Motivation zu diesem Projekt
Doktorarbeit - Inland versus Ausland
Tipps - bis die Arbeit gefunden ist
Tipps - wenn die Arbeit gefunden ist
Literaturrecherche
Wohnung und soziales Umfeld
Motivation zu diesem ProjektBald nach dem Physikum beschloss ich einen Studienaufenthalt im Ausland, am liebsten in Südamerika. Da mir jedoch auch eine experimentelle Doktorarbeit am Herzen lag, suchte ich letztlich direkt nach einer Verbindung dieser beiden Wünsche, nicht zuletzt, um wenigstens annähernd in der Regelstudienzeit zu bleiben...
Ein Studium im Ausland ist heute alles andere als eine Seltenheit. Es gibt kaum einen Studenten, der diese Art der Auslandserfahrung nicht in irgendeiner Weise in sein Leben einbaut. Austauschprogramme wie "Erasmus" erleichtern den Erwerb von Scheinen ungemein, studentische Organisationen helfen bei den Famulaturen... .
Ein wenig mehr Eigenengangement verlangt hingegen die Organisation einer Doktorarbeit im Ausland. Hierzu gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: - offizielle Ausschreibungen der jeweiligen Institute sehen manchmal einen Auslandsaufenthalt vor, man braucht aber Glück und Geduld soetwas zu finden; Tropeninstitute oder auch Abteilungen für Infektiologie sind für eine solche Suche natürlich prädestiniert. An vielen Unis gibt es sogenannte Doktorandenbörsen, teilweise auch im Internet.
- gezielte Suche eines Betreuers/Doktorvaters für eine Arbeit in einem ganz bestimmten Land. Über ein paar Ecken sind schnell in jedes Land Kontakte geknüpft, besonders unter Wissenschaftlern. Spätestens übers Internet lassen sich interessante Arbeitsgruppen im "Wunschland" ausfindig machen. Internationale Doktoranden und Postdocs gehören seit langem zum Laboralltag, hier und dort. Nur sollte man beachten, dass eine Promotion immer von einer Universität abhängig ist, d.h. wenigstens ein Prof auf deutscher Seite muss die Arbeit unterstützen, anmelden, und später abnehmen. Dieser Professor muss einer deutschen Universität zugehörig sein.
Soweit ich weiß, ist gleiches zu beachten bei Promotionen an universitätsfremden Instituten innerhalb Deutschlands, wie z.B. den Max-Planck Instituten.
Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass die meisten Labore heutzutage mit auswärtigen Arbeitsgruppen in Kontakt stehen, und daher fast immer die Möglichkeit besteht, wenigstens für ein paar Experimente ins Partnerlabor zu wechseln. Nicht wenige meiner Freunde fanden sich plötzlich im Ausland wieder, obwohl dies keineswegs vorab geplant war.
Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft das Beste ist, einen Prof direkt anzusprechen, und sämtliche Wünsche, insbesondere Auslandswünsche, offen darzulegen.
Per Internet lernte ich so meinen Doktorvater kennen, der seinerzeit einen "flexiblen und mobilen" Studenten gesucht hatte, da "mehrere Aufenthalte in Argentinien" Teil der Arbeit sein würden. Ich schlug ihm vor, gleich ein Jahr dort zu verbringen, zum Studium sowie zum Bearbeiten der Dissertation. Zum Glück war er einverstanden.
Letztlich habe ich ein stark verändertes Thema bearbeitet. Wie oben erwähnt, wollte ich parallel zu dieser Arbeit studieren. Seine Kooperation lief damals allerdings mit Mar del Plata, einer Stadt im Süden der Provinz Buenos Aires, in der es keine medizinische Fakultät gab. Allerdings kannte der dortige Kontaktmann Horacio Terzolo in La Plata (im Norden der Provinz, mit medizinischer Fakultät!) einen Wissenschaftler Namens R.Goya, bei dem ich letztlich meine Arbeit begonnen habe. Das Thema stammte von Herr Goya, der Titel lautete: In vivo immunoneutralization studies in rodents with anti-thymulin specific avian IgY.
Doktorarbeit - Inland versus AuslandAn dieser Stelle erscheint es mir unabläßlich, ein wenig auf die prekäre wirtschaftliche Situation Argentiniens einzugehen. Es gibt unzählige Beispiele, die die Finanznot des Landes und deren öffentlicher Einrichtungen belegen: über die Gullideckel, die plötzlich in einem ganzen Straßenzug fehlen, möchte ich an dieser Stelle noch gar nicht eingehen. In Bezug auf den Laboralltag fehlt es zum Beispiel an sämtlichen Materialien des einmaligen Gebrauchs: Pipettenspitzen werden gewaschen und wiederverwandt.
Eine Multikanal-Pipette gab es zumindest zu Anfang nicht. Die gesamte Fakultätsaktivität, und dadurch oft auch der Betrieb der im selben Gebäude befindlichen Laboratorien, wird nicht selten auf die verschiedensten Weisen lahm gelegt. Einerseits kommt es vor, dass das Leitungswasser für einige Tage ohne Anmeldung im gesamten Gebäude ausfällt, während auf den Fluren das Wasser die geborstenen Rohre nur so in Strömen verlässt und das gesamte Treppenhaus unter Wasser setzt. Andererseits muss man stets darauf gefasst sein, dass es unfern der Fakultät zu einer, wenn auch kleinen Explosion kommt, die aber doch ausreicht, um die Stromleitung bis auf Weiteres zu unterbrechen, und den armen unvorbereiteten Studenten zum Neuverfassen seiner gesamten ungespeicherten Dateien zwingt. Da ein bestelltes Nährmedium nicht wie verabredet vor dem Wochenende geliefert wird, verbleiben die Zellen in dem Alten, wodurch am Montag die Hälfte der kostbaren Zucht leider verworfen werden muss. Die Gasflasche mit Kohlenstoffdioxid wird auf Bestellung durch einen mobilen Service neu aufgefüllt, bis dahin wird sie in regelmäßigen Abständen gewogen, auf einer Personenwaage, um den noch verbleibenden Inhalt abzuschätzen.
All diese Beispiele können vielleicht ein wenig verdeutlichen, wodurch meine Arbeit hier möglicherweise gebremst und verzögert, jedenfalls erschwert wurde. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, die des Pessimisten.
Auf der anderen Seite wurden meine Erwartungen durch all diese Erfahrungen erfüllt: ich werde hier in diesem Land, unter genau diesen Bedingungen, und bei gerade derartig wirtschaftlicher Lage, mit besonderen Problemen konfrontiert, die eine besondere Lösung verlangen. Während in Deutschland sehr schnell zu teuren Hilfsgerätschaften, oder einfach zum kompletten Verwerfen des gesamten Versuches tendiert wird, so muss dort aus Kostengründen jede Variable des Versuches noch- und nochmal gedreht und gewendet werden. Und das regt zur Phantasie und Kreativität an, was ich sehr schätze!
Von besonderer Bedeutung für mich war die Arbeit in einer interdisziplinären und zugleich internationalen Arbeitsgruppe. Die Mediziner bildeten die Minderheit im Labor. Allerdings ist dies nicht unbedingt ein Unterschied zu deutschen Laboratorien. Sowohl Literaturrecherche als auch die Auseinandersetzung mit englischer Fachliteratur und internationalen Datenbanken lernt man genausogut hüben wie drüben.
Tipps - bis die Arbeit gefunden ist- Es ist immer interessant, die Anzahl und Qualität der Publikationen des Doktorvaters in Erfahrung zu bringen. Dies läßt auf dessen Produktivität rückschliessen. Auch die Anzahl eingeworbener Drittmittel und Förderungen bzw. Kooperationen mit anderen Arbeitsgruppen versprechen mehr oder minder hohe Aktivität des Labores.
Wieviel ist dem Doktorvater an einer Publikation des Dissertationsinhaltes gelegen? Ist es nämlich für den Betreuer selbst wichtig, so kümmert er sich um die zügige Durchführung der nötigen Untersuchungen, und es kommt u.U. schneller zu einer auch eigenen ersten Veröffentlichung des Studenten. Hier ist es wichtig, sein Recht auf die Position als Erstautor geltend zu machen. Nur teilveröffentlichte Doktorarbeiten können als Dissertation zugelassen werden, und nur wenn der Student als Autor erscheint! Die Arbeit als Ganzes muss bisher unveröffentlicht sein. - Durch Befragung von früheren Doktoranden kann man viel über die Persönlichkeit des Betreuers erfahren, ein menschlicher und netter Umgang ist ungemein wichtig für die Arbeitsmoral im Labor. Da das erste Tief und Frustrationen im Laboralltag unweigerlich kommen, sind nicht nur ein hoher Interessantheitsgrad der Arbeit sondern auch ein gutes Arbeitsklima essentiell!
- Auch die Frage nach Realisierbarkeit des Projektes in der vorgegebenen Zeit läßt sich oft mit Hilfe ehemaliger Doktoranden klären: ein Doktorvater, der sich zum zehnten Mal verschätzt hat, der tut es auch sicher bei Deiner Arbeit!
- Eine gesicherte Finanzierung des Forschungsvorhabens ist natürlich absolute Voraussetzung. Dieser Punkt ist doofer Weise vom Studenten ohne Forschungserfahrung schwer abzuschätzen...
- Schon leichter die Frage nach der eigenen Finanzierung.
Die solltet Ihr nämlich ganz klar Eurem Doktorvater stellen! Im Vergleich zu den fast immer hohen Materialkosten ist die Unterstützung eines Studenten "peanuts". Wenn Ihr für Eure Arbeit aussetzt, dann solltet Ihr auf jeden Fall auf ein " Gehalt" bestehen. Integriert Ihr die Arbeit ins Studium, so ist mit ein wenig Glück eine " Studentische Forschungsförderung", beispielsweise aus Mitteln der Universität, möglich.
Für einen Auslandsaufenthalt gelten natürlich andere Regeln:
Ein Stipendium ist bei einem guten Projekt relativ leicht zu erhalten und zur finanziellen Absicherung auf jeden Fall empfehlenswert. Für Medizinstudenten ist beispielsweise ein "Jahresstipendium für Studierende" des DAAD möglich. Diese Möglichkeit hatte ich erfolgreich gewählt. Allerdings ist hier ein paralleles Studium Voraussetzung, wie der Name ja sagt. Neu im Programm des DAAD gibt es seit diesem Jahr "Kurzfristige Studienaufenthalte für Abschlußarbeiten von Studierenden", ausdrücklich auch für medizinische Doktorarbeiten, allerdings nur mit einer Laufzeit von maximal sechs Monaten. CAVE: Promotionsstipendien sind für Studenten nicht zugänglich! Auslandsbafäg und Stipendien anderer Organisationen sind eine Alternative.
Tipps - wenn die Arbeit gefunden ist- Jeder Laborwechsel verschlingt Zeit! Mit der Arbeit an einem ELISA beispielsweise hatte ich in Argentinien begonnen, um ihn dann im Rahmen einer anderen Kooperation in Paris fortzusetzen, bevor ich ihn in Berlin beenden konnte! Man sollte nicht vergessen, dass jeder Ortswechsel eine gewisse Eingewöhnungszeit verlangt, dass die Herstellung von Puffern Zeit verschlingt, und dass dadurch zwangsweise Zeit verstreicht zwischen den einzelnen Versuchen!
- Achtet auf jeden Fall auf Kontinuität in Eurem Arbeiten. Ein paar Wochen Pause zwischen zwei gleichen Versuchen können schon zu anderen Ergebnissen führen, weil Ihr Euch an kleine aber wichtige Details nicht mehr erinnert und dadurch Fehler macht. Der zweite Versuch nach einer Pause funktioniert dann meist wieder!
- Schreibt so viele Arbeitsschritte auf wie nur möglich, sonst müßt ihr beim Schreiben der Arbeit wichtige Details vernachlässigen, und den Protokollen der MTAs hinterherrennen...
- Auch wenn die Verlockung sehr groß ist, mal eine MTA in Eure Versuche mit "einzuspannen", so ist man manchmal besser beraten, dem zu widerstehen: Irren ist menschlich, aber eigene Fehler kann man noch am ehesten durch Rückverfolgen des Protokolles recherchieren. Hat das Experiment nicht funktioniert, so ist die Fehlersuche bei mehreren Beteiligten fast aussichtslos... - habe ich festgestellt.
- Eine letzte Kleinigkeit: Ich denke man sollte früh an ein Konzept denken, und sich nicht in zu vielen Experimenten verstricken, sondern zeitig mit dem Schreiben beginnen.
LiteraturrechercheNicht nur die Papers des Doktorvaters durchwühlen sondern auch diverse Literatur-Websites durchkämmen (siehe hierzu "Weiterführende Links")
Wohnung und soziales UmfeldIch hatte von Anfang an den Wunsch, mit Argentiniern zusammenzuwohnen, so im Sinne einer WG. Wegen der schwierigen Sicherheitslage des Landes ist dies alles andere als üblich, aber mit ein wenig Glück kann man "Mutige" finden. Wegen der schwierigen Wirtschaftslage kann man sogar eher "Interessierte" finden.
So teilte ich mir ein gesamtes antikes Haus mit einer argentinischen Studentin, da sie alleine nicht mehr für die Miete aufkommen konnte! Die Miete belief sich auf etwa 150 Pesos/Monat, das entsprach etwa 50 US$. Allerdings waren wir in dieser "Bude" ein wenig von Feuchtigkeit und Kälte geplagt, das Haus besaß nämlich keine fest installierte Heizung, wodurch wir uns mit einem mobilen Gasheizkörper über den Winter retten mußten. Die meisten Studenten wohnen in ähnlichen Verhältnissen und kommen dadurch mit 50 US$/Monat an reiner Miete aus. Hinzuzuzählen sind jedoch Kosten für Gas und Strom, etwa 25 US$. Bezüglich der Wohnkosten ist eine solche Summe als relative Untergrenze anzusehen. Will man auf europäischen Lebensstandard nicht verzichten, so muss man mehr aufwenden.
Eine Wohnung zur Untermiete zu finden, das ist meiner Meinung nach kein Problem. In den verschiedenen Fakultäten sind Aushänge, wie in Deutschland auch, zu finden. Problematisch würde ich allerdings das selbstständige Mieten einer Bleibe für ein Jahr einschätzen. Die Immobilienmakler und auch private Vermieter verlangen stets eine "Sicherheit" in Form eines Grundstück- oder Immobilienbesitzes, natürlich innerhalb des Landes, außerdem einen Vertragsabschluss über mindestens zwei Jahre. Auch eine Art Studentenwohnheim ist zu finden und wird dort als " pensión" bezeichnet, meist getrennte Gebäude für Jungs und Mädels.
Die Argentinier sind trotz all der offensichtlichen Probleme, die derzeit das Land beherrschen, überaus aufgeschlossen und gastfreundlich. Ich wurde stets mit großem Interesse aufgenommen, durfte so einige " asados" genießen, in verschiedensten gesellschaftlichen Kreisen. Die meisten Menschen waren sehr verwundert über meinen Aufenthalt im "Land der Krise", wie sie sagten. Dass dies eine ganz besondere Erfahrung ist, das verstehen die meisten nicht.
In La Plata kann man gut eine Weile auch ohne die Hauptstadt überleben, sonst hätte ich gesagt, dass man manchmal von der Außenwelt abgekoppelt ist, nämlich an jenen Tagen, an denen jegliche Straße aus der Stadt hinaus von " piqueteros" blockiert wird. An solchen Tagen ist die Reise nach Buenos Aires unmöglich, selbst auf die Gleise stellt man sich. Diese letztere Art des Protestes hat gänzlich andere Ursachen, der Protestierende gänzlich andere Forderungen: während die Töpfe schlagenden Pioniere der argentinischen Aufruhr, die " caseroleros" , eher der gebildeten Schicht angehörten, und um des eingesperrten Geldes Willen klagten, so haben die " piqueteros" eine weniger ehrenvolle Geschichte: es sind die Arbeitslosen, die die Straßen blockieren, angeführt von einigen wenigen Unruhestiftern.
Nicht Beispiel für lautstarken Protest, sondern Beweis für das Ausmaß der Krise ist nicht zuletzt das für uns äußerst ungewöhnliche Diebesgut verzweifelter Bürger. Von heute auf morgen fehlen in einem kompletten Straßenzug die Gullideckel, deren Verkauf auf dem Schwarzmarkt scheinbar lohnende Gewinne ermöglicht, jetzt wo die Preise für Metallrohstoffe so stark gestiegen sind. Straßenschilder werden ebenso entwendet, und die neueste Entdeckung: die an den Außenfassaden angebrachten Gas-und Wasserzähler fehlen über Nacht in einem ganzen Stadtviertel...
V., S.
Rostock/Berlin, Oktober 2003 |