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Urologie, Charite – Universitätsmedizin Berlin (CCM), Berlin
(Eine lohnende Entscheidung gegen das Ausland, 18.04. - 07.08.2005)

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Motivation für Deutschland und die Urologie
Auswahl des Krankenhauses
Struktur der Abteilung
Tagesablauf
OP/Endourologie
Tipps
Gesamtbeurteilung
Mein Fazit

Motivation für Deutschland und die Urologie

Völlig entgegen dem Trend entschied ich mich, fürs PJ nicht ins Ausland zu wandern. Zum einen hatte ich nach Famulaturen in Hongkong und Peking mein Fernweh ausreichend gestillt. Selbst mein Hunger nach „Endlich selber Hand anlegen“ war nach drei Monaten Arbeit in einem Buschkrankenhaus in Papua Neuguinea nicht mehr allzu groß.

Zum anderen sah ich für mich die Notwendigkeit, den Stationsablauf in meinem zukünftigen Wunschfach so gut wie möglich kennen zu lernen, damit ich anschließend nahtlos einsteigen könnte.

Warum gerade Urologie? Auf der Wunschliste des typischen Medizinstudenten dürfte dieses Fach wohl ziemlich weit unten stehen. Zumindest bin ich selten auf Begeisterungsrufe gestoßen, wenn ich davon erzählte. Dabei habe ich ziemlich bald nach einer eher zufälligen Famulatur in der Urologie mich für das kleine, operative und übersichtliche Fach entschieden. Selbst ein freiwilliges Praktikum in einer Praxis - kaum interessante Fälle, wenig handwerkliche Tätigkeit - hat mich nicht genug abschrecken können.

Für das Fach spricht:

  • Kurze, einfach strukturierte Facharztweiterbildung: Fünf Jahre, davon vier in der Urologie und eines in der Chirurgie. Danach ist man frei für einen neuen Beruf oder die Praxis. Das ist man in Innere nicht nach fünf Jahren.
  • Schnelle Erfolgserlebnisse: Die kleinen endourologischen Eingriffe (DJ-Wechsel) lernt man schneller als eine Splenektomie oder Gastroskopie. Die meisten Krankheitsbilder hat man nach einer Weile drauf und kennt den Ablauf von Diagnostik und Therapie.
  • Das Patientenspektrum umfasst - man staune! - sowohl Frauen als auch junge Männer und sogar Kinder.
  • Spaß an der Arbeit: Auf der Urologie habe ich die lustigsten und außergewöhnlichsten Fälle erlebt, die es in anderen Fächern nicht gibt.

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Auswahl des Krankenhauses

Die Auswahl selbst in Berlin war klein, da PJ’ler nur in bestimmten Häusern zugelassen sind. Ich hatte mir im Studium schon alle Häuser durch Praktika von innen angeschaut. Hatte also eine grobe Vorstellung vom Chef und vom medizinischen Angebot der Abteilungen. Zuletzt schwankte ich zwischen der Uniklinik Benjamin-Franklin (UKBF), Charite Mitte oder dem peripheren St. Hedwigs. Beim UKBF war ich sogar dreist genug, einfach vorbei zu gehen und nach einer Übernahme zu fragen, falls ich dort PJ machen würde. Hätte auch klappen können, denn die hatten gerade händeringend nach Frauen für die Urologie gesucht.

Mit Urologie ist man in mehrfacher Hinsicht glücklich dran:

  1. Man bekommt in der Regel sein Wahlhaus, weil das Fach nicht überlaufen ist.
  2. Man muss auch nicht zu sehr um Konkurrenz auf der gleichen Station fürchten. Es wäre großer Zufall, wenn auch noch zwei PJ’ler gleichzeitig vor Ort sind.
  3. "Willkommen": Der Mitleidsfaktor, weil man auf der Urologie gelandet ist! Nein, ganz im ernst. Ich glaube, die Urologie freut sich eher über PJ’ler als Stationsstütze als z.B. die Kinderheilkunde. Weil einfach weniger Studenten sich für das Fach entscheiden.

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Struktur der Abteilung

Ein Chef und eine „inflationäre“ Oberärzteschaft. Insgesamt sind es ca. 21 Männer plus drei Frauen. Davon sind drei Ärzte in der Poliklinik, der Rest auf zwei Stationen in gleicher Ebene verteilt. Die OAs sind die operativen „Götter“ und selten anzutreffen. Vier OP-Säle und zwei endourologische Räume können maximal gefahren werden. Das Highlight sind die laparoskopischen Eingriffe wie Prostatektomie oder Donor-Nephrektomie.

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Tagesablauf

Wie immer auf einer neuen Station, fragte ich gleich nach regelmäßigen Abläufen wie Visiten, Chef-Visite (1/Woche), Besprechungen (täglich morgens), Röntgendemo (täglich um 15.00 Uhr). Abwechslung und unfreiwillige Abweichungen vom Plan gibt’s genug.

Der Tag beginnt früh mit der typischen Morgenvisite von chirurgischen Fächern um 7.00 Uhr. Für Patient und Arzt ein schweres Los. Kollegialerweise wird sogar auf PJ’ler gewartet! Der führt die „To- do- Liste“ für den Tag. Ich fand den Schreibkram nicht lästig, denn wer schreibt, muss noch besser zuhören und verstehen. Sonst döst man ja eh vor sich hin und wird schon mal von der neuen „BILD- Schlagzeile“ am Patientennachttisch abgelenkt. Die Visiten sind nützlich, um die Patienten zu sehen und mit dem Namen zu verbinden! Wie soll man sonst den Überblick auf einer Station behalten, auf der täglich bis zu 50% der Betten durch Entlassung und Neuaufnahme ausgewechselt werden.

Danach wird der OP-Plan für den nächsten Tag fertig gestellt, auf den man sich sofort draufstürzt, weil man ja vielleicht selbst drauf steht. 7.30 Uhr - Besprechung des letzten Dienstes.

Um 8.00 Uhr ist man als PJ’ler mit einem einzigen Arzt allein auf Station, da die anderen im OP oder in der Poliklinik sind. Die Liste wird rasch abgearbeitet (Sono, Konsile, Entlassungsbriefe), bevor die ersten Aufnahmen kommen. Nebenbei macht der PJ’ler die Blutentnahmen, legt Braunülen, hängt Infusionen an. Ich fand es sehr fair, weil es nicht primär als ein PJ’ler- Job betrachtet wurde, sondern vielmehr als eine hilfsbereite Geste, dass es der PJ’ler macht.

In der Zeit von 10.00 bis 14.00 Uhr hieß es Aufnahmen, Untersuchung, Diagnostik anordnen, Kurven eintragen und schließlich Mittagsvisite der bereits operierten Patienten auf Station: Wunde anschauen, Bauch untersuchen, Schmerztherapie, Kurven.

Um 15.00 Uhr folgte die Nachmittagsbesprechung. Erst die Röntgendemo, dann der OP-Plan von heute, danach der Plan für morgen: Patienten vorstellen, Bilder zeigen, eventuell Procedere gemeinsam diskutieren. Die Diskussionen fand ich sehr spannend. Statt dem Modell „Chef bestimmt und keiner muckt“, lief es sehr offen ab.

Irgendwann nach 16.00 Uhr war dann die Kurvenvisite. Das hieß neue To- do- Liste, zu erledigen bis „open end“. Wem nicht alles völlig gleichgültig ist, der schaffte es meist, gegen 18.00 Uhr rauszukommen.

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OP/Endourologie

Was ich auf Station tun durfte, hing davon ab, wie viel ich mir zutraute und davon, wer in der Reihenfolge vor dem PJ’ler war (Jungärzte). Prinzipiell war alles möglich. Was man im OP/Endourologie abbekam, hing sehr stark davon ab, wer als „Lehrmeister“ zugeteilt wurde. Einige ließen einem viel Freiraum für ein „learning by doing“, wofür ich sehr dankbar war. Andere haben den Lehrauftrag gegenüber Nachwuchsärzten wohl einfach vergessen.

Auf der anderen Seite finde ich, dass gerade bei OPs auch der Hakenhalter sehr viel durch Sehen lernen kann - welche Instrumente, wann, wie usw. Die Stimmung war überwiegend entspannt.

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Tipps

  • „Herold“
Auch fernab von der bunten Welt der Inneren Medizin hing ich sehr am „Herold“. Es bieten sich immer Chancen, mit ein paar Kommentaren, nicht nur zu Kolibris wie Antiphospholipid-Syndrom oder Kryoglobulinämie, sein Image aufzupolieren.
  • Bibliothek und Internet
Wer nicht die Fakten im Köpfchen hat, der sucht eben mal schnell in der Bib oder im Internet. Oft ist es unbequem, aber das Lernen nebenbei empfand ich als sehr bereichernd. Für Updates zu aktuellen Leitlinien ist so manch einer dankbar, da den Klinikern meist keine Zeit mehr bleibt zum Nachlesen und Nachschlagen.
  • TNM-Fibel
Für operative Fächer hat mir ein Spickzettel zu den „TNMs“ der häufigen Tumoren sehr geholfen. Sonst war ich schnell verloren in der Code-Sprache und hätte auch keinen Therapievorschlag machen können, wenn man nicht mal weiß, wovon der Diagnose-Schlüssel handelt.
  • Fortbildung
Auf der Station werden regelmäßig Journal-Club und andere Vorträge angeboten. In einer Uniklinik gibt’s auch auf anderen Stationen Fortbildungen. Aber ich fand es schwierig, es mit dem normalen Tagesablauf unter einen Hut zu bringen. Wenn ich gerade im OP für eine Nierentransplantation eingeteilt bin, dann will ich dies keiner Fortbildung zum Thema Thromboseprophylaxe opfern.

Ich hatte meine Fortbildung anders organisiert: Konsilanforderungen, besonders lästige, komplizierte internistische Fälle übernahm ich freiwillig. Mit den Konsilärzten habe ich lange und sehr gerne äußerst detailliert über einen Fall diskutiert. Oft kamen Oberärzte zum Konsil vorbei und von denen erfuhr man umso mehr.

Bilder für die radiologische Konferenz habe ich persönlich zum Radiologen gebracht. Die haben sich gefreut, dass jemand mal genauer nachfragte, was sie so denken und schreiben. So kam es, dass ich oft im Zweiergespräch eine Bilderbuch-Demonstration bekam. Nebenbei schaute ich bei Untersuchungen zu (Magendarmpassage, Coloneinlauf usw.), ließ mir vom Sklett- und Thoraxarbeitsplatz etwas erzählen.
  • Referenz
Eine Referenz wird wie im englischsprachigen Raum üblich und karriereförderlich eingesetzt. Ich habe mir ein deutsches und ein englisches Referenzschreiben geben lassen. Wer selbst eine Vorschrift verfasst, wird sicherlich eher das Schreiben unterzeichnet zurückbekommen. Ich habe es bewusst offen formuliert, damit ich es auch für nicht-ärztliche Zwecke beifügen kann, z.B. wenn ich doch lieber ein höheres Gehalt in der Unternehmensberatung verdienen möchte, statt jahrelang unbezahlte Überstunden zu leisten und um „OPs zu betteln“.

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Gesamtbeurteilung

Wer Urologe werden will, dem kann ich die Station aufgrund meiner Erfahrung wärmstens weiterempfehlen. Da einige frühere PJ’ler inzwischen auf dieser Station angestellt sind, wird sich die Tradition hoffentlich fortsetzen.

Wer nicht in die Urologie will, bekommt eine günstige Gelegenheit, das kleine Fach mal anders kennen zu lernen.

Am Ende des Tertials habe ich meine kleine OP-Sammlung um einiges erweitern können (z.B. Zirkumzision, Orchiektomie, Hydrozele). Die endourologischen Handgriffe für DJ-Einlage/Wechsel, Ureterorenokopie, Zystoskopie sind mir geläufig. Ultraschall ist kein Problem. Und ich traue mir zu, die ganzen Stationsaufgaben auch im Alleingang zu bewältigen.

Ich habe mich super integriert gefühlt. Die Atmosphäre war trotz der hohen Arbeitsbelastung sehr kollegial. Tage, die von 7.00 bis 18.00 Uhr gehen, sind keine Seltenheit. Aber für das, was ich im Gegenzug lernen und tun durfte, hat es sich gelohnt!

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Mein Fazit

Lasst Euch das PJ in Deutschland nicht schlecht reden! Meine Erfahrung hier und anderswo in der Welt (Hongkong, Beijing, GB, Papua-Neuguinea) zeigte mir: Wer will und sich engagiert, indem er nicht auf Arbeit wartet, sondern Arbeit sucht und einfach was in die Hand nimmt, wird zufrieden sein.

Wer plant, hier in Deutschland auch eine Stelle anzunehmen, dem empfehle ich umso mehr, das Wunschfach hier anzutreten, denn der persönliche Eindruck über viele Wochen lässt sich durch keine noch so schicke Bewerbungsmappe eintauschen.

Muffelige Menschen lauern überall. Manchmal wollen sie nichts zeigen und keine Fähigkeiten teilen. Oft aber sind sie einfach unfähig, Wissen und Erfahrung weiter zu vermitteln. Erinnern werde ich mich aber mit Sicherheit vor allem an diejenigen, die mir die nötigen Kniffe und Tricks gezeigt haben.

Im Nachhinein war es ein Lichtblick im gesamten langen Praktischen Jahr.

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O., B.
Berlin, August 2005
News-Alarm