfehlen: (Die jeweiligen Links finden Sie auf der rechten Seite unter 'Weiterführende Links')- Bücher (Reiseführer, insbes. South American Handbook; "Spanisch für Mediziner" aus dem Thieme-Verlag;)
- Argentinische Tageszeitungen (z.B. im Internet: "página 12")
- Homepage des argentinischen Gesundheitsministeriums
- Länderinfo des DAAD, des Auswärtigen Amtes, der Deutschen Botschaft in Buenos Aires
- bezüglich finanzieller Unterstützung empfiehlt sich das jährlich neu erscheinende Büchlein des DAAD...
- Eine interessante Website ist die Website der Stadt La Plata, aus der Ihr beispielsweise etliche Links zu Krankenhäusern der Stadt und vielen Universitäten des Landes entnehmen könnt.
- In gleicher Weise hilfreich sind die argentinischen Gelben Seiten
- Die Homepage der UNLP ist ebenfalls sehr zu empfehlen
Einreise nach ArgentinienFür die offizielle Einreise nach Argentinien, zum Zwecke eines Studiums, verlangen die Botschaften ein Studentenvisum, dessen Erlangung mehr als aufwendig ist. Es müssen nicht nur eine Menge Unterlagen wie internationale Geburtsurkunde, polizeiliches Führungszeugnis, ärztliches Gutachten usw. besorgt werden, sondern die Mehrheit dieser Dokumente muss auch noch beglaubigt und überbeglaubigt werden. Den nötigen Zeit- und auch Kostenaufwand kann sich jeder gut vorstellen. Hinzu kommt, dass das Visum selbst dann obendrein noch 500 US$ kostet, was meiner Meinung nach keinem Studenten zuzumuten ist. Man sollte bedenken, dass der argentinische Student, der in Deutschland studieren möchte, nur 25.- Euro für ein vergleichbares Visum zu zahlen hat (Stand: 2001). Es existiert allerdings die Möglichkeit, als Tourist einzureisen. Ein Touristenvisum wird an der Grenze ohne Probleme ausgestellt und ist dann genau drei Monate gültig. Vor Verstreichen dieser drei Monate ist lediglich eine kurze Ausreise zum Beispiel ins benachbarte Uruguay nötig, um bei erneuter Einreise einen neuen Stempel für wiederum drei Monate zu erhalten. Auch wenn dies offiziell nur einmal möglich ist, so kann man es auch jahrelang so schaffen. Ich habe Leute kennengelernt, die in Argentinien leben und arbeiten, als "Touristen". (Anm.d.Red.: Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man sich stets im Vorfeld beim Auswärtigen Amt und/oder bei der Argentinischen Botschaft über die aktuellen Visa-Modalitäten erkundigen.)
Besondere Impfungen zur Einreise sind nicht vorgeschrieben, allerdings gelten für Argentinien die gleichen Empfehlungen wie für Deutschland, inklusive Hep. B für Mediziner. Auch wenn dort drüben die Tbc keine Seltenheit ist, und dort jeder gegen diese Erkrankung geimpft ist, so ist eine Impfung von Deutscher Seite aus nicht zu empfehlen. Ich hatte dazu meinen Tropenmedizin-Professor Dr. Reisinger aus Rostock konsultiert. Allerdings empfiehlt sich ein Mantoux-Test vor und nach dem Aufenthalt.
Universität, Studium, KrankenhäuserIch habe die drei Fächer HNO, Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Pädiatrie an der UNLP studiert. Das Studium der Medizin ist in La Plata ähnlich aufgebaut wie in Deutschland. Es wird die Theorie der einzelnen Fachgebiete während sechs Jahren (in Deutschland nur fünf!) in Form von Vorlesungen, Seminaren und Praktika vermittelt. Allerdings ist die Medizinische Fakultät gerade im Begriff, ihren Studienablauf so zu wandeln, dass er dem unseren fast gleichen wird. Die Gesamtstudiendauer wird ebenfalls in diesem Rahmen auf fünf Jahre plus Praktisches Jahr (PJ) reduziert.
Jedes Fach wird von einem separaten Lehrstuhl ( la cátedra ) gelehrt, wobei die Zahl der Studenten oft so groß ist, dass diese auf zwei oder gar mehr cátedras (A,B,...) ein und desselben Fachgebietes verteilt werden müssen. Ein großer Vorteil ist meiner Meinung nach die Organisierung und Unterrichtung der Kurse ( cursadas ) in Blockform. Dies ermöglicht eine freiere Gestaltung des persönlichen Stundenplans. So dauerte der HNO-Kurs beispielsweise nur einen Monat, die Gynäkologie und Pädiatrie-Kurse je zwei Monate, jeweils bei entsprechend, im Vergleich zu Deutschland, verstärkter Intensität.
Es wurde jeden Tag eine Vorlesung angeboten, zumeist sogar auf obligatorischer Basis. Die Seminare sind, wie in Deutschland auch, für alle Studenten verpflichtend. Das Praxisangebot, womit ich im Besonderen den Patientenkontakt meine, lässt ein wenig zu Wünschen übrig, noch einmal: wie in Deutschland auch. Während die deutschen Studenten wenigstens die vier Famulaturen haben, um sich den doch so wichtigen Umgang mit dem späteren "Kunden" von erfahrenen Ärzten abzugucken, so steht den Argentiniern nur der Kampf um die sehr beliebten " guardias" offen. Dies sind Nachtdienste, meist in der Notaufnahme eines örtlichen Krankenhauses; für diejenigen, die sich dazu verpflichten, als obligatorischer Dienst einmal die Woche, jeweils 24 Stunden. Die Studenten sind dabei fest in den Notdienst-Rhythmus eingeplant, und deren Aktivitäten überschreiten bei Weitem die eines Famulanten in Deutschland.
Soviel zur Praxis, die also während der cursadas eher mangelhaft zu bewerten ist. Eine jede cursada endet dann mit mindestens einem Testat, hier " examen parcial" , so genannt, weil die Studenten damit zwar den Kurs bestehen, aber das Fach selbst erst durch ein " examen final" abschließen. Zum Ablegen dieser mit unserem Staatsexamen vergleichbaren Abschlussprüfung hat der argentinische Student dann drei Jahre Zeit. Die Mehrheit der Studenten versucht allerdings das Fach sehr schnell abzuhaken, da durch unnötiges Aufschieben dieses Testes das Wissen um die Lehrinhalte des Kurses nur wieder abnimmt.
Die Qualität des Unterrichtes ist, wie immer und überall, sehr stark vom jeweiligen Dozenten abhängig. So gibt es beispielsweise den " Typ-I-Dozenten" , der die allgemeine Streikstimmung an der Universität ausnutzt, um seine Vorlesung schlichtweg sein zu lassen, frei nach dem Motto: "Krieg ich kein Geld, mach ich meine Arbeit nicht". Daneben gibt es den unfairen " Typ-II-Dozenten" , der den Unterricht so sehr wenig informativ gestaltet, dass die armen Studenten gezwungen werden, dessen Privatunterricht in Anspruch zu nehmen, wofür dieser aber horrende, unzumutbare Bezahlung verlangt: die Universität ist offiziell noch immer für alle gratis! Nicht zuletzt möchte ich den " Typ-III-Dozenten" als meinen Favoriten nennen, der auch streikt, aber dies mitsamt seiner Klasse, inklusive Stühlen und Tafel, auf der offenen Straße, den Verkehr dadurch blockierend und - mahnend...
Der Streik ist leider ein akutes Problem. Grund sind stets Forderungen des Unipersonals, meist die einfache Klage nach dem über Wochen hinweg ausstehenden Gehalt. Man unterscheidet zwischen dem "Dozenten"-Streik und dem "Nicht-Dozenten"-Streik. Auswirkungen des Ersteren habe ich bereits ein wenig skizziert. Zu den Letzteren zählen beispielsweise das Personal der Bibliothek oder auch die Mitarbeiter des Büros für Studienangelegenheiten. In der gesamten ersten Zeit meines Aufenthaltes war es mir nicht möglich, die Bibliothek in offenem Zustand anzutreffen.
Abgesehen vom Einfluss des Streikes sehe ich keine großen Unterschiede zwischen der Qualität der heimischen und der der dortigen Lehre. Bemerkenswert ist vielleicht, dass eine Professur dort eher Ehrensache ist, mit entsprechend geringer Bezahlung, was für Deutschland ja so nicht zutrifft.
Das Studienjahr an der UNLP beginnt im April und endet etwa im Dezember. Es ist jedoch nicht wirklich in Semester aufgeteilt. Es wird nur in ganzen Jahren gerechnet, was dann verständlich wird, wenn man bedenkt, dass das jeweilige Jahr lediglich durch zweiwöchige Ferien im Winter (Juli, CAVE: Südhalbkugel) unterbrochen wird. Den Rest des akademischen Jahres wird studiert. Kurse mit Beginn vor diesen kleinen Ferien werden danach normal weitergeführt, seien es Block- oder Jahreskurse.
So sind die Kurse Pädiatrie, Gynäkologie/Geburtshilfe und Innere (IV) sowie Chirugie eine Mischung aus theoretischem Kurs mit Vorlesung bzw. Seminar und famulaturähnlichem Praktikum. Während der zweimonatigen Kursdauer verbringt der Student jeden Vormittag unter Aufsicht auf Station. Es werden für das jeweilige Fach typische Untersuchungstechniken und Besonderheiten im Patientengespräch erlernt, sowie interessante Fälle diskutiert. Zum Pädiatriekurs gehört weiterhin eine wöchentliche Nachtwache in der Notaufnahme sowie ein weiteres Praktikum, das ich ganz besonders geschätzt habe: von den zwei Monaten Stationspraktikum wird ein Monat durch die tägliche Mitarbeit in einer öffentlichen Gesundheitseinrichtung ( salla periférica ) ersetzt. Diese "Minikrankenstationen" erlauben lediglich die ambulante Behandlung von leicht zu diagnostizierenden Erkrankungen, es ist dort weder Röntgenschirm, noch Labor vorhanden. Anders ausgedrückt: das Auge des Arztes diagnostiziert, und notfalls wird an eine Klinik oder einen Spezialisten überwiesen.
Diese meist in prekären Vororten der Stadt gelegenen Ambulanzen waren ganz besonders geeignet zum Einblick in die vielen Grund-Kinderkrankheiten (die meisten Patienten dort waren Kinder), die in den großen und (über-)spezialisierten Universitätskrankenhäusern nie vorkommen. Auf diese Weise wird man leicht zum Fachmann für Windpocken, Mittelohrentzündung, Impfkalender, Pilzinfektionen, Wurmbefall in der ganzen Familie, Läuse und Flöhe...
Das öffentliche Gesundheitssystem Das öffentliche Gesundheitssystem ist in Argentinien für alle Menschen kostenfrei. Krankenhäuser mit ihren Notaufnahmen sowie die dazugehörigen Ambulanzen, und auch eben diese Gesundheitsstationen (s.o.) in wengier zentral gelegenen Gebieten der Stadt, stellen das Gesundheitssystem Argentiniens dar. Letztere Einrichtungen sollen die Versorgung der ärmeren Bevölkerung sicherstellen, die leider oft aus Unwissenheit erst in so weit fortgeschrittenen Krankheitsstadien zum Arzt geht, dass dieser dann nur noch paliativ behandeln kann. Für viele dieser tragischen Fälle ist jedoch ein anderes großes Problem verantwortlich: nicht wenige Patienten, die etwas abgelegener wohnen, haben nicht einmal die 75 Centavos (ca. 20 Eurocent), die sie für den Bus zum Krankenhaus benötigen.
Argentinien versucht beispielsweise mehr und mehr gewisse Gesundheitsprobleme durch Information und Vorsorge unter Kontrolle zu bekommen. So gibt es in diesem Land ungefähr 120.000 AIDS-Infizierte, Tendenz steigend, nur hat bereits die kostenlose Testung auf HIV folgendes Problem: möchte man sich anonym, und einfach nur zur Kontrolle, einen Test anfertigen lassen, so sind insgesamt drei Besuche in einem ganz bestimmten Krankenhaus notwendig. Das erste Mal kommt man lediglich, um einen Termin zu erhalten ( sacar turno ), sehr früh morgens, ganz nach dem Prinzip "wer zuerst kommt, mahlt zuerst". Jedweder Krankenhausbesuch beginnt übrigens mit diesem "Schlange stehen". Es soll vorkommen, dass der eine oder andere am nächsten Tag erneut erscheinen muss, etwas früher diesmal, um sein Leiden bei einem Arzt vortragen zu können.
Bei einem solchen Termin (zweites Erscheinen!) bekommt der "Patient" dann Blut abgenommen, das untersucht wird. Etwa eine Woche später (Blutproben werden als Sammelsendung nur an bestimmten Tagen der Woche an ein Labor gesandt, bzw. eine Analyse lohnt sich bei eigenem Labor nur bei ausreichender Menge an Proben) ist dann ein erneutes, drittes Vorstellen in der Klinik nötig, um vom Arzt das Ergebnis zu erfahren.
Es ist zwar ausgebildetes Fachpersonal vorhanden, auch ist die gesamte Untersuchung kostenfrei, aber der Staat kann leider nicht für Bus und Arbeitsausfall (die allmorgendliche Schlange vor den Terminausgabeschaltern ist nun mal lang!) aufkommen.
FazitGerade ein Jahr unter solchen etwas schwierigeren Bedingungen war für mich eine ganz besondere Erfahrung. Viele Argentinier haben mich mit äußerster Verwunderung gefragt, was ich denn hier mache, wo doch alle aus diesem Land wegwollten. Sie konnten mein Interesse nicht verstehen.
Wenn ich jetzt im Folgenden die verschiedenen Aspekte der "Krise" in Argentinien aus meiner persönlichen Sicht heraus erläutere, dann darf weder der Verdacht entstehen, ich hätte nur diese Mißstände beachtet, noch ich könne diese aktuelle Situation in besonders kluger Weise erklären.
Land und LeuteDer wirtschaftliche ist der wohl auffälligste Aspekt der Krise. Ein jeder Tourist muss damit konfrontiert werden, wenn er auch nur einmal sein Hotel in den Abendstunden verläßt. Dies ist nämlich der Zeitpunkt an dem die Geschäftsleute aus dem microcentro den sogenannten " cartoneros" den Platz räumen. Letztere sind die auch bei sämtlichen ausländischen Medien mittlerweile sehr wohl bekannten Müll-, Papier- und Plastiksammler von Buenos Aires. Sie tauchen plötzlich zu Scharen auf, mit Pferdekarren oder Fahrradanhänger, besser organisierte Gruppen zu zwanzigst auf einem alten Lastwagen, um die Straßenschluchten der Hauptstadt systematisch auf Brauchbares zu durchkämmen. Schon kurze Zeit nach Einbruch der Nacht ist die Innenstadt ein Chaos. Die "Müllsammler" sind oft bereits verschwunden, was bleibt sind aufgerissene und über die gesamte Straße verteilte Müllbeutel, umgeworfene Tonnen, dazwischen Nahrung suchende wilde Hunde, von denen gibt es jede Menge. Erst Ende letzten Jahres kam irgendjemand auf die glorreiche Idee, den Müll vorab zu trennen, so wie in Deutschland schon lange üblich - wenn auch aus anderen Gründen. So brauchen die Sammler jetzt nur noch komplette Säcke ihrer Farbe nach einsammeln, um dann bei Recycleunternehmen ihren lächerlichen Akkord-Lohn zu kassieren.
Es tauchen in dieser traurigen Realität eine Menge "alternative" Beschäftigungszweige auf. So verdient sich in annähernd jeder Straße ein "Einparker" bzw. selbsternannter "Parkwächter" seinen Lebensunterhalt. Auch wenn die Stadtverwaltung nur sehr selten eine Gebühr für's Parken verlangt, so muß letztlich doch bezahlt werden... und ich finde es ist wenigstens für einen guten Zweck.
In der U-bahn ( subte ) springt bei annähernd jedem Halt ein "Straßenverkäufer" hinzu, um seine Waren feilzubieten, günstiger als anderswo: Zeitungen, Bonbons, milka-Schokolade, Stifte, Englisch-lehrbücher (!) für den Autodidakten, Nähsets, Schreibblöcke... . In Berlin kommt so etwas auch vor. Der Unterschied ist, dass in Argentinien solche Verkäufer auch in Stadtbussen, Überlandbussen und Zügen auftauchen, regelmäßig.
In Deutschland habe ich schon lange keine Hausierer mehr gesehen, in Argentinien wurde an meiner Tür zunehmend mehr als einmal pro Tag geklingelt. Nicht etwa einen Staubsauger wollten sie mir verkaufen, sondern Grundnahrungsmittel und Wasser.
Ich bin zwar nur selten Auto gefahren, aber es war unübersehbar, dass an jeder Ampel das Halten der Autos zum Verkauf genutzt wird. Nicht selten sind Blumen im Angebot.
In Mendoza habe ich Telefonläden mit diverser Umfunktionierung gesehen: eine Zelle wird dauerhaft von einem " arbolito" (Devisen-Tauschhändler) besetzt, um besser seine Geschäfte abwickeln zu können. In einem anderen Laden wird nebenher ein gesamtes Restaurant betrieben...
Leider gibt es immer noch genügend Menschen, die keinen Platz finden in diesen "Marktlücken". Die Bettlerquote ist erschreckend gestiegen in diesem Jahr. Die Staatskassen des Landes sind leer. Heute ist die Schwarzarbeit hoch und erwirtschaftetes Geld wird nicht selten schnellstmöglichst über die Grenzen außer Lande gebracht.
Ich fand es sehr auffallend, wie "alt" die Semester dort waren. Meine Komilitonen waren oftmals einige Jahre älter als ich, darüber hinaus nicht selten verheiratet und mit Kindern. Das hat zum einen damit zu tun, dass es bisher in La Plata keine maximale Studiendauer gibt. Viel wichtiger schätze ich jedoch den Einfluß der Wirtschaftslage ein. Aus mangelnder staatlicher Unterstützung ist der argentinische Student meist zum Arbeiten gezwungen. Wider meine Befürchtungen war ich nämlich nicht nur von Kindern betuchter "Ärzte-Familien" umgeben.
"E nfermedades de la pobreza , Krankheitsbilder der Armut", das war der Titel einer sehr interessanten und realitätsnahen "Sondervorlesungsreihe", an der ich immer gerne teilnahm. Sie wurde von der Fachschaft sehr gut vorbereitet, denn diese ist in der Lage, schneller auf die Umwelt und ihre Bedürfnisse zu reagieren, als die Universität mit ihrem offiziellen Lehrplan selbst.
Es gibt Bereiche argentinischer Kultur, die zumindest nicht durch die Krise negativ beeinflußt werden: das " lunfardo" , eigene Sprache der " porteños" (Bewohner von Buenos Aires) und des Tangos, wird als nationales Kulturgut heute mehr geschützt als je. Der Tango wird als Nationaltanz gefördert, und San Telmo als seine Geburtsstätte. Dem Touristen gilt das Hauptinteresse des Staates: " cuidemos al turista! ", oder " un peso más puede ser un turista menos!", das sind die wörtlichen Aussagen aktueller Werbung im gesamten Land. "Schützen wir den Touristen!" und "ein Peso mehr heißt ein Tourist weniger!" soll die Geschäfte und Bewohner von Gebieten regen Tourismusses davon abhalten, aus den Touristen mehr Gewinn zu schlagen als gerechtfertigt. Blind daran vorbei läuft scheinbar allen voran die von Spanien aufgekaufte "Aerolíneas Argentinas", die schon kurz nach Beginn der Krise den Ausländern nur noch ihre teuersten Tarife anbietet. "Weniger ist manchmal mehr", würde ich dazu sagen...
Über den Argentinier wissen die meisten Europäer sehr wenig. Sicherlich ist dies gerade im Begriff sich zu ändern, jetzt wo die Kinder damaliger Europäer ins Land ihrer Vorväter zurückkehren, oder es zumindest krampfhaft versuchen.
"Europa in Südamerika", so wird Argentinien oft bezeichnet, und selbst ganz besonders gern gesehen. Der Einfluß des alten Kontinentes ist noch immer sehr groß, ich denke sogar er wird künstlich so groß gehalten. Der Argentinier identifiziert sich weitaus mehr mit dem Ausland, mit Europa im Besonderen, als mit seiner eigenen Kultur, mit seinem eigenen Kontinent. Es war immer interessant zu beobachten, wie sich die Argentinier (bei mir) vorgestellt haben: "ich bin Sohn/Tochter eines Deutschen und einer Italienerin"...; derartige Abstammungsverhältnisse waren stets schneller betont als die argentinische Nationalität.
Der ständige Blick nach Europa steht damit im Widerspruch zu seinem übertriebenen Nationalstolz beim Fußball. Diese "Identitätskrise" ist meiner Meinung nach ein wichtiger Einflußfaktor für die heutige Situation des Landes. Viel Vertrauen in alles, was von außerhalb kommt, kein Vertrauen in Politik und Wirtschaft des eigenen Landes. So etwas schadet einem Land: es wird kaum selbst entwickelt und produziert, das meiste wird importiert. So beispielsweise sämtliche Technologie, nur leider meist erst, wenn diese schon wieder veraltet ist. Das Land hinkt so hinterher...
Innerhalb ihres eigenen Kontinentes hat diese Orientierung nach Europa Argentinien sicherlich eine Sonderstellung eingebracht. Es galt als fortschrittlichstes Land, bis Dezember 2001 jedenfalls. Die Grenze zwischen Stolz und Arroganz ist dabei nicht immer sehr deutlich, im südamerikanischen Ausland gilt der Argentinier als laut, oberflächlich, unverschämt und ein wenig selbstsüchtig, herablassend. Möglicherweise spielt auch Neid eine wichtige Rolle bei einer solchen Beurteilung.
Vielleicht erweckt der Argentinier den Eindruck "laut" zu sein, weil er sehr offen ist, und direkt auf seine Mitmenschen zugeht. So würde ich ihn zumindest eher beschreiben. Allerdings hat diese "Offenheit" auch eine Kehrseite: Bekanntschaften sind sehr schnell gemacht, nur, wer so viele Menschen kennt, der kann seine wahren Freundschaften weniger gut pflegen. Zu viel Offenheit führt möglicherweise auch zu Oberflächlichkeit.
Praktische TippsDa ich mir selbst vor meiner Ausreise eine Menge Gedanken über die geschickteste Verwaltung meiner Finanzen dort gemacht hatte, möchte ich dazu kurz meine Schlussfolgerung äußern. Wie die Argentinier selbst ging ich nicht das Risiko ein, in eine der vielen örtlichen Banken zu vertrauen und lagerte deshalb mein Bargeld zu Hause. Ich hatte mir von Deutschland aus eine größere Summe US$ mitgenommen, auf Empfehlung meiner dortigen Betreuer. Mittlerweile hat sich der Euro auf den Weltmärkten jedoch so gut etabliert, dass man eher die europäische Währung mitnehmen sollte. Ich kenne einige Argentinier, die es vorziehen in Euro zu sparen als in US$. In den meisten grossen Städten kann man auch Euros ohne Probleme tauschen, teilweise sogar zu besserem Kurs als in Europa!
Es hatte sich als ideal herausgestellt, wegen des schnellen Wertverlustes nie zu viele Pesos zu besitzen. Bei den Banken lassen sich USDollar problemlos tauschen, die Wechselstuben zahlen beim Verkauf etwas mehr, der beste Kurs ist auf der Straße bei den sogenannten " arbolitos" zu erzielen. Auch letztgenannter Tausch ist (noch) legal. Travellerschecks sollte man lieber zu Hause lassen, da nicht nur bei deren Erwerb sondern auch bei deren Einlösung unnötig hohe Gebühren entstehen. Empfehlenswert ist jedoch der Besitz einer Visakarte, auch wenn die Geschäfte bei Kartenzahlung oft etwa 10% auf den Kaufpreis aufschlagen.
Preisbeispiele: Im Jahr meines Aufenthaltes (2002) schwankte der Pesokurs sehr stark: 1 US$ = 2,5-4,0 Peso($). Die Lebenshaltungskosten sind auf jeden Fall günstiger als in Deutschland, wie ihr in der Folge an ein paar wenigen Beispielen sehen könnt: - Monatsmiete: ab 150 $
- Pizza: 5 $
- Empanadas: 1 $/Stück
- Bier: 4 $/l (Quilmes, querida!)
- besserer Wein im Supermarkt: 5 $
- Yerba Mate: 2 $/kg
- Kino: 5 $
- Tangounterricht: 3 $/Stunde
- 1kg BSE-freies Rindfleisch (weiß nicht mehr wie viel, aber es war billig!)
- La Plata - Buenos Aires (50km): 1,5-5 $
- Busreise 1500 km: 40-80 $
- Flugzeug 1.500 km: 130-200 $
- Ein Studienjahr in Argentienien: unbezahlbar
V., S.
Rostock/Berlin, Oktober 2003 |