Der entscheidende Arztbrief!
Kommunikation und Arztpersönlichkeit
AiP - Arbeiten bis zur körperlichen Erschöpfung
Qualifikationserwerb, Funktionen lernen, Kooperationspflege
Stationen der Weiterbildung
Balintgruppenarbeit
Wo sind die Allgemeinmediziner von morgen?
Conclusio
Ausblick und Fortsetzung
Der entscheidende Arztbrief!„Back in Germany“. Die Rückkehr nach Deutschland nach einem Jahr im Ausland war nicht so einfach. Ich hatte es mir auf jeden Fall einfacher vorgestellt. Gut nur, dass ich eine recht flexible und anpassungsfähige Art an mir habe und, dass mir das ganze geglückt ist. Die Lebensfreude und das „Easy Going“ aus Südafrika, letztlich auch die Höflichkeit und Freundlichkeit aus London sowie das Gemütliche aus der Schweiz, jeweils gepaart mit dem kosmopolitischen „Touch“ meiner ca. 50 Flugstunden aus dem PJ mit diversen Fluggesellschaften, trafen auf die Heimat in Deutschland und am Anfang auf Berlin. Als „Zugezogener“ - es gibt auch die sog. „Echten Berliner“ - fühlte ich mich von der „Berliner Schnauze“ ja eh nicht so sonderlich nett angenommen, aber es fiel mir dann noch etwas mehr auf, dass es diese Stadt nicht sein könne.
Per Zufall traf ich auf einen Arztbrief aus einem gewissen Malteser Krankenhaus in Duisburg, indem eine Patientin von uns behandelt wurde. Die Patientin, die ich später selbst in dem Krankenhaus mit Chemotherapien behandeln durfte, litt an einer Krebserkrankung des Lymphsystems und wurde in meiner Heimat zwischenzeitlich bei der Tochter häuslich untergebracht und versorgt, daher der Kontakt zu Duisburg, welches letztlich 240 km von meiner Heimat entfernt ist. Der Arztbrief überzeugte von seiner Vollständigkeit der Inhalte und Untersuchungen her und las sich wie ein Beispielbericht aus dem „Herold“. Den Verfasser lernte ich später noch gut kennen, natürlich ein Onkologen- und Arztbrief-Fetischist. Aber nur mit dieser Hingabe sowie der Passion und Berufung kann man wohl auf dem Niveau arbeiten, welches in diesem Arztbrief dokumentiert wurde. Sämtliche Befunde waren darin enthalten, inklusive der Histologienummern aus den Referenzlaboren in Würzburg und Kiel.
Da muss ich hin, dachte ich und bewarb mich um eine AiP- Stelle ab dem 1.1.2000. Dies war der Beginn der Facharztausbildung. Trotz meiner nur durchschnittlichen Examensnote von 3,0 wurde ich nach dem Vorstellungsgespräch genommen.
Neben der klinischen Arbeit und auch den technischen Fertigkeiten im Rahmen von Spezialuntersuchungen war das Erstellen von Arztbriefen für mich in meiner Klinikzeit immer ein wichtiger Punkt. Kam ich doch aus einer Familie von Landärzten, wusste ich wie entscheidend und wichtig für die vor Ort am Patienten arbeitenden Kollegen eine zeitgerechte (schnelle) und umfangsgerechte Information war. Wie oft habe ich mich später als niedergelassener Arzt über solche Aussagen wie „der meinte, man solle mal ein CT oder MRT machen“ gewundert als auch geärgert und der Entlassungsbrief enthielt teils neben einer eigentümlichen Diagnose nur noch drei Kreuzchen auf einem Formblatt oder ähnliches.
Kommunikation und Kooperation sind einfach im Gesundheitssektor und insbesondere bei chronisch und multimorbiden Patienten, die auf vielerlei Hilfen angewiesen sind, das A&O. Wie soll eine gute Zusammenarbeit gelingen oder noch besser, wie soll ein Patient kurz vor dem Terminalstadium seiner bösartigen Erkrankung überhaupt betreut werden von Hausarzt, Pflegedienst, Onkologie, Hospizdienst, Angehörigen und Pfarrer, wenn die Kommunikation nicht stimmt.
Kommunikation und ArztpersönlichkeitWie aber lernt man Kommunikation? Im Routinealltag bestimmt nicht so einfach. Selten habe ich - in welcher deutschen Klinik auch immer - am Morgen bei der Besprechung der Nacht und der Fälle, die bearbeitet wurden, mal ein Lob gehört. Eigentlich haben die meisten Kollegen und Vorgesetzten sich das angehört, teils gelangweilt, noch etwas verschlafen, usw. Gewöhnungsbedürftig wie gesagt, wenn man in England wenigstens mal ein „Thanks Chris“ oder eine lobende und wertschätzende Anmerkung bekommen hat, nachdem man drei Schlaganfälle in der Nacht zuvor „geclarkt“ hatte.
Na ja, einfach war es nicht, zumal ich nicht selten emotional reagierte und im AiP auch einige Male vom Chefarzt zurechtgestutzt wurde. Letztlich aber habe ich überlebt und die Arbeitszeugnisse waren entsprechend mit guten bis sehr guten Bewertungen. Die Sache ist wohl so, dass man auch als letztes Rad am Wagen immer noch den Mund aufmachen kann, solange man dabei korrekt und ehrlich bleibt und dadurch eben seine Ansichten auch glaubhaft und überzeugend vorbringen kann.
Vieles habe ich in dieser Zeit auch über mich selbst gelernt, denn ich bin eben ein direkter Charakter, der auf die Menschen ziemlich frontal zugeht und reinen Wein einschenkt. Nicht immer hatte ich den Eindruck, dass dies gut ankam, aber hätte ich mich deshalb verstellen sollen, nur weil wir in unserer Gesellschaft oft Dinge vorgespielt bekommen von Menschen, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen und sich nach außen lächelnd und zustimmend freundlich nickend geben und man „hinten herum“ ganz andere Dinge von diesen Menschen hört? Also geradlinig und direkt, das habe ich als Charaktereigenschaften an mir gefunden. Teils zu direkt, führte dies zu Konfrontationen, meist dann, wenn das Gegenüber nicht über Nehmerqualitäten verfügte.
Am liebsten waren mir Kommunikationen mit ebenfalls direkten Menschen. Und auch Patienten, die sich mich als Hausarzt aussuchen, tun dies ja auch letztlich oft genug mit den Worten: „Ach Herr Doktor, da bin ich ja mal froh, dass sie mir das so klar und deutlich sagen, wo ich dran bin.“ Jahre später habe ich gelernt, die Emotionalität zu drosseln. Ich habe akzeptieren müssen, dass sich die wenigsten Menschen, einschließlich meiner Person, noch mit über 18 Jahren in ihrem Charakter ändern. In den Grundzügen liegt das fest, aber man sollte immer versuchen, an sich zu arbeiten.
Warum habe ich jetzt soviel über den Charakter von Personen gesagt? Ganz einfach, das ist es doch, was einen Arzt ausmacht. Ist der Oberarzt wie ein englischer Gentleman wirkend, der Chef ein Gourmet oder der andere Chef korrekt oder sportlich. Ist der eine pedantisch, der nächste klein kariert oder ein anderer ein guter Kumpeltyp als Oberarzt, mit dem man segeln gehen kann. Das macht uns doch aus. Das macht den Arzt auch aus. Jeder ist da verschieden und qualifiziert sich über diese Eigenschaften. Diese wirken doch vielmehr als jede x-beliebige Note auf einem Zeugnis oder welcher Nachweis von funktionalen Fähigkeiten auch immer. Kann alles, hat jede Zusatzbezeichnung der Welt,…
So wenig man Dinge nur unter den Gesichtspunkten der Medizinerkarriere sehen sollte, so wenig sollte man sein Medizinerleben auf die Medizin beschränken und noch vielen Hobbys den nötigen Freiraum im Leben einräumen. Zwar habe ich selbst schnell studiert, war mit 25 Jahren promoviert, mit 31 Jahren Facharzt, usw., aber ich habe doch vieles erleben dürfen in fremden Ländern, Regionen und Bereichen, neben dem üblichen Weg.
AiP - Arbeiten bis zur körperlichen ErschöpfungDas Krankenhaus in Duisburg würde ich mir gerne in meiner heutigen Umgebung neben der Praxis wünschen. Eine solch gute Versorgung von internistischen Patienten habe ich selten gesehen. „Staging“ in fünf Tagen, erste Chemo und Entlassung in acht Tagen. Präzise und umfassend. Dies war natürlich sowohl für den Patienten wie auch den Arzt anstrengend ohne Ende. Manche Patienten waren nach dem Staging körperlich am Ende. Gastro, Colo, Ergometrie, Echo, Sono, CT Abdomen, Thorax und Schädel. Szintigrafie, Knochenstanze, ggf. Leberstanze oder Endosonografie. Aber es war Arbeit auf höchstem Niveau. Die zuständigen Onkologen der Klinik bildeten sich regelmäßig fort, u.a. in New Orleans, sodass auch damals in 2000 bereits Oxaliplatin als Standard eingesetzt wurde.
Ich selbst arbeitete dort zunächst auf der allgemein internistischen Abteilung mit den Schwerpunkten Kardiologie, Gastroenterologie und Diabetologie und später auf der Onkologie. Die Stellung als Stationsarzt im ersten Jahr, damals noch Arzt im Praktikum genannt, ist in Deutschland auch dadurch gekennzeichnet, dass ich erst einmal lernen musste, dass der Respekt und die Anerkennung von Seiten der Patienten und Schwestern hierzulande dem AiP’ler gegenüber sehr viel niedriger ausgebildet ist als gegenüber dem Medizinstudenten in der Schweiz, in Großbritannien oder in Südafrika.
Bis zu 320 Stunden im Monat durfte ich dort arbeiten - für damals legendäre 2.000 DM bzw. 1.000 Euro netto. Zeit, um das wenige Geld auszugeben, blieb ja glücklicherweise eh nicht…
Qualifikationserwerb, Funktionen lernen, Kooperationspflege Ultraschall |
| Nachdem ich nun etwas ausführlicher über die nicht ganz so schönen Seiten meiner Facharztweiterbildung gesprochen habe, möchte ich die schönen Dinge dieser Zeit natürlich nicht verschweigen. Das angesprochene Krankenhaus in Duisburg, in dem ich in der Inneren 18 Monate im Rahmen des AiP arbeitete, war für meine klinische Ausbildung auf jeden Fall ein guter Griff. Ich konnte Funktionen begleiten wie Ultraschall der Schilddrüse, des Bauchraums und des Thorax inklusive Punktionen, sowie Ergometrien und Spirometrien durchführen und Langzeit-EKGs befunden. Die oberärztliche Betreuung war gut und wichtig war, dass die Oberärzte oder auch der Chef ab und an mal ein offenes Ohr für einen jungen Assistenten hatten, damit man unklare Fragen direkt klären konnte.
Begleitend zu meiner klinischen Arbeit machte ich die DEGUM- Ausbildungen für Schilddrüse und Abdomen über jeweils drei Wochenenden und den ABCD-Kurs für die Notfallmedizin in Arnsberg im Sauerland. Den Schilddrüsenkurs in Kempten bei Dr. Wildmeister und die Abdomenultraschallausbildung in Wuppertal-Barmen bei Prof. Greiner kann ich sehr empfehlen. Auch der Kurs in Arnsberg inklusive der Nachstellung eines realistischen Unfalls mit Mimen und Hubschrauber auf einer eigens gesperrten Straße waren es wert, Urlaubstage und Geld zu investieren.
Die fünf Fortbildungstage, die man üblicherweise bei seinem Arbeitgeber pro Jahr bekommt, reichen natürlich in der Regel nicht aus, wenn man als Jungmediziner anfängt zu lernen. Ärgerliche Zwangsfortbildung ist die Strahlenfachkunde oder auch Fachkunde Strahlenschutz, die man nachweisen muss, um Röntgenanforderungen im Krankenhaus ausfüllen zu dürfen. Man sollte sehen, dass die Fortbildung vom Arbeitgeber bezahlt wird, da die Inhalte in der Regel über die der Radiologie in der Universität nicht hinausgehen und zum Zeitpunkt des ersten Weiterbildungsjahres gerade einmal 12 Monate zurück liegen. Der Marburger Bund bot den allgemeinen Teil günstiger in Köln an als die anderen Kollegen, was man als Selbstzahler nutzen sollte.
Zurück in die Klinik, in der ich viel mit Papier- und Befundbearbeitung zu tun hatte. Ich habe ein System entwickelt, dass keine Stapel aufkommen ließ, sprich alles wurde gleich weg gearbeitet. Dies hatte den Vorteil, dass sich niemals ein Riesenberg anstaute. Das ist so wie mit dem Scheine abarbeiten im Studium. Was weg ist, ist erledigt und muss nicht ein zweites Mal in die Hand genommen werden. Mit dem Schreibdienst hatte ich auch ein sehr gutes Verhältnis, wodurch 95% meiner Arztbriefe innerhalb von 14 Tagen in endgültiger Form beim weiterbehandelnden Hausarzt waren. Dies war mir wichtig und sollte auch allen anderen Ärzten wichtig sein. Essentielle Infos sollten eben schnell weiter gegeben werden.
Ich konnte auch bei vielen Untersuchungen dabei sein und diese so kennen lernen. Endosonografie, Laserkoagulation, Mukosektomie und tiefe Dünndarmbiopsie sowie Minilaparoskopie waren die Highlights in unserer Abteilung. „Stroke Unit“ und Intensivstation kamen bereichernd hinzu. Lumbalpunktionen konnte ich auch öfter machen, da ich ja bereits die 25 Spinalanästhesien in Südafrika gemacht hatte und somit schon eine gewisse studentische Routine hatte.
Schön war auch die Zusammenarbeit in diesem Haus mit einem klinischen Neurologen und dem Röntgenarzt mit CT und Angiografie. Es ist einfach sehr bereichernd, wenn man diese Verfahren in einem solchen Haus alle life sehen und kennen lernen kann. Später als niedergelassener Arzt ist es gut zu wissen, wie diese Verfahren in der Praxis funktionieren, welche Aussagekraft sie haben und wann man sie sinnvoller Weise einsetzt.
Auch hatte ich zu den Physiotherapeuten einen ganz guten Draht, wodurch meine geriatrischen Patienten schneller fit wurden. Ich habe mit den Physiotherapieschülern auch mal Visiten gemacht, um mich über den Patienten auszutauschen. Das motivierte die Schüler natürlich und dementsprechend haben sie sich sehr reingehängt. Die Physiotherapeutenausbildung erfolgt ja an privaten Schulen und ist sehr teuer, d.h. durch solche Visiten oder Gespräche konnte ich recht einfach punkten, weil dies sonst kein Kollege im Krankenhaus gemacht hat und sich die Physiotherapeutenschüler am liebsten auf meiner Station bewegten. Auch heute noch pflege ich die Kooperation mit den Krankengymnasten vor Ort gerade in der Sportmedizin sehr stark und erlebe es als Bereicherung der täglichen Arbeit.
Die 18 Monate vergingen wie im Flug. Meinen Urlaub musste ich am Ende noch nehmen und flog für vier Wochen nach Namibia und Südafrika, um alte Freunde zu besuchen und einmal von Kapstadt bis in den Krüger Park mit dem Auto zu fahren. Die 6900 km zogen sich ganz gut über drei Wochen hin, aber es war ein toller Urlaub - keine Frage!
Stationen der Weiterbildung Chiropraktik bei der Bundeswehr |
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- Zurück in der eigenen Traditionspraxis
Zurück in Deutschland war dann der nächste Abschnitt meiner Ausbildung angebrochen und ich arbeitete drei Monate in der Familieneigenen Praxis in Winterburg. Diese Praxis hat eine längere Tradition und wurde von meinem Urgroßvater 1893 gegründet. 2001 kam ich nun also dazu. Es war ganz interessant, die einzelnen Arbeitsabläufe zu sehen und zu bewerten. Zunächst erfolgte eine Analyse und gleich damit verbunden eine Patientenbefragung. QM war damals noch kein Begriff wie heute, wenngleich es in Duisburg bereits in 2000 eine QM- Beauftragte gab.
Aber die jährlichen Befragungen haben unsere Praxis deutlich nach vorne gebracht, was die Arbeitseffizienz und Patientenbindung durch Service anbelangt. Heute bewerten 80% unsere Wartezeiten als sehr gut bis gut und 96% unser Terminvergabesystem als sehr gut bis gut. Das war nicht immer so, aber darauf und auf vieles andere rund um die Niederlassung in der eigenen Praxis werde ich im vierten und letzten Teil der Serie Doc on Earth eingehen.- Alternativmedizin - Akupunktur
Ich habe auch noch ein halbes Jahr in meiner Heimat Kinderheilkunde als Assistenzarzt in einer Praxis gelernt. Diese Praxis hat neben ihrer Größe auch einen sehr guten Ruf und ich konnte vieles aus dem Bereich der Homöopathie, Naturheilkunde und Akupunktur kennen lernen.
Zwischendurch nutzte ich einen Urlaub, um mich über 196 Stunden in fünf Wochen in Peking am „WHO Collaborating Training Center“ in Akupunktur weiterbilden zu lassen. Die Ausbildung war sehr gut und wenn jemand Akupunktur und TCM lernen möchte, dann sollte er dies vor Ort in China oder Sri Lanka machen. In Sri Lanka kommt man gut mit Englisch zurecht. In China hatten wir immer Dolmetscher dabei, die aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzten. Der Kurs war sehr gut aufgebaut, vier Stunden Theorie und vier Stunden Praxis standen täglich inkl. Samstag auf dem Programm. Peking selbst bot natürlich auch einige Sehenswürdigkeiten. Darüber könnte man noch ein weiteres Kapitel schreiben.
Interessant hat sich die Akupunktur im weiteren Verlauf herausgestellt, denn ein Patient konnte als „erstes Opfer“ direkt nach meiner Rückkehr von seinem allergischen Asthma geheilt werden, wie wir im Bodyplethysmografen sehen konnten. Letzte Zweifel meinerseits bezüglich der neuen Art der Therapie waren fortan wie weggeräumt. Überhaupt habe ich dadurch meinen Blickwinkel auf die Medizin geändert bzw. geöffnet. Heute sage ich, was hilft, hilft und versteife mich nicht auf eine spezielle Methode. Ich bin kein „Hardliner-Schulmediziner“ mehr. Ich beherrsche die Schulmedizin zwar und löse auch sicher über 80% aller Fälle darüber, aber die darüber hinaus gehenden Fälle werden beim Versagen der Schulmedizin alternativ behandelt. Der Patient hat ein Recht darauf, alle Möglichkeiten der Medizin aufgezeigt zu bekommen!- Bundeswehr – Sportfördergruppe Sonthofen/Allgäu
Nach der Inneren Medizin und der Kinderheilkunde sowie ein paar Monaten in der Familienpraxis zu Hause stand für mich noch die Bundeswehr auf dem Programm. Als Arzt wurde man zum damaligen Zeitpunkt bis zum 32. Lebensjahr eingezogen. Wegen eines Knöchelbruchs konnte ich vor dem Studium nicht dorthin, also wäre ich jetzt an der Reihe gewesen. Aber als Grundwehrdienstleistender hatte ich keine rechte Lust, weil ich ja auch irgendwann einmal etwas Geld für meine Arbeit erhalten wollte. Also verpflichtete ich mich für zwei Jahre.
Eingesetzt wurde ich als Truppenarzt im Allgäu in Sonthofen, was zwischen Kempten und Oberstdorf liegt, beim Abwehrlehrbataillon 210, welches mittlerweile aufgelöst ist. Kontakt bekam ich darüber auch zu den Sportsoldaten aus dem Bereich Skisprung. Nach einem Eignungsübungslehrgang über vier Wochen in der Sanitätsakademie München begann mein Dienst bei der Truppe im Allgäu. Das militärische Auftreten war anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Aber Soldaten sind auch nur Menschen und mit den üblichen Krankheiten werden sie genauso zu Patienten wie im zivilen Leben eben auch.
Meine Truppenambulanz war gerade frisch saniert und hergerichtet worden mit der feinsten Ausstattung. Auch verfügte ich - wie üblich in der Bundeswehr - über ein eigenes Medikamentenmagazin und konnte die Tabletten, Salben usw. direkt rausgeben, ohne Rezept oder Apotheke. Da ich in dieser Zeit auch meine Chiropraktik-Kurse machte, bot es sich an, die Rekruten, die reihenweise Blockierungen am Kreuz hatten, einzurenken. Bis zu 10 Patienten pro Tag lagen auf der Liege und ich hatte den Luxus, dass einer meiner Gefreiten Masseur war. Das hieß, nach der Chirotherapie kam noch eine Massage, der Patient musste dafür einfach auf dem Bauch liegen bleiben. Die Zusammenarbeit mit dem Masseur war ganz interessant, konnte ich ihm beim Einrenken meine Befunde mitteilen und er mir vom massieren ein Feedback geben. Akupunktur setzte ich dort beim Militär auch ein, besonders bei Asthma und Heuschnupfen-Patienten.
Ein Ultraschallgerät war vorhanden sowie ein Spirometer und EKG. Reizstrom, Röntgen und Labor ebenfalls. Das eher allgemeinmedizinische Spektrum beim Militär wurde durch die Manöver und die Hygienevorschriften ergänzt. Küchenbegehungen und Auslandsverwendungsfähigkeiten standen auf dem Programm. Dazu wurde ich detailliert eingewiesen. Die Soldaten kehrten dementsprechend auch alle gesund wieder zurück.
Ich selbst kam über das geschilderte an täglicher Arbeit nicht wirklich hinaus und die weitere Qualifikation zum Arzt wäre spätestens mit der Abkommandierung ins Ausland wieder eher offen gewesen, sodass ich mich entschloss, nach zweimal vier Monaten als Eignungsübender mich nicht endgültig zu verpflichten. Die Praxis zu Hause rief auch, da mein Vater als Einzelkämpfer an seine Grenzen kam.Als kleiner Nebeneffekt begann ich mit dem Skispringen mit den Oberstdorfer Kaderathleten. Meine beste Weite war zwar nur 21 m, aber als Greenhorn mit Carvern war dies allemal genug. Ich roch auf jeden Fall Lunte an der Sportmedizin und besuchte die Herbstsporttage in Oberstdorf an einem verlängerten Wochenende rund um den 3.10.2003. Ich begann mit der Betreuung einzelner Vereine und Sportler, darunter Weltcup-, Nationalmannschafts- und Deutsche Meisterschaftsathleten, aber was noch viel besser ausbaufähig war und ist, ist die Arbeit mit den lokalen Vereinen. Hier kann ein Sportmediziner mit einfachen Mitteln deutlich mehr bewegen als im Kadersport. Noch heute habe ich Kontakt mit Leistungssportlern und berate diese Sportler gerne. Dabei sind Autogenes Training, Yoga und Entspannungsübungen ein wichtiger Teil meiner Beratung.
In Damp machte ich im Sommer 2004 noch die 240-Stunden-Ausbildung Sportmedizin. Dabei lernte ich eigentlich die Mediziner kennen, die am besten zu meiner Art Mensch zu passen schienen. Teils habe ich heute noch Kontakte dazu und die Gespräche bei Fischabendessen, beim Grillen oder bei Cocktails waren sehr produktiv. Ich nutzte die Zeit gleich auch, um eine Powerpointpräsentation zum Thema zu erstellen und schöpfe aus diesen fast 100 Folien mittlerweile sehr viel, wenn ich lokale Vereine betreue und sportmedizinische Updates gebe.
Sporttreibende sind einfach sehr dankbar und immer auf der Suche nach Informationen, die sie weiterbringen. Daher ist es für einen Arzt eine sehr angenehme Arbeit, Sportler und Mannschaften zu unterstützen. Der Kontakt mit den Leistungssportlern der Bundeswehr hatte also sein Gutes. Übrigens wurden 78% aller Medaillen in Salt Lake City von Soldaten der Bundeswehr geholt. Die Bundeswehr ist somit einer der Hauptsponsoren für den Leistungssport in Deutschland.- Zurück in die Praxis nach Winterburg
Trotzdem ging ich wieder zurück nach Winterburg und arbeitete sechs Monate in der Praxis. In meinem Urlaub, den ich durch den Dienstzeitausgleich bekam, bereiste ich vier Wochen lang die Republik und besuchte Freunde, u.a. in deren Praxen. Dabei schaute ich mir vieles an Detaillösungen für die eigene Praxis ab. Zunächst wurde dementsprechend auf Wunsch der Patienten ein Terminsystem eingeführt, was sich hoher Beliebtheit erfreut und einige weitere Servicedetails, die ich im 4. Teil meiner Serie beschreiben werde.Last but not least stand die Chirurgie auf dem Programm, als letzter stationäre Teil der Pflichtweiterbildung nach der 5-jährigen Weiterbildungsordnung für Allgemeinmedizin. Im Rahmen meiner Weiterbildung absolvierte ich diese über neun Monate im St. Marienwörth Krankenhaus in Bad Kreuznach. Die Chirurgische Abteilung dort zeichnet sich durch die Schwerpunkte der Visceralchirurgie und hier besonders der minimalinvasiven Chirurgie aus als auch einer umfangreichen Tumorchirurgie im Bauch- und Brustraum, sowie einer Unfallchirurgie-Abteilung. In diesen neun Monaten erhielt ich viel Einblick in moderne OP-Verfahren, bis hin zur endoskopischen Hemikolektomie und Thorakoskopie und -tomie.
Viel gebracht hat mir hier auch die Arbeit in der Ambulanz und den Diensten, bei denen mir die Patienten so gegenüber traten wie im täglichen Leben in der Praxis. Routine und Erfahrung stellten sich ein. Es war auch ein grundsätzlich anderes Arbeiten als in Kapstadt, das habe ich gemerkt. Aber nichtsdestotrotz half mir meine Erfahrung von der Spitze des schwarzen Kontinents und ich legte die fünf Pleuradrainagen in Deutschland auch ohne Komplikationen. Der sichere Umgang mit Messer, Nadel und Faden war auch nicht von Nachteil, besonders wenn der Nachtdienst während des Jahrmarktes war und ca. drei Dutzend Patienten mit offenen, zu nähenden Wunden oder Knochenbrüchen in einer Nacht das Haus aufsuchten. Jeder wächst mit seinen Aufgaben…- Endspurt vor der Facharztprüfung
Im letzten Jahr meiner Facharztweiterbildung widmete ich mich in der Familienpraxis der Allgemeinmedizin, machte ein Reise- und Tropenmedizinzertifikat und ein Tauchtauglichkeitszertifikat über das Centrum für Reisemedizin in Düsseldorf. 80 Stunden Pflichtfortbildung für Allgemeinmedizin, Zusatzbezeichnung Sportmedizin und die 32 Balintgruppen Doppelstunden standen auf dem Programm.
BalintgruppenarbeitMeine Balintgruppe fand ich in der Nähe von Koblenz. Zwar war der Ort mit 200km Entfernung hin und zurück etwas mühselig zu erreichen, aber die Gruppe passt gut zu mir und ich hatte den Eindruck, dass ich dort auch gut aufgehoben sei. Balintgruppenarbeit kann ich jedem Mediziner nur wärmstens empfehlen, denn unsere tägliche Arbeit wird dadurch viel leichter zu begreifen und zu verarbeiten.
Jeder weiß, wie schwierig die Medizin und die Betreuung der Menschen im Einzelfall als Arzt sein können. Kommunikation, Übertragung und Gegenübertragung, Gefühle, Bilder und Phantasien. All dies kann ein Mediziner in diesen Gruppen erfahren und vertiefen. Auch die Zwänge und Belange im Bereich des maroden und mit Bürokratie überladenen Gesundheitssystems oder der Einstieg in eine alteingesessene Praxis mit all den möglichen Komplikationen kann man in einer Balintgruppe diskutieren.
Sehr beruhigend wirkt es, wenn die anderen Kollegen ähnliche Gedanken haben wie man selbst und auch viele gute Aspekte aus der Sichtweise der anderen aufgezeigt werden. Trennung von Dienst und Freizeit als Niedergelassener, zu diesem Punkt hatte ein Kollege eine klare Meinung: „Im Dienst mache ich alles, was angefordert wird, sei der Hausbesuch nun noch so medizinisch unnötig. Ich frage mich solche Fragen dann gar nicht, und außerhalb des Diensts mache ich eben nichts, gar nichts, dann ist eine dienstfreie Zeit.“ Nicht zuletzt, weil mir die Arbeit in dieser Gruppe so gut gefällt, habe ich mich entschlossen, dort weiter dran teilzunehmen.
Wo sind die Allgemeinmediziner von morgen?Die 80 Stunden Pflichtkurs Allgemeinmedizin wollte ich gerne im Block machen. Laut der Bundesärztekammer wurde dies aber nur von drei Landesärztekammern angeboten. Rheinland-Pfalz bot dazu gar nichts an. Also bewarb ich mich für Karlsruhe im Sommer 2004. Der Kurs fiel dann wegen mangelnder Nachfrage aus, sodass ich schließlich im Dezember 2004 in Stuttgart einen Kurs absolvierte.
Aufgefallen war mir, dass ich in meiner gesamten Ausbildung zuvor vielleicht ein bis zwei Hände voller Allgemeinmedizin-Weiterbildungsassistenten kennen gelernt hatte. Fraglich ist da wirklich, wie der Nachwuchs mit der 5-jährigen Weiterbildung überhaupt entstehen soll, um die altersbedingt ausscheidenden Kollegen in der Zukunft zu ersetzen. Vielleicht tut sich hier ja eine Marktlücke auf und es besteht für junge Mediziner die einfache Möglichkeit, in bestehende Praxen einzusteigen und sich eine Existenz günstig zu gründen.
Der Kurs in Stuttgart war gut organisiert, mit sehr guten Referenten und angenehmen Räumen. Die Zimmer im IB Hotel waren für den Preis soweit auch akzeptabel. Viel von Stuttgart gesehen, habe ich leider nicht, da das Programm mit den vielen Stunden (10 Std./Tag) doch recht eng gepackt war.
Insgesamt habe ich neben den großen Weiterbildungen noch etliche kleinere Fortbildungen in diesen Jahren besucht und konnte somit zwischen 2003 und 2004 fast 500 Fortbildungspunkte sammeln. Hierbei habe ich aber auch einen enormen Zeit und Kostenaufwand nicht gescheut und hoffe, eine breite Ausbildung erreicht zu haben. Mit 30 Jahren meldete ich mich zur Facharztprüfung an. Zur Vorbreitung las ich mir das Buch von „Mader/Weißgerber“ noch mal durch und bestand die Prüfung am 16.2.2005.
Conclusio Interesse Sportmedizin |
| Es war ein Ritt durch den Dschungel mit vielen Extras rechts und links des Weges. Ich habe ihn, auch wenn er manchmal sehr stressig wurde, genossen. Dabei habe ich mich als Mediziner und Mensch kennen gelernt - mit allen Stärken und natürlich auch Schwächen. Viele kommen mit meinem Tempo nicht mit und finden dies manchmal gar nicht lustig. Viele sind neidisch und eifersüchtig - meine besten Freunde natürlich nicht. In öffentlichen Gesprächen verzichte ich allerdings gerne auf das eine oder andere Detail, um keine negativen Gefühle zu herauszufordern.
Der Weg, wie ich ihn ging, ist sicher nicht für jeden zur Nachahmung empfohlen. Es geht sowieso jeder seinen eigenen Weg, denn wir sind ja alle verschieden und jeder ist anders. Aber vielleicht habe ich den einen oder anderen Anstoß geben können für die Leser, die sich auch noch auf einer Etappe des Weges bis zur Facharztprüfung befinden.
Es ist nicht die letzte Prüfung, denn jeder neue Patient ist eine erneute Prüfung, die man bestehen muss, wenn man den Patienten behandelt und daran arbeitet. Nur, wie man darauf vorbereitet ist, dies kann man steuern und um seine Grenzen zu kennen, darum kann man sich auch bemühen. Wie ein Kinderheilkundeprofessor aus Berlin einmal sagte: „Mehr als 1% von der Medizin können Sie nie beherrschen. Ich übrigens auch nicht.“
Zu diesem Mann muss man sagen, dass er seine Bücher in Englisch und Französisch ohne Übersetzer genauso wie in Deutsch schreibt und mit 50 Jahren regelmäßig Marathon läuft. Er war einer meiner besten Lehrer und ich habe versucht, mir auch an seiner normalen, menschlichen und natürlichen Art einiges abzuschauen. Das ist das, was ich jedem empfehlen kann. Schaut Euch bei allen das Gute ab und das Schlechte nehmt Ihr hin, um zu wissen, was Ihr besser machen könnt.
Ausblick und FortsetzungIm vierten und letzten Teil werde ich meine Niederlassung als Facharzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin etwas durchleuchten. Ich denke kurz vor Weihnachten, wenn ich neun Monate niedergelassen bin, ist dafür ein guter Zeitpunkt.
Dr. Christian Schulze
Winterburg, August 2005
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