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Chirurgie und Innere Medizin, Klinikum am Urban, Berlin
(Viele Patienten, hohe Selbständigkeit und in der Lehre erfahrene Ärzte, 03. - 16.04.2006)

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Meine erste Famulatur! Was würde sie mir bringen? Wie würde sie sein? Neben all den vielen Eindrücken und dem Vielen, was ich in meiner ersten Famulatur gelernt habe, sollte am Ende ein ganz anderer Punkt für mich entscheidend sein, nämlich das Gefühl, in eine Familie aufgenommen zu werden - in die Ärzteschaft.

Meine sehr kurzfristige Bewerbung
Klinikum am Urban
Meine Famulatur
Fazit

Meine sehr kurzfristige Bewerbung

Das Ganze hatte erst in der letzten Sekunde geklappt. Ich hatte telefonisch mich bei Dr. de Ridder, dem Leiter der Rettungsstelle des Klinikum am Urban, am Mittwoch gemeldet. Freundlich, aber doch sehr kurz angebunden, nannte er mir die Bedingungen, damit es am Montag losgehen könnte. „Und wenn Sie es bis Freitag nicht schaffen sollten, dann bringen Sie am Montag alles mit und ich werde dies dann mit Frau Fieber regeln. Vergessen Sie den Kittel nicht!“

Lapidar hatte ich zu allem ein „ja, gar kein Problem“ herausgebracht, obwohl mir eigentlich klar war, einen Nachweis über meinen aktuellen Impfstatus von meinem Hausarzt bis Freitag zu erbringen, erforderte schon ein wenig Sportsgeist. Doch irgendwie kannte mich noch der Dienststellenarzt meines studentischen Arbeitgebers und so einen Standardlebenslauf hat man auch immer irgendwo liegen. Damit waren die ersten Hürden genommen.

Meine allererste Famulatur also. Bis dato hatte ich nur das Vergnügen, während des Krankenpflegepraktikums und der Rettungsdienstausbildung mit der Pflege zusammenarbeiten zu dürfen. Das Einzige, was ich von dieser Zeit mitgenommen hatte, war die Gewissheit, dass die Pflege eine sehr wichtige Säule der medizinischen Versorgung, aber leider nichts für mich ist.

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Klinikum am Urban


Blick vom Krankenhaus auf den Landwehrkanal
Das Vivantes Klinikum am Urban kannte ich schon von früheren Praktika, es ist eines der letzten „Kiezkrankenhäuser“ Deutschlands. Ein Schwerpunktkrankenhaus, das leider durch den Neubau des UKB an Bedeutung verloren hat. Es liegt fast schon beschaulich am Landwehrkanal, umgeben von einem Park und restaurierten Altbauhäusern. Dieses fast besinnliche Bild lenkt etwas von der Wirklichkeit ab, denn drinnen ist fast immer die Hölle los. Vor einigen Jahren besaß dieses Krankenhaus zeitweise die am höchsten frequentierte Notaufnahme Europas. Regelmäßig wurde und wird die Rettungsstelle wegen Überfüllung geschlossen.

Es ist auch eines der letzten Lehrkrankenhäuser der Freien Universität Berlin gewesen. Der Fachbereich Medizin der Freien Universität und die Fakultät Medizin der Humboldt Universität wurden dann zusammengeschlossen zur Charité - Universitätsmedizin Berlin. Jedenfalls hatte bis damals die „Vivantes“ - Gruppe für das Urbankrankenhaus keine neue PJ- Regelung gefunden, was zu paradiesischen Verhältnissen für Famuli führt - viele Patienten, hohe Selbständigkeit und in der Lehre erfahrene Ärzte.

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Meine Famulatur


Eingangstür Rettungsstelle
Da ich auf der Feuerwache Kreuzberg jahrlang Rettungswagen gefahren bin, kannte ich auch das Personal und deshalb überschritt ich die relativ bedrohliche „Kein – Zutritt – Eingangstür“ der Rettungsstelle ohne größere Gewissensbisse. Natürlich erkannte mich keiner, ich trug ja keine Dienstklamotten. Hinter der Tür befindet sich ein ca. 50 m langer Flur mit den Behandlungsräumen links und rechts bzw. internistisch und unfallchirurgisch. Mein Erscheinen löste eine gewisse Stille aus, in der mich ungefähr 6-7 Personen unentschieden zwischen erwartungsfroh und gelangweilt wahrnahmen. Nachdem ich mich vorgestellt und als Famulus zu erkennen gegeben hatte, war die Stimmung viel entspannter. Der Pfleger Michael zeigte mir die Umkleideräume und erklärte mir mit wem, mit welchem Arzt, ich an diesem Tag Dienst hatte.

Ich glaube, das Schlimmste an der Famulatur ist die Hilflosigkeit. Als ich dann endlich im weißen Kittel in Flur stand, wurde mir dies noch einmal sehr bewusst. Was darf, kann, muss ich machen? Herumstehen und auf Patienten warten, fragen, ob ich „helfen“ kann, selber erkennen, was zu tun ist? Im Grunde darf man als Famulus alles und nichts gleichzeitig, es kommt auf die eigenen Fähigkeiten, die Laune des Dienst habenden Arztes und das Wohlwollen des Pflegepersonals an.

Doch es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört - auch nicht schlimmer. Schon in der ersten Stunde lernte ich Marcel kennen, den anderen Famulus, der mich dann über die richtig wichtigen Sachen informierte, so z.B. wo und wann man Kittel und Hosen bekommt, wie die inoffiziellen Arbeitszeiten lauten, die Pausenregelung und noch ein paar nützliche Infos: „Kaffee und (Mineral-) Wasser sind umsonst, zum Frühstücken muss man sich etwas mitbringen, der Raucherraum ist hinter der Glastür rechts und zur Not hat die Schwester immer recht.“

Natürlich habe ich dank Marcel viele kleine und große Fehler nicht gemacht und viele „dumme“ Fragen nicht stellen müssen, doch so eine Famulatur ist halt auch eine Einführung in Krankenhaushierarchie und -alltag, da darf man auch dumme Fragen stellen. Es gibt bestimmte Spielregeln, die man befolgen muss, oder man wird „bestraft“. Natürlich war der Kaffee nicht gratis, dies hatte mir Schwester Elke nach einer Woche dann doch mitgeteilt, aber als Famulus steht man nicht mehr ganz am Ende der Nahrungskette, deshalb war alles halb so schlimm. Im Grunde war einfach alles besser als beim Krankenpflegepraktikum. Man konnte viele relevante - auch medizinische - Dinge lernen, wenn man es wollte. So war es dann auch. Alle Ärzte, die ich kennen gelernt habe, waren bereit, mir etwas beizubringen und Fragen zu beantworten, wenn ich danach gefragt habe. Außer Uli, er war der einzige Arzt, der von sich aus mich aufgefordert hat, eigenständig zu handeln, Anamnesebögen akribisch korrigiert hat und als Beispiel dafür anzusehen ist, wie man vielleicht - auch ohne Karriere zu machen - ein guter Arzt werden kann.

Die ersten Tage habe ich mit einer jungen Ärztin verbracht. Es war eine sehr lockere Atmosphäre. Da Gül immer relativ leger gekleidet war, weißes Top, weiße Hose und rote „Sneaker“, und ich dagegen penibel im Krankenhausdienstdress, adressierten die meisten Patienten eher mich als Gül. Doch dies schien sie nicht weiter zu belasten: „Ich höre ja auch zu, wenn sie mich nicht angucken. Außerdem bist du hier, um etwas zu lernen!“ So war es dann auch. Ich war der junge „Herr Doktor“ und durfte alles machen. Hin und wieder stellte Gül noch einige Fragen.

Da ich mit vielen Ärzten zusammen arbeiten durfte, schwankte es mit dem „alles machen“. Im Großen und Ganzen durfte ich die Patienten selbständig aufnehmen und mit meiner Verdachtsdiagnose dann den Patienten vorstellen. Besonders interessante Patienten und Krankheitsbilder wurden ausführlich besprochen. Zur Vollständigkeit möchte ich hinzufügen: ich habe mich immer als Famulus vorgestellt und mindestens einmal der Anrede „Herr Doktor“ widersprochen und mit „alles machen“, meine ich alles im rechtlichen Rahmen Sinnvolle und Angemessene.

Tendenziell ist es aber angenehmer mit Ärzten zusammen zu arbeiten, die sich um einen „kümmern“, d.h. man hat einen geregelten und durchgeplanten Arbeitstag, man arbeitet eine obligatorische Liste ab: reponieren, nähen, Blut abnehmen, Patienten befragen, Röntgenbilder auswerten, usw. Bei alldem ist es sachdienlicher, wenn ein gewisser Redefluss vorhanden ist.
Und wenn man nach einer Woche das Gefühl hat, viel mehr zu können als vor dieser Woche, hat man eigentlich alles richtig gemacht.

Hilfreich bis wichtig ist es, potentielle Wissenslücken durch abendliches Nachlesen wettzumachen. In der Unfallchirurgie sind die anamnestische Abklärung und die damit verbundene körperliche
Untersuchung das A und O. Was im Lehrbuch einfach und überschaubar erscheint, ist in der Praxis ohne Routine und Erfahrung in nicht überschaubare Zeiten, <30 min wären in der Notaufnahme sehr sinnvoll, zu bringen. Man lernt sinnvoll seine Fragen zu strukturieren, eine Verknüpfung zwischen Befragung und Untersuchung, eine Sensibilisierung für bestimmte Stichwörter, eine Einführung in Medizinökonomie, soll heißen: wann ein Röntgen, wann ein CCT anordnen und wann tut es ein Salbenverband auch, u.v.m.

In der letzten Woche arbeitete ich auf der internistischen Seite hauptsächlich mit zwei Ärzten zusammen, Christine und Elmar. Christine war seit kurzem fertig mit dem Studium und Elmar seit zwanzig Jahren Facharzt. Mit beiden hat es sehr viel Spaß gemacht, zusammen zu arbeiten. Es war ein sehr kollegiales Miteinander, selbständiges Arbeiten mit anschließendem Übergeben des Patienten. Im Einzelnen waren es die Anamneseerhebung, fortführende und grundlegende Diagnostik und die weiterführende Beratung. Fakultativ standen noch die pflegerischen Tätigkeiten an, Blutabnehmen, EKG schreiben, Temperatur messen, Medikamente vorbreiten und verabreichen.
Nicht selten hatte man auch die Möglichkeit, über Konsile einiges zu lernen.

Es ist verblüffend, wie wichtig die soziokulturelle Komponente in die Medizin hineinspielt. Das Eingangsschild hatte es schon angedeutet, es ist ein multisoziokulturelles Unterfangen. Wer in Kreuzberg, diesem Stadtteil von Berlin, famuliert, wird vielleicht die Bedeutung der Medizinischen Soziologie verstehen. Die überwiegend nichtdeutschen Patienten stellen eine Herausforderung der besonderen Art dar, denn es ist leicht in ein Schubladendenken zu verfallen mit negativen Folgen für den Patienten.

Noch einmal zu Marcel. Er gehörte der Spezies der Famuli an, die ein regelrechtes „Städte hopping“ betreiben. Er studiert in Mainz oder Gießen, aber hatte bis jetzt jede Famulatur an verschiedenen Orten, u. a. Wien und jetzt Berlin absolviert. Das Schema ist dabei sehr einfach. Sie reisen meist als Doppelpaar, er, seine Freunde sowie ein befreundetes Paar und mieten sich für die Famulaturzeit irgendwo unter. In Berlin geht dies ganz gut über (siehe Weiterführende Links). Tagsüber heißt es dann famulieren, und abends steht das Erkundschaften von Stadt, Kultur, Menschen und was man sonst so noch als Doppelpaar in einer Metropole machen kann auf dem Plan. Was sich wie Urlaub anhört, ist, harte Arbeit. Dementsprechend fühlte er sich auch. Wie mir andere Kommilitonen bestätigt haben, werden dabei wohl z. T. eklatante Unterschiede zwischen einer Metropole und größeren Provinzhauptstädten wie z.B. München sichtbar.

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Fazit

Ich kann nicht alles auflisten, was ich im Detail in dieser Zeit gelernt habe, aber viel wichtiger war ein ganz anderer Punkt. So komisch es sich auch anhört, ich hatte das Gefühl in eine Familie aufgenommen zu werden - in die Ärzteschaft.

Jede Ärztin, jeder Arzt hat famuliert und hat das Physikum gemacht, die meisten haben hier studiert, vor nicht allzu langer Zeit. Sie kennen das Medizinstudium mit all seinen Vor- und vor allem Nachteilen. Viele erzählen von Erfahrungen, guten und schlechten und fragen auch mal nach dem „status quo“. Es war dazu noch ein kleiner Geschichtsüberblick, wie es gewesen ist und wie es etwa für mich gewesen wäre, wenn ich früher angefangen hätte zu studieren.

Natürlich ist es sinnvoll bis hinzu obligatorisch, ins Ausland zu gehen, um über den Tellerrand hinweg zu schauen und Lebenserfahrung sammeln zu können. Es ist aber auch sinnvoll zu wissen, woher man kommt und wo man steht und dies kann eigentlich nur eine Famulatur im Inland bringen.

Im Hinblick auf die Streiks und die bevorstehende Gesundheitsreform ist das Krankenhaus das Spiegelbild der aktuellen Problematik. Bis auf einen, haben mir alle Ärzte ihre Unzufriedenheit mit dem deutschen Gesundheitssystem bestätigt. Fehler, die gemacht worden sind, obwohl sie abzusehen waren, mangelnde Bereitschaft, falsche Strukturen zu durchbrechen, anstehende ethisch-moralische Entscheidungen, Zukunftsperspektiven. All dies sind Punkte, die einen Überblick vermitteln, um mitreden zu können. Die Hoffnung, dass sich bald etwas ändert, wenn der Marburger Bund sich durchsetzen kann, nicht nur finanziell, sondern auch politisch, ist vonnöten für eine zukünftige Tätigkeit an deutschen Krankenhäusern. Selbst während der Famulatur hat sich die Stimmung gewandelt. Wie aus einem Schlaf erwacht, trauen sich viele jetzt, ihrem Unmut Luft zu machen, u. a. weil man sich nicht mehr alleine fühlt. Mal sehen, wie es hier zu Lande weiter geht.

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B., M.
Hannover, Juni 2006
News-Alarm