Motivation
Bewerbung
Warum diese Klinik?
Alternative Wege zum Medizinstudium
Die Station
Die Arbeit
Besonderheiten
Tipps
MotivationVor meinem Krankenpflegepraktikum hatte ich bereits in der Anästhesie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Kinder- und Jugendpsychiatrie für geistig Behinderte und der Erwachsenenpsychiatrie in verschiedenen Krankenhäusern hospitiert. Daher hatte ich bereits viele Erfahrungen mit Bewerbungen sammeln können.
Habt keine Angst direkt den Chefarzt zu kontaktieren, wenn Ihr Euch für eine bestimmte Abteilung interessiert. Am besten anrufen oder eine Email schreiben. Dieser hat keinen direkten Vorgesetzten und kann selbst entscheiden, ob er Euch als Praktikant möchte und gegebenenfalls das Mitarbeiterbüro verständigen.
Für mein Krankenpflegepraktikum hatte ich mir eine ganz besondere Klinik ausgesucht: die anthroposophische Filderklinik in der Nähe von Stuttgart.
BewerbungDrei Monate vor gewünschtem Beginn habe ich ein Motivationsschreiben mit Lebenslauf, Zeugnis des Gymnasiums und fünf Referenzen von vorherigen Praktika an den Stationsarzt der Kinder- und Jugendpsychosomatischen Station geschickt. Unmittelbar darauf erhielt ich einen Anruf, dass ich das Krankenpflegepraktikum auf der von mir gewünschten Station machen könne. Wenige Tage darauf erhielt ich die Zusage vom Mitarbeiterbüro.
Die Filderklinik hat 220 Betten und Stationen der folgenden Fachrichtungen: Anästhesie, Chirurgie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Innere Medizin, Intensivmedizin, Kinderheilkunde und Psychosomatik.
Wer ein Krankenpflegepraktikum machen möchte, wendet sich am besten an die leitenden Stationsärzte oder zentral an den Pflegedienstleiter Herrn Höfflin. Er weiß über alles Bescheid und ist sehr nett.
Warum diese Klinik?Vorneweg: Ich bin kein Anthroposoph und bin es auch nicht geworden - wie im übrigen viele der insgesamt 600 Mitarbeiter. Trotzdem hat die Klinik ganz eigene Charakteristika. Am erfreulichsten ist die Wertschätzung eines jeden Mitarbeiters, die sich darin äußert, dass auch Praktikanten bezahlt werden. Das Gehalt ist zwar nicht besonders hoch, aber recht beachtlich, wenn man bedenkt, dass Krankenpflegepraktika normalerweise nicht bezahlt werden.
Meine persönliche Motivation war unter anderem darin begründet, eine der wenigen anthroposophischen Kliniken zu wählen, weil ich mich für einen Studienplatz an der Privatuniversität Witten Herdecke beworben hatte. Diese Universität bietet neben dem herkömmlichen Medizinstudium anthroposophisch erweiterte Medizin an und unter anderem deshalb wollte ich diese Medizinrichtung kennen lernen.
Ich hatte später das Glück, von der Universität Witten/Herdecke eine Zulassung zum Medizinstudium zu bekommen, obwohl hier nur 10% der Bewerber ausgewählt werden. Möchte also alle, die noch keinen Studienplatz haben, motivieren, nichts unversucht zu lassen und an sich zu glauben!
Alternative Wege zum MedizinstudiumFür diejenigen unter Euch, die noch keinen Studienplatz in Humanmedizin haben und ihr Krankenpflegepraktikum machen, ohne zu wissen, ob sie einen der begehrten Studienplätze bekommen werden, kann ich folgende Tipps geben: Nicht verzagen. Die meisten Bewerber müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen oder ihre Studienwahl überdenken. Neben der Privatuniversität Witten/Herdecke und dem herkömmlichen Weg, sich bei der ZVS für einen Medizinstudienplatz bzw. für eines der Auswahlgespräche zu bewerben, gibt es auch noch andere Möglichkeiten.
Man kann sich direkt an den Universitäten für das Losverfahren bewerben. Um seine Chancen zu maximieren, verwendet man möglichst bunte, auffällige Postkarten, denn an vielen Unis wird noch per Hand aus einem Karton gezogen. Hilfreich ist es auch, sich für die auf den vorklinischen Abschnitt beschränkten Studienplätze, die es an manchen Unis gibt, per Los zu bewerben, weil es hier kaum Mitbewerber gibt. Wer so kein Glück hat, kann sich einen Studienplatz an einer Universität einklagen.
Oftmals erfolgreich ist auch ein Quereinstieg, das heißt, man macht medizinische Leistungsnachweise als Student einer anderen Fachrichtung, lässt sie sich anerkennen und bewirbt sich direkt an den einzelnen Unis fürs höhere Fachsemester. Wer das Ausland nicht scheut, wird in Ungarn glücklich. Hier gibt es zwei Universitäten, die ein deutschsprachiges Medizinstudium anbieten. Nach zwei Jahren wechseln die meisten dann nach Deutschland. Wer die lange Wartezeit in Kauf nimmt und trotzdem eine anspruchsvolle Ausbildung machen möchte, kann unter anderem ein dreijähriges bezahltes Berufsakademie-Studium absolvieren. Im Gegensatz zu einem Studium an einer Fachhochschule oder Universität wird einem die BA-Studien-Zeit als Wartezeit anerkannt.
Die StationDie Psychosomatische Jugendstation der Filderklinik nimmt bis zu 10 Jugendliche im Alter von 12 bis 20 Jahren auf. Neben allgemeinen psychosomatischen Störungen werden vorwiegend Magersüchtige und Brechsüchtige behandelt. Sie hat einen sehr guten Ruf und ist weithin bekannt für Essstörungen, so dass während meines Praktikums beispielsweise das ZDF eine Reportage über die Station drehte und auch ausländische Patienten behandelt wurden.
Im Team arbeiten Fachärzte für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeuten, Heilpädagogen und Krankenschwestern. Außerdem gibt es regelmäßig Praktikanten. Neben mir waren noch eine weitere Medizinstudentin und eine Pädagogikstudentin auf Station. Die Station ist wohnungsähnlich und sehr freundlich ausgestattet. Die typischen sterilen, weißen Krankenbetten sucht man hier vergebens.
Der Alltag gestaltet sich wie folgt: Über den Tag verteilt gibt es vier Mahlzeiten. Die Patienten nehmen an Therapien, diversen Freizeitgestaltungen, wie zum Beispiel dem täglichen Spaziergang und Ausflügen teil.
Besondere Elemente fließen durch den anthroposophischen Ansatz ein. Jeden Morgen findet ein so genannter Morgenkreis statt, indem sich Mitarbeiter und Jugendliche versammeln. Es wird zu abwechselnden Themen referiert und gesungen. Am Abend findet meist ein einstündiger Themenkreis statt, es wird gebastelt oder ein Spiel gespielt. Dabei liegt es in der Verantwortung der Jugendlichen, diese Abende zu gestalten. Intention ist es, einen den Heilungsprozess fördernden Rahmen zu schaffen und selbstverständlich ein normales Essverhalten zu unterstützen. Diesbezüglich bereiten die Jugendlichen unter Aufsicht der Mitarbeiter dreimal wöchentlich ihr Essen selbstständig zu.
Dem Krankheitszustand angepasst, findet eine stundenweise Beschulung statt, um den Anschluss an den Klassenverband zu ermöglichen. Weitere Bestandteile des Aufenthalts sind Gesprächtherapie oder Anwendungen wie dem Wickel oder der Einreibung. Selbstverständlich finden parallel sämtliche diagnostischen und medizinischen Maßnahmen statt. Dazu gehören neurologische Untersuchungen sowie pflegerische Tätigkeiten, wie das Blutdruckmessen und Wiegen. Selbstverständlich werden auch medizinische Eingriffe wie das Legen von Magensonden durchgeführt.
Die ArbeitGearbeitet wird wahlweise in der Früh- oder der Spätschicht. Zunächst einmal gibt es jede Menge pflegerische Maßnahmen, an denen man sich beteiligt: beim Blutabnehmen dem Arzt helfen, Medikamente austeilen, Blutdruck messen, Patienten wiegen, Wärmflaschen richten, Umschläge machen, Pflegekurven ausfüllen usw.
Das Tolle an der Arbeit in der Filderklinik sind die Mitarbeiter, denn sie nehmen sich jede Menge Zeit, Fragen der Praktikanten zu beantworten. Sehr spannend sind auch die Teambesprechungen, an denen man teilnehmen darf. Hier lernt man die Patienten auch aus der Sicht der anderen Mitarbeiter, wie den verschiedenen Therapeuten und Klinikschullehren, kennen. Zusätzlich nimmt man an vielen Unternehmungen teil: tägliches Spazieren gehen, Einkaufsbummel, Gartenarbeit, Ausflüge (z.B. Staatsministerium Baden-Württemberg), Konzerte, Filmabende, Buchbesprechungen, Bastelabende sowie gemeinsames Kochen und Spielen.
Sehr außergewöhnlich ist auch das sehr gute Krankenhausessen. Die anthroposophische Filderklinik bezieht ihre Milch von ansässigen Bauernhöfen, macht das beste Müsli, das ich in meinem Leben je gegessen habe und verwendet größtenteils ökologisch angebaute Produkte, teilweise aus eigener Herstellung.
BesonderheitenEin Krankenpflegepraktikum in einer psychiatrischen Abteilung ermöglicht es, Patienten über einen längeren Zeitraum kennen zu lernen. Psychiatrische Patienten sind teilweise über Wochen und Monate im Krankenhaus untergebracht. Man ist jedoch einer höheren psychischen Belastung ausgesetzt. So hat sich während einer Hospitation in einer Erwachsenenpsychiatrie einer der Patienten umgebracht, mit dessen Suizid ich nicht gerechnet hatte.
Für alle, die später einmal Kinder haben möchten, lohnt ein Aufenthalt auf einer Station für Kinder und Jugendliche. Hier kann man Profis bei der Erziehung der teils aus schwierigen Elternhäusern stammenden Kinder über die Schulter schauen und einiges lernen.
Wer ein interessantes Krankenpflegepraktikum machen möchte, dem kann ich nur raten: Fragen, Fragen, Fragen. Oft freuen sich die Therapeuten, Praktikanten ihre Arbeit zeigen zu können. Oder man trifft in der Kantine einen Abteilungsleiter, der einem bei Interesse gerne eine Führung durch seine Abteilung anbietet. So habe ich bei der Heileurythmie zugeschaut, die Sprachgestaltung erläutert bekommen, bei der Physiotherapie, der Maltherapie, der Musiktherapie und der Bothmer-Gymnastik mitgemacht. Auch bei medizinischen oder diagnostischen Untersuchungen, die einen interessieren, lohnt es sich Personal und gegebenenfalls Patienten zu fragen, ob man mitgehen darf.
Gerade wenn man nicht allzu sehr im Stationsalltag eingespannt ist, kann man einen sehr vielseitigen Einblick in die verschiedenen anderen Stationen bekommen. Auf diese Art habe ich das EEG erklärt bekommen und die neuesten Forschungen auf dem Gebiet der pädiatrischen Phoniatrie erfahren. Wer besonders interessiert ist, sollte ruhig auch mal bei den Stationen im Klinikum vorbeischauen, die einen ebenfalls interessieren. Ich habe zum Beispiel einen Tag in der Chirurgie hospitiert. Dort durfte ich an der Chefarztvisite teilnehmen, bei Untersuchungen dabei sein, an einer Ärztefortbildung teilnehmen und die mich interessierenden Eingriffe im OP-Saal anschauen.
Auch auf der Neugeborenen-Intensivstation hat man mich gerne einen Tag hospitieren lassen. Dort half ich den Schwestern bei ihrer Arbeit.
Da mir mein Praktikum außerordentlich viel Spaß machte, bin ich auch teilweise in meiner Freizeit zum Hospitieren in die Filderklinik gefahren und habe das Praktikum zum Schluss hin noch um 12 Tage verlängert. Einen Großteil dieser zusätzlichen Zeit nutzte ich, um im Kreissaal der Klinik zu hospitieren. Dort durfte ich den Hebammen - sofern ich das konnte - helfen. Die verschiedenen Geburten, u.a. auch Wassergeburten und Kaiserschnitte, haben mich auf eine ganz besondere Art und Weise beeindruckt. Es ist unheimlich spannend, mit einer werdenden Familie die Geburt abwarten zu dürfen und jedes Mal aufs neue ein beeindruckendes Erlebnis, ein Neugeborenes in den Händen zu halten.
TippsAn einer Uniklinik sieht man besondere und schwierige Fälle. In nichtakademischen Häusern hat man meist mehr Zeit, Dinge zu tun, die einen neben den eigentlichen Aufgaben interessieren. Tendenziell können sich die Ärzte und die anderen Mitarbeiter mehr Zeit nehmen, ihre Arbeit Praktikanten zu zeigen.
Die in Naturschutzgebieten, etwas ländlicher gelegenen Kliniken stellen ihren Praktikanten teilweise Essen und Logis kostenlos zur Verfügung. Viele Krankenhäuser bieten fortlaufend Ärztefortbildungen oder Kongresse an, die sehr spannend sein können. Des Öfteren gibt es am Ende ein Gratis-Büfett für die Zuhörer.
Lasst Euch am Ende Eures Aufenthalts eine Referenz geben. Diese könnt Ihr gut für spätere Bewerbungen nutzen. Außerdem ist es schön zu lesen, was man denn so alles Positives gemacht hat.
Klärt vorher ab, inwiefern Euer Regierungspräsidium Praktika auf Psychiatrischen und Psychosomatischen Stationen anerkennt. Am besten erfragt Ihr, was für eine Bestätigung Euch die Pflegedienstleitung am Ende ausstellen wird, sendet diese per Email an das Regierungspräsidium Eures zuständigen Bundeslandes und fragt, ob Euch diese anerkannt wird.
Gebt nie auf, selbst wenn ihr das Gefühl habt, wenig interessantes während Eures Krankenpflegepraktikums zu erleben. Wenn man etwas Engagement und Interesse zeigt und den Mitarbeitern höflich begegnet, finden sich meist interessante Beschäftigungen. Vielleicht möchte man sich ja mit einem Patienten unterhalten, in Krankenakten stöbern, etwas für die Klinik im Internet recherchieren oder Fachbücher und Veröffentlichungen wälzen...
Viel Glück, Erfolg und Spaß!
B., F.
Freiburg, August 2005 |