Entstehungsgeschichte Reformstudiengang
Wie ich zum Reformstudiengang kam
Meine ersten zwei Semester
Kommentar
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Entstehungsgeschichte ReformstudiengangAusgangspunkt des Berliner Reformstudienganges war der UNiMUT-Streik der Berliner Studierenden im Wintersemester 1988/89. Diese Bewegung, die alle Fachbereiche umfasste, wollte auf die strukturellen und inhaltlichen Defizite der universitären Ausbildung aufmerksam machen. Ausgehend von einer grundlegenden Kritik am traditionellen Medizinstudium und einer Orientierung an den positiven Erfahrungen etablierter ausländischer Reformuniversitäten, entwickelten Studierende der Medizin die Idee eines alternativen Studienganges. In dessen Mittelpunkt sollte ein praxisbezogenes Studium stehen, in dem theoretische und praktische Inhalte fachübergreifend angeboten und die Eigeninitiative der Studierenden gefördert werden sollte.
Mit dieser Zielsetzung, die sich mit den heute vorliegenden Empfehlungen des Wissenschaftsrates und der Sachverständigengruppe im Bundesministerium für Gesundheit deckt, sollte auch in Deutschland eine Medizinerausbildung institutionalisiert werden, die den internationalen Bestrebungen zur Verbesserung dieser Ausbildung entsprach. Es gelang mit Unterstützung des Dekans des Fachbereichs Universitätsklinikum Rudolf Virchow eine Arbeitsgruppe Reformstudiengang Medizin einzurichten, die in Zusammenarbeit mit Vertretern aus Grundlagenmedizin und klinischen Fachgebieten die detaillierte Ausgestaltung des Curriculums in Angriff nahm.
Dieses liegt nun umsetzungsfähig vor. Mit der Verabschiedung der 8. Novelle der Approbationsordnung für Ärzte im Bundesrat am 5.2.1999 liegt durch die darin enthaltene Modellversuchsklausel die rechtliche Grundlage für den Berliner Reformstudiengang Medizin vor. Die Medizinische Fakultät Charité hat in der Sitzung des Fakultätsrates am 16.2.1999 den Beginn des Reformstudiengangs zum Wintersemester 1999/2000 beschlossen. Der erste Jahrgang mit 63 Studierenden hat nunmehr das Studium im Reformstudiengang Medizin zum Oktober 1999 aufgenommen.
Wie ich zum Reformstudiengang kamNach dem Abitur, als ich dabei war, mich für einen Studienplatz für Medizin zu bewerben, hörte ich zum ersten Mal etwas über die Existenz des Reformstudienganges Medizin an der Humboldt-Universität (HU). Die Idee, dass von Anfang an klinische Bezüge hergestellt werden, gleich im 1.Semester Kontakt mit Patienten fester Bestandteil des Studiums ist und in kleinen Gruppen selbstbestimmt und eigenständig gelernt wird, begeisterte mich. Daher beschloss ich mein Glück zu versuchen, einen der 63 Studienplätze im Reformstudiengang zu bekommen.
Ich bewarb mich ganz regulär bei der ZVS für einen Studienplatz für Medizin. (ZVS Hefte bekommt man z.B. in Schulen, Universitäten, im BIZ, usw.). Als Universität der 1. Wahl gab ich die Humboldt-Universität zu Berlin an. (Es gibt verschiedene Kriterien, wonach die Wünsche nach dem Studienort berücksichtigt werden, z.B. werden diejenigen bevorzugt, die noch bei den Eltern wohnen, verheiratet/behindert sind oder ein Kind haben. Dies ist genau in den ZVS Heften erläutert.) Ich bekam einen Studienplatz an der HU. Mit dem Bescheid, wann und wo ich mich einzuschreiben habe und welche Nachweise (Zulassungsbescheid, ausgefüllter Antrag auf Einschreibung, beglaubigte Kopie des Abiturzeugnisses, Nachweis über eine abgeschlossene Krankenversicherung, Nachweis über den eingezahlten Beitrag für das Studentenwerk, ggf. Exmatrikulationsnachweis) mitzubringen sind, bekam ich Informationsmaterial über den Reformstudiengang zugeschickt. Unter anderem enthielt dieses Informationsmaterial ein Formular, mit welchem man sein Interesse an einem Platz im Reformstudiengang ausdrücken konnte, welches ich ausgefüllt bei der Immatrikulation abgab. Unter allen Interessenten wurden dann 63 ausgelost.
Meine ersten zwei SemesterOrientierungseinheit:
Die ersten zwei Wochen hatten wir eine Orientierungseinheit, wobei wir die erste Woche mit den Regelstudenten zusammen Veranstaltungen hatten und die zweite Woche dann ausschließlich für Reformstudenten war. Wir wurden über grundsätzliche Abläufe des Studiums informiert, hatten Gelegenheit mit Kommilitonen ins Gespräch zu kommen und den Campus zu erkunden. Es gab aber oft lange Pausen zwischen den einzelnen Veranstaltungen und vielen von uns ging es so, dass wir eigentlich schon gerne richtig angefangen hätten.
PoL (Problemorientiertes Lernen):
Das ist die zentrale Lernform im Reformstudiengang. Die PoL-Gruppen bestehen aus 5-7 (meist 7) Studenten, einem Dozenten und eventuell einem Beisitzer. Wir haben immer Montag vormittags und Freitag nachmittags PoL. Montags bekommen wir einen Fall, in dem kurz und knapp ein Patient dargestellt wird. Wir tragen dann als Gruppe die Probleme, die sich für uns stellen, zusammen, können Patientendaten, wie Alter, Gewicht, Größe, Blutwerte und Röntgenbilder erfragen und überlegen uns dann, welche Lernziele wir uns bis Freitag stecken wollen. Die Woche über bearbeiten wir diese dann, wobei wir viel im sogenannten Selbststudium erarbeiten, sprich uns aus Büchern das Wissen, was wir brauchen, heraussuchen. Unterstützend zum Selbststudium gibt es Veranstaltungen wie klinisch- theoretische Grundlagen, Übungen und Praktika. Am Freitag tragen wir dann das, was wir während der vergangenen Woche gelernt haben, zusammen, diskutieren strittige Punkte und erklären uns gegenseitig die Dinge, die wir nicht verstanden haben. Der Dozent greift nur ein, wenn Dinge falsch im Raum stehen bleiben, oder wir nicht weiterkommen.
Anfangs war es schon eine gehörige Umstellung. Und alle PoL-Gruppen brauchten eine gewisse Zeit, sich mit der Methode und miteinander vertraut zu machen. Ein Problem war z.B., dass wir von der Form, dass einer referiert und die anderen zuhören, wegkommen mussten. Wir merkten dann auch schnell, wie viel mehr Spaß es macht, wenn alle ihr Wissen einbringen und wir gemeinsam z.B. ein Schaubild an der Tafel entwerfen.
Die ersten zwei Semester blieben wir in den selben Gruppen. Nur der PoL-Dozent wechselte nach dem ersten Semester. Jetzt zum 3. Semester wurden die PoL-Gruppen neu ausgelost, was viele bedauerten, da man sich in der Gruppe nun so gut verstand. Aber es ist natürlich auch schön auf diese Weise neue Leute kennen zu lernen.
Klinisch-theoretische Grundlagen:
Zwei mal pro Woche haben wir klinisch-theoretische Grundlagen. Dabei handelt es sich um je 90minütige Seminare, in denen immer ein Kliniker und ein Theoretiker ein Thema behandeln. Für diese Seminare sind wir in Seminargruppen von 21 Studenten eingeteilt, die sich aus drei PoL-Gruppen zusammen setzen.
Die Seminare sind in ihrer Qualität recht unterschiedlich. Meistens kann man aber viel aus ihnen mitnehmen, wobei es für einige Seminare ratsam ist, sich vorher selbständig mit dem Thema zu befassen. Ich empfinde es jedenfalls als sehr hilfreich, Dinge noch einmal erklärt zu bekommen, statt sie nur in einem Lehrbuch zu lesen. Außerdem haben wir bei den Seminaren die Möglichkeit Fragen, die sich uns im Selbststudium gestellt haben, zu stellen.
Übungen:
In den Übungen sollen wir praktische Erfahrungen machen und z.B. Untersuchungstechniken erlernen. Dazu sind wie oft auf Stationen im Virchow Klinikum oder der Charité. Hier haben wir meist die Möglichkeit, Patienten zu sehen, ggf. selbst zu untersuchen.
Mir persönlich machen die Übungen immer sehr viel Spaß und ich halte sie für eine sehr sinnvolle Ergänzung zu dem theoretischen Lernen. Oft kann ich mir Dinge, die wir in einer Übung gemacht haben viel besser merken, als wenn ich sie nur in einem Buch gelesen habe.
Praktika:
Praktika haben wir ca. alle zwei Wochen. Hier befassen wir uns dann vier Stunden lang mit einem Thema innerhalb eines Fachbereichs. Wir hatten z.B. Praktika in der Anatomie, der Physiologie, der Histologie und der Mikrobiologie. Auch hier machen wir viel praktisch, wie z.B. präparieren, mikroskopieren oder physiologische Versuche. Die Praktika sind thematisch auf die Seminare und Übungen abgestimmt und ergänzen diese sinnvoll.
Praxisvormittag:
Drei mal im Monat sind wir einen Vormittag (ca. 5 Stunden) in einer Lehrpraxis. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Allgemeinärztliche Praxen, da wir ein möglichst breites Spektrum sehen sollen. Wir sollen so viel wie möglich schon mitarbeiten und ansonsten den Alltag in einer Praxis und die Patienten erleben.
Einmal im Semester müssen wir einen Bericht über einen Patienten schreiben, in dem wir unter anderem auf den Krankheitsverlauf, die Beziehung zwischen Arzt und Patient und anamnestische Daten des Patienten eingehen sollen.
Der Praxisvormittag war für mich immer einer der Highlights der Woche. Da ich in einer chirurgischen Praxis war, konnte ich zwar nicht so viel praktisch machen, aber allein durch die Beobachtung habe ich viel gelernt.
Interaktion:
Zwei mal im Monat haben wir in den PoL-Gruppen Interaktion. Dabei sollen wir lernen, wie wir mit Patienten umgehen sollten und welche Probleme es in der Arzt-Patienten-Beziehung geben kann.
Was in Interaktion gemacht wurde, hat zwischen den einzelnen Gruppen sehr stark differiert und einige waren auch sehr unzufrieden. Wir haben mit unserm Interaktionsdozenten Anamnese geübt, und dabei gleich in der zweiten Stunde einen Patienten befragt. Außerdem haben wir uns angesehen, wie bei einer Visite kommuniziert wird, und wie sich das in der Notaufnahme verhält. Wir waren mit der Veranstaltung Interaktion sehr zufrieden und hatten das Gefühl, etwas für unsere spätere ärztliche Tätigkeit relevantes zu lernen.
Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns:
Hierbei handelt es sich um Seminare, die sich mit Themen wie z.B. dem Umgang mit Leichen in der Medizin, Schönheitsidealen und anderen mit der Medizin assoziierten Themen beschäftigen. Wir sind verpflichtet, bis zum Ende des 5. Semesters zwei Scheine in diesem Bereich zu machen.
Studium Generale:
Hier haben wir die Möglichkeit und die Verpflichtung Vorlesungen oder Seminare zu besuchen, die uns interessieren. Einzige Bedingung ist, dass es sich dabei nicht um medizinische Vorlesungen/Seminare handelt. Auch hier müssen wir bis zum 5. Semester zwei Scheine gemacht haben.
Pflichtveranstaltungen:
Nur für PoL, den Praxisvormittag und Interaktion besteht Anwesenheitspflicht. Der Rest der Veranstaltungen ist freiwillig, wobei die oben genannten vier Scheine bis Ende des 5. Semesters gemacht werden müssen.
Studienaufbau:
Der erste Studienabschnitt, 1.-5. Semester, ist in Themenblöcke eingeteilt, die sich weitgehend an Organen bzw. Organsystemen orientieren. Im zweiten Studienabschnitt, 6.-10. Semester, sind die Themenblöcke nach Lebensabschnitten eingeteilt.
Prüfungen:
Am Ende jedes Semesters sind Semesterabschlussprüfungen. Diese bestehen zum Einen aus einer praktischen Prüfung (OSCE-Objective Structured Clinical Examinations) und einer schriftlichen Prüfung (MC-Multiple Choice, und was demnächst neu eingeführt werden soll, MEQ-Modified Essay Questions).
Diese Prüfungen muss man bestehen, um sein Studium fortsetzen zu können, man kann sie aber insgesamt drei mal schreiben. Außerdem bekommen wir Zeugnisse, auf denen die einzelnen Prüfungen auch benotet werden.
KommentarIch muss sagen, dass ich wahrscheinlich noch nie so viel gelernt habe, wie im letzten Jahr. Also, auch der Reformstudiengang ist nicht weniger arbeitsintensiv als der Regelstudiengang Medizin. Und teilweise hatte ich auch Phasen, in denen ich das Gefühl hatte, dass alles ganz hoffnungslos ist, und ich das alles eh nie lerne. Aber ich wusste zumindest immer, warum ich etwas lerne. Und alles in allem macht es mir auch immer wieder Spaß herauszukriegen, wie was in unserem Körper funktioniert. Wenn nur das Pauken nicht wäre...
Auch wenn noch einiges nicht vollständig organisiert ist, und es an vielen Stellen Verbesserungsmöglichkeiten gibt, würde ich auf jeden Fall sagen, dass der Reformstudiengang eine ganz große Verbesserung im Vergleich zum Regelstudiengang ist. Größtenteils macht es Spaß in diesem Rahmen Medizin zu studieren. Also, wenn ihr die Möglichkeit habt, Euch für den Reformstudiengang zu bewerben - lasst Euch diese Chance nicht entgehen!
KontaktadresseArbeitsgruppe Reformstudiengang Medizin
Charité Universitätsklinikum
Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin
Tel.: 030/450-76112
Fax: 030/450-76912
L., C.
Berlin, August 2002 |